Simons Systemische Kehrwoche

Novitzki & Co.

Fritz B. Simon

Amerikanische Basketballmeisterschaften sind für Deutsche oder andere Europäer in der Regel nur dann interessant, wenn irgendein Landsmann groß rauskommt (was bei den sowieso schon großen Spielern nicht so einfach ist).

Jetzt hat “unser” Dirk Novitzki mit “seinen” Dallas Mavericks gegen Miami Heat gewonnen.

Nun erlebe ich persönlich keinerlei Stolz, wenn irgendwelche Sportler irgendwo gewinnen, auch nicht, wenn (oder gar weil) sie Deutsche sind. Trotzdem scheint mir dieser Sieg bedeutsam. Denn hier hat eine Mannschaft gewonnen, die europäisch gespielt hat. Und dass ist aus systemischer Sicht bemerkenswert. Denn es war nicht Novitzki, der Superstar, der die Mannschaft durch die von ihm geworfenen Körbe zum Sieg geführt hat. Ganz im Gegenteil: Er hatte Fieber, war nicht richtig in Form, und die Mannschaft hat das verkraftet. Es war ein eingespieltes Team, das koordinierte Spielzüge realisieren konnte, unabhängig davon, wer gerade daran beteiligt war. Die Mannschaft war wichtiger als irgendein Einzelspieler.

Das war absolut unamerikanisch. Denn dort wird sogar in Mannschaftssportarten alles auf einzelne “Leistungsträger” abgestimmt. Die anderen Mannschaftsmitglieder haben eigentlich nur die Aufgabe, die Stars ins Spiel zu bringen, vor Belästigungen durch den Gegner zu schützen, sie in Szene zu setzen usw. Nicht die Mannschaft gewinnt, sondern ein oder zwei – extrem gut bezahlte – Stars sind es.

Zwei unterschiedliche Philosophien, die sich nicht nur beim Sport zeigen. Amerika hat – wenn man das Ganze systemtheoretisch betrachtet – eigentlich keine sehr viel versprechende Zukunft, wenn es so auf Individuen setzt statt auf Mannschaften. Denn der Komplexität unserer sich rasant wandelnden Welt sind Einzelne nicht gewachsen. Das schafft man nur im Kontext eines sozialen Systems, das in der Lage ist, größere Komplexität zu bearbeiten und zu bewältigen.

Amerika, Du hast es nicht besser…

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7 Kommentare

  1. Only ten can play this game.

    Kommentar by Max Liebscht — 23. Juni, 2011 @ 11:39 Uhr

  2. Eine gewagte Ansage, Herr FBS.

    Der US Historiker Bellah schreibt:

    „For the reasons I have just suggested, radical individualism is what I call the default mode of American culture. It is where we go when things are relatively stable and we face no enormous challenge, or are denying that we do. It is the power of this core tradition that has given rise to American exceptionalism, what makes us so different from most other advanced nations in the world, none of which shares this strand to the same extent.”

    Marc Patcher bringt den amerikanischen Individualismus mit einer generellen „Freiheit der Wahl“ in Verbindung. Er schreibt in einem Artikel über amerikanische Identität, dass ein hervorstechendes Merkmal der Kultur in einer Verbindung von Entscheidungsfreiheit und Lebenschance besteht:

    „All Americans, including the native born, are assumed to be Americans by choice, not merely by historical legacy. A passion for “choice” may, in fact, be the central thrust and value of the society. It is the active mode of freedom and assumes not only an absence of political or economic restraint, but an opportunity to select from a rich menu of possibilities. At its most trivial, the culture indulges this value in the proliferation of an endless and often meaningless variety of consumer options.
    At a deeper level there is, in the love of choice, a memory of the chance to escape the dead end of lives in ancestral cultures and to create in an New World the life one chooses to live. Many Americans repeat this pattern of migration, literally, by moving to the western states, or symbolically, in their professional or social lives, looking for new starts, for second chances.”

    In welcher Kultur besteht schon die generelle Haltung dem Menschen “eine zweite Chance” zu gewähren?

    Es gibt noch andere Peacemaker außer Luhmann.

    Kommentar by es — 23. Juni, 2011 @ 12:29 Uhr

  3. @2:

    Was hat Luhmann damit zu tun? Ich glaube, er interessierte sich gar nicht für Basketball…

    Und was meine gewagte These angeht: Nichts gegen Individualismus, aber er hat seine Begrenzungen (z.B. beim Basketball).

    Kommentar by Fritz B. Simon — 23. Juni, 2011 @ 13:51 Uhr

  4. Habermas koppelt da einfach besser an, als Luhmann. Der hat meines Erachtens ein wenig geschmollt. Vielleicht ist er deshalb nicht zu einem Basketballspiel gegangen? Oder er las Hölderlin?

    Kommentar by es — 23. Juni, 2011 @ 18:01 Uhr

  5. War Luhmann nicht so ein wissenschaftlicher Systematiker und Habermas nicht so ein religiöser Systematiker? Beides, Glaube und Zweifel, muss ja systematisch betrieben werden, wenn sie kulturell nicht entarten sollen. Oder hüpften gar beide bei ihren Realitätskonstruktionen wie ein Weberschiffchen zwischen den Seiten der Unterscheidung hin und her?

    FBS verkündet gern das Ende der Heros. Vielleicht in der Hoffnung, dass sie dadurch aufmerksamer werden. Im Dunkel der Kinosääle, wenn für gewöhnlich keiner so richtig hinschaut, zeigt sich, dass er die Heros insgeheim verehrt. Was wäre Luhmann eigentlich ohne den offenbar nicht ganz so abgeklärten Spencer – Brown?

    Kommentar by Max Liebscht — 24. Juni, 2011 @ 09:31 Uhr

  6. Was die Dallas Mavericks und Dirk Nowitzki angeht: Nowitzki hat mit seiner individuellen Leistung respektive mit seinen Punkten in den Play-Offs sehr wohl entscheidenden Ausschlag gegeben für das Erreichen der Finals. In den Finals hat er schließlich ein Spiel quasi alleine entschieden. Nicht zuletzt deswegen wurde er zum so genannten “Most Valuable Player” gewählt. Dass andererseits die Amerikaner grundätzlich Teamsport nicht wertschätzen, halte ich für falsch. American Football beispielsweise ist sehr viel mehr teamorientiert als der (europäische) Fußball.

    Kommentar by Peter Conzelmann — 24. Juni, 2011 @ 09:32 Uhr

  7. Es ist schlicht Wahnsinn, wie sich Dirk in der NBA entwickelt hat. Bester Basketballspieler zu werden in einer Liga mit diesen hochtalentierten Spielern, die seit ihrer frühesten Jugend nichts anderes machen, als Basketball spielen, ist ein tolle Leistung.

    Kommentar by edle Füllfederhalter — 29. Juni, 2011 @ 09:38 Uhr

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