Simons Systemische Kehrwoche

Internate

Fritz B. Simon

Um meine schulischen Leistungen zu steigern, wurde mir als Kind immer gedroht, ich würde in ein Internat gesteckt. Jetzt weiss ich, warum das wirklich eine Drohung war. Denn offensichtlich haben solche Schulen ein Problem mit ihrem Personal.

Nach den katholischen Schulen, seien sie nun von Berliner Jesuiten betrieben, mit Sängerknaben (“Dompspatzen”) bestückt oder im kunstvollen Ettal gelegen, sind nun auch die Reformschulen dran (“Odenwaldschule”), als Orte von Sexualverbrechen geoutet zu werden.

Dabei scheint mir als Außenstehendem, der nie die Realisierung der Internatsdrohung erleben musste, der Fall (im doppelten Sinn) der Odenwaldschule am gravierendsten. Denn hier sind ja, wenn den Pressemitteilungen zu glauben ist, Kinder gerade von denen missbraucht worden, die durch die Lande zogen und programmatisch eine alternative Pädagogik predigten. “Unzucht mit Abhängigen”, so lautet der juristische Fachausdruck. Anzunehmen, dass die so abhängig sind, dass sie nie darüber reden würden, was mit ihnen gemacht wurde, ist einfach naiv oder, schlimmer noch, dumm und borniert.

Ob Katholen oder Reformatoren, die öffentliche Empörung bezieht sich in beiden Fällen darauf, dass nicht nur nicht getan wird, was gepredigt wird, sondern so ziemlich genau das maximal vorstellbare Gegenteil… Da wo sie pädagogischen Eros suggerierten, war nur einfach Eros – wenn das nicht auch schon zu hoch gegriffen ist.

Wenn jetzt irgendwelche Ettaler Brüder öffentlich bekennen, dass sie Kinder geschlagen haben, so finde ich das verzeihbarer als die sexuellen Übergriffe (- bin mir aber gar nicht sicher, ob das wirklich berechtigt ist). Schließlich sind sie selbst wahrscheinlich ja auch als Kinder geschlagen worden. Wer in Mitteleuropa wäre das nicht, wenn er nicht in den Genuss von Nach-68er-Eltern gekommen ist? Dass leichte Schläge der moralischen Erziehung dienen, war zwar immer schon Schwachsinn, war aber wohl doch pädogogisches Allgemeingut: “Wer nicht hören will, muss fühlen…”

Aber niemand kam oder käme wohl auf die Idee, dass sexueller Mißbrauch der persönlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen dient und daher legitimiert ist.

Vielleicht läßt sich ja die Anfälligkeit von Internaten für so etwas damit erklären, dass hier die ansonsten in unserer zeitgenössischen Gesellschaft ziemlich durchgängig realisierte Trennung zwischen Privatleben (z.B. Familie, Zweierbeziehung, Sexualität etc.) und öffentlichem Leben (z.B. Beruf, Organisationen, Konventionen, Professionalität) aufgehoben oder nicht sehr klar ist. Eine totale Institution, in der nicht nur zusammen gearbeitet, sondern auch gelebt wird…

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5 Kommentare

  1. Sie meinen, dass im Privatleben ein gewisses Maß an sexuellem Mißbrauch nicht unüblich wäre – welches dann hier – wo das Privatleben der Kinder (Internat = Zuhause) und das öffentliche Leben der Pädagogen (Beruf) aufeinander treffen, auch zum ausleben kommt….? Das sowas zum Leben dazu gehört (“sondern auch gelebt wird”)? So quasi – wie Zuhause?

    Kommentar by jochen heiner — 7. März, 2010 @ 21:58 Uhr

  2. Kaum dass man glaubt, dass die Pädagogik nicht tiefer sinken kann, schon wird wieder ein neuer Rekord gebrochen. Wirklich garstig.

    Von den perversen Pädagogen mal ganz abgesehen; wenn die Familie die “Keimzelle der Gesellschaft” ist, ist “der Alte” dann nicht so etwas wie die Staatsgewalt in der Familie?

    Was das Loblied auf die Pädagogik der nach 68`er angeht, wär ich persönlich eher zurückhaltend. Denen ihr schizo verdrehtes Verhältnis zu Macht und Autorität dürfte nicht wenige Zöglinge ziemlich irre gemacht haben.

    Kommentar by Max Liebscht — 7. März, 2010 @ 22:00 Uhr

  3. Für die Schulreform in Deutschland ist der Fall Odenwaldschule so etwas wie der Super-Gau. Auch und gerade angesichts der persönlichen Nähe einiger Säulenheiliger der Bewegung zu diesem Vorzeigeprojekt, das seit 1969 schon die besondere Anerkennung der UNESCO hat. Was für ein Abgrund! Welche Funktion hat in diesem Zusammenhang wohl das dort angesiedelte Platonarchiv?

    Kommentar by Horst Kasper — 7. März, 2010 @ 22:50 Uhr

  4. Ein Leuchtturm, zeitweise ohne Wächter im Pädophilensumpf!

    Hoffentlich gelingt es, die Entrümpelung der finsteren Ecken so gründlich zu erledigen, dass man anschließend befreit das Jubiläum feiern kann.

    Kommentar by Horst Kasper — 7. März, 2010 @ 23:00 Uhr

  5. Blöde Sache: Die Pädagogen, die in ihren Projekten guten Willen mit Know How zu verbinden suchen, kriegen den Dreckschwall nun mit ab.

    Wenn ein gestörter Egotripper im Business sich als Kinderficker entpuppt, wundert das irgendwie keinen so richtig. Aber als Ottonormalerverbraucher rechnet man bei den per definitionem Gutmenschen mit so was doch eher nicht. Gerade der sog. Bildungs- und Sozialbereich ist wirklich übel.

    Kommentar by Max Liebscht — 8. März, 2010 @ 00:21 Uhr

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