Simons Systemische Kehrwoche

Museum der gescheiterten Geschäftsideen

Fritz B. Simon

Seit langem will ich ja das o.g. Museum eröffnen. Und angemessenerweise ist es virtuell, denn es besteht und stellt aus: Ideen. Allerdings solche, die an ihrer Realisierung gescheitert sind, was ihnen einen Sonderstatus gibt, wie ich finde.

Hier ein besonders hübsches Stück:

Mein Friseur hat vor einem halben Jahr seine Meisterprüfung abgelegt. Gestern erzählte er mir von einer Kollegin, die es in diesen sechs Monaten geschafft hat,nicht nur einen eigenen Laden zu eröffnen, sondern auch schon wieder Pleite zu gehen.

Ihre Geschäftsidee: Sie spezialisiert sich auf Brautfrisuren.

Nun wußte ich gar nicht, dass es so etwas gibt: Brautfrisuren. Aber wo ich es nun weiss, ist mir auch klar (war es meinem Friseur auch), warum dieses Projekt scheitern musste:

Sich einem Friseur anzuvertrauen ist ein Akt des Vertrauens – mehr noch als der Besuch eines Zahnarztes, wahrscheinlich. Schließlich bestimmt er das eigene Bild, d.h. man vertraut ihm, dass er dieses Bild (Image) so gestaltet, dass man sich nicht schaudernd von seinem Spiegelbild abwendet (oder zumindest nicht allzu lange unter der Abweichung vom idealen Selbstbild leidet). Friseurbesuche sind also immer heikel.

Aber diese Vertrauensfrage potenziert sich zwangsläufig, wenn es darum geht, eine Frisur für ein Ereignis zu erhalten, das einmalig (oder zumindest potentiell einmalig) ist wie die eigene Hochzeit. Wer würde sich hier jemandem anvertrauen – selbstproklamierter Spezialist hin oder her – den er nicht kennt? Von dem sie, die Braut, nicht weiss, was sie, die Friseuse, mit dem eigenen, auf Fotos für die Ewigkeit festgehaltenden Bild anstellt. So viel Vertrauensvorschuss kann man nicht erwarten. Auf keinen Fall kann man ihn zur Grundlage eines neu zu gründenden Geschäfts machen… Oder aber – das wäre vielleicht ein Weg – man bietet zunächst, Wochen und Monate vorher, Probebrautfrisuren an (so wie es ja auch Ehen auf Probe gibt).

(Die Eröffnung einer Zahnarztpraxis ist da einfacher. Es geht nur um Schmerz, nicht um das Selbstbild, und das Vertrauen in staatliche Ausbildungen und Prüfungen kann das Vertrauen in den Zahnarzt ersetzen – aber auch nur einmal.)

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6 Kommentare

  1. …und deswegen liebe ich diesen Blog!

    Kommentar by Johannes M. — 17. März, 2010 @ 16:12 Uhr

  2. Man spezialiert sich immer, wenn man sich als Friseurmeister selbststädig macht. Was aber nicht heißt, dass man all die anderen Tätigkeiten, wie Schneiden, Fönen, Färben etc. nicht kann oder gar nicht anbietet.

    In besagtem Fall bedeutet es, dass man ganz besonders gut bei Brautfrisuren ist. Die “Vertrauensfrage potentiert sich” nicht wirklich zwangsläufig, denn beim Erstellen einer Brautfrisur geht es zumeist nicht um irreversibles/-reparables Wegschnippseln, sondern um kreative Hochsteck-, Lege- oder Fönfrisuren, die z.B. durch das Waschen wieder beseitigt werden können. Wenn nötig wird hier mit Haarverlängerung und/oder -verdichtung, welche wiederum leicht entfernt werden können, gearbeitet. Ist man gut darin, kann man Referenzen (besondere Zusatzausbildungen, Zertifkate, Beweisfotos bereits erstellter Frisuren, usw.)vorweisen, so dass das entgegen gebrachte Vertrauen kein allzu hohes Risiko darstellt.

    Darüber hinaus ist es usus, dass bei einer Brautfrisurerstellung auch die Beratung + Probeerstellung (bei der man den Ernstfall, mit allem drum und dran übt, solange bis es passt – mit Stoppuhr!)im Preis inbegriffen ist.

    Zudem geht frau auch bei anderen Anläßen, Party, Bälle, Sylvester, etc. gerne zum Spezialisten für Brautfrisuren, da die Geschicklichkeit der Finger, Künstlerisches Talent und Erfahrung die man dazu braucht nicht selbstverständlich bei jedem Friseur anzutreffen ist.

    Künstliche Haarverlängerung/-verdichtung ist heutzutage gefragter denn je und äußerst lukrativ! (Nicht zu vergessen: Auch das Make-Up, Manicure und andere zusätzliche Dienstleistungen werden meist bei Festfrisuren noch dazu gebucht.)

    Insofern lag das Scheitern vermutlich nicht an der Idee an und für sich…

    @Johannes M.: dito!

    Kommentar by Kath — 17. März, 2010 @ 19:54 Uhr

  3. Die einzige Ausnahme könnte hier vielleicht eine orientalische Friseurin sein. Bei Deutsch-Türkischen Hochzeiten werden oft spezielle Hochsteckfrisuren gemacht. Und die kann nicht jede/r, also eventuell eben auch nicht der Alltagsfriseur. Aber davon abgesehen, wer möchte eigentlich (fast) nur Samstags arbeiten?

    Kommentar by Semira Soraya-Kandan — 17. März, 2010 @ 20:47 Uhr

  4. Aus aktuellem Anlass weiß ich, dass üblicherweise mindestens eine “Generalprobe” zum Servicepaket der Brautfrisur gehört. Der Friseur des Vertrauens scheidet ohnehin immer dann aus, wenn die Hochzeitsfeier fernab des hauptsächlichen Wohn- (bzw. Frisier-)ortes stattfindet. Andererseits orientieren wir uns im konkreten Fall gerade auch an der Empfehlung von Freunden, die eher zufällig in der gleichen Gegend geheiratet haben. Der Vertrauensvorschuss kommt also daher, dass wir eine Referenz des Friseurs bereits bewundern durften.

    Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 18. März, 2010 @ 09:20 Uhr

  5. Haarige Angelegenheit wie mir scheint.

    Kommentar by es — 18. März, 2010 @ 10:14 Uhr

  6. Denen nach uns zur Mahnung? “Museum der gescheiterten Geschäftsideen” scheint mir tatsächlich eine gute Geschäftsidee.
    So vieles, das selbst mit Selbstausbeutung nur eine Zeit überleben kann und die Welt so sehr bereichert mit etwas, das für die noch nicht resonanzfähige Herde einfach nur zu früh ist, diese aber schon beginnt, mit Keimen des Neuen zu verwandeln.

    Kommentar by Max Liebscht — 27. März, 2010 @ 01:29 Uhr

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