Höhere Gewalt
Fritz B. Simon
Gestern und heute habe ich ein Seminar gegeben in einem Raum, der ca. 50m Luftlinie von einem Kirchturm entfernt war. Jeden Morgen und Abend wurden die Glocken geläutet. Drei, vier Mal im Abstand von 15 Minuten bzw. einer dreiviertel Stunde, für jeweils 10 Minuten…
In dieser Zeit konnte man nicht miteinander reden, denn man verstand sein eigenes Wort nicht mehr.
Wie kommen Kirchen eigentlich dazu, mich – den öffentlichen Raum – mit diesem Geläute zu belästigen? Warum dürfen die das?
Es wird ja auch keine laute Musik im Freien gespielt, auf öffentlichen Plätzen, mit einer Lautstärke, die den Nachbarn die Trommelfelle wegfliegen läßt. Keine Opern, kein Rave, kein Beat.
Unerträglich. Rücksichtslos. Grenzverletzung.
7 Kommentare
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Spontan fällt mir Fredl Fesl ein. Leider hab ich nur den Text gefunden. Seine Antwort auf Ihre Frage findet sich am Schluss:
Ich wohne in der Vorstadt draus’,
A D – in einem kleinen Siedlungshaus
H7 – da leb ich ruhig, da leb ich gern,
A D – die Autos hört man nur von fern.
Schau ich daheim zum Fenster naus,
steht vis a vis das Gotteshaus
der Anblick hat mich lang nicht g’stört,
weil man’s bloß g’sehn hat und nicht g’hört.
Doch eines Tags in aller Früah,
da sagt mei Nachbarin zu mir
ja morg’n kriag ma neue Glock’n,
mei liabe Zeit bin i derschrock’n.
Ja so a Nachricht die haut oan um,
i war vor lauter Freud ganz stumm
und hab dann g’wart auf’n nächst’n Tag,
und auf den ersten Glockenschlag.
Um sieb’n Uhr morgens in der Nacht,
da hat’s auf einmal furchtbar kracht
i lig an Meter über mei’m Bett,
und denk des gibt’s doch nte.
Der christen fromme Lämmerschar,
die hat gesungen wunderbar
der Pfarrer hat sein’ Herrn gelobt,
und drüber hat die Glock’n tobt.
Bei dera Kirch is des der Wurm,
da hängen d’ Glock’n frei im Turm
damit oam von dem frommen Klang,
koa oanzigs Phon entgehen kann
Ich hab mich desweg’n wie sichs g’hört,
glei bei verschiedene Stell’n beschwert
doch überall ham’s mir erklärt,
daß Glock’nläuten niemand stört.
Wenn oaner nachts recht b’suffa plärrt,
wenns auf am Fest zu lustig werd
wenn kloane Kinder zu laut lacha,
da kannt ma scho was dageg’n macha.
Jedoch kann man sich nicht beschwer’n,
über den frommen Gotteslärm
in unser’m Staat sind alle gleich,
doch d’ Kirch gehört zum Himmelreich.
Kommentar by es — 6. Juni, 2011 @ 08:14 Uhr
Wenn Sie mal wieder in Wien sind; http://www.donbosco.at/index.php?id=2655&txdbteaser[backId]=28&txdbteaser[offset]=0
Sind die Systemischen Gemeinden eigentlich auch so unterritualisiert wie der Rest oder haben sie vielleicht irgendwelche netten Gebetsmühlen, Glocken, Ordeals um die Autopoeisis ihrer Mitglieder auf Standard zu bringen?
http://www.youtube.com/watch?v=rOFTDCoxedc
Kommentar by Max Liebscht — 6. Juni, 2011 @ 13:30 Uhr
Früher gabs dazu noch…
Von früher, als ich noch jung war und meine Vortragsorte nicht wirklich selbst ausgesucht habe, könnte ich viel ähnliches berichten. Inzwischen sorgt sich meine Managerin darum, dass so was nicht mehr passiert: dies würden wohl Herr Ackermann, Herr Jobs und auch AC/DC berichten…
Kommentar by hans g. walter — 6. Juni, 2011 @ 22:04 Uhr
Toleranzgrenzen:
Als ich in Indien in meinen interkulturellen Trainings von Nachtflugverbot und Moscheenurteil in Deutschland berichtete, da sind meine Schüler regelmäßig vom Hocker gefallen.
Für die Inder sind diese Dinge eine unveränderliche Größe. ..eine Art Naturgesetz. Gelassen nehmen sie hin, dass sowohl ein Glockenturm als auch die ‘Startbahn West’ eindeutig dem Himmelreich zuzuordnen sind
Kommentar by Harry — 7. Juni, 2011 @ 13:37 Uhr
und es kommt noch schlimmer…
Die wandelnde Glocke
Es war ein Kind, das wollte nie
Zur Kirche sich bequemen,
Und sonntags fand es stets ein Wie,
Den Weg in’s Feld zu nehmen.
Die Mutter sprach: “Die Glocke tönt,
Und so ist dir’s befohlen,
Und hast du dich nicht hingewöhnt,
Sie kommt und wird dich holen.”
Das Kind, es denkt: “Die Glocke hängt
Da droben auf dem Stuhle.”
Schon hat’s den Weg in’s Feld gelenkt,
Als lief’ es aus der Schule.
Die Glocke, Glocke tönt nicht mehr,
Die Mutter hat gefackelt.
Doch welch ein Schrecken! hinterher
Die Glocke kommt gewackelt.
Sie wackelt schnell, man glaubt es kaum:
Das arme Kind im Schrecken
Es lauft, es kommt als wie im Traum:
Die Glocke wird es decken.
Doch nimmt es richtig seinen Husch
Und mit gewandter Schnelle
Eilt es durch Anger, Feld und Busch
Zur Kirche, zur Kapelle.
Und jeden Sonn- und Feiertag
Gedenkt es an den Schaden,
Läßt durch den ersten Glockenschlag,
Nicht in Person sich laden.
Kommentar by o.werner — 7. Juni, 2011 @ 13:47 Uhr
Auch ein Fritz Simon muss mal daran erinnert werden,dass er mal eine Pause im Redefluss einlegen muss und seine Teilnhmer auch mal Zeit zum Nachdenken bekommen. Ich empfehle für das nächste Mal kleine Nachdenkrituale zur Besinnung. Zum Glück erinnert uns die Kirche manchmal noch an Rituale und deren Wert!
Ich habe öfter mal bei Bosch Siemens in deren Klostertagungsstätte in Zangberg in Bayern gearbeitet, mit Glockengeläut und festen vorgegeben Essenszeiten, wegen der Gebetsstunden der Nonnen dort. Wie schön war die Erfahrung, dass nichts so wichtig ist, dass es nicht auch ein bischen später gesagt und getan werden kann.!
Mehr Ruhe und Gelassenheit……oder bist du auch so ungeduldig beim Einkauf in der Räucherkate oder bei Butter Lindner, dass es eine Belästigung ist sich die Wünsche der Kunden vorher in der Reihe anzuhören….:)
Kommentar by W.L. — 7. Juni, 2011 @ 15:00 Uhr
Für die butterzarte Unterstellung, dass man nicht nicht kommunizieren, mithin lernen kann, gibt es freilich mehrere Möglichkeiten der Deutung. Immer hübsch unruhig bleiben! Wenn Ihnen bei Butterlindner ein saftig Würmchen aus dem Lachs entgegenlacht, wie gelassen bleiben Sie?
Kommentar by Max Liebscht — 7. Juni, 2011 @ 22:53 Uhr