Simons Systemische Kehrwoche

No Bailout

Fritz B. Simon

Dass die Mehrheit der Amerikaner von allen guten Geistern verlassen ist, ist ja bekannt. Es zeigt sich m.E. besonders deutlich in der Unfähigkeit systemisch zu denken.

Ein gutes Beispiel war gestern die Abstimmung im Repräsentantenhaus über den Plan, den Staat mit 700 Milliarden Dollar faule Kredite von Banken kaufen zu lassen. Obwohl von der Bush-Regierung initiiert wurde dieser Plan letztlich von der diese Regierung tragenden und ihr in den Irak-Krieg und andere Idiotien folgenden Schar republikanischer Abgeordneter zu Fall gebracht.

Die Logik all dieser Entscheidungen, d.h. vom Angriff auf den Irak bis hin zur Ablehnung dieses Plans, ist dieselbe. Sie lässt sich als “Personenorientierung des Weltbildes” charakterisieren. Was immer geschieht, es wird durch die Motivationen von Personen erklärt, und was immer als eigene Aktion beschlossen wird, es zielt auf Personen und ihr Verhalten. Es wird ein Krieg gegen Saddam Hussein geführt, ohne dass die Auswirkungen auf die Gemengelage im Nahen Osten reflektiert wird usw. Systeme und ihre Spielregeln kommen in diesem Weltbilg nicht vor, es gibt immer nur das individuelle Zusammenspiel auf ihren Vorteil bedachter Akteure. Ein ziemlich schlichtes Modell (um nicht zu sagen: es ist einfach blöd) .

Bezogen auf die Bailout-Frage heißt das: Da geldgierige und eigensüchtige Banker der Wallstreet die Misere verursacht haben (was ja nicht ganz falsch ist), darf nun nichts gemacht werden, was deren gerechte Bestrafung verhindern würde. Dass diese Banker sich nur deswegen so verhalten konnten, weil die Politiker (die ganze neoliberale Bande, die mit und nach Ronald Reagen kam) die Regulierung der Finanzmärkte nahezu auf Null gefahren haben, wird nicht gesehen. Vor allem wird nicht gesehen, dass das Wirtschaftssystem unabhängig davon funktioniert, welche Motive die einzelnen Akteure treiben. Es ist auf Kredite angewiesen, weil sonst nicht investiert werden kann, keine Löhne bezahlt werden können usw. Das Risiko, dass jetzt eine Weltwirtschaftskrise eingeleitet wird, ist groß. Das aber kommt nicht in den Blick, wenn man nur Personen sieht und nicht systemische Zusammenhänge. Amerikaner haben da offenbar Schwierigkeiten.

Von allen guten Geistern verlassen eben…

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8 Kommentare

  1. Auf den ersten Blick scheinen die Republikaner und Präsident Bush unterschiedliche Ziele zu verfolgen. Bezeichnet man aber das Rettungspaket des Präsidenten als Versuch der Exculpation, damit niemandem seine eigenen und die Fehler des neokapitalistischen Systems auffallen, und die Ablehnung des Pakets durch die Republikaner als Versuch sich marktkonform zu verhalten weil sie einen illegalen Eingriff in den Markt sehen, der nicht vorgesehen ist, so kann man auf den zweiten Blick erkennen, daß beide auf ihre Weise das System beschützen, weil sich beide über das System identifizieren und damit ihre eigene Identität und Authenzität verlieren würden. Anstatt die Fehler des Systems und deren Akteuren mit $700 Mrd. zu bestätigen, sollte den Menschen bei der Finanzierung ihrer Kredite geholfen werden. Diese volkswirtschaftliche Lösung würde nicht nur den Opfern des Systems helfen und nicht die Täter unterstützen, sondern es wäre auch eine Rückkehr zum bewährten Keynesianischen Model und weg von diesem Darwinismus, der immer nur solang Unterstützung duch seine Anhänger findet, bis sie selbst die Schwächeren sind…lang lebe der amerikanische Traum!

    Kommentar by Dominik — 30. September, 2008 @ 13:29 Uhr

  2. Die Indianer kaufen halt inzwischen lieber Hardrock – Cafés anstatt zu zaubern.

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 30. September, 2008 @ 17:30 Uhr

  3. http://www.thenation.com/doc/20081006/ferguson_johnson

    short version for FBS & al.:

    Bridge Loan to Nowhere
    By Thomas Ferguson & Robert Johnson

    The bailing out as such without any long-term dynamic fiscal policy is doomed.
    The whole financial system seems now on the road to hell, its pyramid of assets generated by the financial industry was bereft of any real value.
    And the truth appears… Flooding banks with State Money could be finally the ultimate wellfare State of rentiers, substituting true money and bonds for zero value assets.
    It could do nothing to prevent the credit crunch.
    Keynes liquidity trap could play and it could jeopardize the credibility of the Federal Reserve with Zero value assets.
    Obviously politics play but- only a true massive Federal Planning Program could prevent the true crisis.
    Planned deficits, planned growth of public debt revamping US society and economy are the keys. But I am stunned by that gibberish church-like obsession with tax-payers, tax money and its likes.
    The treasury (or whichever in charge) buy zero value assets with just pure money creation through the Federal Reserve(directly or not).
    There is no magic at all. The Federal Reserve either directly accumulates zero value private assets (the counterpart being an increase in money balances) or claims on the institution which direcly buys the assets.
    The operation is very dubious, in some way it is true inflation, money is created without generating real wealth but it does not involve tax payers.
    Bailed out institutions should be nationalized, traders fired, business schools closed!

    Kommentar by duscholux — 30. September, 2008 @ 18:29 Uhr

  4. (Und auf Sie hört ja dort leider keiner.)

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 30. September, 2008 @ 20:49 Uhr

  5. Es scheint auch grosse vorbildlich lernfähige Organisationen
    in den USA zu geben (nzz von heute):
    http://www.nzz.ch/nachrichten/international/koennenunternehmenvonderusarmylernen_1.975571.html

    Kommentar by pocofesso — 1. Oktober, 2008 @ 07:04 Uhr

  6. Ich bin auch kein Freund der “neoliberalen Bande” und mache mir über “die Amerikaner” so meine Gedanken. Aber, Herr Simon, focussiert Ihre Diagnose nicht ebenfalls zu sehr auf Personen?

    Kommentar by Frank Taschner — 1. Oktober, 2008 @ 10:00 Uhr

  7. Ob meine Analyse zu sehr auf Personen fokussiert? Kann sein, glaube ich aber nicht.

    Wenn man Personen im Sinne der systemischen Organisationstheorie als Entscheidungsprämissen für die Akteure des jeweiligen sozialen Systems sieht, so kann man sie nicht ungestraft wegdenken. Es macht einen Unterschied, welche Leute welche Positionen inne haben. Gerade weil sie eine Wichtigkeit erhalten, die weit über alles, was ein Einzelner normalerweise bewirken kann, hinausgeht.

    Deswegen ist es nicht egal, wen man wählt oder wer auf welchen Vorstandsposten gesetzt wird.

    Kommentar by Fritz B. Simon — 1. Oktober, 2008 @ 10:46 Uhr

  8. Natürlich ist es nicht egal, wen man wählt oder wer auf welchen Vorstandsposten gesetzt wird.
    Das ist doch aber nicht die Frage, die uns bewegt.
    Was uns beschäftigt ist doch, daß wir schätzen möchten, in welcher Konstellation wer wieviel zu bewegen vermag.
    Und wie es um das Verhältnis von Entscheider und Konstellation aussieht, in deren Rahmen er seine cleveren mehr oder weniger asozialen Entscheidungen äußern darf.

    Wenn wir Igel wären, würden wir vermutlich Igel für die zentralen Prämissen in sozialen Systemen halten und im Rahmen organisationaler Entscheidungsprozesse das originär Igelhafte rekonstruieren. In gewisser Weise kommen wir aus dem Anthropozentrismus auch nie heraus, dem Sie da verblüffenderweise anzuhängen scheinen. Im Hinblick auf manche Fragestellungen ist es sogar ausgesprochen verrückt, sich des Irdischen soweit zu überheben, daß das menschliche Maß außer Blick gerät. Bodenhaftung adé. Und jede Kritik am Anthopozentrismus muß sich natürlich die Frage gefallen lassen, wie man bittschön denn bestimmen will, daß ein Stein, Tier, eine Pflanze oder der liebe Gott die Dinge sehen mag.

    Trotz meiner speziell für Carl Auer sicher leicht nachvollziehbaren Freude an intellektuellen Frivolitäten, geht es mir aber um ein wenig mehr. Wenn ich bspw. Schülern erklären soll, was denn nun das Besondere sog. systemischer Ansätze sei, so erkläre ich das einfach so, daß das große Verdienst darin bestehe, daß man da anerkennt, daß die Bedeutung jeglicher Handlung bzw. Aussage von Kontext bzw. Zielstellung des Betrachters abhänge. (Sie muß ich da neuerdings leider ausnehmen.) Das wäre seinerzeit schon ein gewaltiger Fortschritt gewesen und bis dahin alles andere als selbstverständlich.

    Um so verwunderlicher, daß ausgerechnet einer der Protagonisten systemischer Theorieentwicklung hier nun zu schwächeln scheint und es ihm beliebt, hinter eigentlich doch längst erreichte Grundpositionen zurückzufallen. Zudem der Name Fritz Simon auch dafür steht, daß die Aufstellungsarbeit sich als Massenphänomen etablieren konnte. In der Aufstellungsarbeit erleben wir das doch laufend, daß wir Repräsentanten umstandslos austauschen können und diese unter dem lebhaften Eindruck der Strukturkonstellation zu nämlichen bedeutungsgebenden körperlichen Sensationen kommen.

    Warum soll das den Politikern, die eingewechselt werden, anders gehen, Herr Simon? Immerhin spricht man wohl schon seit den 70 – ern von „struktureller Gewalt“. Ich hab doch nichts gegen Ihren Obama als kleineres Übel. Ich frage mich nur, ob ein bekennender Systemtheoretiker es mit seiner frommen Hoffnung auf die Beziehungsmacht einzelner Entscheider nicht ein wenig übertreibt.

    Um den Glaubenssatz made by Luhmann von Personen als zentralen Prämissen von Organisation als Form und Prozess vom Kopf auf die Füße zu stellen, muß man allerdings etwas genauer werden.
    Für erkenntnistheoretische Debatten ebenso wie für systemische Organisationstheorie ist und bleibt zunächst einmal der Rahmen zu bestimmen, in welchem wir eine Frage als gestellt verstehen wollen. Diese Fixierung auf einen Kontext brauchen wir, um die verschiedenen Möglichkeiten auf die Frage zu antworten, hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit überhaupt beurteilen zu können.
    Anders als der Begriff „System“ es nahe legen möchte, können wir Kontext natürlich nicht präzise sondern nur recht unscharf eingrenzen. (Gäbe es Systeme, gäbe es kein Leben, keinen Verfall, keine Entwicklung.) Dennoch bringt es schon einen Fortschritt, wenn wir uns vergegenwärtigen, ob wir eine Frage auf prinzipieller Ebene also im wahrsten Sinne des Wortes „allumfassend“ diskutieren möchten, so wie es erkenntnistheoretisch Tradition ist oder ob wir eingrenzen auf einen bestimmten aufgaben- definierten sozialen Kontext. Tun wir letzteres, so gewinnen wir praktisch sehr wohl den Eindruck, wir könnten den Verlauf des Spiels als eine Art Zünglein an der Wage ein wenig mitbestimmen, trotzdem wir nur einer auf dem Feld oder eben (selbst nicht mitspielender) Trainer sind.

    Normalerweise wird bspw. die Fragestellung, ob der Mensch über einen freien Willen verfüge oder schicksalhaft bestimmt wird, durch perfektes Ineinandergreifen aller möglichen irgend relevanten Umstände, so gestellt und zu beantworten verstanden, als ob das ganze Universum zur Debatte stünde. So bemerken wir irgendwann, daß die Frage weder sinnvoll zu stellen noch zu beantworten ist. Henne oder Ei? -> Halbvolles Glas eines Optimisten oder Pessimisten? Sartres paradox anmutender Lösungsvorschlag (Echte Lösung hieße Sterben.) hier noch mal: „Der Mensch ist verurteilt frei zu sein.“

    Speziell verantwortungsscheuen Führungskräften mit Vorliebe für repräsentative Funktionen dürfte der Satz Heinz von Försters sehr gefallen: „Die einzigen Fragen, die wir entscheiden können, sind die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind.“ In diesen Zusammenhang gehört wohl auch die systemische Bescheidenheit zu sagen, daß autopoeitische Systeme nicht determinierbar sind – um es, weil man es doch nicht lassen kann, dann prompt doch zu versuchen.

    Wenn wir nun aber unseren Gesichtskreis fokussieren und uns fragen, inwieweit ein bestellter Entscheider wie Obama oder Mc Cain im Rahmen einer Konstellation Fakten Richtung mehr Zukunft für mehr Leben schaffen kann, so gehen wir folge praktischer Erfahrung von Wirksamkeit in sehr konkreten Zusammenhängen davon aus, daß ein bißchen was dennoch geht. Toll, wie man sich da fühlt! Nariß darf wieder lächeln. Ich bin eine zentrale Prämisse im sozialen System. Und nicht etwa die Igels.

    Von Konstellation zu Konstellation bin ich das Zünglein an der Wage, weil die Möglichkeiten auf die zur Debatte stehende Frage zu antworten, für mehrere der einigermaßen abgrenzbaren Kontexte in annähernd gleichem Maße Gültigkeit beanspruchen können. Paradox im Geschäft des Entscheidens, daß es um so mehr darauf anzukommen scheint, Verantwortung zu übernehmen für Entscheidungen, die in der Konsequenz gleich gültig sind. Je höher man in der Hierarchie kommt, desto konsequenzenloser bleibt ein Satz wie „Ich bin bereit die Verantwortung für xyz zu übernehmen.“ Je stärker aber ich einen Kontext abgrenzen kann, je eher es berechtigt ist, von einem sog. System zu sprechen, desto eher komme ich zu einer gewissen Berechenbarkeit der Entwicklungstendenzen strukturell bedingter Dynamik.

    Fazit:
    a) Man kann von einer Art Punkt des Archimedes aus eine Extrapolation versuchen, um den allzu nahe liegenden Anthropozentrismus zu relativieren, und auch und gerade so eine Aussage wie die von (vermutlich) Ihrem Held Luhmann in bester systemtheoretischer Tradition zu rekontextualisieren. Was also quasi sein Zettelkasten oder das nur unscharf abgrenzbare Trinkwasser“system“ von Bielefeld dazu sagen würde.

    b) Je weniger wir den Kontext eingrenzen können, in dem ein Entscheider Relevanz anmelden kann, desto eher wird er samt seiner persönlichen Freiheitsgrade Opfer statt Täter struktureller Gewalt.

    So sehr wir – zumindest soweit es über Pferdewetten hinausgeht – auch hoffen mögen, aus systemtheoretischer Sicht ist von daher eher Skepsis und Bescheidenheit angesagt. Ein Spiel, das nach „blöden“, d.h. inkonsistenten Regeln funktionieren soll, wird auch durch den sympathischsten Mitspieler nicht besser.
    Ich werd mir jetzt mal eine von diesen Konservenbüchsen aufmachen.

    Aber weil ich grad am Predigen bin, hier noch ein Nachtrag zu folgender Blüte:
    • Zu lang, daher zurück an Absender. MfG, FBS
    Kommentar von Fritz B. Simon — 28. September, 2008 @ 19:39 Uhr

    Das einzige, was aus konstruktivistisch – systemtheoretischer Sicht an den Absender irgend zurückgehen kann, ist das, was Sie meinen übersehen zu können.

    • Zitat aus Kommentar von Dominik — 30. September, 2008 @ 13:59 Uhr:
      „Es wird immer der gleiche Typus selektiert der das System am besten bestätigt (…).“

    Was nicht heißen muß, daß Sie zwangsläufig vertrotteln müßten, bloß weil Sie Kurzweiliges präferieren.

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 4. Oktober, 2008 @ 14:50 Uhr

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