Simons Systemische Kehrwoche

Kapitän und Notfallplan

Fritz B. Simon

Alle regen sich über das Verhalten des Kapitäns auf dem am Wochenende havarierten italienischen Kreuzfahrtschiff auf. Zu recht, wie ich finde. Trotzdem ein guter Anlass, noch einmal organisationstheoretisch auf solch ein Schiff bzw. solch ein Unglück zu schauen.

Offensichtlich haben hier Personen Entscheidungen getroffen, die fatal waren (zu nah an die Insel gesteuert…). Das wäre zu verhindern gewesen, wenn es klare Programme (vorgeschriebenen Verfahrensweisen) gegeben hätte, wie der Kurs solch eines Schiffes festzulegen ist. Die mag es ja sogar gegeben haben, aber falls das der Fall gewesen sein sollte, so wurden sie offensichtlich nicht angewandt.

Wenn dem Kapitän nicht widersprochen wurde, so mag dies ein Hinweis darauf sein, dass die formale Struktur (Hierarchie) verhindert hat, dass es zu einer Konfliktkommunikation über den zu wählenden Kurs gekommen ist.

Wenn ein selbstherrlicher Kapitän aus welchen Motiven auch immer schwachsinnige Entscheidungen trifft, und die unwidersprochen ausgeführt werden, dann mag das auch Ausdruck einer bestimmten (personenorientierten) Kultur sein.

Der Norden Europas unterscheidet sich vom Süden u.a. auch dadurch, dass im Norden eher Prozeduren (Programmen) vertraut wird, die umzusetzen sind, um bestimmten Bedingungen und Zwecken gerecht zu werden, während im Süden eher auf die Beziehungen zu Personen gesetzt wird.

Dass das nicht reicht, hat sich gezeigt, als der Kapitän das sinkende Schiff verließ, und niemand dafür sorgte, dass irgendwelche – vielleicht sogar eingeübte – Notfallprozeduren eingeleitet wurden.

Wo immer eine Organisatione (z.B. ein Kreuzfahrschiff) nur auf eine dieser Entscheidungsprämissen setzt, dann ist sie in Gefahr zu havarieren…

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3 Kommentare

  1. Denen, die das hier angeschnittene Thema interessiert, empfehle ich einmal Norman F. Dixon zu lesen, insbesondere

    On the psychology of military incompetence.

    http://www.combatreform.org/militaryincompetence.htm

    http://www.amazon.com/Norman-F.-Dixon/e/B001HNYX1Q

    http://psychology.wikia.com/wiki/NormanF.Dixon

    Beim Militär, wusste der Mann wovon er sprach, schliesslich hat er einen Arm al Minenräumer verloren. Er war dazu auch mal in Berlin stationiert.

    Ich finde im Internet keines seiner kleineren Paper. Habe ihn einmal gehört, als er die Theorie vertrat, am Anfang jeden Desasters der Luftfahrt steht ein Fehler der Organisation.

    FBSens fatales Beispiel der personenorientierten Kultur hat Dixon damals u.a. an einem Air India Absturz aufgedröselt.

    Die meisten dieser Beispiele sind auch beschrieben in “The Naked Pilot”. Allerdings wenn Dixon erzählte, lag man, bei aller Tragik des Erzählten, auf dem Boden vor Lachen.

    Ein weiteres interessantes Beispiel von Organisationsversagen war seine Analyse des Gimli Glider http://en.wikipedia.org/wiki/Gimli_Glider , über den es wohl hunderte von Webseiten gibt.

    Kommentar by duscholux — 17. Januar, 2012 @ 22:33 Uhr

  2. Der Link, den ich gerade in Kommentar #1 angegeben habe: http://www.combatreform.org/militaryincompetence.htm
    ist wohl das Buch

    F. Dixon: On the psychology of military incompetence.

    However, allerdings ist es wohl kein Scan mit scantypischen Transkriptionsfehlern. Es sind viel schlimmere Fehler darin, die den Text teilweise entstellen oder unverständlich machen, es sei denn, man ist gut im Raten.

    Habe den Verdacht, jemand hat das Buch einer Software vorgelesen, die dann mit allen Versprechern und allem Genuschel wieder digitalen Text generiert hat.

    Also, wen es interessiert, auf ins Antiquariat.

    Wie sooft, wird jetzt bei dem Musikdampfer “menschliches Versagen” verkündet. Was mich dabei schon immer stört, ist dabei der Unterton einer freudigen Botschaft nach dem Motto “Gottseidank, die Maschinen waren es nicht” obgleich man auch liest, dass einem Schiff nach neuesten Normen von 2012 so etwas nicht passieren könnte, die müssten grössere Felsen rammen und sich länger aufschlitzen lassen.

    Und “menschliches Versagen” spricht auch Management und Organisation meist frei, während vermutlich eher der Skipper frei gesprochen werden sollte, als die Reeder.

    Kommentar by duscholux — 17. Januar, 2012 @ 23:14 Uhr

  3. Struktur kommt eben vor Psyche, gerade in einer rückgekoppelten Welt….

    @duscholux: Ich beobachte bei meiner Arbeit mit hochzuverlässigen Organisationen das die Analyse: “Menschliches Versagen” meist nicht der Versuch der Freisprechung ist, sondern eher der argumentatorische Ausweg bei einer Komplexität, die nicht mehr analysierbar scheint. Da wird dann eben doch der einfache Ursache-Wirkung Zusammenhang bevorzugt, der merist zum Schuld- und kaum zum Freispruch führt…

    Kommentar by OLAF HINZ — 18. Januar, 2012 @ 16:42 Uhr

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