Simons Systemische Kehrwoche

Geschichten in Familienunternehmen

Fritz B. Simon

Die letzten drei Tage habe ich in der Uni Witten ein Seminar mit Arist von Schlippe und Torsten Groth zum Thema “Geschichten in Familienunternehmen” abgehalten.

Wie in anderen Uni-Seminaren wurden Referate gehalten und Texte diskutiert (was ich persönlich zwar für sinnvoll, aber nicht wirklich spannend halte). Höhepunkt waren daher für mich die Gäste, die sich zum Thema befragen ließen bzw. spontan selbst erzählten: ein Unternehmer (4. Generation) und ein Fremdmanager in einem Familienunternehmen (zigste Generation), und die anschließenden Diskussionen.

Deutlich wurde mir wieder einmal der Sonderstatus von Familienunternehmen: Sie “ticken” anders, da sie immer auch familiären (und damit personenorientierten) Kriterien gerecht werden müssen. Kein Fremdmanager hat langfristig in einem Familienunternehmen eine Überlebenschance, wenn er sich nicht – bewußt, sehenden Auges – in den Dienst der Familie und ihres Identitätserhalts stellt. Dass er sich dabei in Paradoxien verstricken kann, gehört zu seinem Berufsrisiko. Schließlich steht er vor der Aufgabe, mit den von ihm zu verantwortenden Entscheidungen zwei Maßstäben gleichzeitig gerecht werden zu müssen, obwohl die sich logisch gegenseitig auszuschließen scheinen: Er muss ökonomischen Bewertungsmaßstäben gerecht werden, d.h. Rendite erwirtschaften, und er muß personenorientierten Werten gercht werden, d.h. affektiven Bedürfnissen und Zielen der Familien, wie etwa Zuverlässigkeit der Beziehungen, Vertrauen, Fürsorge etc.

Nur wer es schafft, beiden Spielregeln gerecht zu werden und sich von der Alternative des Entweder-oder zu befreien, wird langfristig Erfolg haben. Ambiguitätstoleranz und Paradoxiemanagement sind die Stichworte. Erfolgreiche Familienunternehmen machen fast alles falsch (wenn man die Analysten an der Börse fragt). Und deswegen sind sie so erfolgreich und leben weit länger als all die sexy Aktiengesellschaften am Kapitalmarkt.

Und wie sie das schaffen, zeigt sich häufig schon in den Gründungsmythen. Dass es hier im Selbstverständnis von Familienunternehmern und Managern, die nur für eine begrenzte Zeit angeheuert sind, einen großen Unterschied gibt, mag folgende Geschichte zeigen (kein Gründungsmythos, aber eine Story, die nicht nur spezifische Spielregen zeigt, sondern sie auch erhalten hilft, da sie im Unternehmen erzählt wird):

Herr X., Gründer der Unternehmens…, war auf dem Weg nach New York. Einer seiner Topmanager auch. Beide wußten nichts von den Reiseplänen des anderen. Als Herr X. das Fluzeug betrat, sah er seinen Angestellen in der ersten Klasse sitzen. Er ging hin begrüßte ihn freundlich. Beide plauderten noch ein wenig, dann verabschiedete sich Herr X. und äußerte sein Bedauern, dass man das interessante Gespräch nicht fortführen könne und ging auf seinen Platz in der Economy-Klasse…

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4 Kommentare

  1. 70 % aller Unternehmen weltweit müßten, wenn ich Sie recht verstehe, eine Art Gewähr gegenüber dem degenerierenden Mythos des Rationalismus darstellen, für eine Wirtschaftsweise, die sich gewissem menschlichem Maß verpflichtet sieht. Die Gebilde wachsen dadurch von breiterer Basis aus, dadurch sie mehr Anforderungen noch gerecht zu werden haben, denn Unternehmungen ohnehin – okay. Dennoch scheint es unvermeidlich, daß wenn die Friedenszeiten zu lange dauern, die Wirtschaftsweisen etablierter Manier dazu führen, daß Gesellschaften insgesamt welken bzw. faulen. (Die marxistisch – leninistischen Gesellschaftstheoretiker sprachen ernsthaft wörtlich vom “faulenden” Imperialismus als Endphase kapitalistischer Gesellschaftsentwicklung). Systemisch – konstruktivistisch inspirierte Alternativtheorien werden vermutlich bei der Konkurrenzlinie, der Revue beworben. Was halten Sie denn von 0 – Wachstum und solchen Spinnereien? Systemisch in der Bateson’ schen Konsequenz heißt schließlich ökologisch.

    Kommentar by Max Liebscht — 10. Dezember, 2007 @ 18:07 Uhr

  2. Wachstum ist schon etwas, was elementar zum Kapitalismus gehört (ob faul oder nicht). Die Beleihung von Eigentum (Kreditvergabe/Kreditnahme) ermöglicht es gewissermassen, die Wirkung des Kapitals zu verdoppeln. Einer nutzt es, einer nutzt den dadurch abgesicherten Kredit. Das führt zu Wachstum.

    Trotzdem ist Wachstum eigentlich eine ziemlich blöde Sache, denn die Frage stellt sich ja: Wozu wachsen?

    In Familienunternehmen (zumindest denen, die ich gut finde – und das sind nicht alle) ist Wachstum kein Wert an sich. Sie dienten ursprünglich dem Überleben der Familie, und daraus gewinnen sie auch heute noch ihren Sinn. Auch wenn “Überleben” heute oft heißt: Reichtum… (aber wer will ihnen das verdenken). Und auch da wieder obwohl…. d.h. obwohl ich auch Erben in Familienunternehmen kenne, die ihr Erbe verschenken oder danach trachten, es sinnvoll zu verwerten…

    Kommentar by Fritz B. Simon — 10. Dezember, 2007 @ 21:57 Uhr

  3. Dann könnten diese Erben ja das höchst sinnvolle Unterfangen einer Integrativen Psychologie unterstützen ?

    Nebenbei bemerkt ist das auch einer der Kritikpunkte an der meinerseits ja weitensteils durchausgeschätzten systemisch – konstruktivistischen Denke, daß das Prinzip Wachstum im Zusammenhang mit Konfliktexternalisation so unglücklich rationalistisch gedacht wird. (u.a. mit den bekannten Effekten der Verholzung bspw. von immer perfekter und ineffizienter werden Verwaltungsarchitekturen). Die Dialektik von Kooperation und Kompetition scheint mir anders denn einem platten Survival der je nach ökologischer Nische Passendsten verpflichtet, grundsätzlich ökologischer, weniger todesfürchtig dafür freilich fruchtbarer angelegt. Es erscheint mir indes auch übereilt, daß bspw. langsameres Wachtum sozusagen auf breiterer Basis das bessere Wachstum sei. Bspw. dadurch Familienunternehmer sich identitätsbedingt bestimmten Wertehierarchisierungen verpflichtet sehen, welche ihren rationalistisch designten “Umwelten”, genauer, den mit ihnen verbundenen Strukturen den Rohstoff Unsicherheit durch Sicherheit zur Verfügung stellen.
    Was ist gut? Die Anzahl der Optionen zu vergrößeren?
    Ich finde es schade, daß ausgerechnet wir Systemiker noch nicht zu ökologischeren Entwürfen hingewachsen sind. Ähnlich wie zu den Scheinfragen zwischen Radikalem / Gemäßigtem Konstruktivismus oder konstruktivistischer Denke und Phänomenologischer Sicht wird vermutlich allzu statisch gedacht.

    Stimmt es, daß die arabischen Banken ihre Kreditvergaben nach anderen als unseren Zins- und Zindeszinskriterien vergeben und sich stattdessen umfassender beteiligen bei der Unternehmung?

    Kommentar by Max Liebscht — 11. Dezember, 2007 @ 06:07 Uhr

  4. Noch immer kein Mäzen, der sich gemeldet hätte. “Haaach ja!” sprach der kleine Maulwurf traurig. Schwer ist leicht was.

    Kommentar by Max Liebscht — 12. Dezember, 2007 @ 21:41 Uhr

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