Simons Systemische Kehrwoche

DNA-Phantom

Fritz B. Simon

Das “Phantom von Heilbronn” ist ja ein schönes Beispiel für ein prinzipielles erkenntnistheoretisches Problem (wie man ja überhaupt einen guten Teil der Erkenntnistheorie an Kriminalstücken erläutern kann). Es geht um die Frage, wem ein beobachtetes (= unterschiedenes und bezeichnetes) Phänomen zuzurechnen ist: dem Beobachter bzw. dem Prozess des Beobachtens oder dem beobachteten Gegenstand, der beobachteten “Welt”.

Wenn der gemeinsame Nenner von 40 Verbrechen die DNA-Spuren einer Frau sind, die jeweils am Tatort gefunden wurden, so lässt sich dies durch eine fleißige Verbrecherin erklären – und so wurde es auch in diesem Fall erklärt: eine Polizistenmörderin aus Heilbronn, die sich im Laufe der Zeit auch noch als Kleinkriminelle betätigt hat.

Was gegen diese These sprach, war, dass üblicherweise die Täter einen bestimmten modus operandi an den Tag legen und einen bestimmten Typus von Verbrechen bevorzugen. Das ist wie in anderen Professionen auch: Man findet nur wenige Menschen, die gleichzeitig als Dirigenten eines Symphonie-Orchesters und als Metzger und als Grundschullehrer und als…. arbeiten.

Diese Erfahrung hat zur Entwicklung des Berufs des “Profilers” geführt. Er analysiert den Tatort, den modus operandi, und entwickelt so ein Profil des Täters. Denn in der Art, wie man mordet, Autos klaut etc. zeigt man ziemlich viel von sich: “Zeige mir, wie du mordest, und ich sage dir, wer du bist…!”

Die alternative Erklärung für den gemeinsamen Nenner ist, dass es sich um ein Beobachterphänomen handelt, d.h. um eine Gemeinsamkeit, die durch den Prozess des Beobachtens kreiert wurde. In diesem Fall: Ein Verpackerin von Wattestäbchen, die zur Sicherung der DNA am Tatort benutzt wurden.

So deutlich und offensichtlich wie hier ist das Zurechnungsproblem des Beobachtens normalerweise leider nicht. Deswegen wird es meist auch nicht in die Reflexion der Beobachtung einbezogen (zumindest von Menschen, die keine konstruktistischen Prämissen verwenden).

Bookmarken bei
Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • TwitThis
  • Colivia
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Wikio DE

1 Kommentar

  1. Ja Kruzi, Herr Simon, scharf beobachtet.
    Auch ich verhalte mich immer ganz anders, wenn ich zum Beispiel im Café den Eindruck habe, jemand beobachtet mich.
    Mein Haustier ist übrigens Schrödingers Katze.

    Freundliche Grüße
    Ich lese Sie gern – fühlen Sie sich beobachtet.
    Wie einer schreibt sagt nämlich noch mehr über einen als seine Art zu morden jemals verraten kann.

    Kommentar by Luise Häberle — 30. März, 2009 @ 00:43 Uhr

RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel.

Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.

Mai 2012
M D M D F S S
« Apr    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
Systemische Kehrwoche

nach Stichwort
Carl-Auer LebensLustCarl-Auer CompactCarls Klassiker-BibliothekCoachingFamilientherapie und FamilienforschungHypnose und HypnotherapieKinder- und JugendlichentherapieManagement / OrganisationsberatungOrganisations- und StrukturaufstellungenPaartherapiePhilosophie / Systemtheorie / GesellschaftPsychiatriePsychologie/PsychotherapieSystemaufstellungenSystemische MedizinSystemische PädagogikSystemische Soziale ArbeitSystemische TherapieTherapie und HumorVerlag für Systemische Forschung
HörBarLesBarBuchBar
AnsprechpartnerCarl Auer – Geist or Ghost?Jobs & PraktikaVerlag für Systemische ForschungSo finden Sie uns
Für AutorenBuchhandelPartnerbuchhandlungVeranstaltungenLinksProspektanforderungNewsletterGeschenkgutscheinE-Cards
AktuellesRezensionsexemplareUnsere VorschauVerlagsgeschichte