Simons Systemische Kehrwoche

Design Thinking

Fritz B. Simon

Diese Woche war ich bei einer Tagung zum Thema Design Thinking (veranstaltet vom neu gegründeten MZ-X, siehe die Website).

Dabei handelt es sich um eine Methode, die ursprünglich wohl (wenn ich das richtig mitbekommen habe) an der Design School in Stanford entwickelt wurde. Wie vor diesem Hintergrund zu erwarten: Es ist ein Weg, innovative, neue Produkte zu kreieren.

Das Prinzip besteht (aus systemischer Perspektive) darin, dass eine heterogen zusammengesetzte Gruppe kreativer Menschen im Idealfall in einen strukturierten (d.h.: moderierten) Kommunikationsprozess versetzt wird, bei dem strenges und lockeres Denken der Teilnehmer in geordneter Weise kombiniert werden. Dieser Kommunikationsprozess ist also – wer hätte es anders erwartet – designet. Dabei wird, soweit das geht, der Prozess der individuellen Kreativität auf Kommunikation übertragen.

Vieles von dem, was dabei gemacht wird, ist aus systemischen Verfahrensweisen bekannt: Zukunfts- und Lösungorientierung, Analyse der relevanten Umwelten, funktionale Betrachtungsweise usw.

Was für mich neu war, ist die Produktion eines Prototyps (“Prototyping”). Nach einer Phase der Beobachtung und Analyse (“strenges Denken”) und einer des freien Assoziierens (“loses Denken”) wird ein Objekt erstellt, an dem überprüft wird, ob die phantasierten Funktionen auch erfüllt werden, welche nicht-beabsichtigten Nebenwirkungen auftreten usw., damit dieser Prototyp verändert bzw. zum Gegenstand des Lernens werden kann. Hier wird die in den systemischen Beratungsmethoden geforderte Konkretisierung von Lösungsideen und -bildern noch einen Schritt weiter getrieben. Aus der Externalisierung wird eine Materialisierung.

Da das Ganze ein kollektiver Kreationsprozess ist, ist es meist auch lustvoll, so zu arbeiteten.

So weit, so gut.

Problematisch wird die Angelegenheit m.E. erst dann, wenn – wie es Amerikaner oder diejenigen, die sich vorwiegend an ihnen orientieren, gerne tun – solch eine pragmatisch nützliche Methode aus ihrem Kontext lösen und auf andere Bereiche anwenden. Zum Beispiel: Design Thinking als eine Methode des Managements…

Auch hier bin ich noch einverstanden, wenn es z.B. darum geht, in einem Leitungsteam Entscheidungen zu finden, wie mit der Unberechnbarkeit der Zukunft umgegangen werden soll, wie die Märkte der Zukunft phantasiert und bearbeitet werden etc. Nicht die Vergangenheit ist der Maßstab, sondern die – noch zu beeinflussende – Zukunft.

Aber – und da fängt es an schwierig zu werden mit solchen pragmatisch nützlichen Methoden – dieses Verfahren, das eher darauf setzt, Unberechenbarkeit (=Kreativität) frei zu setzen, ist nicht ohne weiteres in den Kontext von Organisationen zu übertragen. Denn die bzw. deren Rationalität setzen auf Absorption von Unsicherheit, auf Routinen, auf Wiederholung und Re-Inszenierung des Alten und Bewährten.

Das macht Organisationen erfolgreich und daran scheitern sie auch. Deswegen gibt es hier eine basale Paradoxie, die m.E. zu wenig reflektiert wird von den Designern. Sie verfügen (abgesehen von wenigen Ausnahmen) über keine Organisationstheorie, die ihnen einen Reflexionsrahmen zur Verfügung stellen würde und z.B. erklären könnte, warum manche Projekte erfolgreich sind und andere scheitern.

Obwohl im Prozess des Design Thinkings – sehr erfolgreich – soziale (=Kommunikationsprozesse) designet werden, ist den Beteiligten kaum klar, was sie da tun. Sie konzeptualisieren ihre Methoden individuumzentriert, sehen nur die Addition von Menschen, sehen aber nicht die sie verbindenden Muster der Kommunikation (kaum im jeweiligen Projekt, gar nicht in der Organisation).

Wie gesagt: Es gibt ein paar Ausnahmen, und ich bin sicher, dass der eine oder andere von ihnen demnächst ein Buch über Design Thinking aus systemischer Perspektive schreiben wird.

Die anderen – die Mehrheit – erinnert mich an das von mir ja so gern zitierte Statement Marcel Reich-Ranickis zu einem Roman von Anna Seghers: “Und dann merkte ich: Sie hat ihren Roman nicht verstanden!”

Design Thinker: Viele sehr kreative Leute, die Sinnvolles tun, aber nicht wissen, was sie da eigentlich tun. Das ist natürlich nur ein Problem, wenn man das Ganze weiterentwickeln oder eine Lehre betreiben will, die über reine Imitation hinaus geht.

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12 Kommentare

  1. Denken was keiner braucht…

    Kommentar by o.werner — 4. März, 2011 @ 11:44 Uhr

  2. Ohne zu sehr anzugeben. Aber das ist gute alte deutsche Psychologie, der handlungspsychologischen Schule (Dresden). Auch wenn “Design Thinking” nun “schicker” klingt.
    http://www.amazon.de/gp/reader/3728132276/ref=sibdppt#reader-link
    http://www.amazon.de/Design-Thinking-Unterstützung-konstruktiver-Entwurfstätigkeiten/dp/3728127019/ref=sr11?ie=UTF8&s=books&qid=1299262355&sr=1-1

    Das es dieses “Exotenthema” mal in die Kehrwoche schafft….. hätten wir nie gedacht.

    Kommentar by Frank P. — 4. März, 2011 @ 19:13 Uhr

  3. Mei Drähsdn lobsch mer äbmde!

    Kommentar by Max Liebscht — 5. März, 2011 @ 04:12 Uhr

  4. Insgesamt eine sehr individuelle aber gut geschriebene Kritik … wenn da nicht die letzten vier Absätze wären! Wenngleich eloquent geschrieben, kommt hier leider wieder der (typisch deutsche!?) wissenschaftliche Reflex zu Tage, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

    Ihr Missverständnis, Herr Simon, beruht darauf, dass Sie den Ansatz der D-School und/oder des deutschen Pendants in Potsdam als stellvertretend für eine “Methode” und leider weniger für eine “Haltung” betrachten.

    Genauso wenig wie man “Empathie” im Unternehmen “einführen” kann, kann man aus meiner Sicht “Design Thinking” im Unternehmen “installieren” eben genau weil es nicht auf die Organisation als solche abzielt.

    Design und die Arbeit von Designern ist immer ein Prozess der auf das Individuum und sein/ihr Verständnis abzielt. Die Organisation kommt dann ins Spiel, wenn sie sich “Design” als Mittel bedient, Individuen besser zu verstehen … und ggf. bessere Produkte/Dienstleistungen zu entwickeln.

    Wie man das dann konkret macht, sei es Tische höher legt oder partout möglichst viele Disziplinen zusammenwürfelt bleibt einer tieferen Analyse überlassen …

    Kommentar by Ralf Beuker — 6. März, 2011 @ 23:41 Uhr

  5. Lieber Herr Breuker,

    das ist genau mein (!) Problem mit dem Design Thinking. Es ist m.E. eine Methode (zur Haltung sage ich gleich etwas), die beim Individuum ansetzt und sicher höchst wirkungs- und sinnvoll ist (da habe ich keinen Zweifel), wenn sie in personenorientierten Systemen, z.B. in Teams, verwendet wird.

    Aber sie stößt (da habe ich auch keinen Zweifel) an ihre Grenzen, wenn sie in bzw. auf Organisationen angewandt wird. Denn Organisationen lassen sich nicht durch das, was Individuen tun oder denken oder fühlen oder designen etc. erklären. Kommunikation ist ein emergentes Phänomen, das die Psyche der beteiligten Individuen voraussetzt und benötigt (= relevante Umwelt), aber nicht durch Psychologie zu erklären ist. Psychische Prozesse bilden die Voraussetzung für Kommunikation und bestimmen die Grenzen ihrer Möglickeiten, aber sie definieren sie nicht (dazu mehr in den entsprechenden Grundlagentexten der neueren Systemtheorie à la Luhmann).

    Wenn Sie auf Haltung bezug nehmen, dann berufen Sie sich auf etwas, das in der Kommunikation nicht nur nicht vorkommt (etwas Psychisches), sondern nicht einmal zu beobachten und daher immer nur zu unterstellen ist. Sie erklären nicht das, was passiert, sondern sie setzen an die Stelle der Konstruktion von Kausalität eine Leerformel. Sie hätten auch “Instinkt” sagen können. Beides sind verbale Rohrschach-Tests, in die jeder hinein denken kann, was er mag. Eine Definition von “Haltung”, die auf beobachtbare Phänomene schaut und daher überprüfbar macht, ob die eine oder die andere Haltung vorliegt, ist schlicht nicht lieferbar.

    Wenn Sie aber Haltung am beobachtbaren Verhalten ablesen – was letztlich als einzige Möglichkeit bleibt (mehr hat auch alle psychologische Diagnostik und Wissenschaft nicht zu bieten) – dann können Sie auch gleich eine Methode untersuchen (und da finde ich, hat Design Thinking einiges zu bieten).

    Aber, um darauf noch einmal zurück zu kommen, Organisationen (=Kommunikation) lassen sich innerhalb gewisser Grenzen auch desingen. Und hier läßt sich vom Prinzip der Gestaltung irgendwelcher Gebrauchsgegenstände sicher viel lernen (vom Zweck oder Nutzer ausgehend etc.), aber dabei muß stets in Rechnung gestellt werden, dass solch ein Design vor der Folie von Selbstorganisationsprozessen geschieht, d.h. es geht um die Organisation der Selbstorganisation…

    Beste Grüsse, FBS

    Kommentar by Fritz B. Simon — 7. März, 2011 @ 09:28 Uhr

  6. Hallo Herr Simon,

    und besten Dank für den Diskurs in die Bereiche, mit denen ich zum letzten Mal in meinem (Neben)Studium der Sozialpsychologie aktiv zu tun hatte.

    Aber auch in der Quintessenz sehe ich gegenwärtig mehr Konsens als Dissens zwischen uns beiden. Als jemand der aus dem Feld des strategischen Managements kommt, ist auch hier auf den ersten Blick die Lage klar: Structure follows System. Leider sieht die Realität nicht nur im organisationalen Veränderungsprozessen, sondern eben auch in strategischen Prozessen oft umgekehrt aus: System follows Structure.

    Und hier setzt Design Thinking an, indem es Unternehmen die Möglichkeit gibt, zuerst einmal ihr System der Kundenbeziehungen aus gestalterischer aka Designer-Sicht anzugehen. Damit verbunden ist (zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch) die Hoffnung/Erwartung, dass ein kundenzentriertes Unternehmen dann auch mittel- bis langfristig in seinem System ändert.

    Was von mir und meinen Kollegen kritisch wahrgenommen wird, ist die Tendenz, aus all’ dem nun unbedingt eine “Methode” mit Allgemeingültigkeit machen zu wollen. Das ist in Ergänzung zu meiner letzten Behauptung auch kein alleinig deutsches Phänomen sondern z.B. auch in dieser LinkedIn Gruppe zu finden: http://is.gd/D5MfJF

    Vielleicht sollte man zuerst einmal mehr beobachten und clustern anstatt vorschnell zu (be)werten? In Ihrem Verlag könnte doch ein Platz für einen “Best Practice” Titel gefunden werden, wie z.B. bei diesem Buch über Service Design (BIS Publishers): http://is.gd/JJXILg
    (Guttenberg sei Schuld sollte ich erwähnen, dass das Buch von einem meiner früheren Studenten gestaltet worden ist und ich hierfür auch einen Artikel geschrieben habe ;)

    Diskursive Grüße,
    Ralf Beuker.

    Kommentar by Ralf Beuker — 7. März, 2011 @ 13:15 Uhr

  7. Ja, da bin ich einverstanden, Herr Beuker, die Aspekte, wo wir uns einig sind, überwiegen die Bereiche des Dissens. Und dass Sie was dagegen haben, Methoden mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu verkaufen, scheint mir auch nur plausibel…

    Platz für ein “Best Practice”-Buch gibt es im Auer-Verlag sicher. Es muss nur jemand machen… – und am besten natürlich mit Abrundung durch eine Reflexion aus der systemtheoretischen Meta-Perspektive…

    Kommentar by FBSimon — 7. März, 2011 @ 17:12 Uhr

  8. Na, da haben wir das ja zur Zufriedenheit aller (stillen) Leser geklärt ;) – Ich freue mich auf die Fortsetzung des Dialogs an anderer Stelle, auf dem nächsten Level!

    Bis dahin Grüße aus Münster,
    Ralf Beuker.

    Kommentar by Ralf Beuker — 7. März, 2011 @ 22:00 Uhr

  9. Ja, toll: piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb!

    (Ein paar Differenzen sollten wir uns aber noch lassen. Es wird ja sonst langweilig!)

    Kommentar by Fritz B. Simon — 8. März, 2011 @ 05:51 Uhr

  10. Na ja, … ich hab’ ja das nächste Level in Aussicht gestellt … und wie ich Sie kennengelernt habe, bin ich mir sicher, dass der Dissens schon lauert! ;)

    Kommentar by Ralf Beuker — 8. März, 2011 @ 16:26 Uhr

  11. Besser einen Polarity Responder an Bord als gar kein Immunsystem.

    Kommentar by Max Liebscht — 9. März, 2011 @ 02:47 Uhr

  12. “…
    Obwohl im Prozess des Design Thinkings – sehr erfolgreich – soziale (=Kommunikationsprozesse) designet werden, ist den Beteiligten kaum klar, was sie da tun. Sie konzeptualisieren ihre Methoden individuumzentriert, sehen nur die Addition von Menschen, sehen aber nicht die sie verbindenden Muster der Kommunikation (kaum im jeweiligen Projekt, gar nicht in der Organisation).
    …”

    Nicht nur die design thinking experten konzeptualisieren ihre Methoden individuumzentriert, auch die meisten organisationsentwickler.

    Kommentar by tural — 19. September, 2011 @ 09:01 Uhr

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