Diagnostischer Imperialismus
Fritz B. Simon
In der New York Times vom 10.1.2010 steht ein Artikel mit dem Titel “The Americanization of Mental Illness”
(http://www.nytimes.com/2010/01/10/magazine/10psyche-t.html?em=&pagewanted=print).
Hier wird gut nachgezeichnet, wie in den letzten 50 Jahren das biologische Modell psychischer Krankheiten als Gehirnkrankheiten weltweit exportiert worden ist und wie dabei über die regionalen und kulturellen Unterschiede, wie sich psychisches Leid zeigt, hinweggegangen wurde. Sie interessieren ja auch nicht, wenn man die Idee einer biologischen Krankheit vertritt. Dass diese Sichtweise auch massiv von der Pharmaindustrie unterstützt wurde, braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden. Auf diese Weise sind auch Symptome exportiert worden, d.h. man hat weltweit westliche Symptombildungs-”Moden” übernommen. Die Diagnostiker als professionelle Beobachter haben sich an die Diagnose (=Beobachtungs-) Richtlinien der WHO oder der American Psychiatric Association (ICD, DSM) gehalten und die Patienten zeigen, was die Beobachter erwarten bzw. wonach sie suchen.
Da ich daran beteiligt war, psychotherapeutischen Methoden in China zu vermitteln, kann ich diesen Import von Symptomen nur bestätigen. Als ich das erste Mal in China gearbeitet habe (1988), gab es Zwangssymptome, Schlafstörungen, “Neurasthenie”, und erst ab Mitte der 90er Jahre gab es dann auch Anorexien etc.
Dass diese implizite oder explizite Biologisierung der Krankheitsmodelle von den amerikanischen Kollegen (und nicht wenigen hier – mit denen ich mich immer viel gestritten habe) aus noblen Motiven erfolgt ist, sei nicht bestritten. Sie hatten die Idee, die Stigmatisierung psychisch Kranker zu reduzieren, wenn derartige Symptome als Ausdruck biologischer Krankheiten erklärt werden (dabei wurde und wird – nebenbei bemerkt – viel über die vermeintlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse gelogen, wenn auch wahrscheinlich aus lauteren Motiven).
Aber – und darauf wir in dem Artikel auch hingewiesen – inzwischen zeigt sich, auch experimentell bestätigt, dass die Erklärung eines abweichenden Verhaltens als biologisch begründet weit stärker ausgrenzende und diskriminierende, sozial isolierende Wirkungen hat als psychologische Erklärungen…
Ich fühle mich – unverbesserlicher Besserwisser, der ich nun mal bin – wieder einmal bestätigt, dass derartige vordergründige, vermeintliche Exkulpationsstrategien (nicht nur die Patienten, sondern auch für die Familien) fatal sind. Denn sie nehmen den Beteiligten, Patienten wie Angehörigen, die Option, Einfluss zu nehmen (wie kann man als Mutter/Vater/Bruder/Schwester den Hirnstoffwechsel seiner Lieben beeinflussen? Man ist darauf angewiesen, dass den Ärzten was einfallt. Keine Strategie des Empowerments). Wenn es hingegen interaktionelle Faktoren sind, die ihn oder sie in den Wahnsinn treiben, so kann man was ändern…
(Dauert sicher noch ein paar Jahrzehnte eh sich das rumspricht.)
17 Kommentare »
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Bis Zittau hat es sich immerhin herumgesprochen.
Gerade jetzt ordnen Schüler Störungsbilder unter saliutogenetischen Gesichtspunkten ein; inwieweit unter unter welchen Kontextbedingungen diese sich als Leistung und Kompetenz auffassen lassen, wie sich angesichts Krankheitsgewinn Empowermentstrategien realisieren lassen um dem Gesundheitsziel der Resilienz näher zu kommen u.s.w.
Um die verschiedenen Perspektiven und Dimensionen der Wahrnehmung auf Erkrankung zu differenzieren, nutze ich ein Konzept “Die vier Immunsysteme des Menschen” dessen Entstehung sich der Inspiration durch “Die andere Seite der Gesundheit” verdankt.
Thema: Psychische Erkrankungen als chronifizierte Stressbewältigungsstrategien und Anpassungsleistungen gegenüber widersprüchlichen Anforderungen
„Jedes Verhalten hat einen Sinn, für den, der den Kontext kennt.“ (Dr. Gunther Schmidt)
“Jeder Mensch bemüht sich, aus den ihm bekannten Verhaltensmöglichkeiten die beste auszuwählen. Was nicht heißt, dass es außerhalb seiner Wahrnehmung nicht andere und noch bessere Wahlmöglichkeiten gibt.“ (Postulat der Humanistischen Psychologie)
Orientierungspunkte:
Wie macht sich das Störungsbild negativ bemerkbar bzw. welche Symptome sind typisch?
a) somatisch: Selbstwahrnehmung / Diagnostische Werte
b) psychisch: (bspw. Denkstörungen, typische Wahnideen, Wahrnehmungsbeeinträchtigung, Impulsivität auf der emotionalen Ebene e.t.c.)
c) im Rahmen des Sozialkörpers (Familie, Arbeitskollektiv)
d) im Rahmen der Kulturgemeinschaft
Mit welchen besonderen positiven Begleiterscheinungen (primärer, sekundärer, tertiärer „Krankheitsgewinn“) könnte das Störungsbild für den Betreffenden / für die Bezugspersonen verbunden sein?
Welche Verhaltensweisen haben sich für „Nichttherapeuten“ (bspw. Angehörige, Pflegende und Betreuende) im ganz alltäglichen Umgang bewährt?
In welchen Tätigkeitsbereichen bzw. Berufen erscheinen Betroffene mit geringerer Symptomausprägung integrierbar oder sogar besonders geeignet?
Über welche Behandlungsmöglichkeiten suchen Helfer die Symptome zu lindern, zu transformieren bzw. aufzulösen und “zum Verschwinden” zu bringen (Symptomverschiebung?)
a) somatisch
b) psychisch
c) Im Rahmen des Sozialkörpers (Familie, Kollegen, Nachbarschaft, Peergroup)
d) im Rahmen der Kulturgemeinschaft
Welche typischen Nebenwirkungen sind bei welchen Behandlungsformen besonders zu berücksichtigen?
Welche Hypothesen gibt es zu möglichen (Haupt)- Ursachen der Entstehung?
Als Hilfe, um die vielen pathologieorientierten Darstellungen nutzen und einordnen sowie Pro und Contra der Beeinflussungsmöglichkeiten ableiten zu können, haben sich die “Säulen der Resilienz” besonders bewährt.
Für mich ist es besonders spannend, weil ich dieses Mal aufgrund des Zeitkontingentes nicht den Umweg über die pathologie- und defizitorientierten Konzepte und Kurzschlüsse gegangen bin sondern es umstandslos gleich so vermittelt habe, wie es sich m.E. am besten bewährt. Ich hoffe, dass die lieben Leute nicht gar zu viel Schwierigkeiten bekommen, wenn sie sich als Berufseinsteiger mit all den chronifizierenden Zuschreibungen der dienstälteren Kollegen auseinander setzen müssen. Für die persönliche Begegnung mit den zu Betreuenden in der helfenden Beziehung wird es ihnen in jedem Fall nutzen. Ich habe überdies den angenehmen Eindruck, dass ein Grundverständnis von Salutogese, Resilienz, Empowerment bzw. Führung und Förderung e.t.c. dazu führt, dass a) die hypnosystemisch inspirierten Konzepte sehr schnell alltagspraktisch integriert werden und b), dass die üblichen Pathologie- und Defizit- orientierten Beschreibungen in Anführungszeichen gesehen und als zeitgeistbedingtes, kulturelles Phänomen eingeordnet werden können.
Kommentar von Max Liebscht — 13. Januar, 2010 @ 11:01 Uhr
Mir erscheint die Frage “wer braucht Hilfe?” oder besser “wer fühlt sich gestört?” der Anfang des (Ariadne-)Fadens zu sein;
so kann das Labyrinth aus Biologie, Psyche und sozialer Power betreten werden….
Kommentar von o.werner — 14. Januar, 2010 @ 09:46 Uhr
“Die Patienten zeigen, was die Beobachter erwarten bzw. wonach sie suchen.” Ja ganz klar, deswegen werden sie im gegebenen Fall in “Patienten” (machtlos) und “Therapeuten” (mächtig) unterschieden
Es ist eine Macht-, beziehungsweise Entmächtigungsfrage. (Dispowerment)
Diese Entmächtigung “nimmt den Beteiligten, Patienten wie Angehörigen, die Option, Einfluss zu nehmen (wie kann man als Mutter/Vater/Bruder/Schwester den Hirnstoffwechsel seiner Lieben beeinflussen?” (FBS)
Die Welt entsteht im Kopf. WIR treffen die Unterscheidungen. Warum spricht sich diese MÄCHTIGKEIT nicht schneller herum? Warum gehen wir (auch hier) nicht von den Segnungen aus, die die Hirnforscher neuerdings am laufenden Band erfinden (=unterscheiden)?
“Wer fühlt sich wodurch gestört?”
Diese Selbst-Frage führt ja geradewegs in das Gehirn und zur Frage nach der sinnvolle Nutzung der Botenstoffe, bzw. Frage, wie die guten Gefühle entstehen.
Der Biophysiker und Wissenschaftsjournalist Stefan Klein (Die Glücksformel oder wie die guten Gefühle entstehen, 2002) um nur einen “Ermächtiger” zu nennen, der neurophysiologische Strategien anleitet, hat dazu einleuchtende Überlegungen (=Unterscheidungen) zusammengestellt, die direkt aus der Hirnforschung kommen.
Zu einer klugen Lebensführung ist nur fähig, wer seine Gefühle wahrnehmen, steuern und voraussehen kann. Geglückte Leben sind kein Zufall, sondern eine Folge der richtigen Gedanken und Handlungen – von dieser Auffassung geht die moderne Neurowissenschaft aus.
Es geht – wie stets von Neuem zu betonen ist – darum, gute Gewohnheiten des Unterscheidens in uns zu verankern, weil diese die Seele formen. Unser Augenmerk sollte nicht in erster Linie darin liegen, die Umstände zu ändern, sondern uns selbst….
Unsere Wahrnehmung (=Unterscheidungen) hängt von der Weise ab, wie unser Gehirn empfindet und wie es zu arbeiten gelernt hat, -nicht von äußeren Umständen!
Einmalige Anstrengungen genügen allerdings nicht, um dessen Empfindungsweise zu ändern. Wiederholung und Gewohnheit sind unerlässlich, um das Gehirn neu zu verdrahten. Lernen setzt die Bereitschaft zu etwas MÜHE voraus….
Zitat: “Wir sind bereit, sehr viel zu geben, wenn es um Status, Karriere oder Erziehung unserer Kinder geht – Ziele die allesamt außerhalb unserer Person liegen. Doch wenn es gilt unsere Tage glücklicher zu erleben, sind wir mit unserer Energie seltsam knausrig, Dabei ist die Glücksformel einfach: “Die eigentlichen Geheimnisse auf dem Weg zum Glück sind Entschlossenheit, Anstrengung und Zeit.”"
Das entspricht den Ergebnissen der aktuellen Neurowissenschaft. Es ist deshalb heute die Aufgabe der diversen “Ermächtiger” diese endlich genialen, kreativen, anschlussfähigen Erkenntnisse (=Unterscheidungen) auf schnellstem und kürzestem Wege an mutlose, zögerliche, kümmerliche, ängstliche UnterscheiderInnen weiterzugeben, statt diese mit unbrauchbaren, weil meist mächtig-besitzergreifenden, die Geduld der “Patienten” ausnützenden, “Therapien” zu plagen. Stimmt’s?
Kommentar von Sylvia Taraba — 14. Januar, 2010 @ 13:15 Uhr
“Das Gehirn wird so, wie man es mit Begeisterung benützt.” (…)
Kommentar von Sylvia Taraba — 15. Januar, 2010 @ 08:15 Uhr
Für das Labyrinth aus aus Biologie, Psyche und sozialer Power + Kultur + Ökologie habe ich ein sehr klares Konzept entwickelt mit dem die Auszubildenden gut zurechtkommen: eine Sparausgabe von “Die Logik der Psyche”…
Diese orientierenden Fragen sind nicht konsequenter lösungs- und kompetenzorientiert ausgerichtet weil es für den Theorie – Praxis- Transfer m.E. zu berücksichtigen gilt, dass die Leute auch noch anschlussfähig sein müssen an die kurzschlüssigen aber etablierten Konzepte der Fachkräfte, die vor Ihnen in den Praxiseinrichtungen arbeiten. Ich bin hier nicht in Heidelberg oder Wien sondern im allertiefsten Osten. Schon, dass ich bei den framenden Fragen zugunsten von Symptombeschreibungen auf Definitionen (i.d.R. Tautologien die bereits Erklärungsansprüche inkludieren) verzichte, ist Skandal genug.
Kommentar von Max Liebscht — 15. Januar, 2010 @ 09:17 Uhr
Ich habe Sie eh sehr gut verstanden, lieber Herr Liebscht. Ich fühle mich nur prinzipiell bemüssigt die diversen Mächtigkeits-Rollen von Psychologen bzw. Therapeuten (siehe oben) ganz allgemein immer wieder in Frage zu stellen und den Branchenmitgliedern nahe zu legen, sich individuell massiv zu hinterfragen…. der ganze anglifizierte Begriffsapparat nützt gar nix, solange man nicht sein Gehirn mit Begeisterung für die praktische Ermächtigung anderer benützt – und es selbstredend für seine eigene Selbstermächtigung nützt…
Der “diagnostische Imperialismus” ist vermutlich nicht nur in den USA verortbar.
Die Logik der Psyche ist im Gehirn, in seiner Operationsform und Funktion, begründet, und auf die Gesetze der Form rückführbar. Letztere sollte man kennen und die daraus ersichtliche und somit ablesbare Praxis und den daraus erkannten Ermächtigungsfaktor mit Empathie weiter vermitteln…
Kommentar von Sylvia Taraba — 15. Januar, 2010 @ 13:16 Uhr
Nee, nee, Frau Taraba, ich bezog mich auf das schöne Bild des Ariadnefadens und hatte Ihren Kommentar noch gar nicht lesen können. Irgendwie ist hier manchmal so eine Verzögerung drin.
Als Geistewissenschaftler brauch ich die fabelhaften neuesten neurobiologischen Erkenntnisse, auf die sich jeder, der irgend kann, so gerne bezieht, nur sehr bedingt, um effektiv therapieren, coachen, beraten supervidieren zu können. Ich glaube, dass bspw. zu Sokrates Zeiten auch schon sehr gute “Sozialarbeit”, Therapie e.t.c. möglich war, ohne dass man sich dafür mit Auswertungen bildgebender Verfahren hätte legitimieren können.
Als Lehrender seh ich es so, dass ich eine Verantwortung habe für “meine” mir vertrauenden Schüler, die nicht an der Tür der Ausbildungseinrichtung endent. Daher muss ich mir schon Gedanken machen, wie ich sie befähigen kann, auch anschlussfähig zu sein gegenüber den fatalen, weil stigmatisierdenden Konzepten, wie sie in der Vergangenheit und Gegenwart gehandelt wurden und gehandelt werden.
Rein pragmatisch leidet zudem schlicht der Praxis – Theorie- Transfer, wenn die Berufseinsteiger mit den sinnstiftenderen Konzepten am Ressentiment der i.d.R. statushöheren dienstälteren KollegInnen auflaufen. Den zu Betreuenden, zu Pflegenden, zu Therapierenden – um die es letztendlich geht – ist auch nicht damit geholfen, wenn hier nicht eine gewisse Diplomatie bei der allmählichen Etablierung hypnosystemischer Konzepte zum Tragen kommt bzw. es zum Glaubenskampf im “multiprofessionellen und i.d.R. Hierachieebenen- übergreifenden Team kommt.
Für viele einflussmächtige Mitspieler der sozialen Veranstaltung namens Klinik bzw. Heim erscheinen die etablierten pathologiesierenden Konzepte kurzfristig zudem von erheblichem Vorteil hinsichtlich betriebswirtschaftler Parameter und auch als Entlastungsmöglichkeit. Wer kann es sich heute noch oder schon leisten nachhaltiger zu denken? Nicht jeder verfügt über systemtheoretische Hintergründe um diverse Formen von Krankheitsgewinn in kompetenzorientierter wertschätzender Weise einordnen zu können. Vor dem Hintergrund traditionell gepflogener Konzepte aber erscheinen die systemisch – salutogenetischen Konzepte nicht ohne weiteres plausibel.
Wenn die theoretisch heilsame Begegnung nicht wie gewünscht “funktioniert”, kann bspw. der wohlmeinende Behandler sich und anderen das damit begründen, dass der Klient, Patient noch gestörter, widerständiger ist, als man eh schon angenommen hat. Und das hat natürlich auch was, wenn man an den eingespielten Formen von Behandlung der Apparate- und- Präparate-Medizin aufgrund spezieller Interessenslagen alles wie gewohnt beibehalten statt sich unsicherheitsbehaftet neuorientieren will. Dass die – im Sinne einer Akutbehandlung ja durchaus sinnvollen – Mittel als berechenbarer erscheinender Standard gehandelt werden, ist auch ein Kulturproblem. Kulturen verändern wir – außer durch Kriege – nicht hoppla hopp. Von denjenigen, welche in der inoffiziellen der Organisationen als am “niedrig” stehendsten angesehen werden, sollte man daher nicht zu wenig aber eben auch nicht zuviel erwarten. Dass speziell die KollegInnen mit dem Faible für softere, nachhaltigere Behandlungskonzepte gemobbt wurden, habe ich mehr als einmal erlebt.
Große Hochachtung habe ich – speziell auch vor dem Hintergrund des heiklen Transfer – Problems – vor der wegweisenden Integrationsleistung von Gunther Schmidt:
http://www.auditorium-netzwerk.de/AutorInnen/Schmidt-Gunther/Schmidt-Gunther-Umdeutung-psychoanalytischer-pathologieorientierter-Diagnosen-in-ressourcenorientierte-Diagnosenutilisation::468.html
Kommentar von Max Liebscht — 15. Januar, 2010 @ 17:20 Uhr
Der diagnostische Imperialismus ist nicht annähernd nur in den USA verortet. Ist er (lustig dass ich hier die männliche Anrede wähle) doch ebenso eine defizitäre Krankheit, wie jenes, was er “beschreiben” soll (beschreiben: aus Sicht derjenigen, die glauben, es gäbe Beschreibungen).
Damit bin ich tagtäglich, ich bin geneigt zu schreiben, stündlich konfrontiert. Und es ist ein System welches im systemischen Sinne ganz hervorragend, gemeint ist hier wirklichkeitsbildend, funktkioniert.
Die, die da so einseitig etiketiert werden, nehmen die Konsequenzen oft allzu überzeugt an.
Psychiatrischer Langzeitbereich! Wohnheim! – Vielen Menschen könnte es besser gehen, wenn die Etikettierer endlich mal geheilt würden
Gruss und Kuss,
Kommentar von Tom — 15. Januar, 2010 @ 22:27 Uhr
Das mit der Heilung wird nicht auf einmal gehen.
Und es wird in gewissem Maße bei Einschränkungen bleiben müssen, fürchte ich.
Nicht nur von wegen Pharmalobby und Provisionismus.
Soziale Dienste “brauchen” Kunden und sich verbessernde Bilanzen.
Dazu kommt: Mensch = Ettikettierer.
Am lösungsorientiertesten sind wir ausgerechnet dann unterwegs, wenn die Zeit abgelaufen ist, Entscheidungen zu treffen, zu leben.
Sonsten aber: Marktwirtschaft der Beschreibungen.
Insa Sparrer meint: “Das Leben ist eine Heilungskrise.”
Kommentar von Max Liebscht — 16. Januar, 2010 @ 11:39 Uhr
Schon derart suggestive Ettikettierungen wie Psychiatrischer Langzeitbereich dürften erhebliche Nebenwirkungen zeitigen. Und “Wohnheim” klingt trotz “Wohnen” + “heim” nicht wirklich heimelig oder zum wohnlich wohnen einladen sondern assoziiert eher Internat und interniert sein.
Statt “besser gehen” als Kooperationsziel geht es da wohl eher um (ihrerseits wertzuschätzende) Symbiosen und Friedensabkommen, um Leben und Leben lassen. Helfer, die gebraucht werden und Hilfsbedürftige sie gebraucht werden, haben sich miteinander organisiert in einer Art Biotop. Heilung wäre am Ende gar verdächtig, bedeutet Unruhe und Verstörung eines Systems aufeinander eingespielter Kooperations- und Kompetitionspartner. Holzauge sei wachsam!
Willkommen
Kommentar von Max Liebscht — 16. Januar, 2010 @ 12:09 Uhr
Ihr letzter, von mir hier leicht abgeänderter, Satz – „Helfer, die gebraucht werden und Hilfsbedürftige die gebraucht werden, organisieren sich miteinander in einer Art Psycho-Biotop. Heilung wäre am Ende gar verdächtig, bedeutet Unruhe und Verstörung eines Systems aufeinander eingespielter Kooperations- und Kompetitionspartner“ – empfinde ich als eine ziemlich zutreffende Beschreibung dieses Systems.
Ihre realistische Analyse und gelungene Beschreibung des Staus Quo von „Heilung und Nicht-Heilung“ ist ad hoc auch die perfekte Ausgangssituation für den Geisteswissenschaftler. Er muss ja besonders darauf achten, was er wie formuliert und worauf er den Fokus richtet.
Die „Kultur der stigmatisierenden Konzepte“ und deren nicht umgehend mögliche Veränderung, leuchten ein. Meine prinzipielle Bemüssigung, Psychologen und Therapeuten Misstrauen entgegen zu bringen und sie aufzufordern, sich selbst zu hinterfragen, ist in diesem Sinne in gewisser Hinsicht „kontraproduktiv“, und wäre damit von Ihnen genügend beantwortet. Ginge es nicht darum, sich ständig bewusst zu machen, was man denkt, worauf man den Fokus richtet, was man tut, wie man handelt. In dem von Ihnen beschrieben Sinn, will ich Ihnen hier vorbehaltlos zugestehen, dass Sie „vorbildlich“ handeln, wenn Sie tatsächlich so handeln (können), wie Sie handeln.
Aus dem Blick geraten ist bei der Schilderung dann aus meiner Sicht, dass in diesem “Psycho-Biotop” eine Bewusstwerdung/-machung und damit Verschiebung, also eine Art Berufswechsel ansteht, und damit selbstredend ein Bezeichnungswechsel notwendig wird.
Das heißt, vom Miss-Verständnis des stigmatisierenden, ungleichgewichtigen „Therapeut/Patient“ – Verhältnisses abzugehen und, über die Bezeichnung „Coach/Gecoachter“, hinzukommen zur Unterscheidung: „der Selbst-Beobachter/ der diese Selbst-Beobachtung Beobachtende“, – die dezidiert betont werden muss und als „normale“ zwischenmenschliche Beziehung anzusehen ist, in der grundsätzlich keinerlei Machtgefälle herrscht.
Wenn Sie aber nun das Miss-Verständnis, das Sie eigentlich verändern wollen, ständig von neuem zuerst herunterbeten (wiederholen) müssen, so wie Sie es zum Beispiel als Lehrender wahrnehmen und wahrnehmen müssen und hier beschreiben, dann geht die Heilung BEIDER Seiten, das heißt die Freisetzung gebundener Energien zu Gunsten der Leichtigkeit gegenseitigen Beobachtens, in diesem Fall professioneller objektiver Beobachtung der einen und subjektiver Beobachtung der anderen Seite, natürlich schleppender vor sich, als wenn Sie sich, trotz institutionalisierten Machtgefällen, selbst ermächtigen das (gegenseitige) Heil-Verfahren neu zu bezeichnen und es so nach Ihrem Gutdünken abzukürzen und daraus ein augenfälliges Markenzeichen machen.
Es geht hier darum, eine ungewohnte Sichtweise, sichtbar zu machen
Der effektive Weg für den Geisteswissenschaftler ist hier der, zu erkennen, dass auch die Naturwissenschaft und ihre “Anschlüsse” im Kopf kreiert werden und sie nicht per se „Natur“ “erforscht”, sondern ihre Beobachtung, ihre Unterscheidung bedeutet. Das heißt, dass der Vorrang des Geistes auch für die Naturwissenschaft gilt. Der Blick in die Funktionsweise des Gehirns, also seine Konstruktion ist eine Unterscheidung, die er trifft.
Ich wiederhole mich: Die Welt ist konstruiert. Auch das Gehirn ist konstruiert, es ist der Blinde Fleck jeder materiellen Konstruktion. WIR treffen die Unterscheidungen, qua wiederholter Nennung und Aufhebung…
Warum spricht sich die rekursive MÄCHTIGKEIT des Unterscheidens nicht schneller herum? Auch hier. Warum wird sie von denen, die sie verstehen, nicht engagierter gelernt und verbreitet? Warum gehen wir (auch hier) nicht umgehend von den Segnungen aus, die die Hirnforscher neuerdings am laufenden Band konstruieren (=unterscheiden)?
Also geradewegs in das Gehirn und zur aktuellen Frage nach der sinnvolle Nutzung der Botenstoffe, bzw. der uns hier beschäftigenden Frage, wie die guten Gefühle entstehen? Das produktive Feedback an das Gehirn formt das Gehirn um. Nochmals:
Zu einer klugen Lebensführung ist nur fähig, wer seine Gefühle wahrnehmen, steuern und voraussehen d.h. unterscheiden kann.
Geglückte Leben sind kein Zufall, sondern eine Folge der richtigen Gedanken und Handlungen – von dieser, durchaus geisteswissenschaftlich anschlussfähigen Auffassung geht die Neurowissenschaft – JETZT – aus. Geistes- und Naturwissenschaft sind in dieser Beobachtung eins geworden.
Einmalige Anstrengungen genügen allerdings nicht, um die Empfindungsweise des Hirns (seine schlechten Gewohnheiten) zu ändern. Wiederholung und Einübung einer neuen Gewohnheit sind unerlässlich, um das Gehirn neu zu verdrahten. Lernen setzt also die Bereitschaft zu etwas MÜHE voraus…. Nämlich das eigene Gehirn, qua neuer effektiver Unterscheidungen, effektiv zu modellieren…..
Der Beobachter der Beobachtungen des Selbst-Beobachters hat also eine Verantwortung: er muss dem Selbstbeobachter ( – also auch sich selbst . ) effektive, klar verständliche Methoden aufzeigen und übermitteln können, die eine kluge Lebensführung erlauben und die Entstehung guter Gefühle fördern…
Kommentar von Sylvia Taraba — 16. Januar, 2010 @ 16:23 Uhr
Sie wieder mit Ihrem jugendlichen Leichtsinn! “Lerne die Regeln damit Du weißt wie Du sie brechen kannst.” meinte doch schon unser lieber guter (?) Dalai.
1. Pacing und 2. Leading gilt auch bzgl. der schädlichen Diagnosen. Aber – da führt kein Weg daran vorbei – ich muß die Sprache der Leute sprechen, wenn ich sie für etwas anderes Sinnvolleres überzeugen will. Und letztlich – vielleicht ist das ganze systemische Zeugs ja Quatsch und wir sollten die Leute doch besser wieder niederspritzen? Manche würden das bequemer finden.
Die Verleugung der von Frame zu Frame unvermeidlichen und nützlichen Machtgefälle paßt gut zu Ihrer Idee von der schicksalgewollten Mutter Theresa. Die Leute werden an solchen Selbstmissverstänissen bzgl. Macht nur noch irrer. Ich will nicht sagen, dass immer Transparenz in der Machtfrage das wäre, was die Kooperatation weiterführt. In diesem Frame aber ist das ganz entschieden der Fall und daher müssen die Möglichkeiten und Grenzen des Machtanspruches auch so deutlich wie möglich kommuniziert werden.
Bzgl. Hirnforschung sehen Sie sich vielleicht besser auch mal bei anderen Autoren um, was die Nutzung der Botenstoffe anbelangt. Aber gut, vielleicht verändern Sie ja die Welt durch Ihre wunderbaren, nur vielleicht ein wenig sebstgerechten Gedanken… Wenn mir einer das Portemonnaie klaut, bekommt er hoffentlich auch gute Gefühle.
Kommentar von Max Liebscht — 18. Januar, 2010 @ 10:02 Uhr
Ja, Sie müssen selbstredend die Sprache der Leute sprechen. Die der Mächtigen und die der Ohnmächtigen. Ja und Pacing und Leading, was immer das genau genommen bezeichnen mag, gilt auch bei schädlichen Diagnosen. Sic. Und wohlgemerkt “systemisch” heißt soviel, dass alles miteinander zusammenhängt, was eigentlich nicht schwer zu verstehen ist. Das hat absolut nichts damit zu tun, ob Sie “Leute niederspritzen” oder nicht-niederspritzen. Beides ist möglich.
Wichtig ist, dass SIE gute Gefühle dabei bekommen (können), wenn Ihnen die Börse geklaut wird. Der, der sie Ihnen klaut, wird seine guten Gründe dafür haben. Dann existieren noch Gesetze, die dafür sorgen, dass es nicht allzu rau zugeht. Ja, und dann besteht immer die Möglichkeit des Krieges. Mal sehen, welche der von Ihnen unterschiedenen Kasten ihn führen werden….
Vielleicht aber müssen Sie, aus Gründen der “Resillienz” die Ereignisse, Zustände und Inhalte nur neu bewerten. Sie sind da so unentschieden.
Kommentar von Sylvia Taraba — 18. Januar, 2010 @ 15:07 Uhr
Unentschieden?
Der Psychofritze sitzt auch auf dem Zaun.
Ansonsten hab ich gute Gründe dafür was dagegen zu haben,
wenn mir einer ungebeten an den S. langt.
Kommentar von Max Liebscht — 19. Januar, 2010 @ 20:33 Uhr
Auch spannend: Wer im Koral der Hütten verwaltet wird, soll sich immer an Ewigkeiten orientieren. Wer “Recht schaffend” verwaltet, orientiert sich – so wie er kann – an der Auftragssituation.
Kommentar von Max Liebscht — 23. Januar, 2010 @ 14:22 Uhr
…noch spannender: von wem lassen Sie sich denn am liebsten verwalten und orientieren, wenn Sie so am Zaun sitzen und gute Gründe zur Klage haben?
Kommentar von Sylvia Taraba — 24. Januar, 2010 @ 14:32 Uhr
Ich kann hingehen wo ich will,
die Umstände machen einfach, was sie wollen.
Je mehr ich aber selber umständlich bin,
desto eher stellt sich die Frage
wie mit mir ins Geschäft zu kommen ist.
Oder auf radikalmarktwirtschaftlich:
Als Verkäufer wirkt jemand um so überzeugender
je mehr Spaß es ihm macht zu verkaufen.
Zu verkaufen macht wiederum um so mehr Spaß
je weniger jemand darauf angewiesen ist zu verkaufen.
PS: Ich sitz nicht am Zaun.
Als Psychofritze sitzt man wie die Sylvia Stregha auf der Grenze zum Niemandsland in dem die Idioten einsam hausen mit Gott. Anderes wäre mit dem Job nicht vereinbar. Ein paar mal im Leben hat es mich fast gereizt in dem Geäffel irgendwelcher Interessengruppen mitzuposen – aber mit dem Job ist die Anteilnahme an irgendwelchen Ideologien schlecht vereinbar. Ob man das nun Abstinenz oder Zöllibat nennen mag. Die Ethik dazu heißt, dass das Theater weitergehen muss und dass die Spieler selber schuld sind, welche Rollen sie sich gezwungen fühlen zu übernehmen. Ein guter Seelenklempter steht mitten zwischen außerhalb und innerhalb. Ähnlich wie früher die Polizisten, die auf der Mitte der Kreuzung standen und verschiedene Wege wiesen, die man dann selber fahren konnte, wenn man wollte. Der Wegweiser aber konnte nicht mitwandern sondern mußte stehen bleiben und weiter dahin und dorthin weisen.
In Tom Levolds Systemagazin äußert sich Dirk Baecker angenehm kundig über das paradoxe Geschäft mit der Sorge psychologischer “Realitätenkellner” um die Seele des marktwirtschaftlich ausgerichteter Rennfahrer (Terminus von Gunther Schmidt):
http://www.systemagazin.de/ Eintrag zum 24.1.2010
Kommentar von Max Liebscht — 29. Januar, 2010 @ 14:45 Uhr