Kreuze
Fritz B. Simon
Gestern habe ich mich mit jemandem unterhalten, von dem ich nicht wußte, wo er herkommt. Als er mir den Namen des Ortes sagte, fügte er hinzu: “Das ist bei Breitscheid!”
Auf meine Frage: “Wie kommst Du darauf, dass ich weiss, wo Breitscheid ist?”, sagte er: “Das kennt doch jeder von den Staumeldungen »Am Kreuz Breitscheid 5 km Stau in Richtung…«
Mir fiel dazu ein: “Ich kannte mal jemanden aus Kamen.”
Unser innere Landkarten sind von Staumeldungen und Autobahnkreuzen strukturiert.
8 Kommentare
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Berühmtberüchtigt auch das Karlsruher Kreuz. Einige verzweifeln an ihm. Andere nehmen es einfach auf sich. Das ist die Lösung!
Kommentar by Manfred Bögle — 2. Juli, 2009 @ 22:43 Uhr
In Österreich hört man in den Meldungen ständig vom Stau beim “Bindermichl” erst kürzlich kam ich drauf, dass der bei Linz ist….
Kommentar by Sylvia Taraba — 2. Juli, 2009 @ 22:50 Uhr
legendär ist das bible reader dry egg
Kommentar by Olaf Hinz — 3. Juli, 2009 @ 08:02 Uhr
Seitdem in Bugarien (Osteuropa, jedoch mehr Ost als Europa) der Kommunismus dem etwas raubeinigen Mafia-Kapitalismus gewichen ist, ist die mentale Landkarte der Bevölkerung von Orientierungen geprägt wie: „Lass uns im Cafè treffen, indem X erschossen wurde.“ oder „Sie wohnt in derselben Straße, in der Y mit seinem Wagen in die Luft gesprengt wurde.“ Umso größer war meine Überraschung, als ich in Russland (!) feststellte, dass die Koordinaten der Einheimischen einer ganz und gar poetischen Natur sind: „Sie biegen am Haus, von dem Dostojevski nach Sibirien abtransportiert worden ist, links ab.“ (St. Petersburg) oder „Das ist die Straße mit dem Haus, indem sich Majakowski erschossen hat.“ (Moskau)
Kommentar by Janeta K. — 3. Juli, 2009 @ 09:24 Uhr
Die im öffentlichen Raum nachgereichten Infrastrukturinfarkte schaffen also place im space.
Benamste Ereignisse, für nahezu alle HörerInnen ohne Unterscheidungsrelevanz (das Medium ist die Botschaft), belegt mit eigenen Emotion. Orte ohne Bezug. Bei nachhaltiger Penetration gehirnverändernd.
Achtung, diese Verkehrsnachrichten führen bei mehrmaligem Konsum zu Synapsenbildungen in ihrem Gehirn!
Als Kulturinsassen (der Begriff erscheint mir in diesem Zusammenhang sehr angemessen) sind wir schnell bereit, die Information mit Sinn zu versehen. Z.B. aus Gender-Sicht.
Hilflose Frauen, kaum in der Lage räumlich zu denken, verlieren auf Autobahnkreuzungen die Orientierung. Richtungslos driften sie durch die Entscheidungsschnittstellen. Offenbar ein mit der Zunahme weiblicher Führerscheininhaber korrelierendes Ereignis.
Auf nächtlichen Streifzügen des Synapsenabbaus, das re-entry. Hallo, McLuhan.
Entlernen ist Schwerarbeit.
Kommentar by es — 3. Juli, 2009 @ 11:04 Uhr
Als Kind habe ich mal die Erzählung eines afrikanischen Schriftstellers gelesen (@ duscholux: leider kein Abiturstoff, weder hüben noch drüben), in der ein Teil des Geschehens dort spielte, “wo die Nabelschnur (des Protagonisten) begraben war”. Mal sehen, was ich lese, wenn ich es nach Jahrzehnten wieder lese…
Kommentar by E. B. Far — 3. Juli, 2009 @ 11:06 Uhr
Früher meinte ich, es sei nur Unbildung oder mangelnde Erfahrung bzw. Systemkompetenz, wenn Kapitalismusinsassen nicht zwischen Sozialismus und Kommunismus unterscheiden können. Heute bin ich mir fast sicher – es ist Folge der Methode. Kommunismus in Osteuropa – das ist wie mit dem Schild in der Wirtschaft: “Morgen gibt es Freibier.” Morgen ist und bleibt immer morgen. Und so wurde uns auch der Kommunismus verkündigt. Kommunismus hatte auch in DDR, RGW etwas Subversives. Die Frage, wann es denn endlich losgeht damit, war ein Ärgernis.
Angesichts der Inseln bzw. Erscheinungsformen von Kommunismus inmitten Feudalismus, Sozialismus, Kommunismus habe ich heute den Eindruck, daß es sich weniger eine Frage der Wirtschaftssysteme zu handeln scheint als um eine Form persönlicher Umgangskultur, die wir in fluiden Momenten miteinander erreichen oder nicht.
Kommentar by Max Liebscht — 5. Juli, 2009 @ 00:21 Uhr
Kommunismus inmitten Kommunismus könnte man zwar als super Steigerung verstehen – gemeint ist dieser Schreibfehler so aber nicht.
Die Einsicht, daß wir soviel Führungsstile finden und – entwicklungsstandabhängig – auch brauchen, wie wir Gesellschaftsformen finden, verdankt sich wohl Clare Graves.
Kommentar by Max Liebscht — 6. Juli, 2009 @ 06:34 Uhr