Simons Systemische Kehrwoche

Eltern vs. Staat

Fritz B. Simon

Die Frage, ob Geld in KiTas oder Eltern investiert werden sollte, wirft natürlich einige prinzipielle Fragen auf: Wieweit kann, soll, darf, muss sich der Staat in das Leben von Familien einmischen?

Unter den Helfern dieser Welt – vor allem denen, die sich dem Kindeswohl verpflichtet fühlen – wird das Recht/die Pflicht des Staates sehr weit gefasst. Seit ich begonnen habe, mich mit Familientherapie zu beschäftigen (vor ca. 35 Jahren), bin ich Hunderten von gutmeinenden Therapeuten begegnet, die versucht haben, Kinder vor ihren Eltern zu retten – und damit m. E. oft ganz tragische Entwicklungen ausgelöst bzw. Katastrophen produziert haben.

Auf der anderen Seite scheint mir die Auffassung, dass Kinder Eigentum der Eltern sind, auch eine höchst problematische Anschauung. Eine Fürsorgepflicht des Staates, die auch über die Rechte der Eltern gestellt ist, scheint mir durchaus sinnvoll. Seit der Einführung der Schulpflicht hat sich der Staat hier ja schon einige Jahrhunderte eingemischt – nicht immer zur Freude der Eltern oder zum Wohle der Kinder. Dass er dies nicht aus Nächstenliebe getan hat, ist auch klar.

Mir scheint, dass dies wieder einer der Konflikte ist, die nicht ein für allemal entschieden werden können, sondern immer wieder – oft auch auf den Einzelfall bezogen – neu diskutiert werden müssen. Der Neuköllner Bürgermeister, der das Geld lieber in die Kinder statt den Alkoholkonsum der Eltern oder anatolische Großmütter investiert wissen will, bildet den einen Pol, die Zehlendorfer Eltern, die das Betreuungsgeld in den Klavierunterricht ihrer Kinder investieren wollen, den anderen. Beide habe ganz gute Argumente, finde ich.

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6 Kommentare

  1. Ich denke schon, wenn der Staat mit viel Geld Kinder fördern will, dass es legitim ist zu sagen wie er dies tun will. Beim häuslichen Betreuungsgeld kommt es sicher am wenigsten da an wo es hingehen soll. In die Förderung der Kinder.Und die Zehlendorfer Kinder brauchen es gar nicht, die werden sicherlich schon ausreichend gefördert.(für Nichtberliner: Zehlendorf ist einer der wohlhabendsten Bezirke in Berlin)
    Die Idee mit dem Betreuungsgeld stammt doch originär aus Bayern und Baden-Württemberg und ist politisches Kalkül. Angesichts massivem Mangels an geeigneten Betreuungsmöglichkeiten können viele Frauen dort über Jahre hin nicht zurück in den Beruf.Meine früheren Kolleginnen von der Audi Akademie in Ingolstadt können davon ein Lied singen… Das zementiert die alte Rollenverteilung und ist den Konservativen recht. Und auch viele Frauen tragen dort dieses Bild weiter. wenn man in bayern sein Kind früh in die Kita gibt ist man in den Augen der Nachbarinnen eine absolute Rabenmutter. Das gerade eine sogenannte “Modernisiererpartei” wie die FDP das Betreuungsgeld mitmacht ist schlimm genug. Aber es ist halt billiger den Eltern ein bischen Geld zu geben als in Ausbau und der Qualität der Betreuung dort zu investieren. Da sind die beiden Musterländle nämlich echte Entwicklungsländer.
    Ich bin kein Fan der CDU, aber einer von Buschkowsky und teile seine Meinung dazu.Vielleicht liegt der Weg ja darin immer genau zu überlegen, wo mischt sich der Staat lenkend ein und wo nicht. Im Gegensatz zu dir Fritz habe ich eher die Erfahrung in meinem früheren Job im Kinderschutzbereich gemacht, dass fast alle Helfer sich nur noch als Therapeuten verstehen, weil die Rolle schöner ist. Dass Sozialarbeit aber schlichtweg auch Eingriff und Kontrolle bedeutet, wollten viele Kollegen als Rolle nicht wahrnehmen, weil es ins moderne Selbstbild des Helfers, der um Hilfe gebeten wird, nicht passt.Da wurde oft weggeschaut wenn man wirklich dringend eingreifen musste. Die jetzt in Berlin rapide ansteigenden Kosten der Jugendhilfe weisen eindeutig daruf hin, dass erst durch die vielen Artikel zu Kindesmißhandlung und Verwahrlosung Druck machen von dieser “Therapeutenrolle” runter zu kommen.

    Kommentar by W.L — 28. Oktober, 2009 @ 15:36 Uhr

  2. Systemisches Denken und Handeln in diesem Bereich scheint trotz allem Fortschritt noch immer verbreitet. Mir muß zunächst erst einmal selber klar sein in welcher Art situativem Rahmen ich psychologischer Helfer sein kann und in welcher Art situativem Rahmen ich als Funktionär staatlicher Aufsichtspflicht über den Mitbürger soziale Kontrolle wahrzunehmen habe. Wenn mir das selber nicht klar ist, dass ich auch Wertungen anhand vorgegebener Kriterien zu realisieren habe, so fehlt die Grundvoraussetzung, um meinem Klienten nachvollziehbar zu vermitteln, unter welchen Voraussetzungen ich ihm in welcher Rolle begegnen werde. Was statt einem Arbeitsbündnis mit transparenten Spielregeln in einem solchem Setting herauskommt ist eine ziemlich schizophrene / Borderline- mäßige Situation. In der Kooperationssitaution Typ s) werde ich sowohl als “Lern”) Helfer als auch als mit Machtmitteln ausgestatter Kontrolleur als inkongruent und daher nicht überzeugend wahrgenommen. Das führt dann regelmäßig zu Überraschungen, wenn sich der Helfer auf die andere Dimension seines Tuns besinnt. In der Kooperationssituation Typ Borderline wird der Hilfsbedürftige schnell in Treu und Glauben verrückt, weil sich der Helfer/Aufpasser seine Entscheidungen mal aus der Rollenidentität mal aus jener Rollenidentität trifft – was für den Klienten i.d.R. nicht nachvollziehbar ist, wenn der Helfer/Kontrolleur selber nicht reflektiert ist, um zu realisieren wer er gerade ist. Ich habe den Eindruck, die Sozialarbeiter werden diesbezüglich in den Ausbildungen nicht sensibilisiert und kommen mit so einer romantischen Haltung in diesen Arbeitsbereich. In gewisser Hinsicht kann man diese Selbstvergessenheit m.E. gut mit der des Hero im Mainstream – Management vergleichen. Dabei ist hier die transparente Vermittlung der Ambivalenz genau das, was angesagt ist. Ich für meinen Teil habe sehr gute Erfahrubgen damit gemacht, die Zwickmühle in der ich selbst bin, ganz klar weiter zu geben. Letztlich geht es nicht darum, dass ich herumeiere sondern dass ich den Leuten dadurch zu einer Entschediung verhelfe, mit wem sie es unter welchen (selbstgestaltbaren) Konditionen zu tun haben wollen. Dabei handelt es sich um eine beispielhafte Situation für soziales Lernen und innere Führung als provisorische Paradoxienlösung, wie sie sich kaum besser konstruieren läßt.

    Kommentar by Max Liebscht — 28. Oktober, 2009 @ 19:12 Uhr

  3. nee, “… noch immer n i c h t”

    Kommentar by Max Liebscht — 28. Oktober, 2009 @ 20:40 Uhr

  4. Wer zahlt, bestimmt!

    Kommentar by duscholux — 29. Oktober, 2009 @ 19:54 Uhr

  5. Der Wechselkurs der verschiedenen Währungen in denen man hoffentlich nicht draufzahlt, muss so oder so gesellschaftlich / individuell verhandelt werden.

    Kommentar by Max Liebscht — 30. Oktober, 2009 @ 13:11 Uhr

  6. Ist das “Prekariat” auf den “Rest” angewiesen oder der Rest auf das Prekariat? Wessen Beiträge sind welcher Vergeltung wert? Maren Lehmann scheint dafür zu plädieren, dass wir es sind, die die “Doofen” brauchen. Wer definiert den Verhandlungsrahmen für das, was jeder in dieser oder jener Weise für die Gesellschaft zu geben hat? Noch mal den Madagaskaplan überdenken, Autobahnen in Afganisthan bauen lassen oder weiter an der Integration der verschiedenen, simultan existierenden Gesellschaftsformen herumpfuschen? Nette Empfehlung zu einer der möglichen Lösungen für das Kurswechselproblem: http://www.weiterdenken.de/calendar/VA-viewevt.aspx?evtid=6896

    Kommentar by Max Liebscht — 30. Oktober, 2009 @ 13:24 Uhr

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