Mannschaft vs. Einzelspieler
Fritz B. Simon
Erstaunlich ist bei der Fußball-Europameisterschaft, dass bis jetzt (d.h. bevor heute Abend Italien gegen Spanien spielt) immer die Erstplatzierten der jeweiligen Vorrunden-Gruppe ausgeschieden sind (Kroatien, Portugal, Holland). Es sind die Mannschaften, die in den ersten Spielen überlegen waren.
Nun ist Überlegenheit eigentlich ja kein Grund zu verlieren. Hierin könnte aber doch die Erklärung für ihr Scheitern liegen. Klar, man wird überheblich etc., wenn man sich seiner selbst zu gewiss ist. Das kann auch bei den genannten Mannschaften die Ursache für das schwache Spiel sein. Allerdings glaube ich nicht an diese psychologischen Erklärungen, schließlich sind das alles Profis, die mit allen Wassern gewaschen sind.
Mir scheint eine andere Erklärung nahe liegender: Die nach dem zweiten Gruppenspiel bereits qualifizierten Mannschaften (alle drei) hatten beschlossen, mit einer so genannten B-Elf aufzulaufen. Sie wollten ihre “Leistungsträger” schonen.
Auf den ersten Blick erscheint das ja plausibel. Aus systemischer Sicht ist das aber blöd, weil dahinter die Prämisse steht, die Leistung der Mannschaft sei die Summe individueller Leistungen. Wenn das wirklich so wäre, wäre es rational, sorgsam mit seinem Kapital, d.h. den Kräften der Individuen, umzugehen. Und je wichtiger sind, umso mehr müssten sie geschont werden.
Doch soziale Systeme sind Kommunikationssysteme. Die individuellen Menschen – ihre Psyche wie ihr Organismus – sind nur Umwelten dieses Systems. Etwas weniger theoretisch gesagt: Eine Mannschaft ist umso besser, je besser sie aufeinander eingespielt ist. Es geht ums gegenseitige “blind” verstehen, um die Minimierung des kommunikativen Aufwands bei schnellen Spielzügen. Um gegenseitige Anpassung, strukturelle Kopplung.
Werden einzelne Spieler “geschont”, so wird nicht nur der Prozess der Kreation wechselseitiger Koordinationsschemata – d.h. des Sich-Verstehens – unterbrochen und in seiner Entwicklung zurückgeworfen, sondern es werden auch noch dysfunktionelle Hierarchien etabliert. Einige scheinen es wert, geschont zu werden, andere nicht…
In einer Mannschaft sind erfahrungsgemäß ja manche Spieler für den gemeinsamen Erfolg der Mannschaft wichtiger als andere, das ist wohl richtig. Aber auf der anderen Seite gilt auch, dass alle gleich sind in ihrer Wichtigkeit für die Niederlage. Denn jeder hat gewissermaßen ein Vetorecht gegenüber dem gemeinsamen Erfolg. Der Fehler eines jeden kann über Sieg oder Niederlage entscheiden.
DAs Balancieren von Gleichheit und Ungleichheit in der Beziehung der Beteiligten ist eine der wichtigsten Führungsfunktionen in einem Team. Wenn durch die Aufstellung von B-Mannschaften dieser Prozess unterbrochen wird, dann sinken die Chancen des Teams, sein Potential zu nutzen. Nicht nur im Fußball.
Was war mit Spanien? Hatten die eine B-Mannschaft im dritten Gruppenspiel nominiert?
3 Kommentare
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Spanien hat das dritte Spiel der Vorrunde auch mit einer B-Mannschaft vollzogen – so muss jetzt eine weitere Option her, da sie ja trotz Unterbrechung den Weltmeister rausgeworfen haben. Dieses Blindeingespieltsein kann manchmal zu Best Practice, Routine bis hin zum Alltagstrott führen. Das kann dann heissen, Marktentwicklung verschlafen zu haben, weil sich das Unternehmen oder das Leistungsteam auf das blinde, bis dahin erfolgreiche Eingespieltsein verlassen hatte. Spannend finde ich den Aspekt der Balance zwischen Gleichheit und Ungleichheit in den Beziehungen beim Thema Nachfolgeplanungen, Miteinander der Generationen in Unternehmen ….Diversity Management, dort wo Unterschiede Mehrwert schaffen (sollten)
Kommentar by Agnes Joester — 23. Juni, 2008 @ 10:29 Uhr
dann sind die “Deutschen” als Turniermannschaft ja Systemiker vor dem Herren und schaffen -ganz unbewusst- durch Spiele wie gegen Kroatien oder weiland die DDR, Sitationen an denen Kommunikation fokussiert und die Balance von Gleichkeit und Ungleichheit explizit verhandelt wird.
Erst dann kann ein Beckenbauer die Mannschaft für die Zwischenrunde aufstellen oder ein Ballack zwei Defensive für seine Absicherung “einbauen”…
Welche Funktion haben/ hatten dann noch Helmut Schön und Hansi Flick?
An der System/ Umwelt Grenze kommunizieren, d.h. der Presse erklären, warum jetzt die Taktik umgestellt wurde?
Was denkst du Fritz?
Kommentar by Olaf Hinz — 23. Juni, 2008 @ 14:53 Uhr
es heißt deshalb ja auch “Never change a winning team”: http://www.sportgate.de/fussball/em-2008/artikel/em-halbfinale-deutschland-tuerkei-never-change-a-winning-team-30607/
Kommentar by Nees, Eckhard — 24. Juni, 2008 @ 20:41 Uhr