Simons Systemische Kehrwoche

Kulturberührung

Fritz B. Simon

Der Begriff der Kulturberührung stammt von Gregory Bateson, und er hat ihn verwendet, lange bevor die Begriffe der Perturbation oder Irritation in die systemtheoretische Diskussion eingeführt wurden. Aber er bezeichnet m.E. damit genau dasselbe Phänomen, nämlich dass beim Aufeinandertreffen zweier Kulturen gegenseitig eine Verstörung ausgelöst wird, auf die unterschiedlich und unvorhersehbar reagiert wird.

So scheint es mir auch beim Deutsch-chinesischen Psychotherapie-Projekt der Fall (gewesen) zu sein, an dem ich seit 1988 beteiligt bin – und das wir, d.h. eine Gruppe von 10 Chinesen und 10 Deutschen in der vergangenen Woche zu analysieren versucht haben (gefördert von der Breuninger Stiftung). Es ist ja keineswegs so, dass die Chinesen irgendwelche ahnungslosen Kinder waren, die mit großen Augen geschaut haben, was da von den aufgeklärten Westlern in das Dunkel einer rückständigen Kultur gebracht wurde. Ganz im Gegenteil, es wurde sehr kritisch ausgewählt, was brauchbar ist und was nicht. Manche Methoden, die ich persönlich für zentral in der systemischen Therapie erachte, wurden beispielsweise mit großer Zurückhaltung, um nicht zu sagen: Ablehnung, aufgenommen (z.B. zirkuläres Fragen). Andere hingegen, denen ich selbst skeptischer gegenüber stehe, weil sie m.E. hier nur wenig angewandt werden können, sind auf große Begeisterung gestossen und viel verwendet worden (z.B. paradoxe Interventionen).

Wenn man nicht missionieren will – was zumindest für mich gilt (bei manchen Kollegen bin ich da nicht so sicher) – dann sind diese unerwarteten Reaktionen eigentlich das Highlight solcher interkultureller Abenteuer, da sie damit konfrontieren, was im Rahmen der eigenen Kultur als selbstverständlich erachtet wird.

Vor Kulturimperialismus braucht man sich als Systemtheoretiker, der das Modell der Autopoiese verwendet, nicht zu fürchten: Es gibt – wie Humberto Maturana das so schön formuliert – keine “instruktive Interaktion”. Deshalb ist alles, was man in einem fremden Land macht, bestenfalls (Ver-)Störung, selbst wenn man zu missionieren versucht oder imperiale Wünsche hat. Wer fremde Kulturen nicht implizit abwerten will (z.B. die chinesische), sollte nicht versuchen sie vor westlichen Einflüssen zu schützen. Das kann und muss sie selbst machen…

Wenn Gewalt angewandt würde, wäre die Lage m.E. anders zu beurteilen.

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3 Kommentare

  1. AutoPo dingsbums?
    Framing und Reframing!
    (“Wer zuerst kommt, mahlt zuerst”.)
    LG

    Kommentar by Max Liebscht — 11. September, 2009 @ 19:01 Uhr

  2. Mit Ihrer Erklärung bin ich eigentlich durchgehend einverstanden und. Da die paradoxe Intervention aus China und Japan stammt (KOAN) wundert mich diese re-entry übrigens nicht. Dass sie ihren Weg über den Westen und deutsche Therapeuten nimmt, muss mich eigentlich auch nicht wundern. Wer hat denn den Initialfunken zu dieser Kulturberührung gehabt oder gezündet, die Chinesen oder die Deutschen?

    Kommentar by Sylvia Taraba — 11. September, 2009 @ 19:09 Uhr

  3. 9/11-fade out?

    Kommentar by es — 12. September, 2009 @ 10:05 Uhr

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