Simons Systemische Kehrwoche

Enke

Fritz B. Simon

Es ist ja faszinierend zu beobachten, wie auf den Tod von Herrn Enke öffentlich reagiert wird. Wie lässt sich erklären, dass sich 35 000 Menschen auf einem Trauermarsch durch Hannover versammeln? Er war ein guter Torwart - aber so gut auch wieder nicht. Nationaltorwart immerhin, wenn auch nur mit sieben Auftritten. Nicht wirklich eine Figur, mit der sich eine breite Öffentlichkeit identifiziert hatte. Ein kleinerer Held, eher ein regionaler. Doch auch die internationalen Zeitungen schreiben. Sehr merkwürdig.

Als Erfinder des Depressionsbarometers bin ich von Journalisten um eine Stellungnahme gebeten worden, habe das aber abgelehnt. Natürlich hätte ich zu Depression im Allgemeinen was sagen können, aber da gibt es Kollegen, die das besser können. Was mich hier fesselt, ist nicht der Tod des Spielers - seiner Familie gilt mein Mitgefühl, und das nicht mehr oder weniger als es allen Angehörigen von Selbstmördern gilt - denn der Suizid ist ja nicht nur ein Ausdruck der Selbstaggression, sondern auch ein zutiefst aggressiver Akt allen gegenüber, die sich in einer engen persönlichen Beziehung zu dem Betreffenden befinden. Deshalb gilt mein Mitgefühl besonders den armen Lokomotivführern, die von Menschen, mit denen sie eigentlich nichts zu tun haben, in eine unangemessen enge Beziehung gezwungen werden, so dass sie daraus oft nicht mehr raus kommen (20% müssen ihren Beruf aufgeben). Mit welchem Recht massen sich solche idiotischen Selbstmörder wie Herr Enke an, sich so in das Leben anderer einzumischen. Wie borniert und selbstbezogen muss man da sein?

Trotzdem: Erschütterung aller Orten um den Tod eines Fussballers. Sicher: Es ist eine grandiose Verschwendung, solch ein Tod. Aber das gilt für jeden Suizid. Irgendwas ist im Fall Enke aber besonders. Um Herrn Merkle hat keiner öffentlich getrauert, zumindest nicht in diesem Masse. Obwohl er sich auch durch einen Regionalexpress exekutieren ließ, und es für den Lokführer kaum einen Unterschied machen dürfte, ob Enke oder Merkle ihnen das antun…

Meine Hypothese ist, dass diese Trauermärsche eigentlich politische Demonstrationen gegen das so viel gepriesene Leistungsprinzip darstellen. Da ist einer öffentlich sein Berufsleben lang auf seine Leistung hin beobachtet worden, bejubelt und ausgepfiffen worden, ohne dass sich irgendwer die Frage gestellt hat, wie es ihm mit diesem Druck eigentlich geht. Seine professionelle Existenzberechtigung war an seine Leistung gebunden. Wer nicht “performt”, wird ausgewechselt und nicht mehr aufgestellt. Gefordert ist der Auftritt, die Darstellung von Leistung. Der Wert des Menschen wird daran gemessen, wie er diese Auftritte hin bekommt. Das ist aber nicht nur im Profisport der Fall, sondern auch sonst. Wo Geld (siehe Wirtschaftstheorie) als Kommunikationsmedium die Steuerung gesellschaftlicher Prozesse leitet, wird immer von Beziehungen abstrahiert. Und wer Beziehungen an die erste Stelle setzt, hat wenig Chancen zu “performen” (42% aller allein erziehenden Eltern sind Hartz IV-Empfänger).

Irgendwas stimmt da zur Zeit was nicht. Und der tote Torwart symbolisiert das alles offenbar. Man demonstriert nicht wegen eines Problems mit den Transmittern.

8 Kommentare »

  1. So geht das manchmal mit Ambivalenzen! Aber die Hypo hat zunächst immerhin was für sich.

    Einigen dieser Fettwäste auf den Rängen würde es indes sicher auch ganz gut tun, sich ihrer Leistungsfähigkeit öfter und etwas spielerischer rück zu versichern.
    Vielleicht ist diese Prozession daher eher als ein Bekenntnis zur Stellvertreterkultur einzuordnen?

    Sensu Joachim Bauer und Wolf Singer verdient hier ein Umstand unsere geschätzte Beachtung:
    Man demonstriert nicht w e g e n
    eines Problems mit den Transmitterchen,
    wie das in manchen Annäherungsversuchen zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern gern geglaubt wird.
    Wer demonstriert b r a u c h t eine interdependente Korrelation bei den Transmittern (und umgekehrt).

    Ein relevanter Unterschied, möchte man meinen.

    Kommentar von Max Liebscht — 15. November, 2009 @ 12:40 Uhr

  2. Hallo Fritz,
    ich weiß nicht, ob jemand darüber nachdenkt, was er anderen menschen mit dem Siuzid antut???? Ist vielleicht ein bischen hart.
    Allerdings finde ich die Hypothese warum der Tod von Enke so einen Nachhall findet sehr treffend. Das ist eine Demonstration gegen die ausufernde Leistungsgesellschaft, die immer mehr fordert und in der es nur noch um wirtschaftliche Verwertbarkeit geht. Gewinner und Verlierer….
    Das fängt für mich im Kindergarten an, mit Sprachkursen, Förderunterricht und allen möglichen Angeboten, in der Schule mit Abi in 12 statt 13 Jahren, geht mit dem Bachelor und Masterstudium, bei dem keine Zeit mehr zum Denken bleibt weiter und dann so jung und schnell wie möglich in die wirtschaftliche Verwertungsindustrie….
    Da können immer weniger mithalten. Die Tränen gelten da sicherlich nicht allein dem Enke….sondern dem Leiden an der Angst zu versagen…und auf der Strecke zu bleiben.
    Von daher ist das auch eine politische Demonstration.

    Kommentar von W.L. — 16. November, 2009 @ 10:31 Uhr

  3. Die ausufernde Leistungsgesellschaft ist also schuld. Wir sind so frei, für diese Sicht demonstrieren zu gehen.
    Faszinierende Sache. Er ist also wahrhaft für uns gestorben. Unser aller Stellvertreter ist nun eingegangen.

    Für weitere Hinweise in diesen Dingen empfehle ich
    als in seiner Art wohl konsequentesten Experten in Sachen Suizid
    Philipp Mainländer und seine “Philosophie der Erlösung”…

    Kommentar von Max Liebscht — 16. November, 2009 @ 16:07 Uhr

  4. Nicht die ausufernde Leistungsgesellschaft (quantitativ) wird hier m. E. thematisiert sondern die qualitative Definition von Leistung. Vor den Zeiten der Industrialisierung war Leistung mit Wertungen verbunden: Widerstand „leisten“, Gefolgschaft „leisten“. Später wurde der Bogen quantitativ-neutraler Leistung gespannt von den Helden der Arbeit, den Killing-rates der Vietnam-Kämpfer bis hin zu den Glanztaten der Elfmetertöter. Stimmt es, dass in der Bayern-Kabine der Depressions-Geoutete Deisler als „Deislerine“ empfangen wurde? Was machen eigentlich die professionellen Mental-Trainer in den Vereinen und in der Nationalmannschaft? Der Presse ist zu entnehmen, dass Nationaltrainer Löw schon kurz nach der Trauerfeier für das nächste Länderspiel ausgegeben hat: Wir müssen „alles tun, dass wir zur Normalität zurückkehren.“ Also: Vor dem Spiel ist nach dem Spiel. Bei aller Bewunderung, was sich die Vereine auf dem Tranfermarkt beim Ein- und Verkauf von Spielern so leisten, wer sich Schwächen leistet gehört wohl nicht zu dieser Normalität. Fußball ist unser Leben.

    Kommentar von Karl L. Holtz — 17. November, 2009 @ 00:08 Uhr

  5. Wir haben es da wohl mit schlicht mit Standards diverierender Kulturen zu tun. Wer sich vertrippelt hat, muss dem Schicksal zu Ehren Opfer bringen. Von der Flappsigkeit des Kommentars mal abgesehen, mein ich das schon ernst mit der Huldigung an die Stellvertreterkultur, an alternativlos erscheinendes, heroisches Opfertum. Das Spiel mit Stellvertretern lebt von Identifikation - so oder so. Von daher wird da schon was dabei sein vom “Er ist für uns gestorben!”.

    Kommentar von Max Liebscht — 17. November, 2009 @ 08:55 Uhr

  6. Nachtrag zu denen, die sich offenbar noch nicht versorgt glauben:
    http://www.arte.tv/de/Die-Welt-verstehen/Burnout/2892482.html

    Kommentar von Max Liebscht — 17. November, 2009 @ 16:48 Uhr

  7. Nachdem mich ein Bekannter auf Ihren Artikel hingewiesen und diesen als “sehr gut” beurteilt hat, brennt mir ein Statement auf der Zunge: Ziemlich schwarz-weiss gedacht! Und eine Frage:

    Herr Fritz B. Simon, hatten Sie überhaupt schon mal eine Depression?

    Kommentar von J. Sander — 21. November, 2009 @ 13:00 Uhr

  8. @J. Sander:

    Nein, da haben Sie natürlich recht, wenn Sie mein Statement in Frage stellen: Ich habe noch keine Depression erlebt, die von meinen Kollegen als “Major Depression” diagnostiziert würde.

    Aber ich habe ziemlich viele behandelt und mir ihren Familien gearbeitet.

    Kommentar von FBSimon — 23. November, 2009 @ 09:19 Uhr

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