Frau von der Leyen und Ernst Albrecht
Fritz B. Simon
Gestern Abend habe ich unsere Familienministerin Ursula von der Leyen im Gespräch mit Reinhold Beckmann gesehen. Thema war ihr Vater Ernst Albrecht, der frühere Ministerpräsident von Niedersachsen.
Vor drei Jahren teilte er ihr mit, sein Neurologe habe ihn darüber informiert, dass er an Alzheimer erkrankt sei. Sie ist mit ihrer Familie inzwischen zu ihm gezogen, so dass sie bzw. die Familie sich um ihn kümmern kann. Das ist sicher ein ehrenwertes Verhalten, aber darüber will ich hier nicht philosophieren.
Was ich bemerkenswert fand, ist die Art und Weise, wie Frau von der Leyen (und Herr Beckmann) über Ernst Albrecht sprach. Es klang, als ob sie über ein kleines Kind sprach, das nicht bei Sinnen ist. Diese Art fürsorglichen Kleinmachens des Vaters hatte für mich etwas zutiefst Verächtliches. Vielleicht ist es ja eine Berufskrankheit von Ärzten – und sie ist Ärztin – sich über andere Menschen zu erheben, sie wie Objekte (wenn auch vielleicht geliebte und der Fürsorge bedürftige Objekte) zu sehen und zu behandeln, aber ich fand es schwer erträglich.
Nicht, dass ich jemals ein Fan von Ernst Albrecht gewesen wäre. Ich bin ihm mehrfach im privaten Kontext begegnet. Vor zwei Jahren habe ich mit ihm bei einem Essen angesichts eines Geburtstags zusammen gesessen. Er hielt dort eine Rede. Die war durchaus ernst zu nehmen – ein Jahr nach der von der Tochter berichteten Diagnose. Ich fand die Rede zwar etwas egozentrisch, habe das aber weniger einem Alzheimer als vielmehr der Egozentrik des Politikers zugeschrieben… Solche Reden hatte ich früher auch schon von ihm gehört.
Frau von Leyen sieht sich wahrscheinlich als Aufklärerin, die das Tabu des Alzheimers öffentlich durchbrechen will. Falls das ihre Motivation ist, so will ich deren Ehrenhaftigkeit nicht in Frage stellen. Aber, wie sie gesprochen hat: diese infantilisierende Attitüde dem Vater gegenüber – die fand ich ziemlich schrecklich. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dies im Sinne des Vaters wäre. Er stand – so mein Eindruck – immer gern im Mittelpunkt. Aber so…?
Mir schien das eher eine Art töchterlicher Rache (für was auch immer)…
Auf jeden Fall möchte ich nicht, dass meine Töchter, wenn ich mal total “abgebaut” haben (“sein”?) sollte, öffentlich so über mich reden. Und falls sie es denn doch tun sollten, so kann ich nur hoffen, dass ich es sofort vergesse…
16 Kommentare
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In meinem Kommentar #12 zum 14. Mai habe ich das gleiche Thema angesprochen. Man muss nicht einmal Alzheimer haben, um infantilisiert zu werden.
Ich sehe es überall, wenn ich meine hellwache Tante im christlichen Altersheim besuche, wenn Rentner im Hotel einchecken oder im Flugzeug, an der Supermarktkasse, usw. usf.
Kommentar by duscholux — 27. Mai, 2008 @ 18:41 Uhr
Meinem Empfinden nach handelt es sich hier um ein gesellschaftliches Machtspiel gegenüber den Alten, das seine Wurzeln in den modernen kapitalistisch-desorientierten Familien und deren gewachsenen sozialen Mängeln hat, die dann von Menschen in öffentlichen (Massen)-Einrichtungen umso schamloser gespielt werden und gespielt werden können, wenn der geringste Anschein von Hilflosigkeit sichtbar wird.
Diese Unverschämtheit ist bestimmt der Grund, das viele Menschen in dieser Lage einfach nicht mehr sprechen und sich hinter dem “Vergessen” verbergen.
Es ist ein Konsens unter den “Jungen”, dass die “Alten” sie einschränken. Das dürfte durchaus zutreffen, man hat das ja selbst erlebt, viele Dramen handeln davon, und so ist die Welt nun einmal eingerichtet. Es besteht umgekehrt der Konsens unter den “Alten”, dass die” Jungen” dumm und unerfahren sind, was auch nicht von der Hand zu weisen ist. Das die Generationen so sehr, oft wie durch eine Kluft, getrennt sind, liegt an der in vieler Hinsicht unsäglichen Erfahrung der zwei, vor allem des zweiten, Weltkrieges, über dessen schreckliche Erlebnisse massenweise nicht gesprochen wurde und/oder aus den unterschiedlichsten Gründen, nicht gesprochen werden konnte.
Ich weiß natürlich nicht, wie es da mir einmal gehen wird. Aber ich weiß von meiner Mutter, die 87 wurde, dass sie es sich niemals hat gefallen lassen. Sie produzierte nicht das, was man “Alzheimer” nennt, also den Weg ohne Umkehrmöglichkeit, sondern Demenz auf Knopfdruck sozusagen, wenn sie nicht behelligt werden wollte
Auch in den letzten 6 Jahren, wo sie zunehmend Schwäche zuließ, hat sie bis zu ihrem Ende, als sie ans Haus und dann an ihren Lehnstuhl und zwei Jahre an Rund-um-die-Uhr-Betreuerinnen (und meine Kontrolle des Ganzen) gebunden war, ihre Würde gewahrt und sich auf unterschiedliche Art gegen leiseste Übergriffe zu verteidigen gewusst. Also da hat jeder sofort gewusst, jetzt muss er sich schämen.
Sie hat übrigens nie aufgehört Hinweise, Anweisungen oder Befehle auszugeben und Distanz zu wahren, so hat man sie schlecht infantilisieren können. Ich hatte vielmehr bis zum Schluss einen ordentlichen Respekt vor ihr.
Ich glaube in dieser “Auslauf-Modell-Situation”, die die Funktion der Ausschaltung, Ausgrenzung und Entsorgung der Eltern-Generation hat, hat es wenig Sinn zu klagen und damit (für sich) jetzt schon festzuschreiben, wie mit einem umgegangen erden wird. Man muss schon jetzt dagegenhalten und zwar mit Witz, Würde, Freundlichkeit und eisernem Willen, den ur der Tod brechen kann.
Das ist der Reim, den ich mir drauf mache. Da wird natürlich mancher denken: “Denkste” -!
Aus meiner Sicht geht es jedoch darum, dass es so kommt, wie man es sich denkt und wie man es sich mit anderen zusammen ausdenkt und ausmalt und festschreibt. Wenn es dann mehrheitsfähig ist, dann wird es entweder zum Problem oder – im umgekehrten Fall -zum Konsens darüber, dass alle Lebensalter ihre Notwendigkeiten, Vorteile, Nachteile und speziellen Highlights haben.
Ich habe keine Lust mich anstecken zu lassen und mir Unabwendbares auszumalen. Ich halte mich an die Idee von körperlich und geistig fit bleibenden Älter-Gewordenen, die niemals in ein Pflegeheim gehen, sich den Luxus nicht leisten, zu denken irgendwann einmal “gepflegt” zu werden, – und nicht mehr selbständig leben zu müssen, weil es zu anstrengend ist…
Zum Glück gibt es auch Beispiele guten Glückens und, auch wenn das nur ein “Glück” wäre, das diese beispielhaften Menschen wie zufällig haben, so streben ich eben genau dieses Glücken an! Und ich finde Gelegenheiten genug, es von Herzen zu memorieren.
Kommentar by Sylvia Taraba — 28. Mai, 2008 @ 08:39 Uhr
Mir ist bewusst, dass ich hier als die “Metaphysikerin” vom Dienst erscheine. Aber bei Fragen, die unentscheidbar sind, entscheide ich mich für die Alternative, die mir lohnender erscheint.
Kommentar by Sylvia Taraba — 28. Mai, 2008 @ 08:46 Uhr
Ein Kollege, 56-jährig, ist vom Dach seines Hauses gefallen. Armbruch, Feuerwehrtransport ins Krankenhaus.
Zwei Wochen später klingeln bei ihm zu Hause zwei uniformierte Polizeibeamte um wg. dieses Unfalls zu ermitteln. Erste Worte der Staatsmacht, noch vor einer Begrüssung, mit Blick auf den Garten:
“Hier können sie ja ihren Ruhestand wirklich geniessen.”
Der Kollege hat sich sehr aufgeregt, da er noch 10 Jahre bis zur Rente arbeiten muss.
Kommentar by duscholux — 28. Mai, 2008 @ 16:09 Uhr
Als jemand, der beruflich mit Demenzerkrankung zu tun hat, erlebe ich das Sprechen über die Erkrankten als sehr zwiegespalten. Da ist die eine Ebene der ehemaligen, vielleicht auch sehr angesehenen Persönlichkeit. Also der oder die, die einmal waren und über deren inhaltlich ausgedrückten Willen wir nur noch mutmaßen können. Und da ist die gegenwärtige Ebene, in der ich zunehmend nur noch auf der emotionalen Ebene, also immer mehr wie mit einem kleinen Kind kommunizieren kann. Selbst ich, als “reflektierter Profi” ertappe mich gelegentlich, wie mir ähnliche Sätze, wie von der Leyen herausrutschen. Zumindest im Austausch der mit der Pflege befassten sind sie sehr üblich. In jedem Fall haben Angehörige, die einen Ehepartner oder Elternteil mit Alzheimererkrankung haben, erhebliche Trauerarbeit zu leisten wenn sie den intellektuellen Ansprechpartner verlieren.
Ich habe nur – müde, wie ich war – die Hälfte des Interviews gesehen und es nicht als verächtlich erlebt. Frau von der Leyen schien mir eher von Schuldgefühlen geplagt und deswegen nicht optimal auf die öffentliche Verwertung ihres Familienschicksals vorbereitet.
Problematisch fand ich die Aussage der etwa 80-jährige Frau, die mich gestern bei einer Veranstaltung angestrahlt hatte: “Jetzt hab ich ihn eingeschlossen !” Auf meine Frage “wen den ?” die Antwort: “na meinen Mann !” Ich hoffe nur, dass meine Frau sich dieses Vergnügen ersparen darf.
Kommentar by christian m. — 28. Mai, 2008 @ 16:55 Uhr
Durch die Alzheimer Pathogenese gehen schon Nervenzellen zugrunde, die zu offensichtlichen neurologischen Beeinträchtigungen führen. Die Ausprägung einer Demenz ist aber noch von weiteren Faktoren abhängig. Eine Demenz muss bei einem Menschen mit “gut gefüttertem” Gehirn wesentlich mehr Nervenzellkontakte zerstören, als bei einem Menschen mit “auf Diät gehaltenem” Gehirn. Das bedeutet, dass das Auftreten der ersten Symptome sich deutlich verzögern kann. Die Biographie/Lebensgeschichte spielt also eine wesentliche Rolle in der Erscheinung der Erkrankung. Des Weiteren haben auch noch die entwickelte Persönlichkeit und die gesundheitliche Situation/Fitness ihre Finger im Spiel. Näher Eingehen möchte ich allerdings auf den fünften Punkt: die Sozialpsychologie. Tom Kitwood, der diese Theorie in den 90izger Jahre entwickelte, postuliert, dass Menschen mit Demenz oft von Meschen in ihrem Umfeld entwertet werden. Wenn man sich vorstellt, dass das “Vergessen” schleichend, fortschreitend geschieht. Die ersten neurologischen Beeinträchtigungen führen leicht zu Selbstzweifeln an den eigenen Fähigkeiten. Zu beginn können Menschen mit Demenz ihre “Fehlfunktionen” noch vertuschen. Alsbald sind die “Aussetzer” für die Angehörigen unübersehbar. Im schlechtestem Fall reagieren diese mit Unverständnis und Vorwürfen. Der Menschen mit Demenz traut sich nun noch weniger zu… dann folgen weitere neurologische Beeinträchtigungen… wieder die Vorwürfe der Angehörigen… Wer möchte kann sich den Teufelskreislauf weiter bis ins Pflegeheim ausmalen.
Ein Mensch mit Demenz verliert allmählich all seine “Geschichten”, die zu seiner Person gehören. Der Gebrauch von Sprache wird schwierig, weil Worte vielleicht keinen Sinn mehr ergeben. Was kann man nun tun? Die Biographie und die Persönlichkeit kann man nicht mehr ändern, und die neurologischen Beeinträchtigungen nicht aufhalten. Man kann aber versuchen, das “Person-sein” eines Menschen mit Demenz solange wie möglich aufrecht zu erhalten. Und das geschieht dadurch, dass die Betreuenden dem Menschen mit Demenz “Person-sein” zu gestehen. Zum Beispiel gehört “Infantilisieren” bei Kitwood zu den “personale Detraktionen” (vom Person-sein wegziehen). Tom Kitwood hat eine Methode (Dementia Care Mapping) entwickelt, die die Pflegekultur auf einem Wohnbereich für Menschen mit Demenz abbilden und durch Feedback verbessern kann.
Viele Grüße
Rainer Isermann
P.s.: Je nach dem wie Schwarz man die Zukunft unseres Gesundheitsystems sieht, die Vorstellung von einer Demenz im Alter kann in diesem Fall auch tröstlich sein.
Kommentar by Rainer Isermann — 29. Mai, 2008 @ 00:00 Uhr
Lieber Herr Isermann,
Ihrem PS stimme ich insofern zu, als Sie damit wohl erklären, dass und warum Demenz immer weiter zunehmen könnte… sehr verständlich eigentlich
Was mich an Ihrem sehr informativen Beitrag ehrlich gesagt stört ist, dass auch Sie das Gewicht auf das “Ausmalen” legen, und detailliertest ausdifferenzieren warum und inwiefern alles für die Notwendigkeit von Demenz spricht. Streben Sie nun Alzheimer oder Demenz an? Kokettieren Sie damit, wie Herr Simon mit eingewachsenen Fussnägeln? Oder haben Sie schon Ideen für sich gesammelt, wie sie gedenken, das Leben bis zu Neige – nein nicht unbedingt “auszukosten”, sondern bis zur Neige es bewusst zu erleben und aus der Sicht der gemachten Erfahrungen auszuloten, was das alles bedeutet: Leben. Es kann doch nicht sein, dass wir uns ein Leben lang ausmalen wollen, wie schlimm das Älterwerden und das hohe Alter sind und wer uns “pflegen” wird..
Das kann doch nicht der Sinn des Lebens sein, den wir ihm geben wollen und das Szenario von lautlosen Pflegeheimkasernen auch noch mit aller Wortgewalt anstreben zu wollen???
Ich gehe davon aus, dass wir all diese Dinge herbeireden und herbeischreiben, wenn wir ihnen l Aufmerksamkeit geben, sie also überbetonen und Alternativen zu diesen Missständen gar nicht ins Auge fassen. Warum? Weil wir so fasziniert sind von diesen Aussichten?
Mittlerweile ist doch immerhin schon einiges bekannt geworden an Untersuchungen, wie esw NICHT zu A und D kommen muss. Man weiß mittlerweile, wie unabdingbar tägliche Bewegung, fettarme und alkoholarme etc. Ernährung, geistige Beschäftigung usw. sind
Fachleute müssten sich doch unbedingt damit befassen, wie es NICHT zu A und D kommt und wie die “Kassen” von diesen Auswirkungen bewahrt werden können.
Mich interessiert ausschließllich die Gegen-Position, was kann ich dazu beitragen, um bis ins hohe Alter körperlich und gesitig gesund zu bleiben – was beides irgendwie auch zusammenhängen dürfte. Bitte entschuldigen Sie meine Rage, aber als den Gedanken des Konstruktivismus radikal zugeneigt, kämpfe ich für die Einsicht in das, was wir tun und denken und damit bewirken.
Kommentar by Sylvia Taraba — 29. Mai, 2008 @ 11:41 Uhr
Das Problem der Angehörigen von Demenzerkrankten nennt Pauline Boss, wie ich finde, sehr treffend: unabgeschlossene Trauer. Äußerlich hat man es noch mit dem Menschen zu tun, den man seit Jahrzehnte kannte, aber er ist doch irgendwie gestorben. Wie soll man trauern, wenn er physisch noch täglich zu sehen ist…
Wirklich schwer.
Kommentar by Fritz B. Simon — 30. Mai, 2008 @ 03:01 Uhr
Ja, wirklich schwer für die Angehörigen. Für den, der alles vergessen kann, was immer es sei, möglicherweise leicht. Das ist das Tröstliche daran für Angehörige. Das schlimme für sie ist, dass sie zugleich ein unabgeschlossenes Leben vor sich haben, das für den Vergessenden abgeschlossen ist, aber für sie, da es zum Spiegel des eigenen Lebens werden könnte, eine permanente narzistische Kränkung darstellt und mehr oder weniger verdrängt werden muss. Um selbst zu leben, müssen sie den Vergessenden über weite Strecken einfach vergessen…
Kommentar by Sylvia Taraba — 30. Mai, 2008 @ 08:21 Uhr
Als Tochter eines an Alzheimer erkrankten Vaters berühren Ihre Kommentare mich eigentümlich. Warum sind solche Zuschreibungen nötig, jemand “produziere” Alzheimer; es fänden Entwertungen statt, die den Prozess unterstützen? Es ist für Betroffene und Angehörige zutiefst verunsichernd, nicht mehr über gewohnte Kompetenzen und nicht einmal mehr über Routinen zu verfügen, sich selbst und seine nächsten Angehörigen nicht mehr zu kennen. Dass dann in der Kommunikation Entwertungen passieren können – mag sein, aber trifft ein Beobachter diese Bewertung?
Das gesamte betroffene System verändert sich, erfährt neue Grenzen und entwickelt sich auch zwangsläufig. Ich will Ihnen sagen, worin ich allenfalls eine narzisstische Kränkung erkennen kann: dass es nicht gelingt, für den Betroffenen die bestmöglichen Lebensbedingungen zu schaffen, wenn er selbst nicht mehr für sich sorgen und entscheiden kann, keine Bedürfnisse mehr äußern kann und sich in völliger Abhängigkeit von anderen befindet. Aber jeder Mensch lernt irgendwann, nicht omnipotent zu sein.
Übrigens lief mein Vater noch Marathon, als er den Weg schon längst nicht mehr alleine finden konnte. Das hat mehr mir Ressourcen zu tun, die noch erhalten bleiben und genutzt werden können, als mit Verzögerung des Abbaus. Und wenn ich das schreibe, spüre ich die Wehmut aufkommen, die vielleicht Herr Simon gemeint haben könnte.
Freundliche Grüße
Pia Mertens
Kommentar by Pia Mertens — 30. Mai, 2008 @ 20:55 Uhr
Wer sich mit dem Tod gut versteht, vermag sich angesichts dieser Zumutung wohl leichter auf die praktischen Aspekte dessen, was möglich ist, einzuzlassen.
Kommentar by Max Liebscht — 31. Mai, 2008 @ 07:01 Uhr
Liebe Frau Taraba,
mit meinen gesamten Beitrag wollte ich eigentlich nicht darauf hinweisen, dass es im Bezug auf Demenz nur noch “schlimmer” kommen wird, sondern ganz im Gegenteil, dass man sich heute schon dazu Gedanken macht, wie man Menschen mit Demenz ein würdevolles Leben ermöglichen kann, wenn schon zurzeit nicht die Erkrankung geheilt werden kann.
Wenn ich sie richtig verstanden habe, sind Sie der Meinung, das wir durch Ausrichten unserer Aufmerksamkeit die Möglichkeit haben unsere Welt in eine bestimmte Richtung zu verändern. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf den Aspekt, den Sie als positiv bewerten, wie der Mensch bis ins hohe Alter gesundbleiben kann. Alle Aspekte, die mit einer schlechten Zukunftsvision einhergehen, legen Sie auf die andere Seite. Das Richten der Aufmerksamkeit auf diese Aspekte, würde schlussendlich auch zu einer schlechten Welt führen. Habe ich Sie da richtig verstanden?
Ehrlich gesagt, bin ich mir gar nicht so sicher, ob nicht auch das Betrachten der schlechten Seite auf die positive Seite verweist? Was mich an Ihrer radikalen Konstruktivistischen Position stört, ist das angenommen wird, dass man nur auf der einen Seite bleibt. Ich bin eigentlich ein sehr positiv denkender Mensch. Über ein Zeitspanne stellt man sich doch mal eine positive Welt, mal eine weniger positive Welt vor. Und dann mal eine negative und wieder eine positive Welt. Mir wäre es da viel zu langweilig immer nur positives zu “erdenken”. Von daher ist mir Ihre Radikalkonstruktivistische Position etwas zu steif. (Alles unter der Voraussetzung, dass ich Sie auch richtig verstanden habe.)
Auf der anderen Seite habe ich natürlich meinen Ps Beitrag provokativ formuliert. Wenn ich mir eine Demenz Erkrankung vorstelle, tue ich das aus dem Wissen heraus, das Menschen mit Demenz auch ein hohes Wohlbefinden und eine gute Lebensqualität haben können. Dies hängt aber wesentlich vom Umfeld des Menschen mit Demenz ab, von Angehörigen, vom Pflegepersonal, vom Gesundheitssystem etc. Ich wünsche mir natürlich schon, dass sich mein Lebensabend so optimal wie ich es mir vorstelle, verbringen kann. Sich vorzustellen, dass eine Demenz unter bestimmten Umständen Vorteile hätte, mindert für mich erstmal das Fruchtbare Wesen der Demenz. Wobei ich dies etwas zurücknehmen muss. Wenn die Versorgungsleistung von Menschen mit Demenz schlecht ist, kann ein Mensch mit Demenz sich auch nicht wohlfühlen oder glücklich sein. Dies kann nur geschehen, wenn eine Bindung/Beziehung zu Mitmenschen und Helfern vorhanden ist, diese eingebunden sind in eine Gemeinschaft, sie beschäftigt sind und sich als wertvoll erleben.
Von Menschen mit Demenz habe ich gelernt, das Inhalte und Worte nicht lebensnotwendig sind. Viel wichtiger ist die Beziehung. Ich kann jemanden sagen wie gern ich ihn habe. Ohne Worte.
Viel Grüße
Rainer Isermann
P.s.: Puhhh, jetzt habe ich mich aber ganz schön weit aus dem Fenster gelehnt…
Kommentar by Rainer Isermann — 1. Juni, 2008 @ 15:40 Uhr
Für Angehörige ist die Situation, wie Sie es schildern, Frau Taraba und Herr Simon wirklich nicht leicht. Ich kenne aber einige Ehefrauen und Ehemänner von Menschen mit Demenz, die von sich sagen konnten, dass sie mit Ihrem Partner bis zum Ausbruch und noch im weitern Verlauf der Krankheit ein schönes Leben hatten. Ich hatte den Eindruck, das dieses Ehefrauen und -männer gelang “unabgeschlossene Trauer” abzuschliessen.
Für Angehörige ist die Betreuung eines Menschen mit Demenz ein 24 Stunden Job. Diese Arbeit gehört meiner Meinung nach zu den Schwersten die es zu verrichten gilt.
Angehörige kann man zum Beispiel so unterstützen, das man dem unverstandenen Verhalten ihres Menschen mit Demenz einen Sinn zu weist. Zum Beispiel macht Herr X aus seinem Arbeitszimmer in eine schneeweiße Papierschnipsellandschaft. Die Angehörigen sind die ganze Zeit mit Aufräumen beschäftigt. Der Familie hat es geholfen, das Chaos als ein Aufräumen des Herrn X zu sehen. Was natürlich nicht wie im Sinne der Familie gelingt. Herr X lächelt aber viel beim Aufräumen. In der Vergangenheit schien das Herr X wohl auch gern getan zu haben. Also hat man sich daraufgeeinigt, das alle wichtigen Papiere aus dem Arbeitszimmer entfernt wurden, und dieser dort nach Herzenslust “aufräumen” konnte. Nachdem Herr X im Bett war hat dann die Familie das Arbeitzimmer aufgeräumt. Nur so als Beispiel…
Viel Grüße
Rainer Isermann
Kommentar by Rainer Isermann — 1. Juni, 2008 @ 20:08 Uhr
Lieber Herr Isermann,
Danke für Ihren Kommentar. Ich empfinde große Zustimmung zu allem was Sie hier an- und ausführen und vor allem wie Sie es tun. Sie haben meine Argumentation ja im Wesentlichen verstanden. Nur: Mir geht es nicht um so genanntes “Positives Denken.” Ich betrachte die Welt und ihre Konstrukteure sehr realistisch. Mir scheint es jedoch darum zu gehen, bei Übergewicht und starker Betonung einer Seite, dagegen zu halten, beziehungsweise Alternativen zu sehen oder auch unwünschbare Alternativen zu verwerfen. Ich suche eine konstruktive, produktive Haltung zu “Problemen” zu finden, die eigentlich keine “Probleme” sind. Die Welt ist so, wie wir sie uns (gemeinsam) (aus)denken. Ich bin (?)frivol von der Idee getragen, dass wir, (trotz enormer Zähigkeit der Prozesse) – in Kommunikation, auch im Umgang mit einander – die Welt bewusster gestalten können. Auch in einem Blog (ob viel gelesen oder wenig), besonders in diesem finde ich, besteht die Notwendigkeit und Verantwortlichkeit, sich dessen, was man denkt, sagt und tut und welche konstruktiven oder destruktiven Auswirkungen es haben kann, bewusst zu sein. Ich denke es HAT Auswirkungen. Herzliche Grüße
Kommentar by Sylvia Taraba — 2. Juni, 2008 @ 07:56 Uhr
Nicht, dass ich regelmäßig die Sendung von Herrn Beckmann sehe. Aber gestern Abend habe ich Loki Schmidt und Siegfried Lenz gehört, wie sie über das Altern sprachen. Sie fanden nichts Positives daran, sondern sprachen dafür, dass es einfach sehr mühsam sei, und man eben nur versuchen könnte, mit Würde damit fertig zu werden.
Dabei sprach Loki Schmidt folgende Sätze (die ich allerdings nur sinngemäß wieder geben kann): “Vielleicht ist es ja alles einfacher, wenn man nicht mehr alles so mitbekommt. Wenn man sich damit begnügt, sich über das gut schmeckende Süppchen zu freuen.”
Kommentar by Fritz B. Simon — 3. Juni, 2008 @ 08:38 Uhr
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Kommentar by Bemievidome — 1. Februar, 2010 @ 05:15 Uhr