Simons Systemische Kehrwoche

Faule Kredite

Fritz B. Simon

Die Rettungsaktion für die US- (und vielleicht die Welt-) Wirtschaft nach der Idee des US-Finanzministers Paulson trifft auf Widerstand. Dass der Staat aktiv werden muss, scheint eine Meinung, die weit verbreitet und konsensfähig ist. Auch wenn mich wieder mal keiner fragt: Ich finde das auch.

Aber wie er aktiv werden sollte, darüber sollte man sich streiten. Für 700 Milliarden Dollar faule Kredite zu kaufen, heißt zwar zum einen, Liquiditätsengpässe und den Kreditcrunch zu vermeiden, es heißt auf der anderen Seite aber auch, die Banken und ihr Topmanagement, die das angerichtet oder zumindest mit zu verantworten haben, zu entlasten. Dass sich dagegen empörter Widerstand regt, ist nicht verwunderlich. Aber soziale Systeme funktionieren nun mal nicht nach Gerechtigkeitsprinzipien. Wenn man mit mehreren Leuten in einem Boot sitzt und einer hat ein dickes Loch reingebohrt, so sollte man es stopfen, auch wenn man damit denjenigen, der für den Schaden verantwortlich ist, mit vor dem Ertrinken rettet.

Mir scheint allerdings das Konzept, die faulen Kredite zu kaufen, nicht sonderlich sinnvoll. Das wäre so, als ob der Staat einem Verlag seine im Moment unverkäuflichen Bücher abkauft (= Altpapier), und ihm viel Geld dafür gibt, damit er dann neue, erfolgreiche und gewinnbringende Bücher auf den Markt bringen kann. Der Staat bleibt dann auf den Verlusten sitzen (wenn er das macht, werden allein die Verluste sozialisiert). Viel sinnvoller wäre, gleich den ganzen Verlag zu kaufen. Dann wären die Verluste zwar auch zu verbuchen, aber es bestünde zumindest die Chance, mit den alten Büchern oder auch durch die anderen Aktivitäten des Unternehmens Geld zu verdienen, um einen Profit zu erzielen oder zumindest die Verluste zu minimieren.

Soll heißen: Wenn es im Moment Banken zum Schnäppchenpreis gibt, dann sollte der Staat nicht nur ihre Schulden übernehmen, sondern gleich den ganzen Laden. Die Berliner Bankgesellschaft ist ein Beispiel dafür, dass es gelingen kann, solche von irgendwelchen Idioten heruntergewirtschafteten Unternehmen wieder flott zu machen und für einen anständigen Preis zu verkaufen.

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4 Kommentare

  1. Der Bundeshaushalt 2009 war mit 288 GEUR veranschlagt. Mit 700 GUSD koennte man also die Bundesrepublik ungefähr zwei Jahre lang betreiben.

    Kommentar by duscholux — 26. September, 2008 @ 15:35 Uhr

  2. Hat FBS also womöglich doch noch mal nachgelesen beim Sondermüll.
    Oder ist doch selbständig drauf gekommen. Gleich verstaatlichen, das denke ich jedenfalls auch.

    Prinzipiell funktionieren soziale Systeme natürlich nach Prinzipien von Verteilungsgerechtigkeit. Das ist gerade ihr Sinn, weswegen sich derlei Substrate bilden. Nur sind halt die verschiedenen Prinzipien, welchen man folgen mag, offenbar immer mal wieder neu auszuhandeln.

    Bei derartigen Dimensionen für Umstrukturierung von 2 Jahre BRD – also da wird wohl allmählich Zeit, Konserven zu stapeln.
    Aufgrund der Informationsdichte und den benötigten hohen Frequenzen für “Informations” bzw. Hypnodope, kann es womöglich sehr schnell gehen, daß das Ganze ins Stolpern gerät, sobald die ganzen Schafe und Rindviecher nicht mehr auf Gevatter Ackermann hören und sich die Vertrauenskrise exponential aufschwingt.

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 27. September, 2008 @ 06:24 Uhr

  3. Im Sinne des Versuchs eine gemeinsame Wirklichkeit zu schaffen, zitiere ich nachstehend einen Kommentar bei Spiegel online (http://forum.spiegel.de/showthread.php?p=2792689#post2792689).

    Dieser Beitrag erläutert in anschaulicher Form auch Nicht-Experten, warum seit Anfang der 90er Jahre Finanzstandards wie IFRS und US-GAAP die eher konservativen deutschen Standards der Rechnungslegung verdrängt haben.
    Qui bono?

    „quote“

    Nach dem guten alten deutschen Handelsgesetzbuch dürfen sie Gewinne erst realisieren, wenn Sie Ihre Werte tatsächlich verkauft haben.

    Z.B. wenn sie ein Streichholz für 1 Cent kaufen, dann dürfen Sie AN DEM TAG AN DEM SIE das Streichholz VERKAUFEN, z.B. für 10 Euro, schreiben:
    Streichholz verkauft für 10 Euro, Damals bezahlt 1 Cent
    Gewinn = 10 Euro – 1 cent = 9,99 Euro.

    Bis zu diesem Tag sind sie nach dem guten alten deutschen Recht gezwungen, das Streichholz mit dem Wert in Ihren Bilanzen anzugeben, für das sie es erworben haben, sprich 1 Cent.

    Nach internationalen Standards wie IFRS oder US-GAAP müssen sie Gewinne (reale wie fiktive) SOFORT realisieren. D.h wenn Sie ein Streichholz auf dem Flohmarkt für 1 Cent erwerben, dann müssen Sie (laut Gesetz) SOFORT ABSCHÄTZEN, wie viel dieses Streichholz denn WERT SEIN KÖNNTE (engl. FAIR VALUE METHODE).

    Da ich ein sehr großzügiger Mensch bin, schätze ich Streichhözer immer so auf 100 Millionen bis 1 Millarde Euro (pro Stück). Den entstandenen (Luft-)Gewinn, zahle ich mir als Bonus aus :)

    Da es leider viele Mitmenschen gibt, die meine Vorstellungen bzgl. der Wertentwicklung von Streichhölzern nicht teilen, kreiere ich verbriefte Forderungen (Derivate, Zertifikate, etc.), die ich dann als Wertanlage :) an nichtsahnende Versicherungen, Pensionskassen, Sparkassen etc. verkaufe.

    Das böse Erwachen kommt ERST AN DEM TAG, an dem mir niemand mehr meine AAA+ Derivate abkaufen will. In einem schlechten Marktumfeld könnte es sein, daß ich gezwungen bin meine (mit 1 Milliarde in den Büchern stehenden) Streichhölzer für z.B. 1 Cent pro Stück zu verkaufen. Der entstehende Verlust ist das, was sie als Milliarden Abschreibungen (Wertberichtigungen) bei den Banken kennen.

    Deshalb brauchen alle Banken zur Zeit frisches Geld (und die FED und EZB schieben ein paar hundert Milliarden in den Markt), damit die Banken nicht gezwungen sind, Ihre hoch bewerteten Vermögen (Streichhölzer) zu verkaufen und noch mehr Abschreibungen vorzunehmen.

    Jetzt versteht hoffentlich jeder, warum Banken die laut Börse vor kurzem 50 Milliarden Dollar Wert waren, über Nacht nicht mehr existieren. Da hat wohl jemand Streichhölzer (oder Immobilen, ganz wie sie wollen) noch höher bewertet als ich :)

    Meine Meinung ist, daß dies erst der Anfang vom Sturm ist. Zuerst brechen die Bäume, die kurze Wurzeln haben (Investmentbanken = keine Kapitaleinlagen von Kleinanlegern), dann kommen die kranken Bäume (Regionalbanken) und dann der Rest.

    „unquote“

    Kommentar by Rolf Rämmele — 28. September, 2008 @ 11:27 Uhr

  4. Das versteht sogar so ein Baumpilz wie meine Wenigkeit.
    Mehr solcher Beiträge!

    Sobald die Regelkreisläufe zur unterhaltsamen Narkotisierung der Gesellschaft Sendepause haben, wird es also tatsächlich darum gehen, wer die meisten Konserven im Keller gestapelt hat?

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 28. September, 2008 @ 14:35 Uhr

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