Simons Systemische Kehrwoche

Evas Fans

Fritz B. Simon

Interessant ist bei der Auseinandersetzung um die Äußerungen von Eva Herman, dass dabei darum gestritten wird, was sie denn wirklich gesagt hat und was sie denn wirklich gemeint hat. Das mag ja aus juristischer (arbeitsrechtlicher) Sicht von großer Bedeutung sein, aber aus einer kommunikationstheoretischen Sicht ist es eher unerheblich. Denn viel spannender ist doch, wie man als Sprecher (jeder Sprecher, nicht nur der oder die im Fernsehen) damit umgeht, was die Anderen verstehen.

Ich habe hier – glaube ich – schon einmal darüber geschrieben, dass ich einen Freund habe, der Künstler ist, und mir immer wieder erschüttert berichtet, wie entsetzt er ist, wenn er die Häuser seiner Sammler betritt. Wie mit der Keule getroffen, fühlt er sich, wenn er mit ihrem mangelnden Geschmack konfrontiert ist.

Meine Antwort: Ab einem gewissen Alter ist man für seine Fans verantwortlich… Das soll heißen: Schau dir deine Fans an, und du erfährst sehr viel über dich bzw. dein Werk, deine Äußerungen und die Bedeutung, die ihnen gegeben wird. Mein Künstlerfreund hat aus seiner Erfahrung keine Konsequenzen gezogen, er malt weiter wie bisher… – und ich bin immer noch nicht über seine Sammler überrascht.

Dasselbe gilt natürlich auch für geschriebene Texte. Als Autor sollte man genau schauen, welche Leute die eigenen Bücher kaufen. Denn wenn es die falschen sind, dann macht man offenbar etwas falsch. Sich die eigenen Leser näher anzuschauen, ist die beste Möglichkeit zu prüfen, ob die intendierten Botschaften auch tatsächlich ankommen… Und wahrscheinlich braucht man dazu auch Leute, die das, was man produziert, schrecklich finden, um die Wirkung der eigenen Worte einschätzen zu können. Das heißt: Ab und zu sollte man einen Text publizieren, der sortieren hilft.

Und: Spätestens, wenn einem eine Partei, die man zum Kotzen findet, einen Posten anbietet, sollte man sich fragen, wie man das geschafft hat…

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12 Kommentare

  1. Wenn jetzt laut BILD also die Nazis der Eva Hermann bald einen Posten anbieten werden, worüber ich hier nur kurz spekulieren möchte, so könnte das also deswegen zustande kommen, weil die Eva Hermann, nicht nur eine etwas plumpe, beziehungsweise sehr direkte Art zu schreiben hat und ihr Stil nicht unbedingt vom Feinsten ist, wie man lesen kann, sondern auch weil sie sich eines einprägsamen Bildes bedient hat, nämlich das der Mutter-ist-zu-Hause-und-hat-viele-Kinder-Familie, das durch die Nazis besetzt wurde. Doch, wie gesagt, welche traditionell geläufigen Wunsch-Bilder sind nicht durch diese besetzt?

    Ich denke, dass es eine Frage der Geduld und Anschlusssicherheit ist, ob jemand eine für alle unangenehme Botschaft deutlich ausspricht und damit je nach dem entweder heimlich ausgegrenzt oder aber Zentrum eines ihn ab- und ausstoßenden Medienwirbels wird, oder aber, ob stete intellektuelle Tropfen subtil an vielen Stellen den Stein höhlen und auf Dauer gesehen zu einem nachhaltigeren Ergebnis kommen.
    Tatsache ist, dass ersteres immer Stein des medialen Anstoßes ist. Daraus entsteht dann eine öffentliche Schein-Debatte. Kommunikation die daraus entstehen könnte, in der neue Informationen ausgetauscht werden könnten, läuft schief, weil sie über das herkömmliche gegenseitige beschnüffeln und abstoßen nicht hinausgelangt und das eigentliche Thema des Konflikts ignoriert. Das liegt für mich darin begründet, dass in schwelenden Konflikten, die alle betreffen, keine wirkliche Begegnung stattfindet, die Menschen ja suchen, solange der Konflikt nicht anerkannt ist. Ein Konflikt muss anerkannt und ausdiskutiert werden, bevor er expandiert.

    Die unangenehme Botschaft wird von denen abgelehnt, für die sie unangenehm ist, begrüßt von denen, die sie für begrüßenswert halten, das ist aus meiner Sicht kein kommunikationstheoretisches Problem sondern das Sichtbarwerden eines gesellschaftlichen Zwiespaltes und nicht unbedingt eine Frage des guten Geschmacks. Die Partei, die man zum Kotzen findet, ist immer eine, die andere wählen. Das heißt sie existiert und der Konflikt, den sie bezeichnet existiert ebenfalls. Man kann ihn nicht durch eine Geschmacksentscheidung aus der Welt schaffen. So what? Ignorieren wir Konflikte, stecken wir den Kopf in den Sand, machen wir sie ausschließlich zum Gegenstand ironischer Betrachtungen oder tragen wir bei, sie konstruktiv, beziehungsweise für uns produktiv zu wenden und kreieren damit einen neuen spannenden Inhalt der Kommunikation? Oder ist so was systemisch nicht möglich? Müssen die Konflikte immer dieselben bleiben? Müssen sie notfalls verdeckt und verschoben werden? Müssen wir alle immer sofort in unsere Schubladen einordnen? Tragen wir selbst dazu bei, dass Konflikte exisitieren? Müssen sie ihren oft tödlichen Charakter, auch unterschwellig, beibehalten oder können sie regelrecht produktiv werden, wenn man sich ihrer bewusst, interessiert und mitfühlend annimmt?

    Kann man, Im besagten Fall, vom Geschmacksurteil absehen, und davon ausgehen, dass es sich hier um einen mittlerweile bekannten gesellschaftlichen Konflikt handelt, der hier erneut und polarisierend angesprochen wurde, der mit spitzen Fingern und Geschrei aufgegriffen wurde, um ihn möglichst zum Verschwinden zu bringen?

    Kommentar by Sylvia Taraba — 12. Oktober, 2007 @ 11:39 Uhr

  2. Dasselbe gilt natürlich auch für geschriebene Texte. Als Autor sollte man genau schauen, welche Leute die eigenen Bücher kaufen. Denn wenn es die falschen sind, dann macht man offenbar etwas falsch. Sich die eigenen Leser näher anzuschauen, ist die beste Möglichkeit zu prüfen, ob die intendierten Botschaften auch tatsächlich ankommen…

    Das Weblog als ein recht freies Medium für Autoren (weil i.d.R. ohne Verleger) ist sehr nahe an der Leserschaft und erlaubt es dem Autor darüber hinaus direkt mit seinen Lesern in Verbindung zu treten. Wie an anderer Stelle diskutiert nutzen jedoch scheinbar sehr wenige “richtige” Autoren die Chancen die durch die sog. neuen Medien in diesem Zusammenhang ermöglicht werden. Das Projekt hier zeigt, dass es auch anders geht und meine Freude an den (gedruckten) Werken der beteiligten Autoren steigt überdies durch die Möglichkeit eines Austauschs (für den Verlag also auch eine gute Investition). Was Frau Herman evtl. wohl erspart geblieben wäre, hätte sie sich einmal Kommentare ihres Gästebuches genauer angesehen?

    Sehr geehrte Frau Hermann,

    ich bewundere Ihren Mut, unangenehme Dinge beim Namen zu nennen.
    Viele Menschen denken so wie Sie, aber trauen sich nicht, weil sie Angst haben als Rechtsradikal abgestempelt zu werden. Sie sind ein Mensch mit sehr viel Zivielcorage, denn wir leben in Zensur , nur die wenigsten merken es.

    Mein Lieblingspost auf Seite 130:

    lass sie sich von den systemmedien nicht unterkriegen! sie sind im recht.

    Ich bin ja nur ein einfacher Hauptschüler, aber auch Ihr “neues” Zitat ist eine ekelerregende Falschdarstellung deutscher Geschichte. Gut, man muss auf einer Pressekonferenz nicht brilliante Sätze sagen, aber ein bisschen die Regeln der deutschen Sprache einhalten, wäre sehr sinnvoll.Ansonsten reagieren Sie wie alle Leute, die Aufmerksamkeit erheischen wollen: Provozieren, Entschuldigen und am Ende sagen, dass man Ihnen ja nur Böses wolle, weil Sie die Wahrheit sagen. Gähn, das langweilt! Im übrigen, ich bin kein 68er, wäre ich einer, würde ich Ihnen dazu schreiben, dass die “68er” und die “Nazis” wenig gemein hatten, …und zuletzt darf ich mitteilen, dass ich denke, dass Sie Ihre Ghostwriterin wechseln sollten, die schreibt einfach schlechte und dumme Dinge!

    Mehr dazu auf: http://www.eva-herman.de/gbuch/gbuch.php?seite=1

    Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 12. Oktober, 2007 @ 14:48 Uhr

  3. Huch. Da ist mit der Zitierfunktion was schiefgelaufen. Ich habe 3 Einträge zitiert: Einmal der, der mit “Sehr geehrte Frau Hermann” beginnt, dann mein Lieblingspost (nur die ersten beiden Sätze) und zuletzt der vom “einfachen Hauptschüler”. Sorry für das durcheinander. Kann hier jemand mal durchkehren?

    Gruß
    M. Wölfelschneider

    Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 12. Oktober, 2007 @ 14:50 Uhr

  4. Ich habe die Links von Ihnen Herr Kaspar (ZDF) und Ihnen Herr Wölfelschneider (Gästebuch) aufgesucht. Die Siskussin hat mein Laptop aus Kapazitätamangel vermutlich nicht nachvollziehbar abspielen können. Darüber bin ich froh, da ich so verfahrene Dinge gar nicht weiter aufwärmen möchte, weil sie nur schlechte Gefühle verursachen. Ich habe die 1300 Einträge im Gästebuch gesehen, einige davon gelesen. Für mich sind sie nur die Spitze des Eisberges eines gesellschaftlichen Konfliktes, der zur Sprache kommen will.
    Henryk M.Broder hat mit viel bekannter Ironie das TRIBUNAL DER SELBSTGERECHTEN analysiert und in der Kernersendung eine Lehrstunde über den Zustand der deutschen Debatte über das Dritte Reich gesehen. Ich finde Ironie manchmal befreiend, sie schafft Distanz zum Gegenstand. Ironie kann auch eine Abwehr darstellen, die mich selbst verletzt. In der Frage eines gesellschaftlichen Konfliktes müssen wir uns fragen in welcher Weise wir den angehen können. Ich finde wir sollten diesen Konflikt anerkennen und uns ihm stellen.

    Kommentar by Sylvia Taraba — 13. Oktober, 2007 @ 08:16 Uhr

  5. Spiegel Online Henryk M.Broder http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/

    Kommentar by Sylvia Taraba — 13. Oktober, 2007 @ 08:19 Uhr

  6. Liebe Frau Taraba,

    Sie haben natürlich recht, wenn Sie die Auseinandersetzung um Eva Herman im Sinne eines gesellschaftlichen Konflikts deuten.

    Meine Bemerkung zu den “falschen Fans” galt – viel weniger ambitioniert und rein personenzentriert – der Frage, wie man es schafft, Beifall von “der falschen Seite” zu bekommen. Und dabei schien mir die Geschmacksfrage ganz zentral.

    Allerdings frage ich mich jetzt, nach Ihrer auf die Gesellschaft gerichteten Interpretation, ob hier nicht auch Geschmacksfragen eine Rolle spielen, was die Parteiungen, die Tabuisierungen, die Konflikte etc. betrifft.

    Kommentar by Fritz B. Simon — 13. Oktober, 2007 @ 15:23 Uhr

  7. Lieber Herr Simon,
    Sie haben meines Erachtens völlig Recht. Auch ich habe es schon erlebt, Beifall “von der falschen Seite” bekommen zu haben. Das ist dann der sichere Beleg dafür, dass man etwas anderes gemeint als ausgedrückt hat. Das kann einen ganz schön erschrecken. Manchmal passiert es aber auch, dass man von vermeintlichen Freunden brutal angegangen und in eine Ecke gestellt wird, in die man nach eigener Einschätzung garantiert nicht gehört (was ich auch schon erlebt habe). Dafür gilt dann das Gleiche wie von Ihnen mit den Fans beschrieben, für die man selbst verantwortlich ist.
    Beides ist ein wichtiger Teil der Kommunikation. Schwierig wird es nur, wenn man sich der Wirklichkeit verweigert und die “Irrenden” vehement bekämpft, so wie es nun Eva Herman, in die rechte Ecke getrieben, mit Unterlassungsklagen versucht. Zumindest der Vergleich mit den Autobahnen und das Wort von der Gleichschaltung hätte sie sich zum eigenen Schutz, bei Kerner in die Ecke getrieben, ansonsten bestimmt verkniffen.
    Herzlichen Gruß,
    Horst Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 14. Oktober, 2007 @ 13:43 Uhr

  8. Lieber Herr Simon,

    Wenn ich schreibe, bin ich eher engagiert als ambitioniert. Dürfte ein Fehler von mir sein. Aber Spaß bei Seite. Darf ich mich hier schnell bei Herr n Kasper für die Namensfalschschreibung entschuldigen, ist mir in der Eile leider passiert!

    Ich stimme Ihnen zu, dass in politischen Diskussionen, Auseinandersetzungen, Konflikten Geschmacksfragen eine Rolle spielen, denn Sie beeinflussen die gute oder schlechte Atmosphäre der Kommunikation, können diese schwer verletzen und das Ansehen einer Person, einer Gruppe oder ganze Körperschaft in Misskredit bringen und unendliches Misstrauen erzeugen.

    Deswegen denke ich, dass man sich als Konfliktpartner das von beiden Seiten her bewusst machen muss, man beidseits die Bremse ziehen muss, beidseits der Weg zum Einlenken gesucht werden muss und dass Konfliktmanagement sozusagen von klein auf in der Familie, in der Schule und im öffentlichen Leben ganz gezielt, vor aller Augen sozusagen, als Konfliktkultur vorgeführt werden muss. Die Desavouierung eines Kontrahenten, ihn nicht ernst zu nehmen, ihn zu ignorieren, ihm die eigene Macht spüren lassen (egal ob die des Machthabers/Täters oder die des Opfers übrigens) ist dabei das schlimmste Vergehen – es erzeugt Ressentiments und diese wirken sich früher oder später verheerend aus.

    Voraussetzung ist die Schaffung einer offenen tabufreie Atmosphäre und das vorauseilende Vertrauen, dass mir nichts geschehen kann, wenn ich nicht für mich, sondern für das Wohl des Ganzen denke und handle. Nicht erst wenn ich in die Enge getrieben werde, versuche mich herauszuwinden, sondern als integre Grundhaltung.

    Das ist jetzt schön gepredigt, da ich selbst natürlich sagen muss, dass mir das im Privatleben auch nicht immer gelingt Projektionen, vorhandene Ressentiments, Misstrauen usw. außen vor zu lassen und jeden Tag alles mit freier Stirn und reinem Herzen neu zu betrachten.

    Was mich persönlich bei dieser aktuellen Diskussion so agitiert: Ich habe beim ersten Buch von Hermann diese hässliche, verlogene, demagogische Diskussion verfolgt. Da ergreife ich automatisch, wie jetzt auch Partei. Ich denke über das erste Buch, in das ich mittlerweile direkten Einblick habe, dass es Wahrheiten zur Sprache bringt, die (auch kontrovers) zu diskutieren sind. Das geht ganz ohne, dass man das Buch heruntermacht, Eva Hermann als dumm oder berechnend bezeichnet oder sie politisch niedermacht. Darüber hat Henryk M. Broder unglaublich gute Bemerkungen gemacht.

    Ich persönlich denke Eva Hermann hat den Fehler gemacht, überhaupt den geringsten Vergleich mit der Familienpolitik im Hitlerdeutschland anzustellen. Es ist vom Anliegen her unklug, einen Konflikt zu entfachen, statt eine Diskussion zu entfachen. Der konstruierte Zusammenhang vollkommen unnötig. Man muss nicht in der (in keiner) Vergangenheit Beispiele suchen, sondern am besten das Leben täglich neu erfinden, indem man dort anschließt, wo sich produktiv anschließen lässt.

    Wer sich in seiner Überzeugung durch Eva Hermann gut vertreten sah, und ihren Mut erkannt hat sich zum Tabu der Individualpolitik, (jeder ist vollkommen frei und macht was er will) kritisch zu äußern, hätte ihr auch geglaubt, wenn sie auf diesen unseligen Vergleich verzichtet hätte.

    Der daraus durch ihre Gegner konstruierte Eklat polarisiert auf eine widerwärtige Art in einem ganz anderen Konflikt. Wie es dazu gekommen ist weiß ich nicht.

    Ich finde hier sind zwei akute Dinge unzulässig vermischt worden nämlich das aktuelle gesellschaftliche Thema unserer unsäglichen Lebensweise und das schwelende gesellschaftliche Thema unserer unsäglichen Nazivergangenheit und des Umganges damit. Es wurden also zwei ganz unterschiedliche Konflikte durch die diversen verlogenen Aufschreie mutwillig mit einander verschmolzen.

    Das passiert aber seltsamerweise sooft, das man wenn man es genau besieht, das eine offenbar gar nicht vom anderen trennen kann. Ja umgekehrt, dass das eine mit dem anderen zu tun hat. Broder hat das brillant analysiert, aber nach meinem Gefühl und meiner Überzeugung nur einen Teilaspekt des ganzen Problems sichtbar gemacht.

    Mir scheint das daran zu liegen, dass die Haltung zur Vergangenheit gesamtgesellschaftlich, also systemisch, nicht begriffen werden kann, wenn wir nicht einen neuen Zugang suchen und einen neuen Ansatz finden, die Diskussion so zu führen, gesellschaftlich spaltenden Aspekte im Sinne des konstruktiven Zusammenlebens hintanzustellen und zu herauszufinden, auf welche Weise beidseitige Ressentiments in Vertrauen gewendet werden können. Dazu beizutragen ist meines Erachtens die Pflicht beider Partner eines Konfliktes.

    Mir scheint dass dies nur geschehen kann, wenn beidseits der Wunsch nach maximaler Sicherheit aufgegeben wird. Die Welt ist nicht sicher. Erst durch Akzeptanz jederzeit verletzt werden zu können, entsteht Offenheit, und der Wunsch, selbst nicht zu verletzen.

    Ich weiß nicht ob meine Gedanken verständlich sind, ich erfinde sie gerade und ich versuche immer neue Variationen davon zu kreieren, um selbst in meinem Leben davon zu profitieren. Liebe Grüße Sylvia Taraba

    Kommentar by Sylvia Taraba — 14. Oktober, 2007 @ 14:33 Uhr

  9. Liebe Frau Taraba,
    das ist, meine ich, eine sehr gute Analyse des Problems und Ihre Idee ist völlig richtig und nachvollziehbar: Es gilt einen ganz neuen Ansatz für das eigentliche Thema, die Familie und die darin vorkommenden Rollen zu finden jenseits der nun eingetretenen Polarisierung zwischen altlinks und altrechts, einfach an den tatsächlichen Problemen orientiert. Und die sind wahrhaftig brutal genug. Man sollte sie nicht durch sinnlose Polemik in den Hintergrund drängen, um auf dem Proszenium Scheingefechte der Art auszufechten wie zwischen den (von ihrem Selbstverständnis her) Emanzipierten und den von diesen ins falsche Eck gestellten so genannten Konservativen. Diese beiden Kategorisierungen führen nicht zu konstruktiven Ergebnissen. Bleibt das Verdienst von Eva Herman, sich dies spürend (den Eindruck hatte ich bei Kerner) nicht ins Bockshorn jagen zu lassen und ihre Meinung in der Sache mutig zu vertreten. Dummerweise dann aber wieder in diese Vergleiche fallend, die ihr die öffentlichen Nazistellenangebote eingetragen haben. Wann und von wem wird das Thema endlich von der richtigen Seite aufgezäumt?
    Herzlichen Gruß,
    Horst Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 14. Oktober, 2007 @ 15:49 Uhr

  10. Danke lieber Herr Kasper für Ihre ergänzenden Gedanken. Dass Eva Hermann sich nicht hat ins Bockshorn jagen lassen, rechne auch ich ihr hoch an. Ich hoffe nur sie kratzt die Kurve und hält sich nicht allzulange für ein Opfer. Falls sie das tut. Ich weiß es nicht. Wir sind ja immer auch Täter.

    Ich frage mich jetzt, lieber Herr Simon, ob ich Ihre Frage an mich einigermaßen zufrieden stellend beantworten konnte?
    Ich habe noch einige ausufernde Gedanken dazu.

    Was den guten Geschmack betrifft, möchte ich hinzufügen, dass es zwar vielleicht für den, der sich angesprochen fühlt, schlechter Geschmack ist, anstößige Dinge direkt beim Namen genannt zu bekommen. Also zum Beispiel, wenn überzogener Individualismus zur Diskussion gestellt wird, und – im Sinne dessen, dass “Es trifft, was zutrifft” – nun seine aufgebrachten Reaktionen in ebenso schlechtem Geschmack erfolgen.

    Dass also Eva Hermanns Buch den betreffenden gesellschaftlichen Konflikt nicht produktiv aufgreifen konnte, sondern ihn letztendlich destruktiv polarisiert hat. Das finde ich schade.

    Da mir diese Medienhypes total auf die Nerven gehen, sehe ich, dass die einzig richtige Antwort auf ein Buch ein Buch ist, das sich mit den aufgeworfenen Fragen und der Diskussion ihrer Wertigkeit profund auseinandersetzt. –

    Ein Diskurs eben. Für mich kann es deswegen zum Beispiel gar nicht genug Bücher geben.

    Es ginge also darum zu lernen die anstößigen Dinge und Tabus in einer Weise anzusprechen, die es allen Seiten erlaubt, das Gesicht zu wahren, jedoch mit der entsprechenden Differenziertheit, Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit, die es nicht so ohne Weiteres erlaubt, sich aus der Verantwortung heraus zu winden und sich den Erfordernissen an Umdenken und persönlicher Veränderung (freiwillig!) zu stellen. Das Gesicht zu wahren gelingt nur, wenn man im Konflikt anerkannt ist.

    Das ist auch eine Frage der Aussprache der Generationen – in der Umwelt der Gesellschaft.

    Im gesellschaftlichen Konflikt betreffend die unaufgearbeitete, beziehungsweise schief gelaufene Bearbeitung der Vergangenheit des Dritten Reichs und seiner Folgen, auch in den Nachfolgern von Tätern und Opfern, stelle ich mir das ähnlich vor.

    Die Nachfolgegenerationen von Opfern und Tätern sind meines Erachtens heute herausgefordert den schwelenden Konflikt in der Gegenwart zu analysieren und sich ihm, im Sinne eines produktiven Zusammenlebens, neu zu stellen.

    Statt scheinheiligen Darbietungen wie NDR-Kündigung, Selbstgerechtigkeit von Kerner und Diskutanten, usw. zu liefern muss von uns eine differenzierte Diskussion gelernt und möglich gemacht werden. Subjektive Ängste, objektive Nöte, Ressentiments müssen zur Sprache kommen dürfen. Da führt meines Erachtens kein Weg daran vorbei, wenn man sich in einer Gesellschaft wirklich und wahrhaftig begegnen will.

    Das Unbehagen, das ein unbearbeiteter Konflikt erzeugt wirkt sich so aus, dass Polarisierungen greifen und ein mieses Gesamt-Klima erzeugen

    Die Herausforderung besteht meines Erachtens wie gesagt darin, den Konflikt anzuerkennen.

    Konflikte sind ja meist uralte Konflikte, wenn man sie positiv wenden will, müssen beide Seiten einander zugestehen, dass sie getroffen sind und weiterhin davon betroffen sind. Das ist einfach nicht abzuleugnen. Wer denkt das einfach unter den Teppich kehren zu können, um das Gesicht zu wahren, der irrt sich gewaltig. Nicht bearbeitete Konflikte ziehen weite Kreise, ziehen immer neue Konflikte nach sich. Das kann man allein an diesem Konflikt gut erkennen. Es ist eine Frage der reellen, klaren Auseinandersetzung und Aussprache innerhalb einer (nationalen) Gesellschaft, die sich die diversen Orte, die entsprechenden Rituale, die historische Aufarbeitung, aber auch die notwendige Unmittelbarkeit der Begegnung und Aussprache zugestehen und geben muss.

    Das trifft natürlich heute erst recht auf die erweiterte Gesellschaft neu hinzukommender Menschen und Gruppen zu. Was die Nichtanerkennung der Konflikte und das andauernde Wegschauen erzeugt, zeigen ja diese neuen Konflikte, die durch die unbeobachtete, unbearbeitete und ungesteuerte und eines Tages plötzlich unerwünschte Zuwanderung entstanden sind. Konflikte die ihrerseits wieder daraus entstanden sind, dass man den alten schwelenden Konflikten nicht die Bedeutung zugesteht, die sie haben.

    Ich denke dass Rechtsradikalismen oder Linksradikalismen gesellschaftliche Indikatoren sind, inwieweit vorhandene Konflikte durch Tabus unterdrückt werden oder unzureichend zur Sprache kommen. Einen Konflikt zu erlauben, das heißt ihn anzuerkennen und offen anzugehen nimmt ihm die Spitze und erlaubt den Menschen, offen aufeinander zu zu gehen, einander angstfrei zu begegnen, eben weil sie in ihren Ängsten und Ressentiments zunächst einmal anerkannt werden. Mediation funktioniert ja so.
    Es geht zwischen Menschen immer um Anerkennung und Zuhören und um das Einhalten von Gesetzen und das Einhalten von gemeinsam erarbeiteten Regeln des Anstandes, der Wertschätzung und des Zuvorkommens und Entgegenkommens.
    Können Sie mir in diesen Ansätzen zustimmen?

    Jetzt die Gretchenfrage: können Sie es sich prinzipiell vorstellen ein Buch zu schreiben, quasi als Symmetriebuch zu „Tödliche Konflikte“, in welchem, wie dort zum Teil indirekt oder invers, von Ihnen die Regeln für Produktive gesellschaftliche Konflikte erarbeitet, aufgearbeitet, erfunden werden? Also eine speziell auf gesellschaftliches Konfliktmanagement und gesellschaftliche Konfliktkultur abgestimmte im Tenor unironische, im Detail liebevollironische Erörterung der dafür notwendigen erfolgreichen Einstellungen, Voraussetzungen und Einrichtungen?

    Dinge, die es noch nicht gibt müssen wir nämlich erfinden und solange darüber schreiben, bis wir sie für realistisch halten. Herzliche Grüsse Sylvia Taraba

    Kommentar by Sylvia Taraba — 15. Oktober, 2007 @ 20:22 Uhr

  11. Die Nazis haben Lösungen für Probleme, die sich in Folge gesellschaftlicher Wachstumsregularitäten schon stark bemerkbar gemach haben, gesucht, gefunden und verkauft.

    Lösungen mit den bekannten Nebenwirkungen und Kolateralschäden für jene, welche infolge blutbrünstigem Massengetrampel unter die Räder kamen.
    Lösungen, die funktionieren können leichter Hand umgesetzt werden. Folter und Massenvernichtung von zu Unmenschen erklärten Gesinnungsgegnern sind entbehrlich.

    Die Nazis haben als fatale Lösungen für Probleme angeboten, für die auch unsere gesellschaftliche Lebensform nur Ausflüchte anbietet; Konfliktexternalisation, Dank Ressourcenverdauungsexzess im Binnenland Brot und Spiele. Das alte Rom läßt schön grüßen. Der Konflikt wird nur verwässert durch exzessiven Ressourceneinbezug von außen. Wir delirieren im Zucker-, Fett- und Medienrausch.

    Daß selbst so eine Mattscheibentucke wie die blonde Eva das als effektvolles Thema für ihre Inszenierung als Medienmensch erkennen kann, deutet darauf hin, daß die Lösungenversuche intuitiv leicht als naheliegend für dasselbe Problem identifizierbar sind. Welches Problem? Na zugegeben – eigentlich viele. Ein gesellschaftliches Syndrom sozusagen. Symptomgeflecht. U.a. aber dafür, daß Rationalität zum verehrungeswürdigen Mythos geworden ist.

    FBS war ja im Frühjahr anläßlich seines Essays einer “Einführung in Systemische Theorie der Organisation” kurz und unzureichend auf das Phänomen eingegangen. Dadurch, daß das Kalkül, die Metaprogramme einer gesellschaftlichen Kaste (der Händler und Priester nämlich) unverhältnismäßig über das Kalkül bzw. auch die Ethik der anderen gesellschaftlichen Kasten (insbes. der Bauern, Krieger und Arbeiter bzw. Handwerker) gestellt wurde im Zuge der industriellen Revolution der Massengesellschaft, ergaben sich Degenerationserscheinungen, was die Dynamik organischen Wachstums sozialer Organismen betrifft. Daß ausgerechnet die noch feudalistisch ausgerichteten Russen der Welt die urchristliche Lösungsvariante Kommunismus nahebringen und verkaufen sollten, ist wieder einer dieser Treppenwitze in der sich nie gleichenden stets reimenden Entwicklungsgeschichte menschlicher Sozialformen.

    Fazit soweit: Die Lösungsangebote, die wir einander zu verkaufen suchen, in unserer nach wie nur anders systematisch traumatisiert – neurotisierten Gesellschaftsform muten aus der Sicht der Nazis ebenso hohl an wie die Lösungsangebote der Nazis uns.

    Noch ein Blondes Herr Ober! Was Ihro Hochwohlgeborenen womöglich gerade anfangen zu begreifen ist, daß wir eine neue Religion brauchen. Auch Gevatter Hellinger war da ja nicht faul, hat sich engagiert und ähnliche Reaktionen wie Tante Hermann provoziert. Er hatte es womöglich nicht so nötig, das intensiver zu verfolgen, weil er mit seinen gewohnten Inszenierungen schon genug zu tun, zu verdienen und zu missionieren hatte.

    Wir brauchten aber nicht nur einen neuen Mutter- und Vaterkult sondern einen Kult gesellschaftlicher Fruchtbarkeit überhaupt. Die Systemiker mit ihren Theorien abgeschlossener Beziehungssysteme kriegen das Phänomen Wachstum auch erst allmählich in den Blick. Mit ihrer Differenzlogik oder wie das Dings heißt, sind Sie da immerhin schon gut unterwegs liebe Frau Taraba! Blass wie wir sind, wird der neue Jugendstil aber womöglich erst erwachsen, wenn die Hanfpflanze unserer parasitären Gesellschaftsform durch Verschnitt wieder mal an ihre Grenzen gemahnt wird und aus den Ruinen heraus wieder Wachstumsimpulse und universalethisches Kompromissstreben einsetzen.

    Der Herr hab uns lieb.
    Wenn er an die Frauen denkt.

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 2. November, 2007 @ 14:35 Uhr

  12. Danke für den wirklich tollen Beitrag. Werde einen Link zu deinem Blog setzen.

    Kommentar by Seshaya — 11. Juni, 2009 @ 13:46 Uhr

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