Simons Systemische Kehrwoche

Erfahrungen

Fritz B. Simon

Gestern Abend, vor dem Endspiel um die Fußball-Europameisterschaft, sagte der Sprecher der Tagesschau: “Spanien stand vor 44 Jahren zum letzten Mal in einem Europameisterschaftsendspiel, das deutsche Team hat mehr Erfahrungen….” (ich hoffe, den Satz einigermaßen wörtlich zitiert zu haben).

Was mich an der Formulierung stutzig machte: Wie kommt der Redakteur, der diese Formulierung gewählt hat, auf die Idee, die deutsche Mannschaft hätte Erfahrungen mit Europameisterschaftsendspielen, wo doch kein einziger der Spieler vor 12 Jahren schon dabei war?

Gibt es die Mannschaft bzw. ihre Erfahrungen auch unabhängig von den konkreten Akteuren? Reicht der Name?

Bei Organisationen scheint mir das anders. Da sind im Laufe der Geschichte Strukturen entstanden, d.h. Rollen und typische Prozeduren und Routinen haben sich als Ergebnis von Erfahrung eingespielt…

Aber gilt das auch für ein Team, bestehend aus 11 (oder 23) Leuten, von denen keiner beim letzten Mal dabei war?

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5 Kommentare

  1. Vorweg: Ich habe keine Ahnung von Fußball. Aber kann es nicht tatsächlich sein, dass sich, weniger in der Mannschaft selbst, also der konkreten Interaktion der tatsächlichen 11 Akteure auf dem Platz, sondern auf der Ebene jener Strukturen, die so etwas wie den “deutschen Fußball” (habe gehört, dass es sowas gäbe?!) determinieren, ähnliche Entwicklungen wie in Organisationen gibt? Ich habe keine Vorstellung, was das konkret sein soll. Vielleicht aber eine Tradition didaktischer Methoden des Trainings oder über Generationen gewachsene taktische Prinzipien o.ä.? Gab es 2006 nicht die Debatte, inwieweit Klinsmanns “amerikanische Methoden” auf den “Stil” des deutschen Fußballs anwendbar seien? Kommentatoren sprechen dann ja auch in Floskeln wie “die deutsche Mannschaft ist seit jeher eine Mannschaft, die…”.

    Eine gute Freundin hat mal systemische Beratung für den DFB angeboten. Die frag ich mal, ob sie sowas beobachtet hat.

    Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 30. Juni, 2008 @ 18:17 Uhr

  2. Ich glaube, dass es früher sowas mal gab. Da haben die meisten deutschen Spieler in Deutschland gespielt. Es gab also durch die Liga eine “gewisse Art, zu spielen”, Regeln und tüpische Manover.

    Durch die Internationalisierung (etwa die Hälfte der Spieler der Nationalmannschaft sind im Ausland tätig) gibt es jetzt aber weniger “landestypischen” Fussball.

    Trotzdem: Die Nationalmannschaft steht nicht im lehren Raum. Die Vereine stehen dahinter.

    Kommentar by Holger Huckfeldt — 1. Juli, 2008 @ 10:07 Uhr

  3. 1.) Zunächst glaube ich, ist die Differenzierung zwischen Selbst- und Fremdbeschreibung wichtig. Bei dem Kommentar handelt es sich um eine Fremdbeschreibung, deren Treffsicherheit auch bei einem Sportreporter nicht zwangsläufig gegeben ist. Ich persönlich würde dies nicht als akkurate Beschreibung einer Prozessdynamik aus dem Off auffassen, sondern als mythologischen Sprachgebrauch, der den Zuschauer teilhaben lässt aus einer konstruierten Vogelperspektive, die die Spieler auf dem Feld nicht haben.
    2.) “das deutsche Team” ist vermutlich im Auge eines Beobachters, der ein wenig mehr Einblicke hat, mehr als das Team auf dem Platz und auf der Bank, sondern der ganze Stab, worin sich tatsächlich Menschen befinden, die auf eine jahrzehntelange Erfahrung zurück greifen können – business as usual, d.i. der Moment auf dem Platz (diese ca. 90 Minuten)ist nur die Spitze des Eisberges der professionellen Wirklichkeit der Protagonisten. Wir folgen der absoluten Inszenierung dieses Ausschnittes obwohl diese in der je einzelnen Spielerkarriere relativ ist…
    3.) Zur Ursprungsfrage: “Gibt es die Mannschaft bzw. ihre Erfahrungen auch unabhängig von den konkreten Akteuren?” Meiner Meinung nach, ein deutliches JA! Und das ist richtig spannend, denn die Akteure sind (wie wir alle) nicht nur historisierte Subjekte, sondern spielen vor dem Hintergrund einer einerseits kollektiv und andererseits auch individuell subjektivierten Historie, d.h. müssen eine leistungsfördernde Schnittmenge dieser verschiedenen Identitätspotentiale konstruieren, um die Fußball-Geschichte weiterzuschreiben. Meiner Meinung nach ist die Überschrift des nächsten Abschnittes noch offen und die Entwicklungsaufgabe, die es zu lösen gilt lautet (und hier sind wir wieder mitten im Bereich der Fragen von Organisationen – zumindest wie sie mich häufig als externe Beraterin erreichen): Wie er-leben wir als Team die notwendigen Bestandteile um mit Spaß verbindlich Hochleistungen zu bringen? Die wichtigen Dinge im Leben kann man nicht verordnen, Herr Löw!

    Kommentar by Vanessa Laszlo — 1. Juli, 2008 @ 22:10 Uhr

  4. Dass der Kreis der Beteiligten – nicht nur die Spieler, sondern Funktionäre, Betreuer etc., älter, d.h. länger dabei als die Spieler ist und dass der Wechsel des Personals nicht diskontinuierlich erfolgte, dürfte wirklich im Sinne einer Kontinuität des Teams bzw. der es kennzeichnenden Kommunikationsmuster wirken.

    Das leuchtet mir ein…

    Kommentar by Fritz B. Simon — 2. Juli, 2008 @ 15:16 Uhr

  5. Danke, Vanessa!

    Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 2. Juli, 2008 @ 19:35 Uhr

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