Lesen vs. Schreiben
Fritz B. Simon
Eine der guten Seiten der Kommentare, die hier von Lesern gegeben werden, ist, dass sie mir immer wieder Themen liefern. Ich nehme dann Bezug darauf, in der Regel, ohne den Namen des Kommentators zu nennen (aber er oder sie weiss dann ja schon…).
Also: Warum muss man sich entscheiden, ob man liest oder schreibt?
Wenn man nur die Funktion von Kommunikation betrachtet, dass dadurch Handlungen koordiniert werden, so stimmt das im Blick aufs Lesen sicher auch, wenn auch in banaler Form: Schließlich liest ja einer, nachdem ein anderer geschrieben hat. Aber das ist nicht das, was hier gemeint ist.
Wenn man liest, versucht man – auf der Inhaltsebene – die Gedankengänge eines anderen nachzuvollziehen. Das gilt wahrscheinlich nicht so sehr für Belletristik, aber sicher für wissenschaftliche Texte, in denen argumentiert wird. Dies geschieht natürlich auf der Grundlage bestimmter Prämissen, die vom Leser nicht unbedingt geteilt werden. Sich in derartige, in sich mehr oder weniger konsistente, aber oft auch hermetische und eigenartige/eigensinnige Gedankengebäude einzudenken (d.h. nach -!- zu denken), erfordert, entweder keine eigenen Prämissen zu haben (was unwahrscheinlich ist) oder aber unter Schmerzen die Integration in das eigene Denken zu versuchen. Dabei verstrickt man sich immer wieder in Widersprüchen usw. Die Arbeit am Begriff ist nicht nur mühsam, sie verhindert auch oft – nicht unbedingt zwangsläufig – die Kreation eigener Modelle und Gedankengebäude.
Wer integriert, ist nicht kreativ.
Anders ist das, wenn man die Ideen anderer nur als Anregungen für die Weiterentwicklung eigener Modelle nutzt.
Ich kenne Leute, die sehr belesen sind, aber ausgesprochen unkreativ (ich nenne keine Namen). In der Universität sind sie gut als Prüfer geeignet. Man kann sie auch immer fragen, wer zum Thema x oder y etwas geschrieben hat, und sie können es sofort sagen. Die etwas kreativeren Kollegen sind hingegen nur sehr selektiv belesen und reagieren vor allem auf solche Texte mit Neugier, die in ihre Denklinie passen, d.h. von ähnlichen Prämissen ausgehen, und neue Aspekte eröffnen, weiter führen usw.
Offenbar hat diese unterschiedliche Wirkung von Lektüre etwas mit der unterschiedlichen Reaktion auf Irritationen/Perturbationen zu tun. Die belesenen Leute versuchen die Kontrolle zu gewinnen (“Beherrschung der Materie”), d.h. sie versuchen die Störung, die durch die Lektüre ausgelöst wurde, durch die intellektuelle Beherrschung des Stoffs zu beseitigen. Alle Energie geht in diese Arbeit. Die anderen erhalten durch die Irritationen/Perturbationen der Lektüre einen Kick, der sie ins Abenteuer des eigenem Denkens beamt…
Von Gregory Bateson ist, zum Beispiel, bekannt, dass er pro Jahr nicht mehr als ein oder zwei Bücher gelesen hat (Quelle: Tochter).
7 Kommentare
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Das finde ich plausibel. Integration und Kreativität können nicht vereinbar sein, wenn Integration bedeutet, Störung zu beseitigen bzw. so zu kompensieren, dass kein bedeutsamer Unterschied “zurückbleibt”. Wäre der Umgang mit Irritation bzw. Perturbation beim Lesen von Texten z.B. eines Lieblingsautors dann aber nicht auch ein wenig wie die Interaktion bei einer Langzeitanalyse? Man kennt sich, weiss, was man vom Gegenüber zu erwarten hat, das System ist stabil, es findet aber keine Veränderung mehr statt, weil nichts mehr stört.
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 21. Dezember, 2009 @ 23:12 Uhr
Ach ja: Danke für die ausführliche Erläuterung.
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 21. Dezember, 2009 @ 23:31 Uhr
Danke auch für diese Erläuterung. Ich frage mich jedoch, ob für die Begriffe Kreativität und Integration ein “Entweder-Oder” die geeignete Kategorie sein kann. Ist nicht auch die Integration ein kreativer Akt. Ein System stabil zu halten ist nicht unbedingt nur ein integrativer Akt, sondern auch ein kreativer. Müssen wir uns doch bei stabil erscheinenden Systemen fragen, welche Veränderungen permanent vorgehen, damit ebendieses System innerhalb sich verändernder Kontexte stabil erscheinen kann.
… und nur aus dem Lesen folgt nicht unbedingt eine Integration des Gelesenen … womit eine Typisierung sinnlos wäre.
So kann mir schreiben auch dabei helfen, Wissen zu integrieren; kommt es doch bei mir recht häufig vor, dass mir manch Sinnlosigkeit meines eigenen Geschreibsels erst nach dem Schreiben bewußt wird
Huch, fällt vielleicht auch dieser Kommentar in die Kategorie der Sinnlosigkeit?
Kommentar by Tom — 22. Dezember, 2009 @ 09:06 Uhr
@Tom:
Ja, das scheint mir ein plausibler Einwand: Auch die Integration ist ein kreativer Akt. Er besteht darin, neue Konsistenz der eigenen Konzepte herzustellen. Nur dass dabei eben nichts überindividuell Neues entsteht, sondern das Denken eines anderen nachvollzogen wird (Beobachtung 2. Ordnung). Aber auch dies ist eine kreative Leistung, d. h. man muss eigentlich auch alles, was ein anderer vorgedacht hat, selbst “neu” erfinden.
Deshalb wäre es wahrscheinlich besser zwischen Innovation und Integration als zwei unterschiedlichen Formen der Kreativität zu unterscheiden.
Kommentar by Fritz B. Simon — 22. Dezember, 2009 @ 10:29 Uhr
Cooler Beitrag!
Sich hier schreibend und lesend zu beteiligen, stellt also (auch) eine Kompromissbildung dar. War zu befürchten.
Eines der beiden Papierbücher, die ich dies Jahr gelesen habe, stammt von einem gewissen Fritz B. Simon.
Kommentar by Max Liebscht — 22. Dezember, 2009 @ 10:42 Uhr
Brüche:
Auf dem Fischzug durch den Wörtersee bleibt der Begriff “überindividuell” hängen. Göttlich.
Kommentar by es — 22. Dezember, 2009 @ 17:47 Uhr
Acces – die größte Herausforderung für unser (?) 21. Jahrhundert.
Sie sind bestimmt bloß neidisch.
Kommentar by Max Liebscht — 25. Dezember, 2009 @ 18:10 Uhr