Identitäten
Fritz B. Simon
Eine der Erkenntnisse, die ich gestern als Abfallprodukt des Deutsch-Chinesischen Forschungsprojekts zur Einführung der Psychotherapie in China gewonnen habe, betrifft die unterschiedliche Haltbarkeit nationaler/kultureller Identitäten.
Trifft man in den USA oder Kanada – wo wir gerade sind – einen Menschen, dessen Eltern aus Deutschland ausgewandert sind, so kann er in der Regel kein Deutsch mehr und er fühlt sich auch nicht als Deutscher, sondern als Amerikaner oder Kanadier.
Bei den Chinesen ist das ganz anders. Trifft man einen Chinesen, dessen Eltern bereits in vierter Generation in den USA leben, so spricht er nicht nur Chinesisch, sondern er fühlt sich auch noch als Chinese. Und China ist immer noch die Heimat für ihn, auch wenn seit den Auswanderern keiner seiner Verwandten jemals da war, d.h. weder Eltern, Großeltern oder Ur-Großeltern usw.
Mit solch einem starken Identitäts- (= Zugehörigkeits-) Gefühl und der dadurch vermittelten Sicherheit, ist es den Chinesen in allen Gegenden der Welt möglich, sich an die jeweils herrschenden Umstände flexibel anzupassen. Und ihr soziales Netzwerk, das darauf gründet, hilft ihnen dabei.
(Auch meine Tagungsteilnehmer hier werden zum großen Teil anschießend irgendwelche Verwandte besuchen, die sie in vielen Fällen bislang noch gar nicht persönlich kennen.)
4 Kommentare
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel.
Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.











Könnte diese Identitätszugehörigkeit mit dem traditionellen Selbstverständnis (trotz Kulturrevolution) – dem “Reich der Mitte” zu entstammen und damit kulturell überlegen zu sein – zusammenhängen?
Noch eine Frage: Wie werden die psychischen, familiären, sozialen, demografischen Probleme, die die Ein-Kind-Politik verursacht hat, in Fachkreisen diskutiert?
(Meine Anschauung war ein Austauschschüler in der Nachbarschaft. Ein kleiner Kaiser von China, dessen Eltern aus armen Familien stammten und die Karriere gemacht hatten.)
Kommentar by E. B. Far — 4. September, 2009 @ 17:43 Uhr
Wird diskutiert – ausführlich. Zu vieles, um hier auf die Schnelle einzugehen. Tut mir leid…
Kommentar by Fritz B. Simon — 4. September, 2009 @ 19:07 Uhr
Ich kannte mal eine US-amerikanische Taiwanesin, in deren Familie ich ein paar Tage zu Gast sein durfte. Ich hatte diese Amerikanerin zuvor in einem anderen Kontext kennengelernt, und war sehr erstaunt, dass ihre Familie “chinesisch” war. Diese Bekannte von mir, damals eine junge Erwachsene, gab sich dezidiert und absichtlich extrem US-amerikanisch. Sie war die einzige, die auch innerhalb der Familie konsequent englisch sprach – und ich glaube, das lag nicht daran, dass ich da zu Gast war. Es war vielmehr offensichtlich, dass sie alles daran setzte, die chinesische Identität, die sie als Last empfand, los zu werden. (Das letzte Mal traf ich sie in Paris, wo sie als Journalistin zu leben versuchte – ganz in der Tradition und im Sinne des sprichwörtlichen “American in Paris”.) Mit dem sozialen Netzwerk der Exilchinesen wollte sie absolut nichts zu tun haben. Nur ein Einzelfall? Ich weiß nicht. Immerhin sind auch die ganzen Assimilations- und Exilantengeschichten von Maxine Hong Kingston, Amy Tan & Co. doch sehr gebrochen und von einem Versuch des Abstoßens vom als erdrückend empfundenen sozialen Netzwerk der Exilchinesen geprägt.
Kommentar by Kai Weber — 12. September, 2009 @ 15:00 Uhr
Ein solches Verhalten, beziehungsweise eine solche Haltung empfinde ich gefühlsmäßig auch als die selbstverständlichere und weltoffenere, da sie von Selbstverantwortung und Kompromisslosigkeit gegenüber der eigenen Entscheidung oder der Entscheidung der Eltern oder Vorfahren spricht, das Zentrum des Lebenszusammenhanges in ein fremdes Land zu verlegen. Das Bedeutet doch, wenn man nicht vollkommen schizophren und fremd leben will, dass man sich der neuen Kultur (ob freiwillig gewählt oder dort hin verschlagen ist ist egal) anverwandeln und sich ihr zugehörig fühlen will und alles dransetzt das auch zu verwirklichen, zumindest jedoch für die eigenen Kinder Eine neue Identität aufzubauen ist möglich, Brüche dabei notwendig und eine durchaus Erfolg versprechende psychische Investition, wenn man sich aufrafft, dafür Verantwortung zu übernehmen .
Kommentar by Sylvia Taraba — 14. September, 2009 @ 07:43 Uhr