Flugzeuge
Fritz B. Simon
In den letzten fünf Tagen bin ich insgesamt 4 x geflogen. Und ich hasse es. Der erste Höhepunkt waren 4 Stunden Aufenthalt auf dem Flughafen Stuttgart am Samstag Vormittag. Die Maschine kam nicht, war nicht da, ich weiss nicht warum. Als Entschädigung gab es einen Gutschein für ein Mittagessen im Wert von 10 Euro. Für 10 Euro hätte es im einen Restaurant ein Schnitzel “Wiener Art” gegeben, aber die Küche hatte ein Problem. Blieb also nur Junkfood. Aber, geschenkt…
Heute erreichte ich dann den Höhepunkt. Den ganzen Tag gearbeitet, es war heiß, ich bin zum Flughafen gerast und war – bei diesen Außentemperaturen – durchgeschwitzt. Aber: Geschafft!!! Leider: Nur noch ein Mittelplatz.
Das ist das eigentlich Schreckliche am Fliegen: die Zwangsintimität. Man sitzt ganz nahe zwischen Leuten, in einer Distanz, die man sogar dann als zu nahe erleben würde, wenn es die lieben Angehörigen wären.
Wie kann man da kommunizieren, außer so zu tun, als ob man sich gegenseitig nicht wahrnimmt? Das klappt in der Regel ja auch ganz gut. Aber, was tun, wenn man – durchgeschwitzt – das Gefühl hat, zu stinken. Objektiv gibt es zwar keine nassen Flecken unter den Achseln, aber gefühlt scheinen sie da zu sein.
Die Lösung, die sich auf dem Mittelplatz sowieso anbietet: die Arme ganz eng am Körper, so dass die Achselhöhlen von der zirkulierenden Luft abgeschnitten sind… Das begrenzt ein wenig das Gefühl der Peinlichkeit.
Doch nach ein paar Momenten der Schweißstarre die schreckliche Realität: Es stinkt. Aber: Es ist ein fremder Gestank… Nein, es sind zwei fremde Gestänke (gibt es einen Plural von Gestank? – und lautet er Gestänke?).
Von links, eine junge Dame mit furchtbarer Knubbelnase und Silberkettchen am rechten Arm (mehr habe ich nicht von ihr gesehen, weil ich nur geradeaus geschaut habe und ich sie nicht ansehen mochte, um sie nicht einzuladen, ein Gespräch mit mir zu beginnen) kommt ein säuerlicher Körpergeruch, der ziemlich schwer erträglich ist – für mich. Ach, wenn sie doch nur die Arme fest an den Körper pressen würde, wie ich das mache…
Und von rechts, ein Anzugträger, der ein “Beefie” isst – ein in Alufolie verpacktes Würstchen – gibt andere chemische Kampfstoffe ab, deren Spezifizierung ich mir hier aus ästhetischen Gründen versage…
Hier ist offenbar die Grenze der konsensuellen Kommunikationsverweigerung erreicht. Den Gestank anderer kann man nicht nicht wahrnehmen.
Trotzdem: Wir schauen uns nicht an, wohl wissend, dass die Flugzeit – von der Stewardess versprochen – nur 45 Minuten dauern wird. Das schaffen wir schon, das überstehen wird schon, das werden wir alle überleben, ganz bestimmt. Und wir werden das alles ganz schnell wieder vergessen, sobald wir wieder an der frischen Luft sind…
Ich hasse Flugzeuge.
6 Kommentare
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Menschen lernen sich kennen.
Vielleicht für die gut gekühlten Mußestunden: Sennett: “Die Tyrannei der Intimität. Aufsteig und Verfall des öffentlichen Lebens.”
Kommentar by Max Liebscht — 11. Juni, 2008 @ 04:43 Uhr
Kulturell bedingte Verwickelungen.
Fragen sie mal einen Inder, bestimmt kenne Sie welche, Herr Simon.
Ein Freund von mir (wir lebten eine Zeit in einer WG zusammen)lebt ein halbes Jahr in Indien, ein halbes in D. Wir hatten oft (echte!) Inder zu besuch. Die können alleine in einem Zimmer gar nicht schlafen. Und wenn ich sagte: Ich muss jezt mal ein bisschen alleine sein, (ein Bisschen!) schauten sie mich immer nett, aber absolut verständnisslos an. Was will er?
Völlig überfüllte Busse oder Züge sind dort wirklich kein Problem.
Natürlich gibt es auch andere Inder, kein Thema. Diese (meine) Inder waren aus Kalkutter, und bei denen war es eben so. Bei verschiedenen Indern, mehrere Jahre hinweg.
Ich glaube, denen würde was fehlen, wenn ein Flugzeug nicht mind. zu 110% besetzt ist.
Kommentar by Holger Huckfeldt — 11. Juni, 2008 @ 11:18 Uhr
Ich bin in Indien Auto gefahren. Das einzige Land der Welt, wo man trotz Karosserie um sich herum das Gefühl bekommt, in engem Körperkontakt zu den anderen Verkehrsteilnehmern zu sein.
Kommentar by Fritz B. Simon — 11. Juni, 2008 @ 18:07 Uhr
Ja nun, liebe Beinahinder,
wo ist dann aber eigentlich der Unterschied der hier den berühmten Unterschieden ausmachen könnte?. Gibt es in Indien keine knubbelnasigen Frauen?
Kommentar by Max Liebscht — 12. Juni, 2008 @ 17:03 Uhr
Na, da können Sie doch froh sein, dass die Knubbelnase Sie nicht mit einer Dusche pheromongeschwängertem ovulatorischem Körperschweiß beglückt hat. Wer weiß, was Sie uns dann geschrieben hätten..?
Kommentar by Elisabeth Farack — 12. Juni, 2008 @ 19:55 Uhr
Schon wieder diese Person mit Tendenz zur Multiplizität.
Ob es was Persönliches ist?
Man hat mir schon erzählt, daß in Berlin und solchen großen Städten zur Verkaufssteigerung Pheromone in die Ladenluft geblasen werden. Wo sollte das sein, wenn nicht im dekadenten Westteil? Möglicherweise bleibt man auf so was hängen. Ob sie eine Knubbel… (?)
Kommentar by M.M.M. Liebscht — 26. Juni, 2008 @ 20:08 Uhr