Katholischer Sumpf
Fritz B. Simon
Um es vorweg zu sagen: Ich habe eine katholische Erziehung genossen, d.h. unter anderem, dass ich seit Beginn meiner Schulzeit mit katholischen Priestern als Religionslehrern zu tun hatte. Keiner von denen hat sich irgendwie zweifelhaft im Sinne der jetzt durch die Presse gehenden Missbrauchsvorwürfe verhalten.
Von den ca. 6 – 7 Personen, mit denen ich da konfrontiert war, war einer ausgesprochen beeindruckend. Er missachtete den Lehrplan und machte mit uns de facto Philosophie-Unterricht. Er war sicher von all unseren Lehrern derjenige, der den größten Einfluss hatte (nicht nur, weil er auch noch Ski-Freizeiten begleitete und Ski-Lehrer war). Er hatte Distanz zur Kirche, war gelassen, lebensfroh, intellektuell, kritisch, ja, er lud durchaus zur Idealisierung ein (was sicher verführerisch und nicht unproblematisch gewesen wäre, wenn er “finstere” Absichten gehabt hätte).
Alle anderen dieser Priester/Religionslehrer, so würde ich heute, aus der Sicht des mit Diagnosen vertrauten Psychiaters sagen, hatten eine unübersehbare Macke.
Nun bin ich nicht der Psychiater der katholischen Kirche, und angesichts meiner eh sehr skeptischen Haltung Schulen gegenüber mag meine Einschätzung auch ungerecht sein; selbst wenn sie das nicht wäre, wäre es schlechte Statistik, meine persönlichen Erfahrungen hier hoch rechnen zu wollen. Aber, und jetzt komme ich zu dem, was ich eigentlich sagen will: Die Kirche hat ein Personalproblem. Sie fordert von ihren Priestern einen von der Norm abweichenden Lebensstil (z.B. Zölibat) und wundert sich dann, dass sie attraktiv für Menschen ist, die sich nicht den der Norm entsprechenden Erwartungen fügen.
Auch das finde ich eigentlich nicht so problematisch. Schließlich muss sich ja keiner mit Priestern einlassen. Lasst hundert Kirchen blühen…
Anders ist das allerdings bei Schulkindern. Hier hat der Staat die Aufsichtspflicht. Und er muss dafür sorgen, dass diesen Kindern kein Schaden zugefügt wird (was in der Schule oft genug ja sowieso schon passiert). Das ist keine innerkirchliche Angelegenheit mehr. Daher können solche Vorkommnisse auch nicht allein innerhalb der kirchlichen Jurisdiktion behandelt werden…
Wie ein mißbrauchter “Junge”, der es erst nach 30 Jahren geschafft hat, über seine Erlebnisse zu sprechen, im Fernsehen sagte: “Das wäre so, als würde man die Mafia deren Verbrechen untersuchen lassen!”
7 Kommentare
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Pecca forte, fide fortius
Das Innen und das Außen.
Die Berufenen grenzen sich ab, und sind ex definitione die “Guten”.
Als Protestant in einer katholischen Hochburg wie München (zur damaligen Zeit), kam ich in den Genuss, das Evangelium aus verschiedenen Quellen vorgebetet zu bekommen.
Zwei Protagonisten sind mir dabei nachhaltig in Erinnerung geblieben: Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack, der Beauftragte für “Sekten- und Weltanschauungsfragen” der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, und ein mir nicht mehr mit Namen geläufiger katholischer Diakon. (wenn gerade kein Protestant greifbar war, mussten wir bei den Katholischen drinsitzen und den Mund halten)
Als aggressiver, hypersensibler Schläger ruft der Diakon noch heute lebhafte Bilder in mir wach. Diese langhaarigen Hippies hat er schon katholisch gemacht. Die Haarpracht war griffig und ohne wunde Knöchel (bei Ihm), schien der Unterricht nicht zu taugen.
Pfarrer Haack war lange Jahre (in Teilen auch noch heute) ein Musterbeispiel für modernen, lockeren Unterricht für mich. Seine Themen rankten sich immer um weltanschauliche Fragen, Sekten und Religionen. Bei ihm wurde mein Interesse für Philosophie und Buddhismus geweckt. Welch ein Unterschied.
Wie groß war mein Erstaunen, als Jahre später befreundete Sannyasins vom Großinqisitor sprachen und wir mit unterschiedlichen Wahrnehmungen für einige Zeit heftigen Auseinandersetzungen guten Boden boten.
Veröffentlichungen wie folgende erlauben durchaus einen interessanten neuen Blick:
„Bekannt wurde v. a. die Sektenumfrage der Landeskirche (gemeint ist auch hier die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern) aus dem Jahr 1967, um Aktivitäten religiöser Minderheiten auszuspionieren. Friedrich-Wilhelm Haack schrieb damals: “Zur Beschaffung von Informationen empfehlen sich besonders Oberschüler und Jugendkreise. Diese kommen oft besser an die notwendigen Informationen heran als die Kirchenvorsteher” (Nachrichten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Jahrgang 1967, S. 327). Heute traut sich die Kirche mit solchen und ähnlichen Praktiken nicht mehr ganz so frech an die Öffentlichkeit.“
In späteren Erfahrungen (mit meinen Kindern) scheint es eher so, dass die Gewalt von den protestantischen Religionspharisäern ausgeht und die katholischen Heilsverkünder sich durchaus Mühe geben.
Meine einfache Erklärung: die Religionsgemeinschaft, welche sich in der Diaspora befindet gibt sich einfach mehr Mühe.
Religiöse Marktwirtschaft.
Der Zölibat soll laut Herrn Geißler deshalb auch überwiegend merkantile Hintergründe haben. Familien sind teuer und wollen erben. Alleinstehende Priester hinterlassen alles ihrer Kirche.
Also, mit Luther
Sündige tapfer, aber glaube noch tapferer
Kommentar by es — 26. Februar, 2010 @ 13:42 Uhr
Meine Mutter war auf einem katholischen Mädcheninternat. Diese Menschen haben sie zum Einen dazu gebracht, radikal zu werden, zum anderen, die Kirche kategorisch abzulehnen. Ihren Erzählungen nach waren viele der dort arbeitenden Nonnen sadistisch veranlagt. Die Kinder wurden von den Regelmachern mit großer Freude unterdrückt, je weniger sie sich den aufoktroyierten Passformen fügen wollten.
Meiner Meinung nach neigen Menschen, die enge Grenzen gesetzt bekommen, immer zum faschistischen Assimilationszwang, also dazu, anderen Menschen ihre eigenen Grenzen aufzwingen zu wollen.
Interessant auch, dass sie sagen, alle Ihre Lehrer hatten eine Macke. Wenn ich an meine Lehrer zurückdenke, muss ich tatsächlich über viele das selbe sagen. Leider kommt es vermutlich oft nur deswegen dazu, weil sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind, sie aber auch keine Lösung haben. Klassische Reaktion Abgrenzung/Ohnmachtsempfinden: “Es geht einfach nicht”; “Kinder sind Biester”. Ein Notausgang der Psyche, vermutlich. Es ist tatsächlich auch nicht leicht, einen Job zu machen, der dermaßen mit Undankbarkeit gestraft wird. Meine Hochachtung in diesem Sinne allen guten Lehrern, die es schaffen, mit Leidenschaft dabei zu bleiben.
Kommentar by pascal — 26. Februar, 2010 @ 23:04 Uhr
Wie man sieht, hatten es die Wessis auch nicht leicht mit ihren Aufzuchtbevollmächtigten.
Die fabelhafte Idee über das Berufsbild des Lehrers – und Gruppenführers – scheint gegenwärtig dahin zu gehen, dass er – woher auch immer – eine Autorität verkörpern soll, welche der soziale Körper der Gesellschaft als Ganzes, wo immer er kann, zu vermeiden sucht. Dafür ist er Folge seiner Berufssozialisation zum Musterbeispiel für erlernte Hilflosigkeit so wenig ausgestattet wie kaum ein Fliesenleger.
Heinz von Försters Terminus der Trivialisierungsmaschine läßt grüßen. Und weil diese Trivialisierungsmaschine für Zöglingen UND lehrende Führungskräfte ein gesetzlich verbrieftes Monopol auf immer neuen Nachschub inne hat, kann sie sich auch ein sensationales Maß an Innovationsresistenz leisten.
Wenn man irgendeinen Bereich sucht, wo die Leute über ihre eigene Psychologie und die der ihnen Anvertrauten wirklich wenig wissen, so ist man bei ausgerechnet bei Erziehern in der Regel (…) richtig. Wenn 100 Erzieher spontan auch nur nach den Grundformen des Lernens geschweige grundlegendstem Führungswissen gefragt würden, würde weit mehr als die Hälfte durchfallen. Davon, dass dieses Wissen in anwendbarer Form zur Verfügung stünde, spreche ich noch gar nicht. Die armen Leute verfügen überhaupt nicht über die Mittel und nehmen Ideologie für Pädagogik, so wie man beim Auftrag Hausbau in seiner Not nach der Buddelkastenschaufel greifen würde, wenn man nichts anderes hat und kennt.
Natürlich sind Kinder Biester. Selbst Erwachsene werden immer mal wieder zum Tier. Sie werden regelrecht krank, wenn sie keine Gelegenheit dazu kriegen. Sie deshalb nur über bspw. verhaltenstherapeutische Token-Systeme zu traktieren,
wird den menschlichen Möglichkeiten freilich nicht gerecht.
Erziehung (und laut Dr. D.T. Petzold auch Heilungsprozesse) sind eine Art Evolution im Kleinen.
Erst langsam, scheint es sich durchzusetzen, dass es neben all den z.T. abenteuerlichen, mehr oder weniger getreulich überlieferten und ausgedeuteten Konzepten von diversen Theologen (wie u.a. Ignatius von Loyola), Comenius, Pestalozzi, Steiner, Fröbel, Montessori, Makarenko, Korczak, Neill, Freinet, Piaget, Wagenschein, Bruner höchste Zeit für eine methodisch integrierte Psychologische Pädagogik 2.0 ist.
“Leben ist eine Heilungskrise” meint Insa Sparrer.
Und Therapeia heißt “begleiten”.
Da könnte man doch fragen,
worin dann eigentlich der weltbewegende Unterschied bestehen soll zwischen den (Führungs-) Methoden, die in der Therapie (“Begleiten”) eingesetzt werden und denen,
die in der Pädagogik angemessen sind?
Pädagogik findet im Leben ja – so oder so – jeden Tag statt.
Meine Meinung nach ist das,
was kalendarisch Erwachsenen früher unter Psychotherapie verkauft wurde, Pädagogik für Heranwachsende gewesen. Dank Hypnosystemik, Systemischen Strukturaufstellungen, Energetischer Psycho- und Traumatherapie kommen wir allmählich überhaupt erst dahin, den Leuten das an Psychotherapie 2.0. zur Verfügung stellen zu können, was sie schon immer von uns erhofft haben.
Immerhin ist es laut Schramm Georg auch nur konsequent, wenn eine degenerierte Raubrittergesellschaft wie die unsere, ihren Nachwuchs zu unfähigen Konsumtrotteln erzieht und sich folgedessen selbst verdaut.
http://www.youtube.com/watch?v=lRlRCkfFYbw
Vielleicht ist es einfach Zeit für Thomas Katz:
http://www.youtube.com/watch?v=8kebvfI7tcw
Kommentar by Max Liebscht — 27. Februar, 2010 @ 09:25 Uhr
Zum Verhältnis von Religion und Pädigion:
http://www.youtube.com/watch?v=jxNDxA5CkH4&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=UYjWglHukKQ&feature=related
Kommentar by Max Liebscht — 27. Februar, 2010 @ 09:28 Uhr
Volle Zustimmung. Ich freue mich außerdem, Ihnen mitteilen zu können, dass didaktisches und psychologisches Grundwissen, das ja eigentlich die wesentlichste Voraussetzung für einen guten Lehrer ist, heute schon in der universitären Ausbildung einen wesentlich höheren Stellenwert eingenommen hat. Wollen wir hoffen, dass es auch im Kopf bleibt.
Kommentar by pascal — 3. März, 2010 @ 19:18 Uhr
Stellenwert ja. Ist mir schon aufgefallen. Auch wenn ich leider noch keine solche Stelle eingenommen habe.
Aber tatsächlich wird psychologische Pädagogik noch nicht so weit aufbereitet angeboten, dass was in nutzbarer Form hängen bleibt.
Auch hier: Verkastung. Bildungsbürger, die verstehen können, was hermeneutisches Fallverstehen oder gar Hermetik bedeutet und das in ihre Weltverbesserungsprojekte einarbeiten // Leute, die sprachlos versuchen, ihre Arbeit zu machen.
Kommentar by Max Liebscht — 6. März, 2010 @ 14:51 Uhr
Es sind ja auch nur ein Viertel bis ein Drittel der Lehramtsstudenten tatsächliche Idealisten (von denen dann nochmal die Hälfte an der Praxis scheitert). Die meisten wollen doch einfach bloß einen sicheren Job mit überdurchschnittlich viel Urlaubszeit.
Bei den Medizinern ist es dasselbe…. mir graust es, wenn ich sehe, was da alles mal Arzt werden wird!
Kommentar by pascal — 6. März, 2010 @ 16:32 Uhr