Simons Systemische Kehrwoche

Maurer zu Pflugscharen

Fritz B. Simon

Der Berliner Bildungssenator (wahrscheinlich ja nicht der offizielle Titel), Herr Zöllner, hat angesichts des Personalmangels in Kindertagesstätten vorgeschlagen, Handwerker sollten nach Absolvierung eines Crash-Kurses dort als Erzieher eingesetzt werden.

Es wundert mich ja ein wenig, dass er nicht gleich auf den großen Bestand der Hartz IV-Empfänger zugreift, denn die haben ja meist mehr Zeit als ihnen lieb ist, und die könnten sie doch nutzen, um mit Kindern zu spielen, die froh sind, wenn Erwachsene Zeit für sie haben… oder?

Was mich ja immer wieder wundert, in welchem Missverhältnis gesellschaftliche Anerkennung (=Bezahlung) und die Schwierigkeit einer Aufgabe stehen. So werden Kindergärtnerinnen lausig bezahlt, und deren Job ist intellektuell - vor allem aber emotional - wahrscheinlich anspruchsvoller als der eines Hedgefonds-Managers.

Dass es jetzt einen Personalmangel in den Kita’s gibt, könnte ja auch daran liegen, dass man von den dort gezahlten Gehältern kaum leben kann. Ähnliches gilt für Krankenschwestern, die nicht nur eine aufwendige ausgebildet werden, sondern auch noch Tag und Nacht arbeiten müssen. Physiotherapeuten haben eine, von ihnen meist selbst bezahlte, mehrjährige Ausbildung durchlaufen, die sich in vielen Aspekten durchaus mit der eines Arztes vergleichen lässt (nur dass dessen Studium vom Staat bezahlt wird), und sie werden mit Hungerlöhnen abgespeist.

Jetzt also Schwerter zu Kindergärtnern.

Humankapital ist ja ein Begriff, der sich in den letzten Jahren einer gewissen Beliebtheit erfreut. Wenn man solch eine kapitalistische Sicht auf zwischenmenschliche Beziehungen und diejenigen, die hier professionell arbeiten, richtet, dann stecken wir nicht nur in einer Krise des Finanzsystems, sondern wir erleben schon seit Jahren eine schleichende Entwertung des Humankapitals. Irgendjemand kann mir wahrscheinlich ja die ökonomische Logik des Ganzen erklären. Ich wäre jedenfalls dankbar…

25 Kommentare »

  1. Das größte verachtete, missachtete und unversicherte Humankapital, ist, zumindest bisher, die unbezahlte (Haus- Mann- und Kinder-) Arbeit der Frauen….

    Die ökonomische Logik - heute - liegt die nicht darin, das unbezahlte Arbeit billiger ist, als entsprechend bezahlte?

    Kommentar von Sylvia Taraba — 4. Januar, 2010 @ 13:17 Uhr

  2. Zeit ist Geld. Verhalten ist Geld. Aber wessen Zeit und Verhalten zählt als wieviel wert? Antwort: Die Zeit derer, deren Verhaltensbeiträge man am schlechtesten bzw. schwierigsten in Geldwert quantifizieren kann, gilt am wenigsten wertvoll. Inflation wird gefördert, dass deren Arbeit - anders als Bilanzieren - ab und an sogar soviel Spaß macht, das manche die Beiträge umsonst erbringen. So gibt es “Leihopis” und “Leiomis” vom Roten Kreuz vermittelt, es gibt tausende im Freiwilligen sozialen Jahr e.t.c. Ehrenamtliche Bilanzbuchhalter in den Banken und Versicherungen hingegen sieht man eher selten.

    Dass man auf Handwerker zugreift, soll wohl der Verweiblichung der Gesellschaft etwas gegensteuern und hat außerdem wohl den Hintergrund, dass diese Herrschaften trotz unbekümmerter Bildungsferne den Kurzen mehr von der Welt da draußen vermitteln können als viele der in weltfremden Ausbildunggängen nach idealistischen Konzepten berufssozialisierten ErzieherInnen. Ich will nicht der Kinderarbeit das Wort reden. Aber irgendwie ist es schon beeindruckend, dass 4- und 5- Jährige anderwo ihren Eltern helfen, den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen, während dem unsere Pippi Langstrümpfe ca Mitte zwanzig so weit sind, einen Sinn drin zu sehen, sich nützlich zu machen. Ausgerechnet in den lernfähigsten Zeiten wurden sie “geparkt” bzw. beschäftigt und setzen sie sich mit Märchenwelten auseinander, für die es draußen kaum Entsprechung gibt.

    Von der Ökonomie der Verwertung des Humankapitals her funktioniert das Ganze wahrscheinlich nach dem Prinzip der Zentrifuge.
    Zumindest wenn sich alles nur um das Eine dreht. (Ein anderes, mehrwertigeres Funktionsprinzip zur gesellschaftlichen Sozialdifferenzierung wäre wahrscheinlich komplizierter zu konstruieren.)
    Die massereicheren oder wenn man so will; belasteteren Teilchen trägt es am weitesten an den Rand des Ganzen.
    Von Zeit zu Zeit, wenn sich die verschiedenen Schichten gar zu scharf abzeichnen und Vertrottelung infolge Milieuinzest spürbar werden, wird das Ding mal angehalten und alles durchmischt sich Browns Gesetz zufolge wieder etwas.
    Oder es dreht sich zur Abwechslung mal ganz andersherum. Aber im Grunde wohl immer noch um dasselbe.
    Die Logik scheint zu sein, das man von Zeit zu Zeit einen Teil der Füllung auswechseln muss. Der Saft, die Kraft ist abgezogen.
    Die Weiterbehandlung erfolgt dann so ähnlich wie bei der Grappaherstellung, die Sie bestimmt kennen werden. Burnout oder Coolout.
    http://www.youtube.com/watch?v=XwZ_50fn1I8

    Kommentar von Max Liebscht — 4. Januar, 2010 @ 15:35 Uhr

  3. An Perversität nimmt es sich nichts mit dem nach Dubai versetzten (vollendeten) Turmbau zu Babel.

    Frohes neues Jahr! :)

    Kommentar von E.B. Far — 4. Januar, 2010 @ 16:33 Uhr

  4. Um die Liebe Eurer Eltern zu verstehen,
    müsst Ihr selber Kinder aufziehen…

    Chin. Sprichwort

    Kommentar von es — 4. Januar, 2010 @ 17:41 Uhr

  5. Bis zur Einführung der Manufaktur und der industriellen Revolution, gilt ja die Arbeit zwischen Männern und Frauen als gerecht aufgeteilt. Und vermutlich kann man davon ausgehen, dass Menschen ihre (schwere) Arbeit lieben, solange diese Arbeit einem überschaubaren,geordneten Leben und der Herstellung nützlicher Produkte für dieses Leben dient. Erst wenn Zeit Geld ist (und nicht Arbeit und Tausch von Arbeitsprodukten) herrscht eine Schieflage in der Bewertung der häuslichen Arbeit (die man plötzlich nicht mehr bewerten kann…) gegenüber dem Handwerk und der Fließbandarbeit, ganz zu schweigen gegenüber der Management-, Finanz-und Geistesarbeit….
    Ihren Erwägungen im ersten und zweiten Absatz kann ich gut folgen. Handwerker können gegenüber den oft idiotisch sozialisierten jungen Frauen durchaus die bessere Wahl sein Kinder zu betreuen, denen vielleicht tatsächlich etwas handfestes beibringen…. Den anderen Überlegungen kann ich nicht so recht folgen. Ich will Ihnen auch sagen warum. Es sind unüberprüfte Beobachtungen, Spekulationen, die zu nichts führen. Kontinuierlich überprüfen können Sie nur, was Sie selbst leben, d.h. unterscheiden. Es geht um die subjektiv gestellte Frage, wie ist unter den je gegebenen Bedingungen verantwortlich zu leben. Was mache ich mit meinen Kindern? Mehr können Sie nicht tun. „Die-Welt-retten“ ist keine Option, sondern eine Unterhaltung, eine müßige Konversation. Die Welt gestalten kann man immer nur vor Ort. (Ob man per Internet die Welt retten, beziehungsweise gestalten kann wird sich noch weisen. Ich bezweifle es.)

    Kommentar von Sylvia Taraba — 4. Januar, 2010 @ 18:19 Uhr

  6. Lieber Fritz,
    genau darüber habe ich auch mit meiner Frau gesprochen und mit die These aufgestellt, dass wenn man die Erzieher/innnen besser und Ihrer Leistung angemessener bezahlen würde es gar keinen Mangel geben würde. So wird mal wieder das Pferd von hinten aufgezogen. Leider findet keine Neubewertung von gesellschaftlich wichtigeren und unwichtigeren Jobs statt die unser gesamtes Bewertungs- und Bezahlungssystem sicherlich auf den Kopf stellen würden…….
    Ich habe es auch nie verstanden warum ich heute in freiberuflicher Tätigkeit für 2 Tage Arbeit das Geld bekomme, was ich vor langer Zeit als gewesener Sozialarbeiter in einem Krisendienst für einen ganzen Monat inclusive Sonntags- und Nachtarbeit bekommen habe. Der alte Job war anstrengender und auch teilweise anspruchsvoller als heute…..und meine Tätigkeit sicherlich sinnvoller….
    Vielleicht wird es ja nur ausgenutzt dass helfende Tätigkeiten immer noch nicht als Beruf, sondern als Berufung betrachtet werden bei denen das Gehalt eine Art Aufwandsentschädigung darstellt:)
    Die Idee von Herrn Zöllner ist mal wieder ein Beweis für diese Borniertheit. Kinder in einer Entwicklung zu begleiten kann also auch ein Klempner mit Nachschulung. Und so was ist Bildungssenator!!!!
    Herr Zöllner braucht auch dringend eine Nachschulung zum Bestatter (eines guten Bildungssystems..)Waschen, pudern, aufhübschen, balsamieren, anziehen und dann beeerdigen…

    Kommentar von W.L — 5. Januar, 2010 @ 12:26 Uhr

  7. Lieber Herr W.L. Zwar bin ich nicht angesprochen, aber Ihr Kommentar bestätigt meine Beiträge. Wenn nun u.a. Männer (Handwerker) zur Kinderbetreuung eingesetzt werden können sollten, bzw. zum Beispiel wieder viel mehr Männer als als Role-Modells, Lehrer und Erzieher tätig werden, würde das diese Berufe selbstredend aufwerten, was sich schließlich in den Gehältern zeigen würde.

    Sie schreiben: “Leider findet keine Neubewertung von gesellschaftlich wichtigeren und unwichtigeren Jobs statt die unser gesamtes Bewertungs- und Bezahlungssystem sicherlich auf den Kopf stellen würden…….”

    Da Sie diese gesellschaftlich wichtigen Tätigkeiten als “Jobs” bezeichnen, warum sollten nicht umgeschulte Handwerker diese übernehmen?

    Mit der eigenen Frau darüber zu sprechen und eine These aufzustellen, “dass Leistung angemessen bezahlt gehört”, und hier darüber zu berichten, genügt nicht ganz. Sie müssten sich schon vor Ort dafür selbst einsetzen…was doch vielleicht wieder eine sinnvolle Tätigkeit wäre..

    Spricht es nicht auch ein wenig für Ihre eigene Borniertheit, dass Sie es einem “Klempner” nicht zutrauen, ein Kind in seiner Entwicklung zu begleiten???

    Kommentar von Sylvia Taraba — 5. Januar, 2010 @ 19:02 Uhr

  8. Bei mir läuft gerade ein Handwerker mit zwei Lehrlingen im Haus herum. Wenn ich beobachte,wie dieser Meister mit seinen Azubis umgeht, schwant mir fuerchterliches fuer die Berliner Kindergaerten.

    Allerdings, wenn man fuer eine fachlich gut durchmischte Handwerkererzieher sorgt, kann man sich in den Kitas alle Elektriker und Installateure sparen. Dank der Fachleute im Hause: nie mehr verstopfte Klos!

    Denkt man noch weiter, dann kann man die Schule einsparen: vom Kindegarten direkt in die Lehre. Die lieben Kleinen haben sich dann schon genug beim Meister abgeguckt.

    Kommentar von duscholux — 5. Januar, 2010 @ 20:31 Uhr

  9. Sehr geehrte Frau Taraba,
    ich bitte Sie vielmals um Entschuldigung, dass mein Beitrag nicht den Kriterien für political correctness und für super intelektuelles Denken entspricht. Ich pflege ich mich in meiner Borniertheit manchmal einfach klar auszudrücken. Natürlich können Handwerker auch gerne Kinder bekommen und diese erziehen. Ich möchte es allerdings weniger, dass Handwerker meine Kinder im Kindergarten oder in der Schule erziehen….
    Oh, das war schon wieder nicht political correct (Tschuldigung)
    Liebste Grüße

    Kommentar von W.L. — 6. Januar, 2010 @ 10:12 Uhr

  10. Strukturkonformität und Erwartungserwartung.

    Kennen Sie Hamilton Naki?

    Er hat sein Dorf Ngcingane mit 14 verlassen.

    Er hatte keine Schulausbildung und nie studiert.

    Gelernt hat er Hilfsgärtner.

    Im weißen Südafria wurde er als Reinigungskraft im Groote Schuur Hospital bezeichnet.

    Am 3. 12. 1967 hat er mit dunklen Händen das Herz zur Transplantation von C. Bernard aus einer weißen Frau entfernt.

    Bis 1991 brachte er Herzchirurgen ihr Handwerk bei.

    Kommentar von es — 6. Januar, 2010 @ 12:41 Uhr

  11. Lieber Herr W.L. Mit der politischen Korrektheit habe ich es gar nicht so, ganz im Gegenteil. Ich drücke mich auch gern klar aus. Ich glaube nur nicht, dass man Handwerker pauschal den Umgang mit Kindern absprechen kann und sie zu diesem Zweck als “Klempner” bezeichnen muss.

    Privat entspricht das Bild nicht meiner persönlichen Erfahrung mit Handwerkern. In der Provinz sind das ganz normale Menschen, mit eigenen Kindern und Menschenverstand.

    Superintellektuell ausgebildeten Kindergärtnerinnen, sind nicht unbedingt der Erfahrung letzte Einsicht. Ich denke an eine gemischt geschlechtliche Ausbildung von Erziehern, die Kindern eine adäquate umfassende Lebenserfahrung eröffnen können und Erfahrungen, die sich nicht nur in einer Blümchen- Sing- und Spielumgebung machen lassen. Kinder werden erst seit etwa 150 Jahren zunehmend mehr zu kleinen Idioten (pardon) gemacht. Kinder wollen was tun, erfahren und was lernen, nicht ewig drauf warten bis sie endlich erwachsen sind.

    Also zwischen “Kinderarbeit” und totalem Laissez faire und Konsumverwöhnung müsste sich doch eine sinnvolle Tätigkeit für Kinder finden lassen - als Ersatz dafür, dass sie nicht mehr gebraucht werden in der Handwerksfamilie und auf dem Bauernhof.

    Ein wichtige Rolle spielt, dass beide Geschlechter in der Erziehung von Kindern tätig sind (dabei doch durchaus aus anderen Berufen kommen können), eine seriöse Ausbildung bekommen und dass jede soziale Leistung gesellschaftlich evaluiert, politisch anerkannt und daher entsprechend bezahlt wird.

    Nur dafür müssen sich Leute vor Ort, Menschen wie Sie, Eltern, Lehrer, stark machen, auf welche Weise auch immer. Jedenfalls nicht nur in einer folgenlosen Kommunikation unter “Gleichgesinnten” Herzlichste Grüße

    Kommentar von Sylvia Taraba — 6. Januar, 2010 @ 16:10 Uhr

  12. Da kann man nix gegen sagen. Die Taraba hat Recht. Dass nachwachsende Humankapital wird seit Jahrzehnten für eine Gaga- Welt herangezogen. Das sich alles ums goldene Kalb als höchsten Wert dreht, wird die eigentliche Erziehungsarbeit aber durch die Sozialisationsinstanz der Medien übernommen. Die klassischen Sozialisationsinstenzen Kita und Schule sind nur der Trostpreis und versagen kläglich gegen die übermächtige Konkurrenz.

    Allmählich schwant uns: Die Heranbildung der Kurzen entspricht nicht im entferntesten der Ernsthaftigkeit von Problemen, die hausgemachterweise allmählich spürbar auf uns zukommen.

    Die Ausbildungen für ErzieherInnen sind ein trauriger Lacher.
    Was wir inzwischen über Entwicklungspsychologie, systemische Bedingheiten, suggestopädisches Lernen e.t.c. wissen und auch ganz klar sagen können, kommt in den Ausbildungen für die Fachkräfte in Sachen Erziehung kaum vor. Ein Up Grade in Sachen psychologischer Grundlagen für Erziehungs- und Bildungsarbeit vor allem für die älteren Fachkräfte tut not. Es ist nicht so, dass die Fachkräfte mit ihren vor Jahrzehnten absolvierten Ausbildungen zu doof, böswillig oder zu abgewirtschaftet wären, um nicht dazulernen zu können und wollen, sie wissen es einfach nur nicht besser und setzen mangels sicher trainierter Alternative daher aus Vertrautes. Wenn ich mir einer Alternative nicht sicher bin, werde ich versucht sein, von mir und meinen, für mich passenden Gewissheiten auf andere zu schließen. Die ErzieherInnen sind meist hoch motiviert aber gleichzeitig auch verunsichert, weil das Ihnen vermittelte Menschenbild nicht erlaubt, all die Erziehungsmoden aus den Ratgebern zschlüssig zu integrieren. Was ist richtig? Was heute als richtig gilt, ist doch morgen sowieso wieder falsch. Wo sind die Normen dieser Gesellschaftsform, an denen wir auch übermorgen noch Freude haben können, weil sie uns nicht auf die Füße gefallen sind? Diese ernsthafte Ratlosigkeit erlebe ich jedenfalls hier in den Ostprovinzen gerade bei älteren sehr oft und ausgeprägt. Allein bspw. die Frage, unter welchen Kontextbedingungen ich welchen Führungsstil wie einzusetzen habe, ist für viele Erzieher ein Mysterium, gegenüber dem die oft zeitgeist- bzw. ideologiegeprägten Ratgeber und Seminarangebote keine psychoLOGISCHE Orientierung liefern. Psychologie = Pädagogik - Ideologie. Ideologie heute ist, dass sich alles dem höher, schneller, weiter nachzuordnen hat. Die smartesten Profitler sind die Guten. Man muss nicht besonders schlau sein, um zu wittern, dass die Monopolstellung des Wertes Profit auf Dauer keine gemeinschafttragende Orientierung darstellen kann, geschweige eine, die sich den oft noch stärker gemeinschaftsbedachten Kindern und Jugendlichen als etwas Erstrebenswertes vermitteln läßt. Wenn ich die Pädagogik aber an den Kurzschlüssen des Zeitgeistes ausrichte, brauch ich mich nicht wundern, wenn die Kurzen nur noch mit Spielkonsole klarkommen.

    Profit ist natürlich das wichtigste aber nicht nur Profit in quantifizierbaren Einheiten. Wenn mein 6-jähriger Sohn wie heut am Frühstückstisch Wim Mertens Kompositionen kritisiert, ist das auch irgendwie ein Profit, dass er diese ästhetische Kompetenz schon entwickelt hat. Irgendjemand muss sich da engagiert haben. Und wenn die Rotzlöffel im Kindergarten mehrsprachig zählen gelernt bekommen haben und unverschämterweise schon in mehr Sprachen zählen zu können als ihr ignoranter Vater, frag ich mich als solcher, wie die ErzieherInnen das für sich abrechnen, dass die sich solch einen Stress machen und die Kids nicht verwaltunstechnisch aufwandsärmer beschäftigen, bespaßen, ruhig stellen. Wozu machen die sich den Stress? Die Gesellschaft vergilt ihnen den Mehrwert, den sie da erzeugen helfen, irrsinnigerweise nicht. Wenn es aber irgendwo ein Verrechnungsproblem gibt … Auch in dem (Glücks-)Fall verdankt sich das erfreuliche Resultat der Intuition der konkreten Fachkräfte vor Ort denn der psychologischen Reflektiertheit ausbildungsmäßig erlernter Methodik.

    Die kunterbunten Ausbildungen für die “normalen” Erzieher erinnern eher an die Heile Welt der Reklame. Prompt beobachten wir: Sobald sich Kontakte mit den häßlichen Realitäten des real existierenden Kapitalismus ergeben, kippen die ErzieherInnen samt ihren gut gemeinten nur eben weltfremden Konzepten aus den Birkenstockschuhen. Spätestens, wenn aus Kindern junge Erwachsene werden, die uns den Spiegel vor die durch uns tradierten bigotten Verhältnisse halten, besinnen wir uns auf Restriktion und schicken die halbstarken Gewohnheitskriminellen nach Russland oder Rumänien. Wogegen wir dann eigentlich angehen, ist unsere eigene Inkonsistenz. Denn das ist, was jede heranwachsende Generation für die Gesellschaft leistet mit ihren Revolten, sie hält sie dazu an, prosoziale Wertorientierungen nicht nur zu verkünden und von anderen zu fordern sondern diese selbst einzulösen.

    Supervision und Weiterbildung wie hier vor Ort können die allgegenwärtigen Folgen der Ahnungslosigkeit von Erziehenden nur bedingt lindern. Didaktisch gut aufbereitete Lehrmaterialen wären aber immerhin schon mal ein Anfang. Trotzdem ich auch nicht glaube, dass das Internet automatisch die Welt verbessern hilft, seh ich hier nützliche Möglichkeiten, dass Erzieher sich schneller und selbstständiger hochwertige Wissensbestände erarbeiten.

    Gestern habe ich in einer Ausbildung ein Experiment gemacht, dass mich in diesem Optimismus bestätigt. Leute, die noch nie was von Salutogenese, Resilienz, tertiärem Krankheitsgewinn, Empowerment, Lösungsfokussierung gehört und z.T. Angst vor dem Computer haben, erarbeiten selbstständig die Grundzüge einer systemische Interaktionsdiagnostik. Geld, um mal ein paar verünftige Lehrbücher (von Schlippe und Schweitzer) anzuschaffen, ist ja nicht denkbar. Dank Internet recherchieren sie nun zu den einzelnen Störungsbildern aus kompetenzorientierter Sicht. Zwar sind die meisten Quellen Schrott aber Dank dessen die Ausgangsfragen konsequent systemisch ausgerichtet sind, können sie Dank ihrer alltäglichen Erfahrung als Kommunizierende brauchbar einordnen, was an Material angeboten wird. Einmal mehr, dass sich der hypnosystemische Ansatz bestens bewährt. Natürlich möchte ich auch sagen, dass diese Leute hervorragend motiviert sind. (Die Institutionen, in welchen sie nach ihrer Schnellausbildung arbeiten werden, trägt dieser hohen Motivation hoffentlich Rechnung.)

    Dementsprechend seh ich weniger in der Motiviertheit der Leute das Problem. Der Leidensdruck infolge alltäglicher Überforderung ist ohnehin schon groß genug. Die Reserven seh ich eher in einer verbessserten systematischen Aufbereitung und damit Anwendbarkeit psychologischen Wissens für Pädagogik, Gerontologie, Managementlehre e.t.c.

    Insgesamt muss mehr an Psychologie, an Psychologik in die Ausbildungen rein. Damit meine ich nicht quantitativ mehr. Die Stundenkontingente sind tatsächlich ausreichend. Ich meine mehr an integrierter Psychologie. Wer die Lehrbücher aufschlägt, dem bietet sich ein Anblick, wie wenn er in eine schlecht aufgeräumte Spielzeugkiste guckt. Ein kunterbuntes Durcheinander an Konzepten, welche gerade die älteren Fachkräfte ohne Hilfestellung unmöglich einordnen und damit auch nicht praktisch nutzen können. Die Ratlosigkeit äußert sich darin, dass wir von einer Verlegenheitslösung zu nächsten taumeln, von einer Erziehungsmode zur nächsten Ratgeberlaune anstatt die Konzepte kontextsensibel, eben systemisch (= rücksichtvoll) anzuwenden. Meine Erfahrung aus der Betreuung sog. “schwer erziehbarer” Jugendlicher war und ist, dass Handwerker trotz Bildungsferne aber Dank Lebensnähe für die Rabauken i.d.R. die besseren weil effektiveren Erzieher waren als die professionell verbildeten Spezialsäusler, die sich uneins sind, in welche Richtung sie die Kids überhaupt führen sollen.

    Gerade hypnosystemisches Know How zeichnet sich durch Anwendbarkeit und Nähe zur alltäglichen Erfahrung der Leute aus. Von daher stellt sich für mich die Frage nicht, ob dumpfbackige Handwerker oder im Weichspülverfahren ausgebildete ErzieherInnen die bessere Wahl sind. Alle müssen sie mehr bzw. anders dazu lernen, wie Menschen sich und andere weiter führen können. Die ErzieherInnen in ihren künstlichen Heididei - Welten müssen mehr raus ins Leben und die Handwerker lernen was an Diplomatie dazu. Meine Erfahrung ist, dass die umzuschulenden Prolls super bereit dazu sind.

    Eine riesen Chance stellt es dar, wenn das Hypnosystemische Know How systematisch aufbereitet in die Ausbildungen hineinkommt. Dass die Gesellschaftsform von ihren Makrostrukturen her insgesamt etwas verblödet und daher upzudaten ist, ist noch mal eine ganz andere Frage. Denn wohin wir die Heranwachsenden zu führen haben, um als Gemeinschaft überlebensfähig zu sein, müßte uns allmählich auch mal dämmern. Wie gesagt: Ethik ist keine Frage von richtig oder falsch sondern von zu früh oder zu spät.

    Kommentar von Max Liebscht — 7. Januar, 2010 @ 10:48 Uhr

  13. Ich vermute Sie haben sehr recht. Sie führen aus, was ich oben zum Ausdruck bringen wollte.. Ihr differenzierter Kommentar zeichnet sich durch Kenntnis und Ernsthaftigkeit aus. Oft braucht es eben tatsächlich mehr Platz, um einen Fragen-Komplex Sinn stiftend zu umreißen.

    Kommentar von Sylvia Taraba — 7. Januar, 2010 @ 19:48 Uhr

  14. Setzen 1!

    Kommentar von es — 7. Januar, 2010 @ 20:26 Uhr

  15. Frau Taraba ist eine verflixte Besserwisserin.
    Aber das bin ich selber.
    Ihre Leidenschaftlichkeit und Ihren Pragmatismus schätze ich.
    So es sich hier ergibt, dass einer dem anderen dezent ein Lichtlein anzünden kann, spricht das m.E. für die Qualität dessen, was hier möglich ist.
    “similia similibus curentur”

    Kommentar von Max Liebscht — 8. Januar, 2010 @ 10:24 Uhr

  16. Omnia vincit amor

    Kommentar von es — 8. Januar, 2010 @ 10:39 Uhr

  17. Ist sie nicht lieb, unsere kleine Runde?

    Kommentar von Fritz B. Simon — 8. Januar, 2010 @ 13:01 Uhr

  18. Wenn andere Emotion zeigen, kommen Sie aus der Deckung.

    Kommentar von Max Liebscht — 8. Januar, 2010 @ 17:46 Uhr

  19. Richtig…

    Kommentar von Fritz B. Simon — 8. Januar, 2010 @ 17:54 Uhr

  20. Ja, das denke ich mir alles auch oft.

    Kommentar von Sylvia Taraba — 8. Januar, 2010 @ 23:09 Uhr

  21. … wollte sagen, das Neue Jahr fängt richtig lieb und gut an….

    Kommentar von Sylvia Taraba — 8. Januar, 2010 @ 23:12 Uhr

  22. Fritz Simon gehört ja zu denen, die das in Deutschland populär gemacht haben mit der Einwegscheibe, dem reflecting team u.s.w.
    Vielleicht ist es für ihn einfach auch mal schön, als Indexpatient vor der Scheibe zu sitzen und sich gemütlich zu Gemüt zu führen, was die TherapeutInnen jenseits so zu reflektieren haben.

    Kommentar von Max Liebscht — 10. Januar, 2010 @ 00:21 Uhr

  23. Liebe Frau Taraba,
    meine Antwort kommt etwas spät…
    In der Tat finde ich es auch wichtig, dass mehr Männer in die Erziehungsarbeit gehen. Den Vorschlag jetzt Handwerker zu Erziehern zu machen finde ich allerdings blödsinnig, auch wenn das männliche Element schon als solches dem “Heididei-Erzieherinnenverständnis” per se gut tun würde. Ich habe schon den Anspruch, dass Erzieher in öffentlichen “Bildungsstätten” eine wissenschaftliche Ausbildung genießen sollten, um eine optimale Förderung zu ermöglichen. Das ist allerdings auch heute nicht bei Erziehern umgesetzt, weil die Ausbildung dem nicht entspricht.Da braucht man sich nur die lehrpläne einer Erzieherfachschule anschauen und die Gründe warum so viele Frauen in den Beruf gehen..wegen der lieben Kinder. Der Mangel an Männern in diesem Beruf hat mit der auch heute noch bestehenden Etikettierung als Frauenberuf zu tun.Ich erinnere mich noch an mein erstes Studium der Sozialarbeit in Berlin wo ich bei meinen Kommilitoninnen entweder ein guter Pädagoge (aber kein Mann) war, oder ein Mann aber damit unfähig für den Job…Außerdem bekamen die ersten Männer die an der Alice salomon Schule in Berlin studierten einen Abschluss als “Pflergerin..”

    Frauen wählen heute noch präferiert sogenannte Frauenberufe (Krankenschwester, Grundschullehrerin,Erzieherin, Arzthelferin, Friseuse etc.) Alles Jobs die finanziell schlecht entlohnt sind.Berufswahl als Berufung zum helfen…etc Selbst ein Müllwerker verdient mehr als eine Grundschullehrerin. Alle Bereiche in denen überwiegend Frauen arbeiten sind schlecht bezahlt und weisen ein geringes Maß an gewerkschaftlicher Organisation auf, die letztenendes in allen Männerdomänen zu einer besseren Bezahlung geführt hat.
    Unabhängig davon habe ich auch im Wirtschaftskontext erfahren, dass Frauen für den gleichen Job häufig schlechter bezahlt sind.Vor allen Dingen wenn sie ihr Gehalt selber verhandeln müssen. Da kommt dann doch diese Bescheidenheit durch und ein gewisser Mangel an Dreistigkeit und Durchsetzungswille.Schon allein deshalb wären mehr Männer in der Erziehung gut.Aber vielleicht gibt es da doch mehr genetisches Programm als mir selber lieb wäre.Vorgestern kam mein Sohn zu mir und forderte eine Gehaltserhöhung (Taschengeld) obwohl die letzte Runde dazu erst ein halbes Jahr her ist. Er hatte präzise Vorstellungen und war sehr beharrlich. Seine 4 Jahre ältere Schwester tut das nicht, obwohl mir nicht bewusst wäre, dass ich da anders erziehe…

    Mehr Geld und die Anerkennung als auch”männlicher” Job und ich denke das Problem ist gelöst. Dann braucht es auch keine nachgeschulten Handwerker

    Kommentar von W.L — 13. Januar, 2010 @ 11:59 Uhr

  24. Lieber Herr W. L.

    ja ich bin ganz d’accord mit dem, was Sie hier so differenziert sagen, gebe Ihnen da uneingeschränkt recht, um so mehr da es in dieser seriösen Form auch meinungsbildend wirkt und praktisch zu etwas bewegen kann.
    Die betreffenden Stellen in meinem Kommentar waren durchaus demagogisch gemeint. Ich finde nicht, dass man allgemein Handwerker zu Kindergärtnern umschulen sollte. (Aber warum nicht solche, die das wollen?)

    Dennoch ist der Vorschlag aus der Politik ja auch ein Zeichen dafür, dass sich ganz allgemein notwendige Verschiebungen im Berufsverständnis ankündigen, die man nicht pauschal von der Hand weisen kann. Abgesehen einmal von den allgemein niedrigen Bezügen im sozialen und “unteren” Bildungsbereich, und ganz abgesehen von der skurilen Ausbildung der Kindergärtnerinnen und den notwendigen Veränderungen darin.

    Insofern stimme ich einer wissenschaftlichen Ausbildung zu. Darüber hinaus sollten Kinder aber mit Erwachsenen in praktischen Berufen zu tun haben und eben nicht nur mit Heididei-Kindergartentanten oder eben dann den zeitgeistigen Berufs-Pädagogen.

    Kinder interessieren sich für die praktische Realität der Erwachsenen. Solange man sie nicht mit Sciencefiction-Figuren und Barbie-Puppen ruhigstellt, wollen sie von sich aus Tätigkeiten, Funktionen, Fertigkeiten (kennen)lernen, mitmachen, mithelfen, es nachspielen. Dafür muss sich “jemand” Zeit nehmen…Wer? Wo Kinder in “natürlichen” oder fordernden und fördernden Umgebungen aufwachsen,werden daraus bodenständige Erwachsene mit einer realistischen, ökologischen Orientierung. Wo nicht, wird die Orientierung der grenzenlose Konsum sein und wie man ohne all zu große “Umwege” dazu kommt.

    Kommentar von Sylvia Taraba — 14. Januar, 2010 @ 11:31 Uhr

  25. Mit Blick auf die Gesellschaft insgesamt ist dieses wirklichkeitsferne Heididei der beruflichen ErzieherInnensozialisation doch aber konsequent oder?
    Mit Konzepten von übergestern für eine Zukunft ausbilden von der man eigentlich nichts weiter wissen will als was in der Werbebeilage steht. Auch hier fehlt es eindeutig an F.A.R.B.E. und an Heimatbezogenheit.

    Kommentar von Max Liebscht — 18. Januar, 2010 @ 10:12 Uhr

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