Simons Systemische Kehrwoche

Kinderlieder

Fritz B. Simon

Ein weiterer (siehe gestern) interessanter Aspekt an Italien ist, dass es dort keine Kinderlieder gibt (sagt Alma, die Italienischlehrerin).

Es wird in Italien zwar wirklich weit mehr gesungen als in Deutschland (Klischees stimmen eben manchmal). Keine Dusche, die unbesungen davon kommt, aus der nicht schallend “Azurro, Azurro” tönt. Aber es gibt keine besonderen Lieder für Kinder. Kein “Hänschen klein”, kein “Alle meine Entchen…”.

Das verwundert natürlich, wenn man weiss, wie sehr Italiener ihre Kinder zu lieben, ja, zu vergöttern, scheinen – falls sie welche haben (denn die Geburtenrate ist in den letzten 20 Jahren abgestürzt). Kinder sind überall dort zu sehen, wo auch die Erwachsenen ihr Leben gestalten. Auf der Piazza, im Restaurant, noch spät nachts auf der Straße.

Aus dieser Einbeziehung in das Erwachsenenleben kann m.E. eine Hypothese für den Mangel an Kinderliedern abgeleitet werden.

Bei uns werden Kinder als etwas Besonderes behandelt. Sie erscheinen als spezieller Typus Mensch, daher brauchen sie nicht nur kleinere Hosen und Hemden (= Kinderhemden und Kinderhosen), sondern auch kleinere Lieder (= Kinderlieder). Auch sie singen. Aber sie singen dasselbe, was die Eltern unter der Dusche singen (“Azurro, Azurro”).

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5 Kommentare

  1. Was mich bei der Annahme stutzig macht, ist, dass es sogar ein deutsches Buch über italienische Kinderlieder gibt: Stella Stellina – Italienische Kinderlieder – ein Bilderbuch zum Hören: Mit den italienischen Texten und deutscher Übersetzungen im farbig illustrierten Booklet. [Audiobook] (Audio CD)
    von Eva Spagna (Autor), Martin Klenk (Autor), Holger Schliestedt (Autor)

    Kommentar by Eckhard Nees — 25. November, 2008 @ 14:19 Uhr

  2. Muss ich Alma sagen… Vielleicht wieder eine Theorie für etwas entwickelt, was es gar nicht gibt.

    Kommentar by Fritz B. Simon — 25. November, 2008 @ 14:44 Uhr

  3. Und ich kann Ihnen belegen, dass italienische Kinderlieder sogar in Italien von italienischen Kindern, italienischen Müttern, Großmüttern, Kindergärtnerinnen und deutschen Freiwilligen gesungen werden. Noch heute. Meine jüngste Tochter kehrte in diesem Sommer von ihrem Freiwilligen sozialen Jahr zurück, das sie im schönen Sizilien verbracht hat. Sie hat dort in einem Kindergarten gearbeitet und die wilde Brut von Mafiosi betreut. Da wurde täglich gesungen und zwar italienische Kinderlieder.
    Arme Alma…

    Kommentar by Elisabeth B. Far. — 25. November, 2008 @ 18:18 Uhr

  4. Soweit ich mich richtig entsinne ist der Gedanke, Kinder seien etwas Besonderes (bzw. ein besonderer Typus Mensch), ein (menschheitsgeschichtlich) relativ neuer Gedanke: Ob es dementsprechend im Mittelalter auch keine Kinderlieder gab? Eigentlich wollte ich jetzt noch etwas hinsichtlich Ihrer Italienerfahrungen erfragen, habe dann aber bemerkt, dass die Abfolge des Textes das Mittelalter und Italien in einen ungebührlichen Zusammenhang rücken könnte, den ich um jeden Preis vermeiden möchte. Also direkt zur letzen Punkt: Gibt es nicht insgesamt vielmehr Theorien für Dinge, die es nicht gibt als andersherum?

    Fragen über Fragen.

    Eine letzte Anmerkung: Auch in Spanien und auf dem Balkan lassen sich ähnliche Beobachtungen anstellen. Insbesondere das gemeinsame Musizieren scheint hier bedeutungsvoll zu sein… Gibt es Korrelationen zwischen Familienstrukturen, Temperatur und musikalischem Sinn?

    Kommentar by Sebastian — 25. November, 2008 @ 18:27 Uhr

  5. Ich werde diese Diskussion ausdrucken und Alma beim nächsten Treffen geben. Mal sehen, wie sie sich dazu stellt und wie sie rechtfertigt, Deutschland falsch zu informieren…

    Es könnte allerdings sein, dass die italienischen Kinderlieder immer nur den deutschen Besuchern oder Buchautoren auffallen, aber den Eingeborenen nicht. So wie den zu Besuch kommenden Japanern auffällt, wie viel Sushi in Italien gegessen wird. Es wird dort – wenn ich recht informiert bin – Carpaccio genannt wird.

    Kommentar by Fritz B. Simon — 26. November, 2008 @ 11:31 Uhr

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