Mein peinlichstes Erlebnis
Fritz B. Simon
Wenn ich von peinlichen Erlebnissen spreche, dann meine ich damit nicht das Verhalten anderer Leute, die sich nach meiner Einschätzung evtl. peinlich verhalten. Und ich meine auch nicht die Ereignisse und diejenigen meiner Verhaltensweisen, von denen andere denken, sie müssten oder sollten mir peinlich sein. Und es sind – zumindest in meinem Fall – auch nicht die Angelegenheiten, die ich mit meinem Psychoanalytiker besprechen müsste (wenn ich einen hätte). Sie sind irgendwie anders – deshalb meine Beschäftigung mit dem Thema.
Um hier den ersten Schritt zum Start einer fundierten Peinlichkeitsforschung zu legen, mein eigenes peinlichstes Erlebnis:
Es ist bestimmt schon über 20 Jahre her. Ein Bauunternehmer, sehr avantgardistisch für die damalige Zeit, hatte mich eingeladen, in einer kleineren Stadt mit ihm zusammen ein Seminar für andere Unternehmer am Ort zum Thema “Systemisches Denken” zu veranstalten.
Am Abend vorher trafen wir uns zu einer Vorbesprechung. Ich hatte damals (leider) die Angewohnheit, irgendwelche Sprüche, die in aller Munde waren, mit kleinen Verfremdungen zu nutzen (warum auch immer…- wahrscheinlich fand ich das originell).
Nun, nachdem wir alle Inhalte so recht und schlecht abgesprochen hatten, war es an der Zeit uns gegenseitig zu versichern, dass wir dieses außergewöhnliche Projekt schon gemeinsam erfolgreich meistern würden. Was er dazu sagte, weiss ich nicht mehr. Ich – noch ganz im Geiste der 68er – gab auf jeden Fall den ungemein witzigen Spruch von mir: “Gemeinsam schaffen wird das schon: Drei Finger sind eine Faust!”
Und in diesem Moment schaute ich auf seine rechte Hand: Sie hatte nur drei Finger…
6 Kommentare
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Peinlichkeitsforschung … welch interessante Idee.
Ich bin dabei. Um die Farge der “Vertraulichkeit” aufzunehmen: Man könnte eine private Gruppe anlegen, z.B. in Yahoo Groups. Jeder, der mitmachen will, bekommt ein Passwort, dort hat man dann seinen “Hochsicherheitstrakt”
Bei interesse würde ich so eine Gruppe anlegen und (administrativ) betreuen. Bis diese (oder eine andere) Maßnahme entschieden sind, werde ich Ihnen meine peinlichen Erfahrungen mailen.
Einen lieben Gruß
Holger.
Kommentar by Holger Huckfeldt — 17. Juni, 2008 @ 10:35 Uhr
Solch eine Yahoo-Group finde ich eine gute Idee. Wenn Sie das machen, Herr Huckfeldt, wäre das grossartig.
Bis dahin biete ich mich als Sammler an: Wer mir genügend Vertrauen entgegen bringt, kann seinen Bericht direkt an mich mailen: fbsimon@t-online.de
Ich werde die Beiträge aufheben und gegebenenfalls den anderen Beteiligten – wenn darüber Einigkeit bestehen sollte – zur Verfügung stellen.
Kommentar by Fritz B. Simon — 17. Juni, 2008 @ 10:56 Uhr
Ich habe gerade eine Yahoo-Group angelegt. Wer mitmachen will, kann mir eine Mail schicken oder hier ein Kommentar hinterlassen. Um die “Einstiegshürde” möglichst gering zu halten: Ich kümmere mich dann um alles (technisch/organisatorische) und werde eine Mail mit Login-Infos zurückschicken.
h.huckfeldt@gmx.net
Diese Gruppe ist nur für Mitglieder lesbar, der Rahmen ist also fertraulich. (Soweit das bei einem “dritten” Anbieter wie Yahoo möglich ist)
Einen lieben Gruß
Holger Huckfeldt
Kommentar by Holger Huckfeldt — 17. Juni, 2008 @ 11:20 Uhr
Wirklich genial Herr Huckfeld! Ich gratuliere Ihnen zu Ihrer konstruktiven Spontanität! Ich habe Ihre Adresse kopiert und denke schon, dass mir bei Zeitüberfluss, Anregung und Gelegenheit das eine oder andere zu ” wirklich peinlich” oder zu wirklicher “Pein” zu schreiben einfällt – vor allem jenseits von Ironie und jenseits von Psychoanalyse. Warum? Weil es glaub ich dabei nicht um Anekdoten, Ironisierung und Distanzierung gehen kann, noch um Analyse dessen, was die Pein erzeugt. Mir scheint es dabei um das Aushalten von etwas und sein Anschauen zu gehen. Aber man wird ja sehen auf welche Sorten von Pein(lichkeiten) wir uns hier eventuell einlassen können oder nicht einlassen werden….
Kommentar by Sylvia Taraba — 17. Juni, 2008 @ 12:15 Uhr
Meine Peinlichkeiten sind wie eine Einbahnstraße, in die ich mich mit einer beneidenswerten Leichtigkeit (wenn es mit anderen Dingen auch so nonchalant gehen würde!), und leider immer selbstverschuldet hineinmanövriere und aus der es kein Entkommen gibt, es sein denn die Erde tut sich auf und ich versinke, was bedauerlicherweise nie vorkommt.
Was aus meiner Sicht eine waschechte Peinlichkeit ausmacht, ist der Bezug zu Tabus (oft biologischer Natur wie Rassenunterschiede, Behinderungen, z.B. drei Finger, kleiner Wuchs; ausbleibender Haarwuchs; aber auch Tod und Trauer) und politisch inkorrekten Inhalten, die im Vor- oder Unbewussten weilen. Deswegen halte ich es übrigens für unwahrscheinlich, dass irgendeiner von den hier Beiträge-Spendenden Jahre später zum Thema „Mein peinlichstes Erlebnis“ das Beispiel bringen wird, “Peinlich. Ich habe mich bei der Simons Systemischen Kehrwoche geoutet”.
Geschichten, die das Leben schrieb: Das ganze ereignete sich vor ca. 10 Jahren, als das wunderbare Kommunikationsmittel Email noch keinen Einzug in unser Leben genommen hatte und Mitteilungen vorwiegend postalisch zu den Adressaten fanden. Heutzutage kann man mit einer Sammelmail sehr, sehr viele Menschen erreichen, damals musste man allerdings jeden Brief einzeln eintüten und verschicken. V.a. in Institutionen mit Tausenden von Mitgliedern war dieser Vorgang keine erquickliche Angelegenheit. An der Uni Hamburg, wo ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet habe, holten wir uns für solche Aktionen extra Arbeitshilfen vom Studentenwerk. Während einer solchen Aktion betrat ich einen Raum an der Universität Hamburg, indem 5 Leute einen gigantischen Berg von Briefen abfertigten. Ich hatte Mitleid mit ihnen, dachte an die stupide Monotonie, an die rauen Fingerkuppen und Papierschnitte, die man sich bei dieser Tätigkeit holte, und sagte: „Oh, ihr Armen. Wer hat euch zu dieser Schwarzarbeit verdammt?!“ Betretenes Schweigen. Alle 5 waren schwarzhäutig.
Kommentar by Janeta K. — 17. Juni, 2008 @ 14:08 Uhr
Peinlichkeit.
Königsweg zur Erkenntis.
Edle Krone auch in meinem exhibitionistischem Schaffen.
Trotzdem bei der Peinlichkeit im üblichen Sinne immer zwei Seiten dazu gehören, fallen mir zwar reichlich Episoden ein, die anderen Menschen vermutlich unsterblich peinlich wären, für mich selbst aber eher etwas Grandioses haben.
Ich empfinde dergleichen Momente, da die Luft geliert und wie nach einem Rucken plötzlich alles doch irgendwie weiter kreiselt und taumelt … für mich sind das eher so Momente der Erleuchtung.
Wollte man mal einen Satory- Contest veranstalten auf dem die Fetische und Vehikel hinsichtlich ihres erkenntnisprovozierenden Potentials verglichen werden, so dürften Peinlichkeiten als Vehikel zur Erleuchtung ganz oben rangieren.
Das Kokettieren mit Peinlichkeit hier, derart, daß quasi noch mit dem Oberleittier im Gebüsch irgendwelcher Sondermaildeponien Doktorspiele inszeniert werden, das find ich nun wieder eher bissel peinlich im ordinären Sinn.
Für die echten Genießer aber, für jene, welche die equisite Qualität dieser kostbaren Momente zu schätzen wissen, für die möchte ich hiermit einen Leckerbissen empfehlen. “Der Feuerwehrball” von Milos Forman. Gedreht bevor er die Czechoslowakei gen USA verließ. “Schneeweißchen und Rosenrot” ebenfalls eine frühe tschechische Groteske ist auch böse in dem Sinne. Aber es gab noch einen anderen Regisseur, der die Reinheit dieser Momente deutlich herausgearbeitet hat. Ein Ungar. 60 – er Jahre. Gesellschaftskritisch auf die hinterfotzige Art und von geradezu sadistischer Komik. Vermutlich im Berliner Arsenal gesehen. Jankso oder so ähnlich. Es war ein Höhepunkt im Schaffen peinlicher Momente, das Empfinden ist mir noch gegenwärtig. Der genaue Name des Regisseurs leider nicht. Der enorme Film des später wahnsinnig erfolgreichen Formann immerhin ist über DVD beziehbar und lohnt sich in jedem Fall!
Merkwürdig auch, daß wenn man Peinlichkeit als Geschenk und Anlaß intensivsten Lernens schätzt, der Begriff in seiner Besonderheit eigentlich an Existenzberechtigung verliert. Für die Fusselbärte jedenfalls, die das mit der Erleuchtung halbwegs hinter sich haben, ist vermutlich das Leben – nein, nicht nur – aber eben doch auch, eine ziemliche Peinlichkeit, eine im tragischen Sinn.
Wie es eigentlich bei den erleuchteten Frauen sein mag?
Kommentar by Max Liebscht — 26. Juni, 2008 @ 19:06 Uhr