Simons Systemische Kehrwoche

Die Paradoxie des Crash

Fritz B. Simon

Eine der verstörenden Merkwürdigkeiten sozialer Systeme ist, dass ihr Funktionieren (leider) überhaupt keinerlei Rücksicht auf Fragen der Gerechtigkeit nimmt. Das ist jetzt gut am Crash des amerikanischen Finanzsystems zu beobachten. Denn die Massnahmen, die gestern beschlossen wurden, sind (m.E.) sinnvoll, um das Weltfinanzsystem und damit die Weltwirtschaft in ruhigere Gewässer zu steuern (ob das wirklich klappt, bleibt abzuwarten, aber mir scheint dies die im Moment beste denkbare Lösung – auch und gerade wenn man mit die Vorgänge systemtheoretisch betrachtet).

Aber, das ist auch nicht zu leugnen: Es ist eine zutiefst allen Gerechtigkeitsempfindungen zuwider laufende Lösung. Denn hier werden all die Idioten, die das System an die Wand gefahren haben, aus der Haftung entlassen. Es sind diese marktfundamentalistischen Schwachköpfe, die seit Jahren behaupten, der Markt würde die beste Lösung finden, wenn man ihn denn nur ließe. Ich halte dies schon lange für Schwachsinn (s. “Gemeinsam sind wir blöd”), aber leider hat sich auch die deutsche Politik – bedrängt von einer finanzstarken Lobby – dieser Ideologie gebeugt und entsprechend versucht, auch das deutsche Wirtschaftssystem zu amerikanisieren. Das dürfte jetzt ein Ende haben… – eine positive Nebenwirkung des Crashs.

Das Problem jetzt ist, dass jede Wirtschaft auf Kredite angewiesen ist. Wenn die Banken pleite machen und keine Kredite mehr zur Verfügung gestellt werden, dann bricht auch die andere wirtschaftliche Aktivität zusammen. Dass Kredite nur dort ohne Schaden für die Gesamtwirtschaft gegeben werden können, wo sie durch Eigentum abgesichert sind (s. “Einführung in die systemische Wirtschaftstheorie” – Blog der Revue für postheroisches Management), ist das von den amerikanischen Banken verletzte Grundgesetz des Wirtschaftens. Sie haben nach dem Prinzip des Kettenbriefes ihre Kredite gegeben und anschließend weiter gereicht. Und den letzten beissen bei diesem Verfahren immer die Hunde. Denn wenn die “Sicherheiten” nichts mehr wert sind (Häuser, Aktien etc.), dann ist auch der Kredit das Papier nicht wert, auf dem er besiegelt wurde.

Jetzt springt der US-Staat ein, der diese wertlosen Kredite übernimmt, und die Kosten für diesen wertlosen Schrott werden dem Steuerzahler aufgebürdet. Der “kleine Mann” zahlt, während die “Großen” (die die tollen Typen aus de Wall-Street) ihre Gewinne, die sie bei diesem Spiel gemacht haben, behalten können.

Trotzdem gibt es wenig Alternativen, da andernfalls das Finanzsystem zusammenbricht, und dann zahlt im Zweifel der “kleine Mann” noch viel mehr… Wie gesagt: Gerecht ist das alles nicht. Aber Systeme – auch die Wirtschaft – funktionieren so, wie sie nun einmal funktionieren…

Auf jeden Fall: Märkte, vor allem Finanzmärkte, gehören geregelt.

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3 Kommentare »

  1. Was zeigt uns ein solcher Crash? Doch eigentlich, dass letztendlich der “kleine Mann”, als Masse genommen, zur Verantwortung gezogen wird. Und warum eigentlich nicht? Ist diese verstörende Merkwürdigkeit sozialer Systeme, dass ihr Funktionieren (leider) überhaupt keinerlei Rücksicht auf Fragen der Gerechtigkeit nimmt, nicht auch auf brutalste Weise im Nationalsozialismus zum Tragen gekommen? Was zeigt uns dieser Zivilisationsbruch nach allen vermeintlichen Abrechnungen? Die moralische Niederlage betrifft alle Involvierten, alle Deutschen und Österreicher und alle Mithineingezogenen. Niemand kann sich davon frei machen. “Gewinner” ist “die Geschichte”, “Gewinner” sind die nationalsozialistischen Machthaber. Wenn man mal davon absieht, dass sie mittlerweile tot sind, haben sie sich doch einen unauslöschlichen Namen gemacht, das einzige was letztlich zu zählen scheint. Von den Wallstreethaien wird das kaum einer schaffen.
    Müsste man sich nicht ständig fragen, wofür man eines Tages zur Verantwortung gezogen werden könnte, wenn man nicht schon von vorn herein Verantwortung für Alles übernimmt?

    Wenn man jedoch von vorn herein Verantwortung für alles übernimmt, was ist, wird dadurch etwas besser an den verstörenden Eigenschaften des sozialen Systems, dass sein Funktionieren keinerlei Rücksicht auf Fragen der Gerechtigkeit nimmt ? Nein? Oder Ja?

    Ich denke, die Paradoxie, Verantwortung für Alles zu übernehmen, statt die “Schuld” anderen und anderem zu geben, führt zu einer generellen Auflösung der Schuldfrage, das heißt zu einer völlig neuen Sicht dessen, was der Fall ist.

    Kommentar von Sylvia Taraba — 21. September, 2008 @ 17:32 Uhr

  2. Was ist denn aus dem Ganzen zu lernen?
    Das ist doch die spannende Frage!
    Bau auf, reiß ein …
    Das Ganze erinnert mich an die z.T. spendenbasierte Hochwasservorsorge der Stadt Dresden.
    Nicht nur Kinder lernen aus den Folgen.
    Der Crash ist so gesehen unausweichlich und nur aufgeschoben.
    Die gigantische Vermögensumverteilung, die da ohnehin seit Jahren stattfindet und nun nur noch eine weitere fabelhafte Steigerung erfährt, das macht doch Schule.
    Jedes mafiose Raubrittersystem ist prüde gegenüber dem, was da läuft.
    Aber letztlich? 12 Millionen Bildzeitungsleser allein in diesem Land. Der Rest guckt auf Bildschirme, so wie jetzt eben.
    Sehen Sie? Durch?
    Bevor man einem Huhn den Kopf abtrennt, also das Viech kriegt da nicht viel davon mit, gebannt wie es ist von Nächstliegendem.
    Zumindest ich bilde mir nicht mehr ein, irgend einschätzen zu können, was irgendwo wirklich Phase gewesen ist.
    Rakete im Pentagon?
    Hat man den André Heller bemüht für die Dramaturgie des Twin Tower Schock?

    Der Staat HAT nicht die Power.
    Seinen Funktionären eignet noch nicht einmal eine Wertebindung, die es nahe legen würde, das Gemeinwohl zu schützen vor der kurzfristig renditeträchtigen marktstrategischen Verwurstung.
    Werte bilden sich nicht ohne Angst, nicht ohne Verheißung.
    Von dem her, was aus Angst nach dem letzten Krieg erwirtschaftet wurde, also da is noch Luft.

    Wozu haben wir nun den Staat?
    Damit er Reserven bildet, von denen die schicken Kumpels ab und an eine Ausschüttung bekommen. Unkostenvergütung quasi.
    Gerade weil wir zumeist doch längst jenseits der Verblödung wandeln, ist das aber für die meisten Folks jenseits des Vorstellbaren. Milliarden!
    Aber mein Gott. Auch die Mafia von Staats wegen muß ja mal bei irgendjemand Milch und Zigaretten einkaufen. Es wird ja hoffentlich auch was weitergegeben.

    Sowohl, was die werte- und beliefmäßige Reorientierung staatstragender Entscheider anbelangt, als auch deren sozioökonomische Power gegenüber Konzernen, in deren Aufsichtsräten sie per definitionem nichts verloren haben sollten – so wie schon nach dem letzten Krieg werden wir all die wundersam erscheinenden, weil nicht auf unmittelbaren Vorteil ausgerichteten Phänomene der Übernahme sozialer Verantwortung erleben können: nach dem kommenden Winter, dem nächsten großen sozialen Kälteeinbruch.
    Bis jetzt ist alles nur schnickschnack relativ zu dem, was möglich und daher irgendwo real ist.

    Ob nun Reichstagsbrandreprise in New York, Irak- Verarschung, Euroeinführung oder nun d a s , die Jungs und Mädel sind trotz allzu menschlicher Konfusion immer noch hinreichend kreativ, wenn es darum geht, die realen Werte vorsorglich auf die Seite zu ziehen.
    Letztlich scheint es zyklisch so oder so immer wieder auf eine Art von Potlatch hinaus zulaufen. Nur, daß mancher ein wenig mehr schummeln kann dabei.
    Halbwegs lebendige Beziehungen halten meist 7 Jahre. Wie lang hält eine Organisationsform?

    “Zivilisiert den Kapitalismus!” hab ich als Schlagzeile auf irgendeiner Bahnhofszeitung lesen.
    Historisch betrachtet, leben wir ab diesem “Rettet die Finanzwirtschaft!” nicht mehr in irgendeinem, wie auch immer aufgeklärtem Kapitalismus. Was da inszeniert wird zugunsten dieses notleidenden Casinokapitalistischen Verteilungssystems entspricht einer ritualen Bestätigung des Status quo, daß wir nunmehr im Kastensystem einer kuriosen Spielart von Feudalismus leben.

    Kommentar von M.M.M. Liebscht — 22. September, 2008 @ 18:26 Uhr

  3. Nachtrag:
    Bei dem Experiment in Wörl ging es doch auch ohne Kredite!??

    Kommentar von M.M.M. Liebscht — 28. September, 2008 @ 18:36 Uhr

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