Simons Systemische Kehrwoche

Drei Plagen

Fritz B. Simon

Nach dem Erdbeben (2008) in Sezuan, bei dem ca. 90.000 Menschen ums Leben kamen und 350.000 verletzt wurden, hatte die Bevölkerung zusätzlich unter drei Plagen zu leiden:

Feuer, Diebstahl und Psychotherapeuten.

Zu den ersten Plagen ist nicht viel zu erläutern, sie sind bei solchen Katastrophen bekannt. Was hier noch hinzu kam, war ein Tsunami von Psychologen etc., die sich auf die vermeintlich traumatisierten Menschen stürzten. Sie kamen nicht nur aus China, sondern aus aller Welt. Obwohl sie meistens keine Ahnung davon hatten, wie in der Gegend die sozialen Strukturen waren, welche Sprache gesprochen wurde, welche Glaubenssysteme den Alltag bestimmten, welche Coping-Strategien die Menschen üblicherweise verwendeten usw., drängten sie sich mit der Selbstgewissheit des Experten, der weiss, wie der Traumatisierte “an sich” funktioniert, den Überlebende auf. So wurden Flugblätter verteilt, auf denen die Symptome von “PTSD” (“Posttraumatic Stress Disorder”) beschrieben waren, damit jeder weiss, was von ihm erwartet wird, wenn er einem dieser Psychos begegnet.

Ein schönes Beispiel für die diagnostischen Kolonisierungsstrategien, die – wahrscheinlich ja gut gemeint – von individuumbezogen arbeitenden Kollegen, die an eine universell gültige Psychologie glauben und noch nie das Wort Kontext gehört haben, angewandt werden. (Manche kamen auch nur mit Fragebogen, um die Leute zu beforschen.)

Hilfreich waren, so zeigt sich nach zwei Jahren, die in der Region und der dort vorherrschenden Subkultur eh schon gegebenen Mechanismen des Umgangs mit Katastrophen, die sich über die Jahrhunderte entwickelt haben. Und sie sind in erster Linie kollektivistisch: Der Einzelne merkt, dass er nicht allein gelassen wird, dass eine starke Führung in die Verantwortung geht, dass andere die Situation auch bewältigen, dass für das physische Überleben gesorgt wird (Essen und Trinken, Unterkunft), dass es große Solidarität unter den Überlebenden gibt etc. (alles keine auf das jeweilige Individuum speziell zugeschnittenen Botschaften oder Massnahmen, sondern allgemein wirksame).

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8 Kommentare

  1. Das gesamte Konstrukt “Traumatherapie” leidet mitunter doch arg unter deterministischen und mit bunten Neuro-Bildchen untermauerten Kausalitätsvorstellungen. Schade eigentlich, ist aus systemischer Sicht ja ein spannendes Feld.

    Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 25. Juli, 2010 @ 20:14 Uhr

  2. Trauma, die unerwartete existentielle Bedrohung der bisher als integer erlebten psychischen, somatischen, sozialen Umwelt…
    mir erscheint die bewertende psychologische Abtrennung des Traumas vom Kontext problematisch, eine pseudowissende psychologische Position, aus der nichts gewusst werden kann weil nichts erlebt wurde: “der ganz und gar falschen Doktrin, daß jemand etwas wissen kann, indem man es ihm erzählt“ (Spencer-Brown, G. 1969, S. X)

    Kommentar by o.werner — 27. Juli, 2010 @ 10:52 Uhr

  3. So isses halt. Hoppelhopp, von einer Patentidee zur nächsten.
    Von abgrenzbaren “Systemen” und anderen Nominalisierungen in ebenfalls scheinbar geschlossenen Sätzen zu sprechen, ist doch auch so etwas, was die Unendlichket der Welt aushaltbarer zu machen verheißt.

    Kommentar by Max Liebscht — 28. Juli, 2010 @ 16:59 Uhr

  4. Die Verheißung als Trugbild “ich bin ein Teil, von jener Kraft,…”
    - Mephisto lässt das erste Komma aus -

    Kommentar by o.werner — 29. Juli, 2010 @ 13:30 Uhr

  5. Not-Ärzte…

    Kommentar by es — 29. Juli, 2010 @ 14:33 Uhr

  6. Zu 4.

    … das mit Mephistos Komma versteh ich, glaub ich, nicht … zumal “Ich bin” an dieser Stelle nicht vorkommt … ergo ratlos …

    Kommentar by Uli Wetz — 30. Juli, 2010 @ 10:33 Uhr

  7. “Ich bin” kommt im Text tatsächlich nicht vor – danke für den Hinweis – ergibt sich jedoch aus der Frage davor “Nun gut, wer bist du denn?”
    Das Komma verschiebt den Focus auf Teil, weg von der Kraft, das gefällt mir, erscheint mir sinnvoll.

    Kommentar by o.werner — 30. Juli, 2010 @ 15:28 Uhr

  8. … ach so, ja stimmt. Da sich aber weit und breit keine Kommaregel finden läßt, mit welcher im Einklang stehend man guten rechtschreiblichen Gewissens hier ein Komma setzen könnte, schlage ich einen Gedankenstrich vor – der verstärkt sogar noch den Effekt …

    Kommentar by Uli Wetz — 30. Juli, 2010 @ 17:33 Uhr

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