Maturana
Fritz B. Simon
Er ist etwas älter geworden, seit dem ersten Mal, dass ich ihm begegnete (vor ca. 25 Jahren) – allerdings nur körperlich. Geistig ist er der frische und radikale Denker geblieben, der er schon damals war.
In seinem Workshop/Seminar (es war nicht ganz klar, was es ist) war es (vorhersehbar) nicht möglich, seine theoretischen Konzepte in all ihrer Differenziertheit und Feinheit darzustellen – dazu war die Zeit sicher zu kurz. Schon gar nicht war es wahrscheinlich für diejenigen, die noch nicht mit dem Autopoiese-Modell vertraut sind, möglich zu verstehen, was er sagt. Aber durch seine Präsenz lieferte er eine Idee davon, was seine Ansätze – sein Verständnis von Autonomie, von Beziehung, Konversation usw. – bedeuten (oder bedeuten könnten, wenn sie eine weitere Verbreitung finden würden).
Wer sich näher mit Maturana und seiner revolutionären Version der Systemtheorie – der Theorie lebender Systeme – auseinandersetzen will, sei auf seine Bücher verwiesen (nicht nur die bei Auer erschienenen).
Das Erleben seiner Person dürfte nicht wenige der Teilnehmer dazu motivieren, Maturana zu lesen. Und wenn sie das tun, dann werden sie zunächst Schwierigkeiten haben, seine Texte zu verstehen, weil er eingeführte Begrifflichkeiten etwas anders als gewohnt verwendet. Aber wenn sie das erst einmal realisiert haben, dann sind sie relativ schnell “hooked”. Soll heißen: Sie haben kaum eine Chance, der Verführung durch die ästhetische und logische Klarheit seines Modells zu entgehen.
5 Kommentare
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“…aber eines Tages fragte mich ein Freund, ob ich denn eigentlich wirklich verstanden werden müsse, ob dieses Verständnis der anderen denn eigentlich tatsächlich so nötig für mich sei. Eigentlich, so dachte ich mir, hat er Recht. Warum muss man überhaupt verstanden werden?…Widerlegt war ich ja deswegen noch nicht.” Humberto MATURANA
Widerlegt das jemand?
P.S.: Lesenswert auch, was er über “Widerstand” schreibt. (“…Widerstand….arbeitet …mit einer Schuldzuweisung und einem Vorwurf.” in “VOM SEIN ZUM TUN”)
Kommentar by Christian Michelsen — 12. November, 2011 @ 22:15 Uhr
Maturana zu lesen ist jedem Mediziner zu empfehlen ….
Kommentar by o.werner — 14. November, 2011 @ 13:19 Uhr
Maturana ist ein schönes Beispiel dafür, wie Poesie weiterführt, wo Wissenschaft (als systematisiertes Zweifeln) sich selbst im Wege steht.
Kommentar by Max Liebscht — 14. November, 2011 @ 16:14 Uhr
Ich habe eine Weile bei meinen Wochenendfahrten von Heidelberg in die damals “alte” Heimat im Zug den “Baum der Erkenntnis” gelesen und bin dann oft in einer eigenartigen Mischung aus erheblicher Irritation meines bisherigen Weltbildes, Erregtheit darüber, hier etwas ganz Bedeutsames gelesen zu haben und einer Euphorie darüber, für Phänomene, die ich bisher für mich nicht stimmig beschreiben konnte (die v.a. mit meiner Arbeit zu tun hatten,)einen geeigneten Theorierahmen gefunden zu haben, aus dem Zug ausgestiegen. Meine Frau war über meine Verfassung meist ein wenig verwundert…
Kommentar by Mathias Klinkerfuß — 15. November, 2011 @ 11:10 Uhr
Auch meine Sicht der biologische Phänomene hat sich mit der Maturana Lektüre sehr verändert; plötzlich erklärt sich manches was vorher schwer oder unverständlich erschien. Und es lohnt sich weiter zu lesen … z.B. das was Maturana über Sprache schreibt !
Und die nicht lesende Umwelt schüttelt verwundert den Kopf …
Kommentar by o.werner — 15. November, 2011 @ 16:25 Uhr