Simons Systemische Kehrwoche

Gedanken

Fritz B. Simon

Mein gestriges Vergessen meines Themas bringt mich zu der Frage nach dem Verhältnis von Gedanken und Denker. Von Lichtenberg gibt es die erhellende Bemerkung, es sei falsch zu sagen “Ich denke”. Stattdessen müsse es heißen: “Es denkt.” Und in dieser Formulierung sei “es” so zu verstehen wie in: “Es blitzt.”

Denken ist ein selbstorganisierter Prozess, und der vermeintliche Denker ist nur ein mehr oder weniger unbeteiligter Zeuge dieses Vorgangs.

Mir scheint das eine gute Erklärung für mein gestriges Vergessen. Es dachte eben irgendwas, und ich habe das, was das gedacht wurde, wahrgenommen – gewissermaßen aus den Augenwinkeln -, aber es war schon wieder weg, bevor ich es festhalten konnte…

Claude Lévi-Strauss hat mal über die von ihm geschriebenen Bücher gesagt, er habe mit ihnen eigentlich nichts zu tun. Es sei nur zufällig an dem Ort gewesen, wo diese Bücher entstanden sind. Das sei wie bei einer Strassenkreuzung, über die Autos fahren. Auch sie hat mit den Autos nicht viel zu tun. Wenn sie weg sind, bleiben kaum Spuren zurück.

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8 Kommentare

  1. Wenn man Autos mag oder sie einen interessieren, hat man es als (befahrene) Kreuzung doch ganz gut getroffen.

    Kommentar by Axel Zaumseil — 25. Oktober, 2007 @ 11:11 Uhr

  2. ja, eine Leistung des psychischen Teilsystems vom Menschen, die in struktureller Kopplung und ähnlich wie die Zelle “nur” in semiperiablem Austausch mit den anderen internen wie externen Teilsysthemen anderer nicht trivialer Maschinen, steht. Daher könnte dieser Eindruck entstehen.

    kollegiale Grüße
    Thomas Kirchen
    http://www.arbeitswelt-lebenszeit.de

    Kommentar by Thomas Kirchen — 25. Oktober, 2007 @ 13:30 Uhr

  3. Damit muss natürlich das Bemühen nach “Rekonstruktion des Pfades” im Gespräch auch immer irgendwie frustran bleiben. Selbst wenn Sie dann inhaltlich wieder einen Faden aufgreifen können, wäre dann der “Blitz” trotzdem nicht mehr zu rekonstruieren, der den Gedanken konstituierende Prozess ein anderer.

    Eine der schockierendsten und auch mich am stärksten berührenden Einsichten beim Lesen von Maturana & Varelas “Baum der Erkenntnis” war die Vorstellung, dass Gedanken, auch im Sinne des “inneren mit sich sprechens”, erst als Ergebnis der strukturellen Koppelung innerhalb des sozialen Systems im sprachlichen Bereich hervorgebracht werden und damit nicht etwa “in mir drin sind” (von einer repräsentationalen Sicht hatte ich mich ja längst verabschiedet) sondern ohne die Unterscheidungen im System gar nicht existierten. Das ist so bestechend und faszinierend…und mittlerweile gar nicht mehr sooo beunruhigend.

    Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 25. Oktober, 2007 @ 17:31 Uhr

  4. Teilsysthemen.
    Coole Wortschöpfung ;-)

    Kommentar by Michael Wald — 25. Oktober, 2007 @ 21:16 Uhr

  5. ja, das soziale System muss noch dazu, aber doch dann nicht innerhalb, sondern zwischen sozialen Systemem – oder!? – sonst würde ja gerade der Knackpunkt “Systemgrenze” – an dem ja die Entwicklung, sprich die Anschlussprozesse stattfinden, die letztlich ja die Interaktion mit anderen erst möglich machen, gar nicht so sehr ins Gewicht fallen, wie sie es gemenhin nach dieser Theorie tun.

    kollegiale Grüße
    Thomas Kirchen
    http://www.arbeitswelt-lebenszeit.de

    Kommentar by Thomas Kirchen — 26. Oktober, 2007 @ 07:33 Uhr

  6. Wenn sie Autos mag, dann gewinnt für die Kreuzung auch das Überfahren werden eine ganz andere Bedeutung…

    Kommentar by Fritz B. Simon — 26. Oktober, 2007 @ 07:44 Uhr

  7. Das mit der Kreuzung und gedanklich- wahrnehmungsmäßigen Empfänglichkeit is klasse.

    Einerseits bin ich für das alles verantwortlich, was ich da wahrnehme und andereseits (er-)finde ich mich durch den systemischen Gesamtzusammenhang perfekt determiniert. Ich denke, eine nette Dialektik, dieses: “Es denkt mich”.

    Freilich: dem Papua – neuginesischen Kopfjäger ist es wurscht, ob ich mir im Kopf mit Herz und Hand über ethische Implikationen Gedanken machen kann. Entsprechende Resonanzebenen eignen ihm (so) nicht. Mitsamt meinen Wertesystemen will er mich verwursten. Sie interessieren ihn vorzüglich in ihrer Eigenschaft als Eiweßpräparat. Selbst wenn ich Schweinswürstel präferiere, empfiehlt es sich, dem Knaben zuvor zu kommen, statt mit ihm Wertediskurse ausfechten zu wollen.
    Wenn Sie sich den Beziehungszusammenhang mit der sympathischen Gesprächspartnerin vergegenwärtigen, sich in Ihre kollektive Trance hineinbeamen; worauf springen Sie für denn so gewöhnlich an?

    Was immer da sein mag, der Stein auf der Straße ist Teil meiner Selbst sowie ich ihn wahrnehme. In der Beziehung des Steines zu mir, als einer Spielart von Selbstbeziehung, entsteht nur insoweit Resonanz als ich auch steinern bin.

    Von der epistemologischen Betrachtung abgesehen, gibt es rein praktisch – hypnotherapeutisch ja Möglichkeiten, sich den Gesamtzusammenhang zu vergegenwärtigen, aus dem heraus sich ein erleuchtender Teilzusammenhang derart intentiv zur Darstellung ergeben hat, daß er gleichwohl als ein Gesamtzusammenhng aufgefaßt wird. Das mit den Teilsystemen ist sicherlich eine probate, gleichwohl unpräzise Verlegenheitslösung, etwas auf den Begriff zu bringen. Systeme gibt es ja gleichwohl nicht. Es gibt alles in allem nur ein System. Vermutich. Und selbst da bin ich mir nicht sicher. Bzw. das System, soweit es sich mit mir, in den Grenzen der Wahrnehmung meines Resonanzkörpers zur Darstellung bringt.

    Sicherer bin ich mir schon, daß es im wesentlichen ein System gibt. Meines. Auch wenn ich das mit der Dialektik da oben geschrieben habe und Holm von Egidy ein schönes Buch dazu hier im Verlag veöffentlicht hat. Fritz Bernhard und Sie alle … also in aller Bescheidenheit – ich geb mir mal Mühe, Sie weiter wie gewohnt zu erfinden. I.O.? Ich nehme Einverständnis wahr. I.O..

    Der Schmetterling aus der Wüste Görlitz läßt grüßen.

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 26. Oktober, 2007 @ 08:06 Uhr

  8. genauer: … steinern sein kann.

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 2. November, 2007 @ 10:09 Uhr

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