Simons Systemische Kehrwoche

Obama- McCain Duell im Fernsehen

Fritz B. Simon

Heute nacht, pünktlich um 3 Uhr aufgewacht (ohne Wecker), Fernsehapparat eingeschaltet, die Debatte der beiden US-Präsidentschaftskandidaten angesehen.

Gewinner gab es keinen, nach meiner Einschätzung, d.h. auch keinen Verlierer, alles bleibt wie es war im Kräfteverhältnis der beiden.

Bei Obama hätte ich mir mehr Aggressivität und Humor gewünscht, es gab für beides Gelegenheiten. Was ich bei McCain schwer ertragen habe, war die One-up-Manship, wenn er immer wieder sagte: ” Was Senator Obama nicht versteht…” Das ist ein Beziehungsangebot, das ich auch sonst zum Kotzen finde (und vor dem ich mich persönlich hüte, wo es nur immer geht – ob auf der Seite dessen, der behauptet oben zu stehen, oder dessen, der als Nicht-Versteher herabgestuft wird). Das finde ich generell ein unter zivilisierten Menschen nicht akzeptables Verhalten – aus konstruktivistischer Sicht ist es auch nicht zu empfehlen. Aber McCain habe ich auch vorher schon für einen problematischen Menschen ohne Rückgrat und mit Neigungen, seine eigene Unsicherheit durch Schläge unter die Gürtellinie zu kompensieren, gehalten, der – wie es Jon Stewart in seiner Daily Show neulich formulierte – dazu tendiert, “impulsiv und spontan auf Dinge zu reagieren, die schon 10 Tage vorbei sind”. Out of touch, wie man zu sagen pflegt.

In der New York Times fand ich folgende hübschen Beschreibung für die formale Höflichkeit der Kandidaten im Umgang miteinander:

“Neither of the candidates took full advantage of the debate rules that allowed them to confront each other directly, and that reticence suggested the stiff politesse of two relatives determined not to ruin Thanksgiving dinner.”

Wenn man Sorge hat, dem anderen in die Fresse zu hauen oder anderweitig zu entgleisen, dann hält man sich erfahrungsgemäß dabei zurück, seine Aggressionen auch nur zu zeigen.

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8 Kommentare

  1. Mal ganz losgelöst von Obama und McCain: Das Verhältnis zwischen (vermeintlichem) Versteher und (ebenso vermeintlichem) Nicht-Versteher finde ich äusserst komplex und verwirrend. Insbesondere dann, wenn man selbst Teil der Kommunikation ist und jene wahrgenommene Differenz nicht mitkommunizieren möchte. Ein Problem, das für Sie als Psychiater/Psychoanalytiker vielleicht gar nicht so unbekannt ist.

    Um es möglichst kurz zu machen: Wie soll man einem paradoxen Gesprächszirkel entkommen (der sich sehr leicht systemisch beschreiben lässt), wenn der andere Kommunikationsteilnehmer eben jene Beschreibungen durch Systemtheorie und/oder Konstruktivismus als prinzipiell falsch ablehnt? Natürlich kann das soziale System aufgegeben werden (keine gute Lösung) oder aus der jeweiligen Beobachterperspektive eine gedoppelte “One-up-manship”-Situation konstruiert werden (auch nicht gut). Gibt es eine dritte Lösung?

    Kommentar by autopoiet — 27. September, 2008 @ 17:29 Uhr

  2. Als Systemtheoretiker und Konstruktivist muss man akzeptieren, dass andere Leute andere Konstruktionen von Erklärungen vornehmen… Und wenn das so ist und jemand das für Quatsch hält, was man da zusammen konstruiert, dann kann man es eben nicht ändern.

    Schwierig wird das Ganze ja erst, wenn es um kollektive Handlungskonsequenzen, d.h. für alle bindende Entscheidungen, geht. Dann sind wir aber auf dem Gebiet der Politik, d.h. dem Feld des Wettbewerbs der Ideen bzw. ihrer Vermarktung und Plausibilisierung bzw. ihre Durchsetzung aufgrund vorgegebener Machtunterschiede. Verstehen oder Nicht-Verstehen scheint mir hier gar nicht die Frage. Es geht eher um Marketing.

    Wenn zwei Teilnehmer an der Kommunikation sich auf eine Weise gegenseitig verstehen (oder nicht verstehen), dass sie jeweils die Äußerungen des anderen als Bestätigung ihrer eigenen Vorannahmen interpretieren, gibt es eh keine Möglichkeit der Änderung von innen…, d.h. da kann nur ein Dritter was bewirken – im Positiven wie im Negativen.

    Kommentar by Fritz B. Simon — 28. September, 2008 @ 09:32 Uhr

  3. Also einen (nichtinvolvierten) Beobachter 2. Ordnung. Ein klassischer Fall für Supervision, oder?

    Danke für die Antwort!

    Kommentar by autopoiet — 28. September, 2008 @ 13:58 Uhr

  4. Ja…

    Kommentar by Fritz B. Simon — 28. September, 2008 @ 14:06 Uhr

  5. Was Sie sich hier in aller Bescheidenheit auf die Fahnen schreiben, nun ja … speziell in den Beiträgen der letzten Zeit kam das m.E. mitunter nicht ganz so konsistent rüber. Liegt vielleicht an der Signalübertragung auf ländliche Verhältnisse…

    Der Vorteil Borderline – mäßiger Kompromißbildung gegenüber der auf dem schizoiden, schizotypen Formenkreis scheint mir von der Organisationsform her darin zu liegen, daß man im Einzelauftritt überzeugender rüberkommt als bei der simultan zum Ausdruck gebrachten Inkonsistenz des tendenziell Schizotypen oder Schizoiden. Die zeitversetzte Inkonsistenz der Borderliner – Masche bspw. einer Führungskraft erschließt sich erst bei Langzeitbeobachtungen, wie Sie sie hier im Setting für unverwandte Beobachter Ihrer Äußerungen selbstbewußt ermöglichen. Fritz Simon über Fritz Simon im Selbstversuch. Nur wer sich ändert …

    Und natürlich muß ich auf derart formschöne Formulierungen Bezug nehmen: „Das ist ein Beziehungsangebot, das ich auch sonst zum Kotzen finde (und vor dem ich mich persönlich hüte, wo es nur immer geht – ob auf der Seite dessen, der behauptet oben zu stehen, oder dessen, der als Nicht-Versteher herabgestuft wird).“ Ob man nun etwas nicht geschnallt hat, was einer womöglich als Schnalle meint geschnallt zu haben, ob man einerseits als Müll qualifiziert, was man andererseits vorgibt gar nicht gelesen zu haben oder vergißt, daß es aus konstruktivistischer Sicht nicht zu empfehlen ist „in- the- face“ zu gehen (Waren Sie nicht mal Gandhi – Fan?) gleichwohl man dabei „in touch“ zu bleiben scheint – Die Tendenz der Beiträge scheint mir vor allem in letzter Zeit von einer feminin anmutenden Distingiertheit („Wenn man Sorge hat, dem anderen in die Fresse zu hauen oder anderweitig zu entgleisen, dann hält man sich e r f a h r u n g s g e m ä ß dabei zurück, seine Aggressionen auch nur zu zeigen.“) allmählich in ein nassforsches Bemühen um Entschiedenheit überzugehen. Das finde ich aber alles andere als illegitim. Wenn man den anderen in höchst unsachlicher Weise Verständnismöglichkeiten niederer Klasse zuspricht, bleibt es dem ja unbenommen, einem im eigenen Ansehen wie dem einer als Supervisor oder Schiedrichter auftretenden dritten Partei von einer noch attraktiver erscheinenden Sicht zu überzeugen. Die wie ernst auch immer gemeinte Provokation ist schon deshalb nützlich, insofern sie den anderen anregt, sich zu sammeln und deutlicher zu zeigen. So was belebt.

    Nun werden an einen ordentlichen deutschen Professor andere Maßstäbe angelegt als an irgendeine Freilandgurke, was das Boxen unterhalb der Gürtellinie angeht. Muß ich nun meine treuherzigen Klischees von der um Objektivität bemühten Geistesgröße auch in Frieden beerdigen – letztlich vermittelt das den Eindruck von Souveränität, wenn man so viele Menschen am Vor- und Zurück seiner persönlichen Lern- und Entwicklungsgeschichte teilhaben läßt. Nach der Entdeckung der Langsamkeit nun die Entdeckung der Entschiedenheit. Mag es in letzter Zeit mitunter auch mal etwas über das Ziel hinausgeschossen sein – weiß man, was an persönlicher Notwendigkeit dahinter steht? Das ist also nicht nur feminin kokett sondern ausgesprochen respektabel, mal ein wenig aus sich herauszugehen und eine durchaus streitbare Meinung mannhaft deutlich zu formulieren. Auch und gerade, was die Potentiale der eher maskulin ausgeprägten Introjekte anbelangen dürfte, finde ich solcherart Entwicklung zumindest schon mal dem Zeitgeist entsprechend. Mag sich manche Perspektive auch eher im Rahmen bürgerlicher Lebensform rekonstruieren lassen denn durch Systemtheorie. Aber die Leute können und sollen schließlich auch mal selber denken! Wahrscheinlich glaubt das sog. „System“ Fritz B. Simon selber schon längst nicht mehr daran, daß es ein mal mehr mal weniger küßbares „System“ ist und hat eine Sportwette darauf abgeschlossen, bis das denn einer mal dahinter kommt. (Wobei der inzwischen etwas sehr gemütlich wirkende Begriff „System“ in Ermangelung definierbarer Grenzen ohnehin höchstens noch Maschinisten überzeugen dürfte. Der zwar auch nicht ganz frische Begriff Organisation erscheint immerhin viel geeigneter, schon weil er auf adäquat paradoxe Weise in sich sowohl den Aspekt der Form als auch den Prozessaspekt vereint, welcher den Vorläufigkeitscharakter jeder Formenbildung und damit seine tranzzendenten Wachstum- und Lernmöglichkeiten impliziert.
    Dem mithin undercover agierenden Agenten in Sachen öffentlicher Meinungsbildung kommt es womöglich längst gar nicht mehr darauf an Standpunkte zu formulieren als viel mehr Gesellschaft zu verändern. Manche Intervention braucht womöglich auch erst einmal etwas an Selbstverleugnung.

    Der Mut zur Vorläufigkeit von Standpunkten erscheint mir von daher urst männlich. Also echt Mann! Weiter so in Sachen Aggressivität mit Humor! Leitcharakter für unproblemtische Menschen mit Rückrat. Leute, die normal sind und nett. Und trotzdem gleich Bescheid geben, wo der Schuh drückt.
    Mancher würde die Beiträge in diesem Forum womöglich als eine Art paradoxer Intervention im Rahmen von Selbstmarketing begreifen.
    Zu kurz gedacht oder gelesen. Ganz ohne Zweifel (von den dafür notwendigen und insofern nützlichen Selbstzweifeln abgesehen) ist es doch eher so, daß einer der 40 wichtigsten Köpfe für Personalführung hier für seine lernbegierigen Fans das Paradox der Führung demonstriert. Führung legitimiert sich in dem Maße als sie sich zur Debatte stellt.

    Supervisor ist das Publikum, das Aussagen als plausibel, systemtheoriekompatibel, systemtheorieergänzend e.t.c. kauft oder – solchermaßen unvermeidlich selbst Statusansprüche anmeldend – reklamiert. Koevolution.

    Sonsten ja … Yin und Yan, rechte, linke Hemisphere, Weibliche Orientierung auf Integration und Ambivalenz, Männliche Orientierung auf Kompetition und Entschlossenheit, Obama / Mc Cain. Figur und Grund. Derlei Oszillationen scheinen ja auch für das Lernen der Psyche Voraussetzung zu sein. Faszinierend, daß es auch in bestimmten Gesellschaftsformen immer wieder auf solche knappen Kräfteverhältnisse hinausläuft. We are the brain. Solaris läßt grüßen.

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 28. September, 2008 @ 18:26 Uhr

  6. Zu lang, daher zurück an Absender. MfG, FBS

    Kommentar by Fritz B. Simon — 28. September, 2008 @ 19:39 Uhr

  7. So oder so vorbildlich.

    Hochachtungsvoll

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 29. September, 2008 @ 15:51 Uhr

  8. Irgendwie erinnert mich die Kehrwoche in letzter Zeit bissel an amerikanische Verhältnisse.

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 30. September, 2008 @ 22:35 Uhr

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