Kino
Fritz B. Simon
Eigentlich wollte ich hier über den Film „The Darjeeling Ltd“ schreiben, den ich gestern gesehen habe. Aber da kamen mir Bedenken, die Leser könnten den Eindruck bekommen, ich würde dauernd ins Kino gehen. Da dieser Eindruck richtig ist, wollte ich ihn zunächst vermeiden. Was sollen die denn denken? Hängt dauernd im Kino rum, hat der denn nicht zu arbeiten?
Also, um das klar zu stellen: Ich gehe allein aus fachlichen Gründen ins Kino. Ich schreibe nämlich für die „Revue für postheroisches Management“ (Habe ich für die schon geworben? Ein Muss für jeden, der in der systemischen Szene up-to-date sein will, was sonst!) eine regelmäßige Kolumne mit dem Titel „Hollywood“. Dort bespreche und analysiere ich Filme, die aus systemtheoretischer und/oder konstruktivistischer Sicht von Interesse sind. In kaum einem anderen Medium lassen sich die Grundprinzipien beider Theoriestränge besser darstellen und verstehbar machen. Denn im Kino kann nicht nur Realität bewusst konstruiert werden, sondern – wie in der konstruktivistischen Theorie behauptet – der Beobachter und seine Perspektive stehen im Mittelpunkt. Wer einen Film dreht, inszeniert ihn immer im Blick auf den Beobachter hin, d.h. er setzt ihn als hypothetischen Ausgangspunkt und setzt ihn und seine Möglichkeiten der Beobachtung als Prämisse aller Drehbuch- und Regie-Entscheidungen.
Daher können fast alle relevanten Themen der Systemtheorie und des Konstruktivismus – von abstrakten philosophischen Modellen bis zu praktischen beraterischen Tools – am Beispiel von Filmen erklärt und illustriert werden. Dies ist das heimliche Ziel der „Hollywood“-Kolumne in der Revue. (Dass man diese Filme dann auch zu didaktischen Zwecken nutzen kann, ist ein Nebeneffekt, den ich selbst seit Jahren in Seminaren etc. nutze).
Ich muss also oft ins Kino gehen (ich erwähne hier gar nicht alle Filme, die ich mir ansehe – manchmal vergesse ich sie unmittelbar nach Verlassen des Kinos, manchmal sind andere Themen interessanter…) und meine Motive sind allein altruistisch, d.h. ich verschreibe mich einem aufklärerischen Projekt…
Ob ich dieses Projekt noch zu Lebzeiten vollenden kann, weiß ich nicht, da die Revue nur zwei Mal im Jahr erscheint und ich schon Filme über Filme auf meiner Liste habe, die der Besprechung bedürfen. Und es kommen ja fast täglich neue hinzu.
Aber mein Motto lautet: Sollte morgen die Welt untergehen, so gehe ich heute dennoch ins Kino…
3 Kommentare
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Das klingt wie “regelmäßig Sex”: Up – to – Date bei zwei Mal im Jahr!
Kommentar by Max Liebscht — 4. Januar, 2008 @ 20:16 Uhr
Immerhin ist es faszinierend, daß auch Sie – rasante gesellschaftliche Entwicklung hin oder her – dieser doch eher antiquiertem calvinistischen Erwerbsethik verhaftet zu sein scheinen.
FBS: “Da dieser Eindruck richtig ist, wollte ich ihn zunächst vermeiden. Was sollen die denn denken? Hängt dauernd im Kino rum, hat der denn nicht zu arbeiten?”
In der Tat hab ich mir da auch schon Gedanken gemacht. Bei all den Filmen, da Sie zugeben aus vorgeblich allgemeineren sozialen Beweggründen ins Kino zu gehen – wie hoch da die Dunkelziffer sein mag.
Daß Sie aber dieser ganz bestimmten – mir seiten meines Adenauer -begeisterten Vaters vertrauten – Einschätzung vom Wert der Arbeit anhängen, finde ich beeindruckend. Sicherlich werden Sie noch durch die Ethik des Wiederaufbaus geprägt worden sein, wenigstens indirekt. Ich meinte aber, daß vorzüglich die einfacheren Leute unter dem Eindruck knapp überstandener Destruktion so dressiert worden seien, daß Produktion, womöglich schwere Arbeit gar, aller Ehren wert und Müßiggang der erste Schritt ztum Laster sei. Leiden macht gut. Destruktion konstruktiv. Mag es sich nun um die zu verschneidenden Hanfpflanzen auf dem Balkon, um nach Zusammenbruch akut konsumbewußte Sünder an der eigenen Gesundheut oder um welkende Gesellschaftsform wie die unsere handeln mag.
Ich wähnte freilich, Sie kämen Ihrer eher unbekümmerten Art nach, aus so einer bourgeoisen Familie, in der es eher als bemitleidenswert bis peinlich gilt, einer Arbeit, die womöglich gar mit körperlicher Überwindung verbunden sein mag, nachgehenen zu müssen. Selbst wenn Ihnen, so wie ich Sie bisher einzuschätzen gelernt habe, zu unterstellen ist, daß Sie bloß aus lauter Langeweile, womöglich gar Spaßesgründen arbeiten, ist das also eine kuriose Sache, diese Sorge, ob hinreichend veröffentlichtem Respekt gegenüber calvinistischer Wertorientierung, was denn Eltern – ich – mäßig projizierte Andere mutmaßlich denken möchten, wenn Sie sich einen Lenz machen und andauernd zwielichtigen Animationen nachgehen, während eben diese anderen im Schweiße ihres A.gesichts den real existierenden Kapitalismus hübsch ordentlich vorm Kollaps zu bewahren suchen. Der kleine Fritz wie er im großen also so seine Bedenken zur Geltung bringt.
Mal abgesehen davon. Auch ich finde, daß man die Fiktionalität der Realität leichter in Erinnerung behält, wenn man sich gelegentlich in diese Veranstaltungen begibt, da eine Masse Alltagsüberdrüssiger sich ohn Ansehen füreinander auf das Spiel einigt, als ob die Fiktion real anzusehen sei. Vor diesem Kontrast, wenn man aus dem Dunkel der Vorstellung tritt, zeichnet sich das Surreale all der uns umgebenden, kaum gegenärtigen Momente um so deutlicher hab. Ähnlich, wie man durch eine Reise erst begreift, was Heimat ausmacht, erscheint der eigene Alltag, womöglich gar die alltäglich sich verlaufenden Nächte absolut phantastisch.
Leider hab ich glücklicherweise keinen Fernseher und bin auf die Animationen angewiesen, wie sie mir die Phanatsien bescheren, die ich mir bspw. von Ihnen und anderen mehr oder weniger leibhaftig faßbaren Erscheinungen machen darf. Miraculix in der zweiten Reihe. Zuweilen müssen aber auch meine armen Kinder dran glauben, die gerade ihre ersten Glaubenssysteme halbwegs konsistent auszubilden suchen und auch das sozial eminent wichtige Spiel von “Als Ob” – Reframings (Vaihinger) üben, von dem nicht nur die späten Vorstellungen zu leben scheinen.
Der Ältere, der kürzlich vier geworden ist, erging sich gestern, anstatt brav einzuschlafen, an Wertehierarchisierungen, kam zu überraschenden Schlüssen, die er dem Kleinern zur Prüfung vorschlug (“Böse ist gut!”) und gelangte schließlich zu der offenbar ungeheuer belustigenden Vorstellung, daß Menschen mit Pistolen gekommen seien und aus einem Kanonenrohr ganz viele Kanonenkugeln rausgeschossen gekommen wären, die alles, alles, alles kaputtgeschossen hätten und eben auch uns, wie wir da im Dunkeln nebeneinander lagen. Dramatisch inszenierte Imagination, perfide ins Szene gesetzt von dem kleinen Regisseur um die offenbar noch immer mit unbehaglichen Anmutungen assoziierten Einschlafprozesse zu torpedieren.
Der jüngere Rabauke mit seinen 2 Lenzen und drei Monaten fand diese Vorstellung allgemeiner Zerstörung auch recht belustigend. Da mir das Rumgezappel der impertinenten Wichtel, die längst hätten einschlafen sollen, auf den Zeiger ging, wies ich in nun meinerseits impertinennter Art darauf hin, daß sie ja nun nicht mehr reden könnten, da sie ja eigener Aussage nach tot seien. Ja, sie selbst haben es ja so gesagt. Weiters, daß Sie sich ja nicht mehr bewegen könnten, das sie ja tot seien. Die einigermaßen zwingend erscheinenden Logik sollte freilich noch auf eine neue Stufe zu führen sein. An dem nachlassenden Geplapper ließ sich das zunehmende Umschwenken auf eher intern angelegte Affektverarbeitungsformen entnehmen. Es ratterte sozusagen. Nicht ganz unvermittelt war es daher, als nach zunehmend längeren Pausen auf die sachlich gehaltenen Kommentare des bösen Papas plötzlich anhaltendes Schluchzen beim Älteren einsetzte. “So ein blödes Spiel!” Nicht mehr reden können! Nicht mal mehr bewegen können! Wenn man tot ist, und das habt ihr ja selbst gesagt, daß ihr jetzt tod seid, kann man nicht mal mehr schluchzen, weil man ja tot ist. Also stille! “Das ist aber wirklich ein ganz ganz, blödes Spiel.” Aber wenn man tod ist, wenn man gesagt hat, daß man tod ist, kann man das auch nicht mehr ändern, wenn es einem nicht mehr gefällt, weil man ja tot ist. Nicht mehr reden, nicht mehr bewegen, nicht mehr heulen, nicht mehr das Totmachen – Spiel zurücknehmen können. Furchtbar. Das Drama der Irreversibilität dieses unserer letzten menschlichen Spiele schien sich immerhin in ersten Umrissen abzuzeichnen. In für mich ergreifender Weise, nebenbei bemerkt, dieses erste Begreifen mitzuerleben.
Natürlich war die geradezu zwanghaft konstruktiv argumentierende LAB in der anschließenden Gesprächsauswertung hinsichtlich erzieherischer Implikationen anderer Meinung, der nämlich, daß die Kinder – so wie bisher – möglichst keine Angste vorm Tod haben sollten, ihn weiter annehmen können sollten, wie all das andere, was nun mal zum Leben gehört u.s.w. Mag es sein, wie die Aufsteller glauben, daß alles mit allem verbunden sei und es mag für manche tröstlich sein im Hinblick auf den eigenen strukturellen Verfall, daß im Universum keine Müllhalden anfallen, weil alles fein ökologisch recycelt wird, aus uns wieder etwas anderes wird, wir alles waren und werden – mich als Mann, der immer Situationen zu schaffen sucht, aus denen heraus es Frauen immer leichter fällt, das Beste draus machen, trösten diese typisch vollmondweiblichen Reincarnationsphantasien wenig (Der Vierjährige dozierte neulich weise: “Alles wird wieder zu Erde, nur nicht der Himmel.”) wenn ich an die armen Enten auf der Neiße denke, die mit dem Arsch im eisekalten Wasser hängen und wahrscheinlich früher alles große, aber hinsichtlich ihrer Geschicke hinieden unglückliche Geister gewesen sein mögen. Wenn die Form meiner Strukturen sich in bezug auf die Verhältnisse hinieden entäußert haben mag, stellen sich all die Fragen nicht mehr, die bei all den All – in – one – Fans so populär zu sein scheinen nicht mehr. Der Terminator hat stets Zeit für Dich hinter der nächsten Ecke. Von daher ist von jetzt zu jetzt zu jetzt die Stunde der Abrechnung vorzuziehen, nicht erst, wenn ich mit der Sonne verschmolzen sein werde. Es is dann nix mehr mit “ich”. Von daher liebe Kleinen Bürger, schützt Eure Anlagen beizeiten ! – gleichwohl niemand von uns von der sich einst ausdehnenden Sonne vergessen werden wird u.s.w. Ich finde, eine gewisse Todesangst und Respekt um dieses in dieser Form einzige (Er-)Leben schadet den kleinen Wackeln wenig (wengleich der boshafte Vater sie zwecks Beendigung der Vorstellung freilich an sich gezogen hat, auf daß sie spürten, daß der alte Sack wenigstens für sie noch halbwegs am Leben ist. (Wobei zu bemerken ist, daß sich der Ältere kürzlichst recht pragmatisch versicherte und feststellte, daß wir noch so lange leben müßten, bis sie, die Kleinen groß seien. Bereits die kleinen Rationalisten scheinen auf zeitlich befrtistete Beschäftigungsverhältnisse hin orientiert zu sein). Womöglich geht ja der mehr oder weniger virtuelle Fritz Simon auch eher deshalb ins Kino, weil er hofft, im Dunkeln besser kuscheln zu können nachdem die gruseligen Szenen der Vorstellung ihre anregende Wirkung antfaltet haben mögen, jedenfalls bin ich wohl wegen der ähnlich dunkeln Beleuchtungsverhältnisse der spätabendlichen Einchlafsituation auf die Parallele mit seinem sozialpädagogischen Anspruch an das cineastische Setting gekommen.
Kommentar by Max Liebscht — 5. Januar, 2008 @ 12:04 Uhr
ach so
ja
fazit
lieber im kino
als auf dem dachboden
Kommentar by Max Liebscht — 5. Januar, 2008 @ 12:16 Uhr