Simons Systemische Kehrwoche

Internetsucht

Fritz B. Simon

Im italienischen Fernsehen (tgi) habe ich einen Bericht gesehen, nach dem in China 30 Millionen junge Leute an “Internet-Sucht” leiden. Sie werden jetzt mit E-Schock behandelt (hoffentlich nicht alle 30 Mio.).

Da ich seit 1988 an der Einführung psychotherapeutischer Methoden in China beteiligt war bzw. sie bobachte, bin ich etwas schockiert, dass man auf solche “therapeutischen” Ideen kommen kann. Die Zeiten, in denen Heroin-Abhängige öffentlich hingerichtet wurden, wären vorbei – dachte ich.

Allerdings – so muss ich wohl eingestehen – scheint es mir auch nicht vollkommen undenkbar, dass auch in Deutschland Kollegen auf die Idee kommen, solche Diagnosen zu stellen und sie entsprechend mit E-Schock zu sanktionieren.

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7 Kommentare

  1. Interessant, wie Kulturen Ihren Insassen dabei behilflich sind, die richtige und absolute Wirklichkeit zu erkennen.
    In den USA scheint die Realitätsprüfung einen Hauch von Konstruktivismus zu verbreiten:
    http://www.whitehouse.gov/realitycheck/

    Kommentar by es — 27. August, 2009 @ 17:32 Uhr

  2. Das italienische Fernsehen hinkt ein paar Wochen hinter den Meldungen hinterher (Berlusconis Italien?).
    Im Juli fand man einen Aufschrei in verschiedenen deutschen Blogs und dann rasch über Reuters die Meldung, dass diese “Therapie” verboten ist. (Der Arzt Yang Yongxin – “Onkel Yang” – und seine Kollegen, die diese Methode in ihrer Klinik praktizieren, haben keine psychotherapeutische Ausbildung.)
    http://bit.ly/3cqrw5

    Kommentar by E. B. Far — 27. August, 2009 @ 18:20 Uhr

  3. Die Diagnose ist in der Kinder- und Jugendpsychiatrie mittlerweile ziemlich populär, fürchte ich. Zum Teil finde ich es sehr erschreckend, wie die “exzessive Mediennutzung” dann “in” die Patienten “hinein” zugeschrieben wird und Kontexte ausgeblendet werden. Über die Behandlung kann ich nicht viel sagen.

    Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 27. August, 2009 @ 21:47 Uhr

  4. Kennen Sie Seescheiden?

    Relevante Bobachter unterscheiden zwei Ordnungen, drei Unterordnungen, 15 Familien und etwa 1900 Arten. (Wikipedia)

    Es geht jedoch hier nicht um die Beobachtung der Beobachter, nicht wahr?

    Also, was sind Seescheiden?

    Die Seescheide (lat. Ascidiae), ein Tier, das im Meer lebt, hat nur in ihrer ersten Lebensphase ein Gehirn. In dieser Zeit schwimmt sie herum und sucht nach einem Platz, an dem sie sich für immer festsetzen kann. Hat sie diesen Platz, meist einen Stein, einmal gefunden, bewegt sie sich nie wieder. Und weil sie sich nie wieder bewegen wird, absorbiert sie ihr eigenes Gehirn, sie frisst es sozusagen auf, weil sie es nicht mehr braucht.

    Manchmal begegnen mir Menschen (relevante Beobachter klassifizieren diesen Typus als Beamte), die sich die Strategie der Seescheide zueigen gemacht haben dürften, zumal sie mir siegessicher erklären, sie müssten nichts leisten, weil sie unkündbar seien. Die Unkündbarkeit scheint Potenzial zu haben, das eigene Gehirn zu vernichten.

    Kommentar by es — 28. August, 2009 @ 09:02 Uhr

  5. Bitte fügen Sie ersatzweise “Unbeweglichkeit” für “Unkündbarkeit” ein.

    Kommentar by es — 28. August, 2009 @ 09:08 Uhr

  6. Zum Widerspruch reizt es, wenn relevante Beobachter bei ihren Beobachtungen 1. Ordnung relevante Merkmale übersehen oder einfach unter den Tisch fallen lassen und dann mit ihren Beobachtungen höherer Ordnung Wirklichkeiten konstruieren, die kraft ihrer Autorität für die Masse Realitäten schaffen…
    Liebes Es, Sie haben uns die Information unterschlagen, dass sich das Gehirn bei den Seescheiden wieder nachbilden kann (!) und das Beamte ein Rückrat haben : )

    Nochmal zurück zum Thema Internetsucht in China, vielleicht – keine Ahnung – ist der Doktor “OnkelYang” auch nur getreu dem Denken der traditionellen chinesischen Medizin der Überzeugung, da das Internet nur mit Elektrizität funktioniert, kann das Ungleichgewicht, das es auslöst (Internetsucht), mit Elektrizität wieder ausgeglichen, sprich Gleichgewicht wieder hergestellt werden.
    Wäre das dann nicht eine fatale Form der Fusion von westlicher/westlichem und chinesischer/chinesischem Medizin/Denken? Eine Form von Verrücktheit?
    Vielleicht empfindet so mancher weltoffene Chinese den Rummel, der seit einigen Jahren bei uns in Mitteleuropa um die traditionelle chinesische Medizin herrscht (ich verstehe nicht den u n k r i t i s c h e n Einsatz… – na, doch, es bringt Geld…), als genauso abstrus, wie ein Mitteleuropäer den therapeutischen Einsatz von Elektrokrampftherapie bei Internetsucht von Kindern…

    Kommentar by E. B. Far — 28. August, 2009 @ 13:22 Uhr

  7. Ich bin noch dabei die letzten beiden Beiträge dem Thema “Elektroschocktherapie in China” zuzuordnen, aber der Vergleich Seescheide – Beamte ist sehr interessant, da ich annehme, das viel Prof. der Systemtheorie verbeamtet sind.

    Kommentar by Kai — 28. August, 2009 @ 13:34 Uhr

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