Simons Systemische Kehrwoche

Günther Grass

Fritz B. Simon

Mit drei Tagen Verspätung ist nun auch bei CNN die Nachricht angekommen, dass Günther Grass bei der Waffen-SS war („Bombshell in Berlin“). Wenn die Waffen im Libanon ruhen, dann werden die Berliner Bomben eben auch interessant…

Was soll man zu dem späten Bekenntnis des Herrn Grass sagen? Außer vielleicht: Ach Günther, hättest du uns – und dir – das alles nicht ersparen können? Warum musst du uns mit deinem Bekenntniszwang behelligen?

Ich persönlich finde nicht so sehr die Tatsache, dass Günther Grass mit 19 Jahren bei der Waffen-SS war, unerträglich und unmoralisch, sondern sein Coming Out. Daher werde ich mich hier nicht über die Bewertung solch einer Mitgliedschaft auslassen, sondern über die des Bekenntnisses. Denn das finde ich – um es gleich zu sagen – unanständig und eine Zumutung.

Günther Grass ist eine öffentliche Figur, er ist Nobelpreisträger, er steht und stand für bestimmte politische Werte usw., d.h. er ist keine Privatperson und darf sich m.E. auch nicht so verhalten. Oder anders gesagt: Er darf sich nur so verhalten, wenn er dafür sorgt, dass dieses Verhalten auch privat bleibt. Wenn die öffentliche Person Günther Grass uns alle mit seinem späten schlechten Gewissen behelligt („Es musste raus…“), so missbraucht er die Öffentlichkeit, um seine privaten Seelenqualen zu externalisieren. Die Ambivalenzen, die bislang möglicherweise sein Seelenleben geprägt haben, finden nun ihre Gestalt im Streit der Meinungen über GG und SS. Er kann jetzt in Ruhe zuschauen, wie andere seine persönlichen Konflikte ausagieren. Wenn er sich schon nicht verzeihen kann, so sollen das die anderen tun. Wenn er sich schon nicht verurteilen kann, dann sollen andere ihn freisprechen…

Als öffentliche Person hat er eine Verantwortung gegenüber der Rolle, die er „spielt“, und es geht dabei nicht um die Wahrheit und um ihn als Person, sondern um seine Funktion. Er hat m.E. nicht das Recht, das alles nach seinem Gutdünken auf den Misthaufen zu werfen. Das ist so, als ob man seinem dreijährigen Kind an Heiligabend – um der Wahrhaftigkeit willen – offenbart, dass es gar kein Christkind gibt…

Als Schriftsteller weiß er, wie man Personen und ihre Geschichten erfindet und konstruiert: Was seine eigene Person angeht, so kann man nur sagen: Das war handwerklich schlecht!

Oder härter geurteilt: die mangelnde Größe, das alles mit sich selbst auszumachen…

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3 Kommentare

  1. Ach Fritz,
    strebt man nicht grundsätzlich nach Öffentlichkeit
    gerade dieser besonderen Möglichkeit wegen;
    sich zu entlasten,
    über dergleichen Schattenspiele in kalkulierter Belichtung?

    Grenze? Immer beides.

    Mit freundlichem Gruß an Deine todsicher sexy Leichen im Fundament

    Kommentar by Max Liebscht — 16. August, 2006 @ 22:25 Uhr

  2. So sexy wohl auch wieder nicht, es sei denn man mag Leichen wirklich sehr gern.

    Gruss, FBS

    Kommentar by Fritz B. Simon — 17. August, 2006 @ 00:06 Uhr

  3. Vielleicht werden wir dem Herrn Grass vielleicht mal so eine Redewendung im Deutschen verdanken. (Wenn der gute Onkel schon die Rechtschreibreform nicht zu vereiteln wußte.) “Vielleicht sollte man einfach Grass über die Sache wachsen lassen” mag es denn einsten heißen.

    Mich erinnert das Ganze an die Kids mit Ihren Gangstarapper – Postern in den Kinderzimmern. Was wichtig ist, kriegt kein Schwein mehr mit, weil die Aufmerksamkeit für das Gefurze solcher Knubbelnasen draufgeht bzw. dafür, ob MC Bushitt nun mit Lola Sharp oder mit Lulu Shark gen Italien fahren will. Aber okay, jedes Kulturmilieu braucht wohl seine gewohnten Tranqulizer.

    Kommentar by Max Liebscht — 7. September, 2006 @ 08:22 Uhr

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