Simons Systemische Kehrwoche

Geschenke

Fritz B. Simon

Telefonanruf: Alte Bekannte, “Nachbarn” (wohnen 30 km entfernt, aber in großen Ländern wie Kanada ändern sich die Maßstäbe von Nähe und Distanz) wollen zu Besuch kommen. Wo ist eigentlich der scheußliche Leuchter, den sie – als Geschenk getarnt – bei uns einmal entsorgt hatten?

Geschenke sind ja ein merkwürdiges Phänomen. Wenn mann irgendwohin zu Besuch kommt, dann bringt man – gewissemaßen zu Tausch für die Mühe des Gastgebers – eine Kleinigkeit mit. Eine symbolische Gabe, die Wohlwollen und Sympathie signalisieren und erezugen soll. Ein Symmetrieangebot. Doch manche Geschenke sind offensichtlich Ausdruck der Aggressivität – eine Grenzverletzung. Zu dieser Kategorie gehört jener Leuchter. Es ist ein Objekt, das nahezu unzerstörbar erscheint, und daher den Empfänger lebenslang verpflichtet, es für den nächsten Besuch des Schenkenden bereit zu halten – um zu zeigen dass man ihn in seinem Geschenk ehrt. Doch wer kann all diese Geschenke aufbewahren, zumal, wenn sie scheußlich sind, nicht zur Wohnungseinrichtung oder sonst den ästhetischen Kriterien des Beschenkten passen? Wer hat schon ein Lagerhaus zur Verfügung, samt Archiv, in dem er nachschlagen kann, wann er was von wem erhalten hat?

Damit diese Schwierigkeit nicht zum Abbruch der sozialen Beziehungen führt – auch kleine Geschenke dieser Art gefährden die Freundschaft – hat es sich eingebürgert, verderbliche Waren zu schenken: Blumen, Konfekt, eine Flasche Wein… Alles Dinge, die implizieren, dass der Gebende beim nächsten Mal nicht fragt: “Wo ist denn eigentlich mein handgeschnitzter Leuchter geblieben?” Wer unverderbliche Dinge verschenkt, verletzt den Intimraum seiner Mitmenschen.

Der Leuchter meiner “Nachbarn” ist übrigens vor einigen Jahren mit unserem Haus verbrannt, so dass wir sie ganz ungeniert empfangen können. Sie werden nicht nach ihm fragen… Neustart. Aber man kann ja nicht immer damit rechnen, dass das Haus abrennt oder es gar deswegen anzünden.

Bookmarken bei
Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • TwitThis
  • Colivia
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Wikio DE

3 Kommentare

  1. Insofern wohl ein Geschenk, daß wir so verderblich sind.

    Kommentar by Max Liebscht — 17. August, 2006 @ 00:55 Uhr

  2. :O) Das ist das gute an Sachen, die man verbrauchen kann, wie Pralinen oder Geschenkkorb mit Delikatessen. Solche Sachen kann man auch prima weiter verschenken ohne dass später ein Schenker sagt: wo ist den eigentlich die Schachtel mit den Eierlikörpralinen, die ich Dir zu Ostern geschenkt habe? Oder: Hast Du noch die tollen Herchennudeln von Deiner Hochzeit?
    Schlimm sind auch Andenken und Souvenirs aus dem Urlaub mitzubringen. Die sind garantiert furchtbar! Lieber einen netten Likör oder irgendeine tatsächlich leckere Speziliatät aus dem Reiseland mitbringen.
    Ich habe es mir abgewöhnt Dinge zu schenken, die ich bei meinem nächsten Besuch sehen “müßte”. Meine Familie bekommt nur noch technische Dinge, die gehen auch irgendwann kaputt oder was zum Naschen und Genießen.

    liebe Grüße
    Frances

    Kommentar by Frances — 24. August, 2006 @ 20:16 Uhr

  3. Hallo ihr Lieben,

    also ich bin auch auf dem Standpunkt, dass man dem Gastgeber etwas mitbringen sollte, wie schon beschrieben wurde, alleine schon wegen der Mühe, die der Gastgeber hat. Kommt es auch darauf an, wenn es der erste Besuch in der Wohnung sein wird? Ich weiß aber eigentlich gar nicht was. Was kann man verschenken? Ich denke da nicht an Blumen oder so, sondern eher an was dekoratives wie Kerzen oder so.

    Lieben Gruß von Esther

    Kommentar by Esther — 1. März, 2007 @ 00:16 Uhr

RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel.

Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.

Mai 2012
M D M D F S S
« Apr    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
Systemische Kehrwoche

nach Stichwort
Carl-Auer LebensLustCarl-Auer CompactCarls Klassiker-BibliothekCoachingFamilientherapie und FamilienforschungHypnose und HypnotherapieKinder- und JugendlichentherapieManagement / OrganisationsberatungOrganisations- und StrukturaufstellungenPaartherapiePhilosophie / Systemtheorie / GesellschaftPsychiatriePsychologie/PsychotherapieSystemaufstellungenSystemische MedizinSystemische PädagogikSystemische Soziale ArbeitSystemische TherapieTherapie und HumorVerlag für Systemische Forschung
HörBarLesBarBuchBar
AnsprechpartnerCarl Auer – Geist or Ghost?Jobs & PraktikaVerlag für Systemische ForschungSo finden Sie uns
Für AutorenBuchhandelPartnerbuchhandlungVeranstaltungenLinksProspektanforderungNewsletterGeschenkgutscheinE-Cards
AktuellesRezensionsexemplareUnsere VorschauVerlagsgeschichte