Hoheit
Fritz B. Simon
Ab und zu wird einem ja bewußt, dass die deutsche Sprache (nicht nur die, andere auch) eine erstaunliche Präzision in ihrer Begrifflichkeit aufweist.
Ein gutes Beispiel sind Begriffe wie “Hoheit” (bzw. die dazu gehörenden Abwandlungen und Ergänzungen wie etwa “Hoheitsgebiet”, “Hoheitsrechte”, Lufthoheit” usw.). In dieselbe Kiste gehören “Obrigkeit” und, auf der anderen Seite des Pols, “Untertan”, “Unterwerfung” etc.
Diese Begriffe sind deswegen so bewundernswert, weil sie klar zeigen, dass es bei den Phänomenen, die sie bezeichnen, immer einzig und allein um die Sozialdimension/Beziehungsebene der Kommunikation geht. Es handelt sich um Oben-unten-Beziehungen (womit natürlich auch nur eine räumliche Metaphorik zur Charakterisierung sozialer Unterschiede genutzt wird).
Auf jeden Fall geht es nie primär um die Sachdimension/Inhaltsebene der Kommunikation.
Wenn jemand als “Hoheit” angesprochen wird, so wird damit signalisiert, dass er ganz oben steht in der gesellschaftlichen Hierarchie. Da sich Unterschiede in den letzten Jahrzehnten verborgener kommuniziert werden, müssen wir leider wahrscheinlich in Zukunft auf den Genuß solch klarer Worte verzichten.
Ein Schicksal, das “Hoheit” mit “Hochwürden” und “Euer Ehren” etc. teilt.
5 Kommentare
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“Wenn wir uns als interkulturelle Experten profilieren möchten für das, was der Kunden oft selber noch nicht verbal explizieren kann, müssen wir – um anschlußfähig zu sein – uns nicht nur mit wissenschaftlich anerkannten Wirklichkeitskonstruktionen, unseren eigenen Beobachtungen sondern auch mit gängigen Klischees über Kommunikations- und Organisationskultur auseinandersetzen, wie sie bspw. in aktuell modernen Managementlehrbüchern vermittelt werden. Zusätzlich müssen wir extrapolieren weil mit unwillkürlichen Tendenzen der mentalen Repräsentaton von ja … auch von sozialen Körpern rechnen. Diese bestimmen die Selbstbeschreibungen der Bedürfnisse unserer Auftraggeber mit. Ein besonders interessantes Phänomen ist, dass Menschen über Organisationen sehr oft in einer Weise sprechen – und vermutlich auch denken – wir sie es vom Umgang mit Menschen gewohnt sind: animistisch. Insbesondere im Hinblick auf das oft sehr persönlich interpretierte Verhältnis zu Marken und Imagemarkern von Organisationen beeindruckt dieses Phänomen. Um etwas hinsichtlich seiner sozialen Bedeutung begreifen zu können, müssen wir uns offenbar in ein solch persönliches Verhältnis zum Phänomen setzen. “Die Firma.” (weiblich) “Der Betrieb”, “Das Unternehmen.” Immerhin haben wir Deutungsspielräume. Als Repräsentanten (Organen) von Organisationen („Körperschaften“) tendieren freilich nicht allein unsere Kunden zu dem naturalistischen Artefakt, den von ihnen verkörperten Institutionen individuumsspezifische Eigenschaften zuzuschreiben sondern auch wir selbst. Empathie setzt imaginative Verkörperung voraus – auch wenn es darum geht, den Bedarf einer Organisation zu erfassen. Es ist und bleibt immer wieder neu eine schwierige Herausforderung zu differenzieren, wo wir uns im Rahmen dieser Metapher Erkenntnszuwachs erschließen und wo wir auf unsere archetypischen Klischees hereinfallen. Wo trägt diese unwillkürlich in Anspruch genommene Metapher noch und wo verführt sie uns zu voreiligen Kurzschlüssen? Die fatalste Konsequenz dieser Form allgegenwärtigen Aberglaubens hat ihren Ausdruck in der zunächst amerikanischen und jetzt weltweiten Rechtspraxis gefunden, Organisationen als juristische Peronen anzuerkennen und natürlichen Personen gleichzustellen – womit der Invisibilisierung von Macht und Verantwortlichkeit Vorschub geleistet wird. Dem Menschen wird zugemutet, dass er sich mit einer Organisation identifiziert. Umgekehrt erscheint es als absurd, dass eine Organisation sich in einem Menschen hineinversetzen kann. Der Versuch des Menschen eine Art Gott zu erschaffen, der allgegenwärtig kann, was er nicht kann, führte dazu, Organisationen jene Verantwortlichkeiten zu überantworten, welche Menschen als unmoralisch, ja widernatürlich empfinden würden. „Das System kann nichts dafür.“ ist ein weiterer Trugschluss (Vgl. Rombach, H. (2010): “Substanz, System, Struktur. Die Hauptepochen der europäischen Geistesgeschichte”, Freiburg: Alber.), der aus der Verwechselung von System und Struktur resultiert. Bewußtsein, Bewußtsein für diese Zusammenhänge ist einmal mehr der Trostpreis, weil nahezu nicht anschlussfähig. So warten wir auf Godot oder wenigsten einen Jesus, auf dass er die systemische Schuld auf sich nehmen möge.”
Kommentar by Max Liebscht — 4. August, 2011 @ 05:00 Uhr
Deutsche Sprache, das ist die Haarspaltemaschine.
Es ist unglaublich, wie das Beserrecht sich ausbildet, und wie die Virtuosität im Haarspalten durch die Übung wächst.
Kommentar by es — 4. August, 2011 @ 09:30 Uhr
Hierachie… ja dar Staat hat in der Ausübung seiner Pflichten und Rechten im öffentlichen Recht dem Bürger gegenüber ein hierachisches Verhältnis, im privaten Recht nicht. Dann wenn seine Angestellten und Bediensteten das tun was wir von ihnen erwarten, Schüler benoten, Hartz 4 Gelder auszahlen, Strafzettel verteilen, Massnahmen in der Jugendhilfe bewilligen… dann handeln sie hoheitlich. Die Situation des Bürgers wird als Lebenssachverhalt unter eine gesetzliche Norm subsumiert, soll heißen untergeordnet. Rechtsgrundlage und die Rechtsfolge sind die Eckpfeiler des Verwaltungsverfahrens. Die gesetzlichen Normen werde nach heutiger Rechtsaufassung positiv gesetzt. Die Situation des Bürgers wird ihnen entsprechend versachlicht. Luhmann glaube ich war ein Freund wenn nicht gar ein Liebhaber der Idee der “Legitimität durch Verfahren”…oh…warum so was denn…
Kommentar by Matthias_aus_Frankfurt@yahoo.de — 4. August, 2011 @ 20:17 Uhr
“Der Sprachwissenschaftler Jacob Grimm hat das Studium des Ungarischen[13] allen empfohlen, die neue einfach zu erlernende Plansprachen schaffen wollen.
Tatsächlich wäre es möglich, Ungarisch wie eine Programmiersprache darzustellen, in der der Stamm den Befehl und die agglutinierten Endungen die Optionen darstellen würden.
George Bernard Shaw sagte bei einem Interview mit dem US-Sender CBS: „Nach dem ich das Ungarische Jahre lang studiert habe, bin ich überzeugt, daß mein Lebenswerk wesentlich wertvoller geworden wäre, wenn ich sie als Muttersprache hätte. Denn mit dieser seltsamen, vor uralten Kräften strotzenden Sprache kann man viel genauer die winzigen Unterschiede und geheimen Regungen der Empfindungen beschreiben.“
Der Wiener Sprachforscher N. Ebersberg sagte über die ungarische Sprache im 19. Jh. „Die Struktur des Ungarischen erscheint mir so, als sei sie von einer Versammlung von Linguisten entwickelt worden, damit die Sprache alles Wichtige enthalte – Regelhaftigkeit, Dichte, Klarheit und Harmonie.“
Nach Ove Berglund, schwedischer Arzt und Übersetzer: “Today when I have knowledges about the structures of the language of humankind my opinion is this: the magyar (the hungarian) language is the top-product of the logic/creativity of humanity.” (deutsch: „Heute, da ich von der Sprachstruktur einiges verstehe, wage ich die Behauptung, die ungarische Sprache stellt die höchste Leistung menschlicher Logik dar.“)
Kommentar by Max Liebscht — 5. August, 2011 @ 07:08 Uhr
“Legitimität durch Verfahren”, vergleiche auch Spiral Dynamics. In Europa 16. Jahrhundert, würde ich sagen.
Irgendwie ist es danach aber noch weitergegangen mit dem Einlösen der Möglichkeiten von Entwicklung.
Kommentar by Max Liebscht — 5. August, 2011 @ 16:29 Uhr