Eckensteher
Fritz B. Simon
Gestern war ich auf einem Fest. Ich stand in einer Ecke, der Blick auf die vielen sich unterhaltenden Leute gerichtet. Ein Freund aus Australien stellte sich zu mir, und wir begannen unsere Eckensteher-Erfahrungen auszutauschen.
Offenbar gibt (gab?) es das kulturübergreifende Muster, Kinder in der Schule in die Ecke zu stellen – Blick zur Wand, Rücken zum Rest der ehrenwerten Gesellschaft, wenn sie irgendwas “verbrochen” haben.
Früher, als ich noch selbst in der Ecke stand, habe ich mir natürlich keine Gedanken darüber gemacht, wie solch eine Inszenierung zu deuten ist: Ein Mensch, der von der Beobachtung der anderen ausgeschlossen wird, während er von allen anderen beobachtet wird (allerdings nur von hinten, so dass seine Beiträge zur Kommunikation – Mimik, Gestik etc. – zwangsläufig auf nahezu Null reduziert sind. Doch dieser Ausschluss aus der Kommunikation wird deutlich für alle anderen kommuniziert.
Eckenstehen als rituelle Exkommunikation (in Australien manchmal stundenlang, in Deutschland habe ich es aber nie länger als bis zum Ende der Stunde erlebt.)
Gibt es das eigentlich heute noch?
6 Kommentare
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel.
Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.











Ob das Eckenstehen in Schulen heute noch ausgeübt wird, weiss ich nicht, bezweifele es aber.
Interessanterweise praktizieren Pferde diese Sanktion nach wie vor in ihren Herden.
Pferde, häufig sind es die neu in die Herde hinzugekommenen, die sich aus Sicht der Leittiere nicht angemessen verhalten, z.B. indem sie deren Führungsqualitäten in Frage stellen, oder andere unangemessene, die Herde gefährdende Verhaltensweisen zeigen, werden von dem Leittier (in der Regel die Leitstute) in die Ecke gestellt. (auf der eingezäunten Weide).
Dort werden sie meist mit nur winzigen Körpersignalen der Leitstute (Ohrenbewegungen, leichten Drehungen) so lange exkommuniziert, bis sie von dem Leittier wieder integriert werden.
In frei lebenden Herden wird das Tier so weit vertrieben, dass es in einem, für ein Herdentier unangenehmen Abstand verweilen muss, bis das Leittier manchmal erst nach Tagen entscheidet, es wieder in die Herde zu lassen.
In der Regel fügen die Ausgegrenzten sich nach dieser extrem stressigen Erfahrung in die Herde und nehmen den ihnen zugewiesenen Rang an.
Exkommunikation ist eben, eine der machtvollsten Interventionen in sozialen Systemen.
Kommentar by SusHi — 17. Dezember, 2011 @ 20:15 Uhr
Also ich finde, bei Herrn Simon hat es irgendwie nicht so richtig funktioniert.
Oder ich muss den Rahmen anders rekonstruieren …
währenddem er der Menge meistenteils das Hinterteil zuwendet, gibt er in seinem Blog mit nur winzigen Körpersignalen zu erkennen, dass er der Vorstellung prinzipiell nähergetreten ist, die ausgeschlossene Herde wieder in seine etwas weiter fortgeschrittene, aber auf Dauer etwas einsame Leitstutenwelt zu integrieren.
Kommentar by Max Liebscht — 18. Dezember, 2011 @ 12:28 Uhr
Der Eckensteher ist ja oft der Klassenclown.
http://de.wikipedia.org/wiki/Eckensteher_Nante
Der Eckensteher Nante, eigentlich Ferdinand Strumpf (* 1803; † ?), war ein Berliner Dienstmann mit der polizeilichen Konzessionsnummer 22 (vermerkt auf einem Messing-Nummernschild, das um den Arm getragen wurde). Nante hatte an der Ecke Königstraße/Neue Friedrichstraße seinen Standort – unweit der Destillation Eulner, in der er einzukehren pflegte. An der Straßenecke auf Gelegenheitsarbeiten wartend, kommentierte er, was sich um ihn ereignete mit einem Witz, der ihn zum Berliner Original machte. ….
Kommentar by duscholux — 18. Dezember, 2011 @ 12:41 Uhr
Ein geübter “Systemiker” kann aus dem Stand heraus verzweifeln.
Kommentar by es — 18. Dezember, 2011 @ 13:50 Uhr
Ein geübter Systemiker zweifelt nicht nur.
Er glaubt auch.
Kommentar by Max Liebscht — 19. Dezember, 2011 @ 10:26 Uhr
Weniger hastig, schlampig formuliert:
Wer sich der Prämisse anvertraut, dass Menschen, Organisationen, japanische Steingärten, Tante Martel und andere Welten Strukturen sind bzgl. derer wir im Grunde nicht genau wissen können, wo sie anfangen und aufhören, der öffnet sich einer mystischen Erfahrung. Wer sozialen Anschluß sucht und sich zwecks dessen der Prämisse anschließt, dass die Gestaltbildungen, welche wir in die Strukturen und Strukturüberlagerungen hineinfokussieren und „Systeme“ nennen, die entscheidende Abstraktionsdimension wären, wird zum Dogmatiker. Wir brauchen beides; systematisierten Zweifel wie systematisierten Glauben – entweder als Spiel mit verteilten Rollen oder als chronisch provisorisch Paradoxielösung, sprich: Lernen „innerhalb“ des sich solcherart besondernden sozialen Einzellers.
Kommentar by Max Liebscht — 20. Dezember, 2011 @ 06:26 Uhr