Simons Systemische Kehrwoche

Körper

Fritz B. Simon

Ich habe neulich mit einem Kollegen, einem erfahrenen und sehr erfolgreichen Körpertherapeuten, über die unterschiedlichen blinden Flecken therapeutischer Modelle gesprochen.

Die systemischen Therapeuten, die mit Familien oder anderen sozialen Systemen arbeiten, scheren sich in der Regel wenig um die Körper ihrer Klienten. Solange die nicht gerade größere Symptome produzieren, interessieren sie nicht sehr (von der nonverbalen Teilnahme an Kommunikation mal abgesehen). Mit Ausnahme einiger weniger Psychosomatiker wird der Kopplung zwischen biologischen und sozialen Systemen nur wenig konzeptuelle Aufmerksamkeit geschenkt.

Umgekehrt ist es bei den Körpertherapeuten. Die machen ihre ganze Ausbildung zwar in der Regel in einem Gruppensetting, diskutieren dabei aber nicht einmal die Frage, ob körperliche Prozesse im Kontext eines Gruppengeschehens wirklich denen in einem Zweiersetting, vom Alleinsein ganz zu schweigen, entsprechen.

Dass das Beobachtetwerden durchaus körperliche Folgen hat, weiss ja eigentlich jeder, der schon einmal eine Toilette ohne Türen benutzen musste…

Diese Ignoranz sozialen Systemen gegenüber hat nun für die armen Körpertherapeuten negative Konsequenzen: Sie zerbröseln sich in ihren professionellen Organisationen gegenseitig, ohne zu merken, wie derartige Prozesse ablaufen. Sie sehen eben nur Körper und die Logik ihres Funktionierens, aber sie sehen keine sozialen Systeme (Organisationen) und sind daher deren Funktionsprinzipien hilflos ausgeliefert.

Schon irgendwie blöd…

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15 Kommentare

  1. Bin gespannt, wann die Körper der systemischen Therapeuten zu zerbröseln anfangen …

    Kommentar by Ewald Dietrich — 18. Februar, 2010 @ 13:02 Uhr

  2. Tun sie das nicht schon? Wenn ich mir meinen anschaue…

    Kommentar by Fritz B. Simon — 18. Februar, 2010 @ 13:19 Uhr

  3. In meinem Biologie-Buch in der Schule waren 2 Abbildungen einer genetisch identischen blühenden Pflanze: einmal im Standort Hochgebirge, ein anderes Mal im Standort fruchtbares Flußtal; sehr beeindruckend!

    Kommentar by o.werner — 18. Februar, 2010 @ 13:50 Uhr

  4. Keine Sorge, Hilfe naht ab März bei Carl-Auer:
    András Wienands
    Einführung in die körperorientierte systemische Therapie
    ISBN 978-3-89670-604-1

    Kommentar by Anja Lösch — 18. Februar, 2010 @ 13:53 Uhr

  5. Integrative Psychologie!

    Kommentar by Max Liebscht — 18. Februar, 2010 @ 16:19 Uhr

  6. Ein wesentliches Problem der Psychologiker… auch ein Titel wie “…körper/orientierte/ systemische Therapie” lässt da nur schwer auf einen umfassenderen Blick hoffen (jetzt mal rein vom Titel abgeleitet, ich kann mich natürlich irren).

    Wie viele der hier lesenden oder schreibenden und von mir intellektuell geschätzten Damen und Herren sind vertraut mit dem Werk Frederick Perls’? “Das Ich, der Hunger und die Aggression” ist glaube ich das tiefgängiste Buch psychologischer Wissenschaften, das ich gelesen habe. Schon im Vorwort prangert Perls den Unwillen der meisten Psychologen an, für die Integration der verschiedenen Schulen zu arbeiten. Stattdessen das alte Leid des Menschens, der Entscheidungen trifft, und ab diesem Moment diese mit dem ursprünglichen Wunsch nach Assimilation in die Welt hinaus trägt…

    Kommentar by pascal — 19. Februar, 2010 @ 00:07 Uhr

  7. @pascal: Fritz Perls kennt jeder…- aber der hat die sozialen Systeme auch ausgeblendet.

    Kommentar by Fritz B. Simon — 19. Februar, 2010 @ 11:46 Uhr

  8. Ja, Fritz mag als Praktiker seinerzeit wohl recht überzeugend gewesen sein. Was aber die Reflektiertheit seines Tuns und Lassens angeht, kann er geradezu als Musterbeispiel für eine theoretische Niete gelten. Tut mir leid für die Fans, aber gerade in dem Fall …

    Immerhin gibt es sie aber, die ermutigenden, größenwahnsinnigen Versuche, EINE Psychologie zu rekonstruieren; nach Klaus Grawe u.a. Dietrich Dörner, Dirk Revenstorf, Peter Kruse, Julius Kuhl, Norbert Bischof, Gunther Schmidt & Insa Sparrer & Matthias Varga von Kibéd, Heinrich Rombach, Ken Wilber, Lorna Smith- Benjamin, Theodor Dierk Petzold & Grossarth – Maticek, die einschlägig bekannten Neuropsychologen und … wenn man mich läßt … manchmal, an ungeraden Tagen … tatsächlich ein bißchen … auch meine Wenigkeit.

    Trotz aller Kritikwürdigkeit systemtheoretischer Ansätze gebührt den Geburtshelfern “systemischer” Therapie, Psychosomatik, Supervision, Organisationsentwicklung, Pädagogik und Kosmetikberatung das Verdienst, die Voraussetzungen für eine Integration der verschiedenen Ansätze in historisch unerreichter Form zur Verfügung gestellt zu haben.
    Sag ich jetzt mal so.
    Als Gelegenheitssystemiker.

    Kommentar by Max Liebscht — 19. Februar, 2010 @ 16:32 Uhr

  9. Treffend, jeweils. Auch treffend, die Erkenntnis, dass wohl ein jeder an manchen Tagen dazu neigt, seinen aktuellen Erkenntnisstand als “relativ vollendet” anzusehen, oder gültige Erklärungsmuster zu absolutieren oder auf formverwandte Phänomene zu projizieren und damit dümmlicherweise schon die Wahrnehmung zu selektieren.

    Herr Simon, ich bin nicht vom Fach, insofern kenne ich mich überhaupt nicht damit aus, welche Literatur Usus ist, aber es freut mich, dass dieser Herr zum Kanon gehört. Sie haben recht damit, dass er sich sehr auf das Einzelwesen konzentriert, aber er hat in dieser Hinsicht sehr viele meiner Meinung nach sehr treffende Erkenntnisse zu Papier gebracht. Denn irgendwo ist ja auch jeder Mensch immer allein. Bei psychisch “kranken” Menschen (jetzt mal grob verallgemeinert) ist dieses Gefühl glaube ich häufig noch wesentlich präsenter. Bitte nicht als allgemeingültige Aussage auffassen.

    Kommentar by pascal — 19. Februar, 2010 @ 19:17 Uhr

  10. @pascal: Wenn Sie sich mehr für diesen Ansatz interessieren, dann suchen Sie unter dem Stichwort “Gestalttherapie”

    Kommentar by Fritz B. Simon — 19. Februar, 2010 @ 20:05 Uhr

  11. Lieber Herr Simon, vielen Dank, aber ich interessiere mich für keine Ansätze. Ich interessiere mich für Menschen und für Algorithmik. Ich lese einfach gerne Fachliteratur. Ich könnte auch bestimmte Romane lesen, aber da gibt es neben dem Wesentlichen immer noch so viele Handlungsstränge und unwesentliches Zeug, das mir das Gefühl gibt, mir die Zeit zu rauben.

    Kommentar by pascal — 19. Februar, 2010 @ 20:17 Uhr

  12. Alle Wege führen nach Rom. Jedes Individuum hat jederzeit sein ganzes Universum in der Hosentasche dabei. Ist es überhaupt möglich, ausser in der Reflektiertheit des Tun und Lassens, soziale Systeme (bewusst/unbewusst) auszublenden. Gibt es ein Ende eines “systemischeren” Denkens? Perls dachte systemischer als Freud, auch wenn er es nicht so bezeichnet hätte. Und all die Gestaltpsychologen, systemisch immer schon auf einem nicht schlechten Weg, hassten ihn dafür, dass man ihn kannte, und sie nicht :D

    Kommentar by Tom — 19. Februar, 2010 @ 22:06 Uhr

  13. “Jedes Individuum hat jederzeit sein ganzes Universum in der Hosentasche dabei.” Vielleicht nicht unbedingt in der Hosentasche. Darauf mögen die Anbieter elektronischer Selbstvergewisserungshilfen rekurrieren. Wer sich als Systemiker aber noch nicht ganz von den leiblichen Dimensionen seiner irdischen Existenz emanzipiert hat, verkörpert seine eigensinnigen Weltrekonstruktionen nirgendwo besser als genau in jenem corpus delicti, den er zufällig sowieso immer mit am Mann hat.

    Mir gefällt auch die Aussage von Matthias Varga von Kibéd, wenn er einschätzt, dass es auf der ganzen Welt maximal ein Dutzend Leute gäbe, die systemisch zu denken vermögen. Was “Systemkompetenz” angeht, sind wir Unvollendeten wohl vorläufig darauf verwiesen, uns um systemischeres (Komparativ!) Denken und Handeln zu bemühen. Was Gestalt an originären Effektivitäterklärungen beizutragen hatte und hat, seh ich als wichtige Zutat aber bei weitem nicht als Kuchen.

    Immerhin ist es gerade für die Integration phänomenologischer vs. konstruktivistischer Systemtheorieauffassungen eine nützliche Meditationsübung: Figur & Hintergrund meets Oszillator Spencer – Brown.
    Anders verkürzt: Bilden wir uns noch ein, Systeme mental finit erfassen zu können (“Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg + Trennung = Verbindung) oder stellen wir uns schon der tagesformgebundenen Verkörperung prinzipiell infiniter Strukturkonstellationen?

    Zum Thema “Systemkompetenz” gibt es ja diese schön Anektdote, die Maturana über Heinz von Förster zum Besten gegeben hat.
    Die beiden hatten es eilig, in einer mit parkenden Autos und Parkverboten vollgestellten Gegend ihr Auto abzustellen um Termine zu schaffen. Der Chilene war zunächst entsetzt darüber, dass von Förster die Karre ausgerechnet direkt vor einer Polizeiwache abstellte. Nirgendwo sei das Fahrzeug komfortabler und sicherer abzustellen … (was sich bei der Rückkehr bewahrheitete)

    Meine Wenigkeit hat neulich auch eine Lektion in der Art bekommen. Lange Zeit hatte ich (zunächst mit Verblüffung) und mit Freude zur Kenntnis genommen, wie die Görlitzer Stadtbediensteten den Gehweg vor unserem Haus gleich hinter dem Görlitzer Rathaus regelmäßig mit versorgten und ihn räumten und streuten. So etwas hilft wirtschaften und man weiß, dass die öffentlichen Abgaben wenigstens einmal gut eingesetzt sind.

    Neulich aber erschien mir angesichts der Schweineglätte an dem abschüssigen Gehwegbereich, dass die vedienten Helfer nachlässig geworden seien und ihrer Passion nicht hinreichend ordentlich nachgegangen sind. Wenn es es nicht ganz so kalt ist, wird ja logischerweise mehr Streugut ausgebracht. Bei derartiger Kälte aber, hatte es offenbar nur zu einer sympolpolitischen Planungsumsetzung gereicht. Vielleicht weil Führungskräfte ja Vorbild sind. Nur ein paar verlorene Steinchen schimmerten durch abgelaufene, tückisch blanke Eis. So habe ich mich denn aufgemacht, um es denn nachlässigen Kollegen mal zu zeigen, wie eine sachgemäße Streuung aussieht. Weil ich die ungewohnte Tätigkeit als eine spaßige Abwechslung erlebte, übernahm ich vor lauter Schwung sogar gleich noch einen Streckenabschnitt vom chronisch nachlässigen Nachbarn. Mustergültig!

    Nur zwei Tage später hatte ich nach mildem, lächerlich dünnem Schneefall eine kostenpflichtige und terminierte Aufforderung der Stadt zum ordnungsgemäßen Beräumen des zum Haus gehörigen Gehwegbereiches im Postkasten.

    Ich hatte gegen de Shazer Regel Nr. 1 und 2 verstoßen:
    “Wenn etwas gut läuft, mach mehr davon.”
    “Wenn nichts kaputt ist, versuch nicht, es zu reparieren.”

    Aber ich bleibe dran.
    An den systemischeren Lösungen auf dem Pfad hin zur systemischen = allumfassenden Erleuchtung.

    Kommentar by Max Liebscht — 20. Februar, 2010 @ 11:27 Uhr

  14. Lieber Herr Liebscht,

    über Heinz von Förster scheint es jede Menge von Anekdoten zu geben. Vielen Dank, diese war mir noch nicht bekannt.

    Was Ihre “mustergültige” Aktion betrifft, so überrascht mich Ihre Interpretation nicht. Gnadenlose Hilfe wird in manch pschologischer Praxis (allerdings auch in anderen Beratungskontexten) gestreut.

    Ich stelle mir die Frage, ob Ihr Nachbar bisher ebenfalls in den Genuss städtischer Räumorgien kam? Ob er wohl auch ein freundliches Schreiben erhalten hat? Ob er dieses in einen Zusammenhang mit Ihrer “sei edel, hilfreich und gut” Maßnahme stellt? Maschendrahtzaun 2.0?

    Gut gemeint und gut gemacht sind einfach nicht das Selbe, wie mir scheint. Soweit ich informiert bin, sitzen die Erleuchteten in tiefer Meditation und räumen höchstens neuronale Gedankenwege.

    Kommentar by es — 23. Februar, 2010 @ 15:14 Uhr

  15. Das mit dem Nachbarn ist in Toitschlands Kleinstädten natürlich immer eine spannende Frage, der sich nachzugehen lohnt. In dem Fall ist es kein Jägerzaunbeißer sondern eher ein Gemütlicher, der neben der heroischen Instantsetzung seiner 500 jahre alten Ruine gern mal an der Bierflasche nuckelt.

    “Gut gemeint ist noch nicht gut gesagt.
    Gut gesagt ist noch nicht gehört.
    Gehört ist noch nicht zugehört.
    Zugehört ist noch nicht verstanden.
    Verstanden ist noch nicht einverstanden.
    Einverstanden ist noch nicht korrekt umgesetzt.
    Korrekt umgesetzt ist noch nicht beibehalten.”
    (frei nach Konrad Lorenz)

    Kommentar by Max Liebscht — 24. Februar, 2010 @ 16:00 Uhr

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