Simons Systemische Kehrwoche

Motivation

Fritz B. Simon

Einige Kollegen sind nun seit mehr als 20 Jahren – seit China sich nach der Kulturrevolution geöffnet hat – (u.a.) damit beschäftigt, die Psychotherapie nach China zu bringen, bzw. da es ja nicht “die” Psychotherapie gibt: ihre Methode der Psychotherapie. Dabei sind die deutschen Kollegen für die Entwicklung in China besonders wichtig geworden. Die ersten Symposien zum Thema wurden von Deutschen organisiert, und diese Veranstaltungen haben einen inzwischen mythischen Ruf gewonnen. Die “deutsche Klasse” (Zhong De Ban) kennt jeder, der im Feld tätig ist. Seit 1997 wurde ein Curriculum aufgesetzt, in dem drei Methoden vermittelt wurden: Psychoanalytisch orientierte Therapie, Verhaltenstherapie und systemische Familientherapie. Der Standard, der durch dieses Programm gesetzt wurde, ist nunmehr – ohne, dass dies je intendiert war – zum allgemeinen Standard für solche Ausbildungen in China geworden.

Eine der interessanten Fragen, die sich jetzt bei der Analyse dieses Prozesses ergeben hat und von Chinesischen Kollegen an die deutschen Kollegen gestellt wurde (vor allem an diejenigen, die sich seit Anfang an engagieren ohne dafür Geld zu bekommen), war: Warum macht Ihr das? Irgendetwas müsst Ihr zurück bekommen, sonst würdet Ihr das nicht machen.

Gute Frage.

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12 Kommentare

  1. Ich finde es sehr spannend, dass sich scheinbar – so verstehe ich den Beitrag – die “Methode der Psychotherapie” in eine so andere Kultur übertragen lässt. Andererseits hat z.B. das deutsche Rechts- und Verwaltungssystem Ende des 19 Jahrhunderts die Entwicklung der entsprechenden Strukturen in Japan sehr geprägt.

    Kommentar by Anno Stockem — 3. September, 2009 @ 17:35 Uhr

  2. Die Quelle, die nach dem Weg fragt?

    Kommentar by es — 4. September, 2009 @ 11:44 Uhr

  3. Verdacht auf Kulturkolonialismus?

    Kommentar by Max Liebscht — 6. September, 2009 @ 18:49 Uhr

  4. Herr Simon, ist Psychotherapie nicht unter Umständen mittlerweile ein gewaltiges und in dem Sinn auch Gewalt tätiges Instrument bestimmte Normen zu schaffen und zu zementieren? Haben die Chinesen nicht notwendigerweise selbst ihre ganz eigenen Systeme entwickelt, ihre Seelen zu pflegen? – ich verstehe Ihre Euphorie nicht. Die Idee des Globalismus zerstört Landschaften, Kulturen und Atmosphären und diese netten deutschen Globalisten denken dass sie Gutes tun? Ich denke, ihr dramatischstes Problem, das der Ein-Kind-Familie, müssen die Chinesen mit ihren eigenen Remedien heilen, wie immer das im Einzelnen gehen mag. Wie heilen wir denn das unsere?

    Kommentar by Sylvia Taraba — 8. September, 2009 @ 15:20 Uhr

  5. Oh je und oh Gott, jetzt habe ich gerade die gesamten Einträge der letzten Woche gelesen. Das scheint ja alles schon weit fortgeschritten zu sein…..

    Kommentar by Sylvia Taraba — 8. September, 2009 @ 15:25 Uhr

  6. Liebe Frau Taraba,

    ich persönlich glaube nicht, dass mit der Lehre westlicher Psychotherapiemethoden irgendeine Form des Kulturimperialismus wirksam wird. Denn die Chinesen machen eh, was sie für richtig halten und sie kopieren nur, was sich für sie – in welcher Weise auch immer – rechnet. Insofern kann man ganz schamlos seine Modelle präsentieren. Missionieren war eh nie sehr erfolgreich in dieser Tausende von Jahren alten Kultur.

    Das Ganze ist eher ein Experiment in Sachen Kulturzusammenstoss.

    Dass sie ihre eigenen Remedien finden müssen, ist eh klar. So wie wir die unseren. (By the way: Machen Sie nicht Tai-Chi?)

    Kommentar by Fritz B. Simon — 10. September, 2009 @ 16:11 Uhr

  7. Lieber Herr Simon,

    ja, nicht Tai-Chi, aber AIKIDO heißt es – dieses Remedium, die Philosophie der Selbstverteidigung, sie kommt aus Japan; Daran, an das By the Way, habe ich natürlich auch gedacht. Wir anverwandeln uns Partikel aus anderen Kulturen, machen sie uns zu eigen und wir werden deswegen auch nicht gleich zu Shintoisten oder Konfuzianern u.Ä.m.. Das stimmt.

    Aber was haben nun die Deutschen tatsächlich davon, oder Sie Herr Simon, – falls Sie in das Projekt persönlich involviert sind? Das Reisen und das Kennenlernen von Menschen und ihrer Kultur? Dagegen wäre aus meiner Sicht nichts einzuwenden.

    Was mich stören würde ist tatsächlich der Gedanke der Missionierung. Globalisierung heißt ja wirtschaftliche Missionierung. Es geht das ja offenbar quasi Hand in Hand mit dem Import von Wirtschaftsgütern, westliche Bewältigungsstrategien und Religionsersatz gleich mit zu exportieren bzw. zu importieren. Die mögliche fixe Idee der Begleit-Missionare, GUTES zu tun, mittels der Verbreitung z.B. westlicher therapeutischer Methoden, empfände ich als blauäugig.

    Einzig erlaubt, egal mit wem, sind meines Erachtens der Import humanitäre Einrichtungen, wie der Ausbau der medizinischen Versorgung, der Bau von Bildungszentren und die Sicherstellung nachhaltiger Wasserversorgung, Trnasfer von Know how und ein fairer Handel.

    Bezüglich des Kulturimperialismus des Westens: ist es nicht so, dass der einzige wirklich Widerstand dagegen vom Islam geleistet wird?

    Ich unterstütze diesen Widerstand gefühlsmäßig absolut. Denn jede Kultur hat ihre eigenen Entwicklungsform, Geschichte und Zeitmessung. Ich finde nur, es soll dabei Verantwortung übernommen werden und die je eigenen territorialen Grenzen eingehalten werden. Der Export der Kultur des Islam und der Sharia, bzw des Terrorismus in die Länder des Westens ist aus meiner Sicht abzulehnen. Wenn der Prozess aus demokratischem Leichtsinn auch längst weit fortgeschritten zu sein scheint, sollte dies durch eindeutige Gesetze und klare Politik in seinen Auswirkungen jetzt massiv beschränkt werden.

    Die Crux der Demokratie ist ihre bodenlose Beliebigkeit, die auf lange Sicht Probleme schafft, die letztlich in Gewalt und Bürgerkrieg umschlagen können.
    Wenn Demokratie bedeutet, dass das Nachdenken beim Portier deponiert wird und man glaubt, dort denken lassen zu können, finde ich das brandgefährlich. Wenn westliches Know how und westliche Demokratie unsere Exportschlager sein sollen, dann nur auf freiwillige Anfrage. Aber da sind wir uns ja vermutlich eh einig.

    Ich bin darüber hinaus dezidiert für die Erhaltung, Erneuerung und Entwicklung unserer je europäischen Kulturen und nicht für die Arbeit an deren Export.

    Der so genannte gesunde Menschenverstand sagt zwar, da kann man eh nix mehr machen. doch diese rational begründete Resignation schlägt dann zwangsläufig um in Globalismus- Euphorie und Euphorie über die Auflösung aller kulturellen Schranken in die unendliche kosmische Beliebigkeit. Das wird nur sicher nicht funktionieren. Ohne strukturierte Unterschiede keine erkennbare Welt und keine Orientierung. Vermutlich sind wir uns auch darin einig, auch wenn das alles so verführerisch ist.

    Kommentar by Sylvia Taraba — 10. September, 2009 @ 19:58 Uhr

  8. Puh…
    Liebe Frau Taraba…
    Puh…
    auch wenn Sie Herrn Simon angesprochen haben…
    Puh…
    erlauben Sie mir bitte, kurz eine Meinung zu entäußern.

    Ich bin ganz außer Atem. Ihr Schreiben hat mich schneller und schneller durch das Dramadreieck gejagt. Wie ein Brummkreisel.

    Jetzt ist mir nicht ganz wohl.

    Ich brauch erst mal einen Kaffee. Mich beruhigt das. Haben angeblich die Türken nach Wien gebracht. Ist in Wien aber sehr umstritten, das! Der Dönerstand an der Ecke wirft lange Schatten. Soll aus Berlin kommen, der Döner. Der Türke, der ihn verkauft auch. Glaub ich. Kultur als Schatten?

    Schopenhauer war so ein Kulturdogmatiker. Seine Texte dürfen laut Testament nicht verändert werden. Kann man heute kaum noch verstehen, den guten.

    Die Kirchenglocken läuten und ich sinniere über die vielen Opfer der Aufklärung. Welch eine Leistung.

    Das Kino an der Ecke, Kleinstadtkino. Sissifilme sind wieder groß im kommen. Die gute alte Zeit. Gott sei Dank heute in Farbe. Als Beobachter so schön kitschig, einfach heile Welt, wie Beobachter sich das vorstellt. Immerhin sind wir ja bei Verstand, und gesund. Hilft nichts, ist so.

    Appropos Hilfe. Tanaland ist schon lange abgebrannt. Die FAO in Rom kann da viele Geschichten erzählen. Aber bald ist ja Weihnachten. Da können wir dann wieder richtig zuschlagen, mit dem Helfen. Rituale, Rituale. Feiern auch türckische Bekannte, in Ankara. Heimlich. Grenzt schon an Terror, das Weihnachtesgeschäft.

    Die Kultur des Terrorismus, Kultur des Terrors. Interessant.
    Wenn Kultur der Schatten von Verhalten ist, scheinbar passend.
    Da haben wir viel Vergangenheit. Gemeinsam.
    Staatsterror in islamischen Ländern? Da fehlt mir die Brille.

    So jetzt trink ich noch einen Kaffee. Dann kauf ich mir wahrscheinlich einen Döner. Obwohl, am Wochenende gibts Schweinebraten…

    Scheiß Selbstverantwortung.

    ps.

    Es geht mir wieder gut. Danke für die aufregende Fahrt.

    Was mich noch interessiert: Was machen Sie eigentlich, wenn Sie sich langsamer drehen? Ich meine, meine Brummkreisel fallen dann um.

    Kommentar by es — 11. September, 2009 @ 11:55 Uhr

  9. Wirklich klasse Beiträge,
    fast wie aus dem richtigen Leben!

    Kommentar by Max Liebscht — 11. September, 2009 @ 18:58 Uhr

  10. Lieber E.S. Sie haben sich ungewöhnlich ins Zeug gelegt, leider verstehe ich nicht wofür. Für Resignation und Beliebigkeit, damit Sie sich ganz dem Zynismus hingeben können? Letzteres ist ja durchaus eine Lebensweise, nur halt nicht meine bevorzugte Weise zu fühlen und zu denken. Bestimmte Beobachtungsweisen, wenn ich sie so beobachte, widerstreben mir zutiefst. In solche Getriebe, die allzu geschmiert funktionieren und deshalb zu schnell und unbeobachtbar werden, streue ich lieber mein Körnchen Sand. Z.B. in das übertriebene Getriebe der Ideologie des Globalismus

    Kommentar by Sylvia Taraba — 14. September, 2009 @ 07:22 Uhr

  11. Schaue, es kann nicht gesehen werden, es ist jenseits von Form.

    Danke, Frau Taraba!

    Kommentar by es — 14. September, 2009 @ 08:18 Uhr

  12. Ja, da schau ich hin. Ich empfinde keinen horror vacui jenseits von Form. Da bin ich zu Hause. Aber ich kann nicht umhin Unterscheidungen zu treffen. Ich treffe meine Unterscheidungen im “richtigen” unterschiedenen Leben. Damit das funktioniert, geht es da um Strukturen, Geordnetheiten, Institutionen, persönliche Haltungen und deren Auswirkungen, das subjektive Übernehmen von Verantwortung usw., auch wenn alles so ist, wie es ist und kommt, wie es kommt und – das Modell der Autopoiese angewendet – , man nichts zu fürchten braucht, weil, wie FBS mit Humberto Maturana das so schön formuliert – es keine “instruktive Interaktion” gibt: aber es existieren die diversen Überlebensstrategien und deren Aufbrüche, Einbrüche, Ausbrüche

    Kommentar by Sylvia Taraba — 14. September, 2009 @ 12:02 Uhr

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