Gesundheitssystem II
Fritz B. Simon
Habe eine Diskussion über das amerikanische Gesundheitssystem gehört. Eine Teilnehmerin, eine Ärztin, die für eine der “Managed Care”- Organisationen als Gutachterin tätig war, “beichtete”, dass sie in dieser Funktion den Tod eines Mannes zu verantworten hätte, dem sie eine lebensnotwendige Behandlung versagte, weil sie 500 000 Dollar für die Versicherung an Kosten bedeutet hätte.
Generell ging es (auch) um die Frage, ob ein Gesundheitssystem, das privatwirtschaftlich organisiert ist, wirklich seiner Aufgabe gerecht werden kann. Und das ist ja tatsächlich die entscheidende Frage: Ist die Form der Wirtschaftsorganisation (= Unternehmen) die beste für Organisationen, die Infrastrukturaufgaben haben? Ich persönlich bezweifle das…
Und natürlich stellt sich auch die Frage, den Anspruch auf welche Art medizinischer Leistungen kann eine Gesellschaft ihren Mitgliedern gewähren? Soll die Gemeinschaft der Beitrags- oder Steuerzahler Viagra bezahlen und/oder die Pille? Wer trägt die Risiken, die mit Drachenfliegen, Bergsteigen, Tiefseetauchen etc. verbunden sind – oder einer sitzenden Tätigkeit vor dem Computer? usw.
3 Kommentare
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Zum Thema Gesundheitswesen, Krankenkassen usw.: http://www.faz.net/s/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44/Doc~E06CCFFE6E5C844C2BF4E9B19290DDE8C~ATpl~Ecommon~Scontent.html Oder auch unter diesem Link. http://www.tagesschau.de/inland/demenz102.html wird etwas beschrieben, was es längst gibt. Gerade bei der Pflege multimorbider Kranker ist medizinischer Sachverstand nötig. Es gruselt mir.
Kommentar by Elisabeth B. Far. — 16. August, 2008 @ 17:46 Uhr
Da braucht es eigentlich nicht vieler Worte dazu. Organisationskultur ist kein Selbstzweck, Werte qualifizieren!
Ein privatwirtschaftliches “System” wird dieser Aufgabe gerecht, wenn es sich einer am Gemeinwohl aller potentiellen Kostenverursacher orientierten Werteethik verpflichtet “fühlte”.
Dementsprechend ist die Bigotterie im sog. sozialen Bereich bekanntermaßen am stärksten ausgeprägt. Ein gemäß christliche Werten geführtes Pflegeheim KANN seine Mitarbeiter nicht ausbeuten. Irgendwie repräsentieren wollen die Würdenträger dann natürlich aber doch auch wieder…
Ein staatliches Gesundheitssystem wird dieser Aufgabe gerecht, wenn es sich u.a. dem Wert Effizienz verpflichtet fühlte, welche indirekt dazu führt, daß das “System” weniger Ressourcen für sich verballert, sich bspw. weniger umständliche Verwaltungsstrukturen leistet, weil zuviel Staaten im Staate zu Kosten aller gehen – wie man weiß und nicht vergißt.
Meistens fühlen sog. Systeme, soziale Organismen im Ganzen aber nicht so wie sie sollen, bzw. erst, wenn es den Organismen, welche sie bilden, zur Abwechslung irgendwo auch mal weh tut oder es persönlich besonders viel zu ernten gibt, an Früchten aus eigentlich anderer Leute Gärten.
Was wir nicht nur auf staatliche Organisationsformen sondern auch auf Gewerkschaften, übertragen können. bzw. e.V.’s, die ehedem mit auf´s Allgemeinwohl ausgerichteten Ambitionen angetreten waren, bevor sich dann irgendwie noch was anderes ergab.
Marktwirtschaftlich ausgerichtetes Kalkül ist per definitionem nicht auf allgemeine Wohlfahrt aller Marktteilnehmer ausgerichtet.
Womöglich irre ich. Aber einer der wesentlichen Konstruktionsfehler der aktuellen Verfassung scheint mir darin zu bestehen, daß nicht klar getrennt ist zwischen Interessen, die von Staats wegen wahrzunehmen sind damit zugunsten dieses Allgemeinwohls ein Kompromiß erwirtschaftbar ist und dem Engagement in den Positonen privatwirtschaftlicher Unternehmungen.
Wäre da ein gerade Strich und es (u.a. aufgrund systemtheoretisch fundierter Einsicht in die Unmöglichkeit “neutral” zu sein) regelrecht verboten, Diener zweier Herren zu sein, so könnte womöglich dieses, unser aller Staat ruinierende “Gewinne privatisieren! – Verluste solidarisieren!” – nicht derart massiv umgesetzt werden, wie das derzeit der Fall ist und (fast) unser aller Alltag belastet.
Wer in einer öffentlichen Interessen verpflichteten Institution arbeitet, kann nicht in irgendeinem Aufsichtsrat sitzen und dgl.
Kuriositäten.
Krönung solcher uns zyklisch in Krisen hinein reitenden Fehlkonstruktion waren bspw. die Affairen des Peter Hartz, oder von unseren doch nicht ganz so rechtschaffendem Bäckergesicht, dem Herrn Milbradt. Das Geld, was er privat in der Sächsischen Landesbank hat mitlaufen lassen, auf das es Junge bekomme, mag sich der Summe nach vergleichsweise bescheiden ausnehmen. Aber der Fakt, daß dieses Geld dort und nicht anderes angelegt ist, bestimmt Entscheidungen hinsichtlich der strategischen Ausrichtung solch einer Bank. Makaber ist nun, daß sowohl Bank als auch Milbradt eigentlich bestellt sind, den Strukturaufbau in Sachsen zu fördern. Wenn nun aber ein kleiner Handwerker zur Bank geht, weil er 30 000 für seinen Werkstattumzug aufnehmen will, bekommt er gesagt: Hör zu kleiner Dödel! Unter so und so einem Betrag ist das für uns gar nicht interessant. Klar, wenn im Land der unbekannten Möglichkeiten ganz andere Renditeaussichten winken, was soll man sich da in der Bearbeitung mit so Krümelkack abgeben?
Das heißt, von Staats wegen werden inzwischen wieder die gemeingefährlichsten Dinger gedreht. Das sog. Volk folkt derweile gebannt, was ein Aff wie Dieter für Fürze von sich gibt oder wieder der Spiegel neuester Bildtheorie nach(g)eifert.
Solcherlei Interessenüberlagerungen müssen jedenfalls unterbunden werden bei den nächsten Demokratieversuchen.
Wer im Staat Karriere machen will, soll zum Staat gehen. Wer mehr will als geringeres aber sicheres Gehalt, soll in die Wirtschaft gehen.
Ähnlich bei Hartz IV. Wer lieber auf der Parkbank philosophiert, bekommt sein Bürgergeld, solange es allgemein tragbar ist. Wer mehr will und weniger Risiko bzgl. Änderung der Verhältnisse eingehen will, hat weniger Zeit für Kumpels und Familienunternehmen, aber mehr Arbeit und Geld.
Von der Organisationskultur her kann nur das allumfassende Gebilde eines Staats Nachhaltigkeit und Ökologische Verantwortlichkeit realisieren. Um die damit aber verbundenen Nachteile im Wirtschaften auszugleichen, muß der Staat das Recht auf die Ressourcen innerhalb seines Territoriums haben. Dadurch, daß wir nicht auf Teufels komm raus ausbeuten könne, werden sicherlich viele Entwicklungen nicht so eindrucksvoll schnell verlaufen. Sind wir denn so glücklich mit der ziellosen Hast dieser Tage? Auf die Frage “Wohin eigentlich mit uns?” kann ein Privatwirtschaftler sowieso keine allseits befriedigende Antwort geben können.
Derzeit kann man das Prinzip des hier (sicher zum x – Male) vorgeschlagenen bei Google studieren. Die müssen nicht jeden Mist mitmachen und haben von daher die Power, ein paar Akzente im allgemeinen Renditerausch zu setzen. Wie überhaupt die Effekte phanatstisch sind, die sich beobachten lassen, sobald irgendwo mal einer den Wert Eigennutz ein wenig weiter hinten anstellt bzw. wenigstens eine elegante Verbindung hinzubekommen sucht – so wie bspw. hier.
Wenn staatliche Organisationsformen Werten verpflichtet sein sollen, welche sich weniger leicht und nicht gleich so überzeugend umsetzen lassen, wie Rendite, dann brauchen sie besonderen Rückhalt. Und exakt dazu sind die Bodenschätze da, Stromversorgung, Wasser, die Eisenbahn, die Post, Telephon e.t.c.
Weil die bestellten Funktionäre von Staats wegen nicht so flink unterwegs ist, muß die Natur helfen mit dem, was sie uns, letztendlich allen (unverdienterweise) schenkt.
In der Konsequenz würden sich auch die Karrieren im Staatswesen mehr lohnen. Wo es bissel mehr Pfiffigkeit braucht, können sich die Privaten profilieren. Petersprinzip und die krebsartigen Wucherungen ließen sich womöglich mit öffentlichen Interessen verpflichteten Evaluationskomissionen vermeiden. Was allein Brüssel verprasst mit seinen andauernden Umzügen nach Den Haag! Von dem ganzen Fördermittelmißbrauch mal abgesehen.
Statt, daß an den Hochschulen bloß geschnarcht und die “Als ob”- Technik angewandt würde, wären die Witzelnschaftler mal hochverantwortlich in öffentlichem Interesse, d.h. in Sachen Effizienz als eine Art Prüfungskommission unterwegs. Feine Sache eigentlich.
Auch die Grundintention Bismarks war im Kern so schlecht nicht. In besonderem Maße korruptionsgefährdete Entscheidungsträger in besonderen Positionen, die sich bewährt haben, werden verbeamtet, nicht gleich jeder kleiner Ja- Sager, der von der Schule kommt.
Weil wir der Konstruktion nach keinen starken Staat haben, werden wir infolge der Möglichkeiten für ungehemmte Machtkonzentration wieder Führer bekommen. Und ob die jetzt netter sind, weil sie politischer correctness wegen einen Busen mit dranhängen haben, darf man bezweifeln. Die natürliche Begradigung der demographischen Fehlentwicklungen, das ist, worauf neoliberlistische Wildbahndenke hinausläuft.
In privatwirtschaftlichen Interessen verpflichteten Organisationsformen ist die Entsolidarisierung jedenfalls schon im Kern angelegt.
Ebenso kann ein machtloser, weil ausgeplünderter Staat nachhaltig bzw. ökologisch seinen Aufgaben zugunsten aller Bürger gar nicht hinreichend nachkommen.
In diesem Sinne wirkt sich die neoliberale Wirtschafts- bzw. Gesellschaftsethik als sich selbst erfüllende Prophezeihung aus.
Der Staat bringt es nicht, weil er zu angefressen ist dafür.
Und natürlich haben ihn nicht etwa die ambivalent ambitionierten Funktionäre in Doppelfunktion angefressen sondern die verdösten Sozialschmarotzer auf der Parkbank, die sich nicht die Zähne putzen und uns dann alle Geld kosten.
Insgesamt laufen solche Entwicklungen nach wie vor auf sexy verpackten doch letztlich ziemlich ordinären Faschismus hinaus. Im Moment läßt man dergleichen in den Zulieferregionen stattfinden, um da nicht so viel Produktionsnebenkosten zu haben.
Dort gibt es auch Familienverbände, die das noch mittragen können und Funktionen, welche bei uns längst dem Gewaltmonopol des diesbezüglich kontrollbeflissenen Staates obstellt sind, kostengünstig realisieren.
Aber weil die Formen der Organisationsstrukturen, innerhalb derer sich Organisationsprozesse vollziehen weder “systemisch” – ökologisch, geschweige nachhaltig (Utopie) genug (zeitliche Ökologie derer, die gemäß miracle question mal nach uns kommen sollen) bestimmt, werden die faschistoiden Verhältnisse natürlich auch bei uns wieder Schritt für Schritt Einzug halten. Weimar läßt grüßen. (Wobei sich damals wahrscheinlich wenigstens noch ein paar Politiker bis an die Spitze verirrt haben dürften, welche infolge anderweitig gebundener persönlicher Ethik nicht so schnell käuflich waren. Etwas, wovon wir bei unseren diesbezüglich sehr aufgeklärten Staatsträgern heute getrost absehen können.)
Spannend ist nun aus … ja hier stimmt ja der Begriff … systemtheoretischer Sicht, wie wir alle uns Schritt für Schritt von der Eigendynamik dieser Ehrenrunde gesellschaftlichen Ausmaßes erfassen lassen werden. Auf, daß sich irgendwelche Nachfahren von Überlebenden dann wieder mal fragen werden: Wie konnten die damals bloß so blöd sein?
Strukturelle Gewalt in Form Faschismus als Hausmittel u.a. gegen absehbaren Pflegenotstand, wird vielleicht nicht so gut ankommen.
Oh je! Selbstreflexion sonntagsredenmäßigen Ausmaßes. Peinlichkeitswettbewerb Platz X! Und was nun wohl der Herr Ochs mit seinen Rückkopplungstheorien dazu wieder denken mag?
Kommentar by M.M.M. Liebscht — 17. August, 2008 @ 13:00 Uhr
Leute, die mit sich selbst überfordert sind, kümmern sich um Leute, denen es auf anderer Ebene mindestens genauso geht. Darin kommt mir das Solidaritätsverständnis dieser Gesellschaftsform denkbar treffend zum Ausdruck.
Da hält man sich doch besser fit, mag indirekt die Botschaft dieser Entscheider sein.
Kommentar by M.M.M. Liebscht — 17. August, 2008 @ 13:11 Uhr