Monster/Nonlinearität
Fritz B. Simon
In 3Sat gab es heute Abend eine Sendung über Monsterwellen. Seit Jahrhunderten berichten Seeleute von Wellen, die wie eine Wand vor dem Schiff stehen: 25 – 30m hoch.
Doch nach den etablierten wissenschaftlichen Modellen, die bislang zur Grundlage der Konstruktion von Schiffen dienen (“lineare Modelle”) hängt die Größe der möglichen Wellen von der Stärke des Windes ab, was zu dem Schluß führt, dass Wellen nicht höher als ca. 12m werden können. Auf die damit verbundenen Belastungen sind die üblichen Konstruktionen der Schiffe ausgelegt.
Die von Seeleuten erzählten Geschichte von “Monsterwellen” gelten daher als Mythen: als gesponnenes “Seemannsgarn”.
Allerdings: Jedes Jahr sinken etwa 1000 Schiffe, ohne dass man weiss, warum. Und bei den untergegangenen Schiffen handelt es sich nicht nur um alte, rostige Kähne, sondern auch um hochmoderne, dem aktuellen Stand der Technik entsprechende Schiffe.
Die Suche nach solchen Monsterwellen mit HIlfe von Satelliten hat gezeigt, dass jede Woche weltweit etwa 2-3 Wellen zu registrieren sind, die 25 – 30m hoch sind.
Ein schönes Beispiel, dass hier die Landkarte (besser: die Seekarte) ncht zur Landschft (der See) passt. Lineare mathematische Modelle folgen den schlichten Alltagsvorstelungen von Kausalität: kleine Ursachen haben kleine Wirkungen, große Ursachen haben große Wirkungen. Nonlineare Modelle hingegen zeigen, dass kleine Ursachen große Wirkungen haben können. Anders formuliert: Aus kleinen Wellen können Monsterwellen werden (auch wenn die Randbedingungen dafür noch nicht bekannt sind). Wichtig daran ist m.E., dass man mit solchen Monsterwirkungen rechnen sollten, auch wenn man sie nicht berechnen kann. (Das ist ja – nüchtern betrachtet – auch die Grundlage systemischer Interventionen, die nicht an mechanischen und linearen Modellen orientiert sind.)
Auf jeden Fall eine nützliche Metapher, diese Monsterwelle…
7 Kommentare
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Schöner Beitrag zur Rehabilitation spinnender Seemänner!
Könnte der Anfang einer Reihe werden mit Metaphern quer durch alle Berufsgruppen. Wie trivial ist das eigentlich mit der Mehlstaubexplosion bei den Bäckern?
Kommentar by Max Liebscht — 26. Mai, 2011 @ 09:16 Uhr
Kaventsmänner und Staubexplosionsgefahr aller Stäube sollte man nie unterschätzen. Insofern ist der Slogan “Heizen mit Weizen” brandgefährlich. Man sollte keinesfalls altes Mehl in grösseren Mengen in den Ofen, oder noch gefährlicher, in einen offenen Kamin schütten.
Ganz allgemein gibt es viele fatale Beispiele in der Technik, wo es zu Katastrophen kam, wil man beim upscalen noch nicht wusste, dass Linearität nur in einem kleinen Bereich gegeben ist.
Kommentar by duscholux — 26. Mai, 2011 @ 10:15 Uhr
Ich habe die Sendung auch gesehen. Besonders spannend ist ja, dass es bei Monsterwellen i.d.R. keine Überlebenden gibt. Das macht es dann leichter, die wenigen Beschreibungen anzuzweifeln und die Beobachter zu desavouieren (“Seemannsgarn”). Zu beobachten ist letztlich nur das Fehlen des Schiffes.
Da es aber offensichtlich zu aufwändig ist, alle Schiffe auf 30 Meter hohe Wellen hin abzusichern, versucht man jetzt Frühwarnsysteme zu installieren. Das erinnert an das Vorgehen bei der Installation von Tsunami-Frühwarnsystemen, bei denen auch der materielle Schaden nicht verhindert werden kann, wohl aber Menschen gerettet werden können.
Kommentar by Anno Stockem — 26. Mai, 2011 @ 11:26 Uhr
…ach hätte ich doch nur diese Sendung auf 3Sat gesehen, denn ich dachte immer, dass verschwundene Schiffe einfach nur untergegangen sind und jetzt irgendwo am Meeresgrund vor sich hinrosten. Für immer!
Nach so nem fehlenden Schiff sucht ja schließlich keiner! Wo auch? So ein Schiff setzt ja weder Positionsmarken über Sat., noch hat es Aussenhautsensoren und die piepende Blackbox fehlt völlig an Bord. Andernfalls könnte man einfach alles zurückspulen in die Vergangenheit schauen und den Untergang rekonstruieren. Dann würde man erkennen, dass es nicht nur Monsterwellen gibt die sich über ein Schiff legen, sondern auch spontan auftretende Ozeanlöcher in welche Schiffe einfach hineinsinken und untergehen…?!?
Kommentar by Harry — 26. Mai, 2011 @ 12:00 Uhr
Schallwellen: Harmoniemetaphern..
http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=M2WSeZZV6iQ#at=68
Kommentar by es — 26. Mai, 2011 @ 14:11 Uhr
Auch eine Form von Mißachtung all dieser anderen Berufsgruppen.
So richtig empathisch sind sie alles in allem nicht, diese Systemiker.
Kommentar by Max Liebscht — 27. Mai, 2011 @ 21:34 Uhr
@sonsten bin ich gegen so Poppergewalle.
http://www.youtube.com/watch?v=LHHSUKoHBys
http://www.youtube.com/watch?v=bX0o2wu_7Ho&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=92Mi7o4Bw1g&feature=related
Kommentar by Max Liebscht — 27. Mai, 2011 @ 21:51 Uhr