Simons Systemische Kehrwoche

Novitzki, Fortsetzung

Fritz B. Simon

Meine relativierende Einschätzung der Wichtigkeit von Individuen für den Sieg einer Baskeballmannschaft bzw. meine Abwertung amerikanischer Ideen über das Zustandekommen von Mannschaftsleistungen hat zu einem gewissen – aber für diesen Blog doch ehr unüblichen und bemerkenswerten – Widerspruch geführt.

Deshalb hier ein paar Anmerkungen dazu:

Dass Novitzki der herausragende Spieler der letzten Saison war, will ich ja gar nicht bestreiten. Und dass man auch bei einem europäischen, mannschaftsorientierten Spiel gute Individualplayer braucht, scheint mir auch klar. Trotzdem ist mir wichtig, die jeweilige Spiel-Philosophie genauer anzuschauen.

Ich denke, dass der amerikanische (individuumzentrierte) Ansatz alle sozialen Phänomene meistens (d.h. auch außerhalb des Sports) als die Summe von individuellen Leistungen (additiv) versteht. Deswegen wird dem Einzelnen dann eine entsprechende Bedeutung gegeben.

Das ist – soviel ich weiss – auch beim American Football der Fall. Allerdings dürfte hier die von Jürgen Klinsmann vorgeschlagene Unterscheidung zwischen Coaches-Games und Players-Games von Bedeutung sein. Denn bei all den in den USA erfolgreichen Mannschaftssportarten hat der Trainer eine zentrale steuernde Funktion, indem er Spieler während des – meist sehr schnellen – Spiels aus dem Spiel nimmt und die Zusammensetzung der Mannschaft ständig verändert. Das ist beim Basketball nicht anders als beim Eishockey, und ich vermute (d.h. da kenne ich mich nicht wirklich aus) beim Football auch. Beim Baseball ist es sowieso der Fall, dass immer Einzelne agieren.

Beim europäischen Fußball sind die Möglichkeiten des Trainers in das aktuelle Spiel einzugreifen hingegen nur sehr begrenzt.

Insofern stehen sich m.E. doch sehr unterschiedliche Weltbilder gegenüber – wobei ich ja kein Hehl daraus mache, dass ich das amerikanische Modell langfirstig nicht für erfolgreich halte. Es stand in den letzten 200 Jahren für die Befreiung des Individuums aus einer staatlich verordnete Knechtschaft (um das mal theatralisch auszudrücken) und Unmündigkeit, und jetzt scheint es mir auf der anderen Seite des Spektrums dafür zu sorgen, dass der Blick auf das Individuum verhüllt, welche sozialen Strukturen als sozialer Klebstoff nötig und funktionell für eine Gesellschaft sind.

Sage mir, welche Spiele Du spielst, und ich sage Dir, in was für einer Gesellschaft Du lebst…

Bookmarken bei
Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • TwitThis
  • Colivia
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Wikio DE

1 Kommentar

  1. Beim Football ist der Wechsel innerhalb der Mannschaftsaufstellung wesentlich geringer, da jeder Spieler eine sehr spezifische Aufgabe erfüllt bzw. eine spezifische Position in einem der spezialisierten Teams (Offense, Defense, Special Teams wie Kick off, Kick off return oder Field Goal) einnimmt.

    Der Trainer(stab) hat jedoch unbestritten auch in dieser Sportart einen sehr hohen Stellenwert – auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als wäre (zumindest in der Angriffssituation) der Quarterback der wirkliche Spielmacher… Doch welche Spielzüge wirklich gespielt werden, entscheiden oft der Head- und Offensecoach in Abstimmung mit den teameigenen Beobachtern auf der Tribüne. Analog dazu gibt der Defensecoach den Spielern die passende Abwehrstrategie und -aufstellung mit aufs Feld.

    Damit überwiegen im American Football zwei neue Aspekte den individuumzentrierten: eine hohe Spezialisierung und eine Art von „Fernsteuerung“.

    Ob dies auch typisch amerikanisch ist, wage ich nicht zu beurteilen…

    Kommentar by sensevision — 25. Juni, 2011 @ 12:57 Uhr

RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel.

Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.

Mai 2012
M D M D F S S
« Apr    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
Systemische Kehrwoche

nach Stichwort
Carl-Auer LebensLustCarl-Auer CompactCarls Klassiker-BibliothekCoachingFamilientherapie und FamilienforschungHypnose und HypnotherapieKinder- und JugendlichentherapieManagement / OrganisationsberatungOrganisations- und StrukturaufstellungenPaartherapiePhilosophie / Systemtheorie / GesellschaftPsychiatriePsychologie/PsychotherapieSystemaufstellungenSystemische MedizinSystemische PädagogikSystemische Soziale ArbeitSystemische TherapieTherapie und HumorVerlag für Systemische Forschung
HörBarLesBarBuchBar
AnsprechpartnerCarl Auer – Geist or Ghost?Jobs & PraktikaVerlag für Systemische ForschungSo finden Sie uns
Für AutorenBuchhandelPartnerbuchhandlungVeranstaltungenLinksProspektanforderungNewsletterGeschenkgutscheinE-Cards
AktuellesRezensionsexemplareUnsere VorschauVerlagsgeschichte