Simons Systemische Kehrwoche

Mausestimme

Fritz B. Simon

Manches, was in den USA unerträglich ist, ist in Kanada nicht besser. Dazu gehört das Phänomen erwachsener Frauen mit Mickymausstimmen. Das ist eine sehr hohe, piepsige Stimmlage, die man bei Kindern unter 7 Jahren eventuell noch als angemessen erleben würde, nicht aber bei Erwachsenen. Kein erwachsener Mensch hat von Natur aus solch eine Stimme. Man muss sicher jahrelang üben.

Die wirklich sehr nette und freundliche Kellnerin bei „Rudders“ (dem einzigen Lokal in der Gegend, in dem man einigermaßen gut essen kann), die uns heute bediente, hatte solch eine Stimme. Sie war ca. 25 Jahre alt und sie hätte durchaus attraktiv wirken können, wenn sie nicht so gesprochen hätte. Natürlich ist das ganze noch schlimmer, wenn die betreffende Dame das durchschnittliche Übergewicht von 30 bis 40 Kilo hat, das in nordamerikanischen „Malls“ (Einkaufszentren) üblicherweise getragen wird (und rosa gefärbte Haare).

Trotzdem ein Jammer. Als jemand, der sich für Interaktion und Kommunikation interessiert, frage ich mich natürlich, welches Beziehungsangebot mit solch einer Mausestimme verbunden ist, welche „Einladung zum Tanz“.

Da ich in meiner Jugend durch die Lektüre von Micky Maus Heften geprägt wurde, habe ich eigentlich ein ganz anderes Mausfrauenbild. Minny war eine emanzipierte und selbstbewusste Frau, die solch eine Stimmlage sicher nur dann hatte, wenn sie – was sie ja manchmal tat – die Augen verlegen nach oben verdrehte, rot wurde, und in den Wortblasen Herzchen zu lesen waren. In den Comics war alles ohne Ton. Der kam erst mit dem Film. Und damit auch die Mausestimme. Aber Micky war auch eine Maus, so dass die Symmetrie der Stimmen sicher gestellt war.

Was bedeutet es, wenn nur einer solch eine Stimme präsentiert, wohl wissend, dass sein Gegenüber seine „erwachsene“ menschliche Stimme nutzt?

Meine Frau, mit der ich diese Frage ausführlich diskutierte, meinte, diese Stimme sei das Äquivalent zu den eingeschnürten Füßen der Frauen im alten China…

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12 Kommentare

  1. Lieber Herr Simon,
    ein interessantes Phänomen, wie ich finde. Aber ich denke, dass das keine „Mickymausstimmen“ sind, sondern, dass diese Frauen einfach die Gewohnheit entwickelt haben, im Diskant zu sprechen. Allerdings muss ich einräumen, dies nicht aus eigener Anschauung in Kanada oder den USA zu kennen. Ich erinnere mich aber gut, dass ich das in meiner Kindheit oft gehört habe (auf dem Dorf aufgewachsen), besonders beim Empfang schlimmer Nachrichten, und die gab es zum Beispiel in Kriegszeiten oft genug: „He aber au!!“ In höchster Erregung, sehr durchdringend, zum Beispiel von einer Tante, die ansonsten eine solide Alt-Singstimme hatte und im Alltag ganz normal redete. Die besonders helle Stimme wird natürlich auch sehr gut gehört. Man kann sich ohne besondere Mühe im dichten Getümmel verständlich machen. Im Gasthof zwischen brummelnden Männerstimmen ist das eine rationelle Art, mit der Stimme durchzudringen: „Wo ist das Schnitzel?“ Aber auch draußen im Feld über weite Strecken, wo mir das früh besonders aufgefallen und in Erinnerung geblieben ist. Außerdem haben manche Frauen wirklich extrem hohe Sprechstimmen, auch wenn das relativ selten ist, ist es doch ganz natürlich. Die würden sich was antun, wenn sie unbedingt klingen müssten, als hätten sie eine Kur mit anabolen Steroiden hinter sich, um als „erwachsen“ zu gelten. Sprechen diese kanadischen Frauen wirklich immer so oder nur in manchen Situationen?

    Aber sagen Sie mal: Wer hat denn hier das Problem, die Beobachtete oder der Beobachter? Kann das nicht auch eine Herausforderung für den Systemiker sein?

    Herzliche Grüße nach Kanada,

    Horst Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 18. August, 2006 @ 16:57 Uhr

  2. Lieber Herr Kasper,

    Problem hat damit wahrscheinlich gar keiner der Beteiligten, weder die Beobachteten noch der Beobachter. Ich habe es mir aber angewöhnt, auf kulturell Auffälliges zu achten und mir Gedanken zu machen, wie es zu erklären ist. Das sagt alles natürlich über mich mehr aus als über das, was ich da beobachte, aber das macht ja nichts…

    Die Diskant-Theorie finde ich interessant. Auf jeden Fall eröffnet sich hier mal wieder die Möglichkeit, ein Forschungsprojekt zu einer Fragestellung zu starten, deren Ergebnisse nicht sofort verwertbar und in marktfähige Produkte umzusetzen sind.

    Noch etwas: In Deutschland, Österreich oder der Schweiz ist mir solch eine Stimmlage noch nicht aufgefallen, was natürlich als Beweis der Überlegenheit des Alten Europas zu werten ist!

    Beste Grüsse, FBS

    Kommentar by Fritz B. Simon — 18. August, 2006 @ 20:42 Uhr

  3. Lieber Herr Simon,
    vielleicht kann diese künstlich-kindliche Sprechstimme auch ein Schutz sein. Wie Ihnen soll es vielleicht „den Männern“ schlechthin gehen. Schließlich ist die Stimme auch Trägerin sexueller Anziehung oder Nichtanziehung. In der kanadischen und amerikanischen Pampa gibt es seit Jahrhunderten Milieus mit einem hohen Männerüberschuss. Ich denke an die Cowboys in USA und die Holzfäller in kanadischen Wäldern. Da ist es für viele Frauen vielleicht besser, sich möglicher Zudringlichkeiten durch Unattraktivität zu entziehen: Fistelstimme als Schutzmechanismus. Also noch eine Theorie, weshalb es vielleicht gerade in Nordamerika zur Entwicklung solcher Sprechgewohnheiten bei Frauen gekommen ist. Was meinen Sie dazu?

    Beste Grüße, Horst Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 19. August, 2006 @ 12:48 Uhr

  4. Lieber Herr Kasper,

    am ehesten wird wohl ein Schuh draus, wenn man Ihre beiden Theorien kombiniert: Der Diskant dient dazu, die Motorsägen zu übertönen, um die nötige Aufmerksamkeit zu erzielen, und wenn man sie dann hat, um diese starken Überschuss-Männer wieder zu verscheuchen…

    Ich würde nie eine Theorie akzeptieren, die von der Ambivalenzfreiheit irgendeines Menschen ausgeht

    Beste Grüsse, FBS

    Kommentar by Fritz B. Simon — 19. August, 2006 @ 17:08 Uhr

  5. Wunderbar! Einverstanden.

    Gruß H.Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 19. August, 2006 @ 17:47 Uhr

  6. Lieber Herr Simon,
    Was sagt denn eigentlich der vielleicht auch psychopathologisch orientierte Psychoanalytiker in Ihnen zu diesem von Ihnen beschriebenen Typus hochadipöser, grellrosa gefärbter Micky-Mouse-Stimmen-Damen? Bin neugierig…
    Herzliche Grüße
    Matthias Ochs

    Kommentar by Matthias Ochs — 19. August, 2006 @ 17:50 Uhr

  7. Ich glaub, der Hinweis mit der Ambivalenz, der bringt es.
    Erst recht im Zusammenhang mit der medienvermittelten Standardisierung der sexuellen Zielgebiete diverser Fernfahrer und Holzfällertypen; Kindchenschema und so weiter.

    Ich kenne das Gepiepe von Frauen, die sich als eigentlich erwachsenen Frau nicht leben, weil es sonst Knatsch im intern programmierten familieneigenen Gespensterkabinett gibt.
    Genau diese Damen konnten diese Stimme aber im Bedarfsfall zu schneidender Durchdringlichkeit modulieren.
    Daß aus solchem Forschungsprojekt nicht flugs was generierbar ist, was einem in standardisierter Form den Appetit verkümmelt, kann nicht als sicher gelten.

    Dank Gunther Schmidt und Wolfgang Lenk ist ja Dr. Fred Gallo sehr angesagt bei uns. Einer seiner Lehrer; Roger Callahan hat sich eine Voice – Technologie – Methode patentieren lassen. Die Leute rufen an. Stimmsiganle von nur wenigen Sekunden würden ausreichen, sie produktiv dahingehend zu diagnostizieren, auf welchen Phänomenebenen ein energetisch Ungleichgewicht besteht, welches durch Akupressur (in Verbindung mit möglichst spezifischer, nlp – mäßiger Vergegenwärtigung symptomauslösender Submodalitäten der mentalen Problemrepräsentation) zu balancieren bzw. aufzulösen ist. Stimmlicher Ausdruck ist ja in der Tat vielsagend. man müßte einfach mal ein Wörtchen mit den Leuten reden, um zu checken, was die checken.

    Wenn die fies / nach Kindfrauschema piepsenden Mollis da also mal durchrufen würden, müßte man anschließend nur den stabilisierenden Kontext; die Kulturstandards bzgl. Futteraufnahme auf französisch hin standardisieren, um als Nichtholzfäller Euroka getrost vergessen zu können.

    Kommentar by Max Liebscht — 19. August, 2006 @ 18:02 Uhr

  8. Als Psychoanalytiker würde ich wohl sagen: Identifikation mit einem rosa Lolli. Aber solche psychoanalytischen Deutungen haben ja immer was Sexistisches…

    Kommentar by Fritz B. Simon — 19. August, 2006 @ 22:35 Uhr

  9. Was denken wohl die Leserinnen über dieses Thema und diese Diskussion?

    Gruß, Horst Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 20. August, 2006 @ 09:38 Uhr

  10. Nicht nur Süßes vermutich.

    Kommentar by Max Liebscht — 21. August, 2006 @ 11:14 Uhr

  11. Lieber Herr Simon,
    kaum zu glauben, aber gestern bin ich diesem Stimmphänomen doch tatsächlich in der Kundenhalle der heimischen Sparkasse begegnet. Plötzlich hörte ich eine fröhliche, unnatürlich hohe, durchdringende und doch nicht sehr laute Stimme. Hoher Kopfton ohne jede Tiefe. Eine Mitarbeiterin der Bank erklärte einer Kundin die Bedienung eines Ein- und Auszahlungsautomaten. Ich drehte mich um und sah eine große, sehr kräftige, dennoch kaum übergewichtige Frau, zu der diese fiepige Stimme etwa passte wie die Stimme einer Maus zu einem Labradorhund. Die schon etwas ältere Kundin sprach sehr leise, schämte sich wohl ihrer Unsicherheit in der Bedienung des Geldautomaten. Darüber tönte beinahe so, als sollten es alle rund zwanzig Leute im Raum hören, die Erklärung. Eine merkwürdige Kommunikation, dachte ich und: Canada ist überall. Aber wie ist das Phänomen zu erklären? Ob die junge Frau immer so spricht oder nur, wenn sie Kunden belehren kann?

    Herzlichen Gruß
    Horst Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 2. September, 2006 @ 07:24 Uhr

  12. Lieber Herr Kasper,

    wenn jemand immer so spricht, dann scheint mir die Idee der eingeschnürten chinesischen Füße am treffendsten, d.h. durch eine dauerhafte Beziehungsform und Rollenverteilung zu erklären sein. Wenn das aber nur situativ geschieht, so dürfte es etwas mit der aktuelle Beziehung und Rolle der Betreffenden Person zu tun haben. Es ist eine eine künstliche Stimmlage, höchst affektiert und demonstrativ. Und hier geht es ja um das Demonstieren (des Kassenautomaten). Also ein akustisches Zeigeverhalten, ein gesprochenes Ausrufezeichen, vielleicht auch noch mit der impliziten Frage: Wie lange willst Du mich noch nerven?

    Beste Grüsse, FBS

    Kommentar by Fritz B. Simon — 3. September, 2006 @ 09:26 Uhr

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