Möglichkeitssinn
Fritz B. Simon
Wenn ich nun schon mal bei Musil und dem “Mann ohne Eigenschaften” gelandet bin – es finden sich einfach tolle Formulierungen und Ideen in diesem eigentlich ja unlesbaren Schmöker. Zum Beispiel:
“Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muß man die Tatsache achten, daß sie einen festen Rahmen haben: dieser Grundsatz, nach dem der alte Professor immer gelebt hatte, ist einfach eine Forderung des Wirklichkeitssinns. Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man den Möglichkeitssinn nennen kann.
Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht weniger zu nehmen als das, was nicht ist. Man sieht, daß die Folgen solcher schöpferischen Anlage bemerkenswert sein können, und bedauerlicherweise lassen sie nicht selten das, was die Menschen bewundern, falsch erscheinen und das, was sie verbieten, als erlaubt oder wohl auch beides als gleichgültig. Solche Möglichkeitsmenschen leben, wie man sagt, in einem feineren Gespinst, in einem Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven; Kindern, die diesen Hang haben, treibt man ihn nachdrücklich aus und nennt solche Menschen vor ihnen Phantasten, Träumer, Schwächlinge und Besserwisser oder Krittler.” (S. 16)
10 Kommentare
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Eigentlich unlesbar? Von der für “Systemtechniker” so wichtigen Konjunktivitis mal abgesehen, handelt es sich ausgerechnet bei Musil wohl eher um einen der lesenswertesten Schreibtäter überhaupt!
Kommentar by Max Liebscht — 7. August, 2008 @ 18:47 Uhr
Bereits nach dem dritten Versuch gelang es mir hinter dem Sinn des Textes zu kommen. Natürlich nur höchstkonzentriert. Ich frage mich, ob man die Menschen mit solchen Texten beeindrucken oder quälen will.
Redaktionell könnte man an solchen Texten mit
Aufzählungen, Bildern und Einrückungen viel tun es auch Menschen zu vermitteln, die keine masochistische Ader haben.
Kommentar by Nees, Eckhard — 7. August, 2008 @ 19:10 Uhr
Beeindrucken und uns illuminieren ob des Zeitgeistlichen. Statt masochistischer Ader brauchen sie, die Menschen, dafür Freude an unserer reichen Sprache und ihren Möglichkeiten reflexiv verdichtender Bewußtmachung. Gleichwohl “Der Mann ohne Eigenschaften” in seiner Zeit gesehen werden möchte und nicht eben mal schnell rezipiert, stellt er – so im Zusammenhang gelesen – sicher einen literaturgeschichtlichen Höhepunkt dar – und nicht zuletzt ein hypnotisches Kunstwerk. Plädiere dafür, Herrn Nees für seinen Beitrag ein Freiexemplar zur Verfügung zu stellen!
Kommentar by Max Liebscht — 7. August, 2008 @ 22:09 Uhr
Endlich mal jemand, der ganz genau weiß, was die Menschen brauchen…
“reflexiv verdichtende Bewußtmachung”, hallo? Ist das eine ansteckende Krankheit? Oder ein außerirdisches Wesen, das sich im Gebüsch versteckt? Ich wünschte die Beiträge des Herrn Liebscht würden auch stellenweise etwas Bearbeitung erfahren. Habe Mitleid mit den Wörtern, die er so gewalttätig aneinander gedrängt auf die Seite knallt. Vermutlich zuviel hypnotische Kunstwerke verschlungen und nicht vertragen, so dass die Verdauung den Rückwärtsgang einlegen musste. Freude an unserer reichen Sprache habe ich übrigens auch, wenn ich eben mal schnell lese, anstatt zu “rezipieren”.
Kommentar by Kathrin Seo — 8. August, 2008 @ 11:08 Uhr
Netter Text, wenn man gewohnt ist die Welt in einem “systemischen Licht” zu sehen.
Er beschreibt ja ganz get, wie Realität entsteht. Nur die “harte” Polarisierung zwischen Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn scheint etwas naiv. Wenn er jetzt noch “Kommunikation” anstatt des “Konjunktivs” (sein könnte, zu denken) eingebaut hätte, ach wie wäre das schön gewesen…
Doch genug damit! Ich muss noch ein bisschen Realität erfinden…
Kommentar by Holger Huckfeldt — 8. August, 2008 @ 11:42 Uhr
Zu empfehlen: Bei Zweitausendeins gibt es den “Mann ohne Eigenschaften” als Hörbuch, gelesen, ca. 100 Stunden.
Kommentar by Fritz B. Simon — 9. August, 2008 @ 14:33 Uhr
Selber hallo. Was andere zu wissen meinen, entscheiden die wohl vorzüglich selbst. Ebenso wie es wohl Ihre Schuld” ist und bleibt, was Sie sich empfehlen lassen und was nicht.
Verdichtung von Reflexionen führt zu Sprüngen in der Qualität mentaler Repräsentation. Idee, welche zur Sprache gebracht zu werden verdient. Bewußtsein, Gewahrsamkeit, Ratio und derlei neckische Dingens verdanken sich dem Phänomen solcher Steigerung. Ansteckung mit Bewußtsein diesbezüglich kann man u.a. durch Inanspruchnahme verbaler Sprache versuchen, welche solcherart Verdichtungen zur Voraussetzung hat, diese gleichwohl auch weiter mit verstärkt und Bewußtsein provoziert. Klappt indes nicht immer insofern ein jeder hübsch in seiner kleinen Welt.
Viel Spaß so denn beim schnell lesen. Rezipieren. Hören. Sich provozieren lassen, Zensurwünsche zu verfassen. Will sehen, was Sie hier an kunstvollendeter literarischer Selbstübersteigerung vollbringen werden! Der Einstieg is ja nun immerhin geschafft.
Daß Musil es noch nicht so mit Kommunikation sondern bestenfalls mit einer naiv anmutenden Idee von mehr oder weniger geglückter Verständigung hatte, läßt mir seine Texte eher interessanter erscheinen. Die Ideen von Kommunikation eher als Trivialisierung und nicht unbedingt als Progress.
Kommentar by M.M.M. Liebscht — 10. August, 2008 @ 15:56 Uhr
Noch immer nichts weiter.
Nach kritischem Anflug.
Beim Mann ohne Eigenschaften (von 2001) in Dornröschenschlaf gefallen?
Unwillen, sich in dieserart Sudelheften zu verewigen?
Opfer von Zensur?
Kommentar by M.M.M. Liebscht — 11. August, 2008 @ 21:13 Uhr
Vielen Dank für:
·den freundlichen Willkommensgruß
·die lustige Übertragungsarbeit
·den motivierenden Zuspruch
Mein Wunsch “stellenweise etwas Überarbeitung” kann man so oder so verstehen: Wenn Sie selbst Ihre Beiträge überarbeiten, sprich, weniger prunkvoll anmutenden Schätze aus der reichen Sprachtruhe einbeziehend (damit meine ich nicht nur Konjunktionen, adverbiale Bestimmungen oder Füllwörter). So dass vielleicht geistig/verbal minder Versierte Ihre ausgereiften “Steigerungsphänomene” als Sprungbrett nutzen können, sukzessive aus der hübschen kleinen Welt heraus zu treten, ohne sich beim Sprung das Bein zu brechen? Wäre dieser mein Wunsch ein Zensurwunsch?
Ihre Welt scheint für mich auch hübsch und klein, Synkretisierung der kleinen hübschen Welten – wäre m. E. hier ein gangbarer Weg in die große hübsche Welt, die da bspw. heißt: “Neckische Dingens”, oder?
Weder beim Mann ohne Eigenschaft 2001, noch beim Mann ohne Eigenschaft 2008 eingeschlafen.Grundsätzliches Desinteresse an Verewigerei, lese aber nach wie vor gerne. „Anflug“ insofern treffend und klarer Fall von: mea culpa
Herzliche Grüße
Kommentar by Kathrin Seo — 14. August, 2008 @ 12:25 Uhr
Die Aufklärung ist tot. Es lebe die Aufklärung.
Den phantastischen Begriff Synkretion und das mea culpa mußte ich nachschlagen. Lohnenswert. Hätte ja auch so was wie L.m.a.A. bedeuten können. Hat es aber nicht.
Und bzgl. des ersten Begriffes bin ich gleich auf einen hübsch verschraubten Text gestoßen.
http://www.reichtum-und-religion.de/medien/medien-node7.html
Es scheint noch mehr Verrückte zu geben.
Sonsten empfind ich diese Wortsalate meinermuttersohn vorzüglich selber als schrecklich. Allein die grammatikalischen, bildungsbürgerlich gesehen hochpeinlichen Patzer, Buh!
Ich kann das Unheil freilich nur erahnen.
Da fehlen einfach Schule “und Kinderstube!”, wie die liebenswürdige Frau Taraba sicher flink nachbessern würde.
Was zum Beispiel eine adverbiale Bestimmung, eine Konjunktion eigentlich ist, das weiß ich gar nicht. Weil es langweilig klingt, mag ich gar nicht erst nachschlagen.
Aber für Literatur scheint mir hier auch nicht unbedingt der Anlaß. Zumindest ich bekomm’ das während diesem eher flüchtigem “mal eben kurz an den Rechner setzen” nicht wesentlich anders hin.
Bestimmt ist es cool, Schriftsteller oder so etwas zu sein.
Aber derlei bildungsbürgerliche Eitelkeiten muß man sich erst mal leisten können!
Geben Sie mir ein Stipendium oder dergleichen und ich schreib Ihnen eine feine Fach – Literatur nach der nächsten. Zig Projekte liegen da und gucken böse zu mir herüber. (((Als Reklame für Provokatives Coaching wird es immerhin einen Tagesspruchkalender 2009 mit mehr oder weniger systemischeren Weisheiten meiner Schusseligkeit geben. Bei den da fixierten Boshaftigkeiten sind, wie ich zu hoffen wage, ein paar literaturverdächtige dabei.)))
Für mich ist das hier Pausengymnastik vis á vis Bonjour Tristesse. So wie für den systemischen Bartmann womöglich auch.
Besonders Führungskräfte verblöden ja leicht.
Meine täglich Rohrpost gebt mir heute.
So es aber ausnahmsweise Organisationsformen gibt hinieden, die sich ihres Angewiesenseins auf Nichtwissen, ja sogar auf Unwissen bewußt sind, liefer ich gern und prompt und glaube wacker an himmlische Synergieeffekte jenseits dieser Transaktion.
Wenig elegante, mitunter etwas abenteuerliche Wortspiralenschrauben. Warum nicht? Ich will doch niemand missionieren. Spielspaß. Nachdenklichkeit. Hier, für meine kleine Welt, find ich es ergiebiger als Gazetten fressen.
Der Simon ist kein Einstein. Ich auch nicht. Gott sei Dank, allzu stark empfundener Einsamkeiten wegen, die einem so erspart. Aber er ist witzig und ich finde, über diese Tippeleien, zu denen er mitunter Anstoß erregt, läßt sich doch hübsch was lernen, auch und gerade für kleine Entscheidungen.
Denn klar: Wen interessiert in 5 Jahren noch all dieser Käse?
Wir sind das Hirn eines herzkranken Monsters.
Und für mein Hobby der Weiterentwicklung einer Integrativen Psychologie sind die gelegentlichen Reflexionen auch noch praktisch. Nach Witten Herdecke, da man Herrn Professor mit Fragen persönlich auf die Nerven fallen könnte, is es für Omegas meiner Verfassung nun mal nich der nächste Weg.
Man braucht eigentlich bloß aus seinen Fehlern lernen. Das is vielleicht sogar mal nützlich, weil er ja auch prominent ist.
In Lehrbüchern machte sich das schon immer gut, wenn man sich an den Kurzschlüssen anderer Geister aufbauen konnte. Nicht, daß ich dergleichen brauchte für meinen Kram. Das wäre auch ein wenig armselig. Aber seine Anreize helfen, die Argumentation gegenüber mir selbst zu verbessern. Und vielleicht kann ja jemand anderes auch was damit anfangen, trotz der sprachlichen Zumutungen, dann wird es interessanter.
Gute Wege, Kathrin Seo
(is ja auch ein abgefahrener Name, pardon!)!
Kommentar by M.M.M. Liebscht — 17. August, 2008 @ 14:54 Uhr