Gesundheit
Fritz B. Simon
Eine der originellsten und schlüssigsten Definitionen von Gesundheit habe ich in Michel Serres Buch “Der Parasit” gelesen:
“Die Tradition, die es wiederaufzunehmen lohnt, nannte die Gesundheit das Schweigen der Organe.”
Und weiter:
“Die Krankheit ist ein Geräusch, ein Rauschen. [...] Jede Krankheit stört ein Funktionieren, ist ein Rauschen, das die Botschaft in den Kreisläufen des Organismus stört; sie schmarotzt an deren gewöhnlichem Kreislauf. Ich glaube kaum, dass man eine allgemeinere Definition von Krankheit geben kann. Sie gilt vom Krebs bis zur Neurose, vom Herzinfarkt bis zur Sklerose.” (s. 304)
Oder kurz gesagt: Krankheiten sind “Parasiten” – wobei man wissen muss, dass “Parasit” im Französischen nicht nur für diese Lebewesen, die wir als Parasiten bezeichnen, steht, sondern auch für das Rauschen im Sinne der Informationstheorie. Der Parasit: eine Funktion, die sich von fremden Funktionen nährt…
16 Kommentare »
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“eine Funktion, die sich von fremden Funktionen nährt…” ist m.E. ein bißchen schief.
Das Spannende ist doch (mit der Frage für welche Lebensbereiche das noch zutrifft (Ehe oder so)), dass wir Gesundheit erst in der Abwesenheit wahrnehmen.
Krankheit ist dann die Abwesenheit von Gesundheit oder “das Schweigen der Organe”.
Kommentar von stephan fedler — 6. Januar, 2010 @ 11:41 Uhr
“Tertium non datur”, Maschinenlogik vs Störung.
Oder, Parasiten als Medium. Gedankenaustausch als ständige Verwechslung. Das geprochene Wort wird mit Gedanken verwechselt und in eigene Gedanken konvertiert. Verstehen bedeutet verwechseln und konvertieren heißt, ein Parasit ist im Spiel.
Kommentar von es — 6. Januar, 2010 @ 11:50 Uhr
Im Bulgarischen können Parasiten sogar die Sprache befallen. Wörter oder Ausdrücke, die von einigen Zeitgenossen überproportional häufig, jedoch weniger angemessen verwendet werden wie „eigentlich“, „so zu sagen“, „sag’ ich mal so“ u.ä., nennt man “Parasitenwörter”. Der Unterschied zu den leiblichen Parasiten besteht vielleicht darin, dass die sprachlichen einen höheren Leidensdruck bei den (zuhörenden) Mitmenschen als beim Betroffenen selbst auslösen.
Kommentar von Janeta K. — 6. Januar, 2010 @ 12:56 Uhr
Demnach wäre ich krank, wenn mir dieses oder jenes Organ oder gar die Summe meiner Organe – mein Körper – Wohlbefinden signalisiert/zuraunt?
“…das Schweigen der Organe…” ist für mich Tod. Ist Tod Gesundheit?
Kommentar von E.B. Far — 6. Januar, 2010 @ 14:29 Uhr
bekannt geworden als Definition für Gesundheit ist die, dass man noch nicht ausreichend medizinisch untersucht ist…
Aus meiner Sicht bedeutet Gesundheit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit auf die Zeichen, die der Körper gibt, bevor die Organe zu reden beginnen
Kommentar von Sylvia Taraba — 6. Januar, 2010 @ 15:34 Uhr
Wer tot ist, ist jedenfalls nicht krank. Was für die Statistik interessant ist…
Kommentar von Fritz B. Simon — 6. Januar, 2010 @ 15:56 Uhr
In mir erzeugt der Begriff des Parasiten wieder so etwas, vom jeweiligen “Wirt” fremdes. Dies störte mich auch schon beim hochgeschätzten Stephen Gilligan, in dessen self relations therapie. Dort verwendet er den Begriff Aliens. Geht dies noch mir der Vorstellung eines Autopoitischen Systems konform?
Vielleicht ist die Lösung des Dilemmas um den Gesundheits-, Krankheitsbegriff, dass es weder Gesundheit noch Krankheit gibt. Es gibt lediglich Überleben oder Nichtüberleben.
Kommentar von Tom — 6. Januar, 2010 @ 19:06 Uhr
kuriere seit 6 Tagen eine heftige Muschelvergiftung aus – also, das mit den Geräuschen kann ich bestätigen. Eigentlich haben sich die Organe die ganzen Tage ziemlich laut gestritten
Kommentar von Ingo Scholz — 6. Januar, 2010 @ 22:52 Uhr
@7
Serres betrachtet Systeme nicht als prästabilisierte Harmonie. Die konstanten Veränderungen erfordern ständige kybernetische Selbststeuerung. Dabei tritt die Frage auf, ob die Erschütterung, der “Parasit” Ursache und Sinn des “Systems” darstellt.
Welches Parasiterl hätten´s denn gern? GSB
Kommentar von es — 7. Januar, 2010 @ 09:28 Uhr
@es
Ich finde das Konzept des Parasiten – ehrlich gesagt – nicht sonderlich nützlich. Mir haben bei Serres eigentlich auch nur gelegentliche Formulierungen gefallen – wie eben die Definition von Gesundheit. Ansonsten war der Hinweis auf ihn und sein Buch nicht als Leseempfehlung gedacht. Ich finde, es ist eines dieser typisch bombastischen und verblasenen, wichtigtuerischen, aber inhaltlich nebeligen und unpräzisen französischen Werke, die vom Feuilleton geliebt werden, aber mich eher kalt lassen.
Kommentar von Fritz B. Simon — 7. Januar, 2010 @ 10:07 Uhr
Von Gesundheit im Sinne Resilienz, Integrationsvermögen auch von sog. Aliens bzw. parasitären Funktionen scheint man hier nicht auszugehen. Gesunde Stoffwechsel- bzw. Informationskreisläufe von Organismen bzw. Organisationen als eine Art Perpetuum mobile vorzustellen, erscheint mir recht künstlich. Sie bedürfen der Infragestellungen um fit = viabel zu bleiben und sind hinsichtlich ihrer Integrationsfähigkeit doch nicht jeder Herausforderung gewachsen.
Hier sieht man auch die Beschränkung, die entsteht, wenn wir meinen, in abgrenzbaren Systemen alle Wirkzusammenhänge erfassen zu können. Organisationen und Organismen brauchen Verunsicherung, um sich selbst wieder und wieder auf´s Neue zu erfinden, sie sind der abgegrenzte “Außenwelt” gleichermaßen verbunden und nicht ohne deren Infragestellungen auf Dauer lebensfähig. Jeder geschlossenen Raum ist ein Sarg. Momentane Grenzen setz die aktuell mobilisierbare Verarbeitungskapazität, sagt die Mistel am Baum. Die Frage ist, wieviel Krieg e.t.c. wir brauchen, um ökologiebzogen bzw. geistig & kulturell frisch bleiben zu können statt degenerieren zu müssen.
Auch psychosomatische bzw. psychosoziale Strukturen haben tagesformbedingte Schwankungen, die dafür den Ausschlag geben, inwieweit wir jemand als sozial / somatisch toxischen Alien abstoßen oder als herausfordernde Ergänzung betrachten.
Wie sieht es nun im sozialen Zusammenspiel mit parasitären Funktionen aus? http://jenswagener.de/?p=8
Kommentar von Max Liebscht — 7. Januar, 2010 @ 11:52 Uhr
Genau. Warum eben genau deshalb nicht einfach Störung des Systems – natürlich von innerhalb des Systems.
Kommentar von Sylvia Taraba — 7. Januar, 2010 @ 19:29 Uhr
And the 4001st Fool smiles…
Kommentar von es — 7. Januar, 2010 @ 20:21 Uhr
…at himself.
Kommentar von Sylvia Taraba — 7. Januar, 2010 @ 21:12 Uhr
definitely, maybe
Kommentar von es — 9. Januar, 2010 @ 17:32 Uhr
Bin ich froh, dass ich so mäßig english versteh’ ..
Kommentar von Max Liebscht — 9. Januar, 2010 @ 23:33 Uhr