Simons Systemische Kehrwoche

Ertrunkene

Fritz B. Simon

Pubnico ist ein Fischerort an der Ostküste von Nova Scotia, Kanada. Das einzige Buch, das dort (meines Wissen) verfasst worden ist, beschäftigt sich mit den Einwohnern des Ortes, die ertrunken sind. Das ist für einen Fischerort offenbar eines der Themen, die seit seiner Begründung nicht an Bedeutung verloren haben – wenn nicht das einzige (über andere sind zumindest keine Bücher geschrieben). Ertrinken ist für Fischer wahrscheinlich dem Tod eines Soldaten im feindlichen Feuer zu vergleichen. Das Buch: ein schriftliches Kriegerdenkmal.

Jeder einzelne Tote ist mit Namen und Todesdatum und -umständen aufgeführt. Es sind insgesamt 103. Da findet sich zum Beispiel der Tod von XY, der Steuermann auf einem Schooner war und im Jahre 1861 von seinem Steuerrad bei starkem Wind über Bord geschubst wurde. Alle sofort eingeleiteten Rettungsversuche der übrigen Mannschaft waren vergeblich.

Es sind Schicksale und Abenteuer, die sich hinter diesen kurzen Geschichten erahnen lassen, die eines Melville würdig wären.

Wie banal erscheint dagegen der Tod des letzten Ertrunkenen im Jahre 2003: Er ist mit seinem 4-Wheeler (einem vierrädrigen Motorrad, das meist als Spielzeug für Erwachsene verwendet wird) im Eis eingebrochen.

Immerhin, auch dieses Missgeschick hat gereicht, um im Buch der Helden der See einen Eintrag zu erhalten. Ertrunken ist schließlich ertrunken.

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1 Kommentar

  1. Als ich mal am Ertrinken gewesen bin, ist das auch so eine komische Sache gewesen. Ertrunkene sprechen zwar Bände, reden meist aber eigentlich nicht so gern von sich. Daher is wohl mal ein klares Wort vom Fachmann angesagt zur Sache an sich. Erst Monate später konnte ich mich daran erinnern, wie der Film der auf und ab schwabbelnden Wasseroberfläche sich auf meinen Klüsen hoch und runter zog. Ähnlich, wie wenn man eine Taucherbrille auf hat und diesen Prozess versuchsweise mal etwas langsamer ablaufen läßt. Das kann man ja mal so für sich untersuchen, bzw. versuchen, sich einfach schon mal daran zu gewöhnen, wie das ist, wenn einem das H2O nicht nur bis zum Halse steht sondern die Wellen über einem zusammenschlagen. Merkwürdig, wenn die eigene sog. Erinnerung einem vorkommt wie sozialkonstruiert, man im Rahmen seines Vermögens aber keine andere zu kaufen bekommt. Die organisationseigene Berichterstattung erweist sich im Nachhinein ob ihrer unwahrscheinlichen Formen als medienmanipuliert durch (DDR – zulässige) Jean Cousteau- Filme! Wenn man es nicht schon ist, wird man sich nun verdächtig. Verdächtig wie die Buddhastatuen auf den von Triaden kontrollierten Geldwäscherestaurants der großen urbanen Zentren für Kosmopolitenintegration. Später. Irgendwie dann doch wieder okay, sobald das Essen wieder schmeckt. Monate nach dem Absaufen berichteten die anderen Opfer des Schwimmunterrichtes, ich habe, nachdem mich der dicke Bademeister aus 3,60 Tiefe von den Kacheln hochgeholte hatte, interessant blau ausgesehen und auch ein bißchen ekelig mit dem Blut aus Schlund und Nasen. In meiner Erinnerung sehe ich undankbares Subjekt diesen Menschen samt seiner dunkelhaarigen Bademeisterfrau als konturlos schwammige Figuren. Dabei wußten diese etwas zu groß geratenen Ins- Wasser- Schupser uns Drittklässlern gegenüber recht strukturiert aufzutreten. Wenn der Hall in dieser Schwimmhalle nicht alles derart zerscheppert hätte, so hätte die zusammengedrängte Angst der nackigen Nichtschwimmer unweigerlich bis zu den verhinderten Königen und Königinnen unserer phantastisch heilen Familienverbände dringen müssen. Telepathie wurde aber erst zu BRD – Zeiten eingeführt (die ganzen Ostesoteriker mußten damals statt Osho Karten noch mit dem Pionierausweis auskommen, scheinen seinerzeit trotzmitohne Erleuchtung aber irgendwie … wundersam gut klargekommen zu sein – worin aber wohl das eigentliche Mysterium von Gottes Unerforschlichkeit zu sehen ist.
    Von den durch 40 so und so frierende Kinderseelen flehentlich herbeigerufenen heimlichen Schutzgeistern jedenfalls keine Rettung. “Ich denke du willst schwimmen lernen! Also marsch rein mit dir” Bei Kindern von Eltern, die nicht mal imstande gewesen sind, ihren Kindern wenigstens das Hundepaddeln bis zur dritten Klasse beizubringen, war auch und gerade zu DDR Zeiten nichts zu befürchten an Ressentiment gegenüber den auch mal etwas unterhaltsameren Feinheiten etwas gröberer Pädagogik. Nachdem ich aus dem Koma aufwachte, erschien mir der Besuch meiner Klassenleiterin als etwas Wunderbares. Meine Klassenleiterin höchstpersönlich kommt mich besuchen und ich empfange sie im Krankenhaus. (Die hatte aber auch einen blinden Sohn in meinem Alter und deshalb so ein Karma wie es Unglücksraben mögen.) Sogar der Alte ließ sich samt ungewohnter Rührung sehen und irgendwie ja plötzlich war es fast irgendwie so als ob man jemand sei. Rätselhafter Vorgang für mich bis heute. Wahrscheinlich spielt, wenn man sich mit Ertrinken beschäftigt, auch einfach die innere Einstellung eine beträchtliche Rolle. Weil ich mich da als Kind nicht so vorbereiten konnte wie mancher gereiste Erwachsene sich das vielleicht leisten kann, ist die Ertrinkerei bis heute nicht etwa nur mit Unannehmlichkeit assoziiert. Meine Klassenlehrerin höchstselbst brachte mir Apfelsinen (Apfelsinen und nicht etwa die von Insidern noch heute gefürchteten Kubaorangen.) mit, für die sogar meine verhasst bis verachteten Klassenkameraden zusammengelegt hatten. (Der Ausschlag, den ich bekam, war wohl meine erste bewußtere Begegnung mit den Mysterien der Psychosomatik)
    Mitten in der DDR also plötzlich aus dem Nichts massenweise Apfelsinen. Das war ähnlich phantastisch wie das Ufo, daß ich anläßlich mühseliger Reorientierung nach dem Wieder zu mir kommen aus dem Koma endlich als Schnabeltasse vor meiner Nase identifizieren konnte. Man mag sich zwar unwillkürlich erst mal ein wenig verkrampfen wenn statt Luft nur Wasser kommt, aber auch hier habe ich so eine Ahnung, wie wenn man die von Esoterikern vielbeschworene Kraft des Loslassens für einen würdigen Abgang utilisieren könnte.
    Im Hypnoseminar habe ich mal einen stillen Menschen getroffen, der sich etwas überrascht zeigte, über meine sensiblen Verständnismöglichkeiten anläßlich des Berichtes einer von ihm vorsichtig gestandenen Obsession. Sich in der einsamen Mitte größerer Seen einfach sinken lassen in die dunkle Kühle schier grundloser nasser Räume! Jedes mal ein wenig tiefer fallen lassen. Nicht an scharfkantigen Müll im hohen Schlamm denken. Und auch nichts Mitkriegenmüssen von Gesprächen wie bspw. gerade jetzt vor meinem Fensterkino da sich Görlitzer Schläger biergelaunt über ihre Ergebnisse in irgendwelchen Trainings austauschen.) Diese gediegene Ruhe da unten, just der minimalistische Drumbeat des eigenen Herzschlages in den Ohren und vornehm entrückt ein bißchen Schwibbelschwapp irgendwo da oben. Beim rauschhaften Emporschnellen zur Wasseroberfläche erfreulicherweise wieder kein Propeller im Haar. Echt ausersehen, wie man sich da fühlt. (Die Propelleropfer kriegen allerdings interessantere Presse.) Neulich bei der Müritz bin ich immerhin drauf angesprochen worden, was ich Blödmann eigentlich daran fände, egal unabgemeldet von einem Seeende zum anderen zu schwimmen. Da potentielle Selbstmörder nachher keine Gelegenheit haben zu ihrem Tatort zurückzukehren, müssen sie sich das Ganze offenbar vorher auf der Zunge zergehen lassen. Da ich (oder es) laut einer inzwischen sicher auch bekannter gewordenen Rudelphilosophin (in dem Maße, als man Psychologie noch nich viel Ahnung hat, is mer auf´s Philosophieren angewiesen?), aber demnächst von hier aus doll Karriere mach, laß ich diese leicht letale Variante von Eventmarketing jetzt eher mehr so locker mit laufen als 1 denkbare Möglichkeit, um die verdiente Aufmerksamkeit der Weltlächerlichkeit doch noch zu finden. (Immerhin auch als kinderfreundlichkostengünstige Altersvorsorge zu bedenken – ein Gehenkstein findet sich immer.) Abgesehen von der kanadischen und der von mir hiermit empfohlenen Spielart, sich ein wenig Aufmerksamkeit für seine trüben Stunden zu organisieren, gibt es nachtürlich noch diejenigen, die es mit dem Ertrinken fortlaufend auf die Weise versuchen, daß sie sich Flüssigkeiten gläserweise in den Hals schütten. Flatrate is in dem Fall aber eher langweilig. Kommt für intelligente Menschen wie hier aber sicher auch so nur ausnahmsweise in Frage. Warum? Anstatt, daß man berühmt wird, gewöhnt sich die rasch gelangweilte Mitwelt rasch an diese verschämten Hilferufe der Seele. Klugerweise schreibt Fritz B. Simon daher auch nicht jeden Tag von seinem Freuden an Weinen mit oder ohne sozial erträglichem Hintergrund. Dann hieße Ambivalenz nämlich dran gewöhnen oder Sorgenmachen – die von ihm sonst geschätzte Ambiguität aber womöglich beides. Von daher ist wahrscheinlich leider auch klar, was man von Schnapsnase Hemmingway und mir zu halten hat. Trotz allem kommen wir irgendwie immer an irgendein Ufer zurück. Mit dem Unterschied, daß mein Sternbild seelig Fische is.

    Kommentar by Max Liebscht — 2. August, 2008 @ 02:58 Uhr

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