Österreichs Keller
Fritz B. Simon
Wenn man so liest, was in österreichischen Kellern alles passiert, dann erinnert man sich daran, dass schon Sigmund Freud in seiner Traumdeutung den Keller als den Ort der Triebe identifiziert hat. Ob es Natascha Kampusch ist oder die 42-jährige Tochter aus Amstetten, all dies scheint aus einer Alptraumwelt zu stammen, nicht aus dem netten Österreich.
Es seien so nette Leute gewesen, sagen die Nachbarn. Vielleicht sollte man misstrauisch werden, wenn die Nachbarn so nett erscheinen.
Ich gestehe, dass ich nicht wirklich verstehe, wie all so etwas geschehen kann. Dass jemand sich im Keller ein Verlies baut, ein Gefängnis, in dem dann mehrere Kinder geboren werden und vier Personen leben, ohne dass die Frau des Gefängniswärters das merkt. Ist die nie da runter gegangen? Hat die nicht bemerkt, dass ihr Mann die Tochter seit deren 11. Lebensjahr missbraucht hat?
Wie kann man sieben Kinder zur Welt bringen, ohne dass irgendjemand fragt oder nachforscht, wo die herkommen?
Alles sehr merkwürdig…
7 Kommentare
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Sollte man nicht “anders herum” denken?
Als Fakt nehmen: die Frau des Gefängniswärters hat nichts gemerkt.
Frage: Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit die Frau nichts merkt? Die Art der Bedingungen ist sicher sehr vielschichtig. Mentale Kondition, (Aus-)Bildung, soziales Umfeld, Religion, Logistik, Organisation, bauliche Voraussetzungen, etc.
Letztlich rührt das auch an die Frage: gibt es das perfekte Verbrechen?
Die Frage “Hat die nicht bemerkt, dass ihr Mann die Tochter seit deren 11. Lebensjahr missbraucht hat?” ist wohl sekundär, denn derartige “unbemerkte” Verbrechen gibt es wohl häufiger oder gewinnt die Frage in Kombination mit dem Schutzraum im Keller eine neue Qualität?
Kommentar by duscholux — 29. April, 2008 @ 15:19 Uhr
Wo ist das Problem?
Warum reagieren wir verschreckt?
Um unserer Vorstellungen von “uns” selbst willen?
Weil sich sich die Greuel in Österreich abgespielt haben?
Weil sich unter uns dergleichen abspielt irgendwo?
Den lieben langen Tag geschieht so etwas.
Und in anderen Ländern zig tausendfach täglich.
Die Systemtheorie kann dazu leider keine Aussagen machen.
Komme gerade aus dem Film über Janusz Korczak.
Vom Prinzip her dieselbe Frage.
Ich fürchte, daß es stimmt:
Die Systemtheorie kann keine Aussagen dazu machen.
Zum Teil seiner Verantwortlichkeit / Verantwortung muß jeder selbst finden.
Kommentar by Max Liebscht — 29. April, 2008 @ 18:21 Uhr
Eben diese Aussage kann ein systemtheoretisch Beobachtender dazu machen.
In dem er/sie vom Beobachten 1. Ordnung zum Beobachten 2. Ordnung übergeht, sich keine Betroffenheit erlaubt, Also nicht Partei zu sein, nicht Partei zu ergreifen, sondern von Rechtsempfinden, Moral und Ethik Abstand nimmt, um das Geschehen aus der Sicht einer System/Umwelt Unterscheidung zu beobachten. Beobachter des Beobachtens zu sein.
Da es schwer fällt Letzteres nahtlos durchzuhalten, ohne sich wie ein kalter Unmensch vorzukommen, denken manche an der Systemtheorie wäre was verkehrt oder sie sei zynisch.
Verkehrt ist der Wunsch, die Welt verbessern zu wollen oder sich einzubilden das zu können. Die Welt ist so, wie sie ist und jeder trägt das seine dazu bei.
Für Opfer sind bestimmte Menschen, Familie, Verwandte, Freunde, professionelle Helfer und hellhörige staatliche Systeme zuständig.
Systemtheorie ist ein neutrales Beobachtungsinstrument. Sie besagt grob gesagt, dass auf der Basis der System/Umwelt-Unterscheidung unterschieden, beobachtet, beschrieben wird und dass dieses Unterscheiden, Beobachten, Beschreiben unterschieden, beobachtet und beschrieben wird
Es besteht durchaus die Möglichkeit ganz bewusst zwischen beiden Zuständen und Beobachtungsweisen (1. U.2. Ordnung) zu pendeln. Man hat persönliches Mitgefühl UND man hat persönliche Distanz. Man kann dann beobachten, dass die subjektive individuelle Verantwortung nicht darin liegt, sich in die Brust zu werfen oder sich Vorwürfe zu machen oder über die Nachbarn Bescheid zu wissen, sondern darin, das eigene Leben und die persönlichen Beziehungen zu beobachten und darüber Bescheid zu wissen. Nach Maßgabe der 10 Gebote und der Menschenrechte, was in etwa dasselbe ist.
Mehr geht nicht – aus meiner systemtheoretisch-konstruktivistischen Sicht, außer eben auf der professionellen oder staatlichen und/oder der familiären Ebene der Tröstung.
Es gibt viele Verließe, von denen wir (noch) nichts wissen. Von ihnen allen wissen zu sollen oder zu wollen, in die Täter hineinzuschauen zu wollen, erscheint mir als Vermessenheit und als die Allmachtphantasie schlechthin. Besonders, da sich Täter vor allem dadurch auszeichnen, ganz „normal“ zu sein und vorher nicht als Täter erkannt zu werden.
Die Medien bedienen Informationssucht, unstillbaren Empörungsbedarf in unendlichen Wiederholungen und detailgenauesten Ausschmückungen. Das ist das, was ich beobachte. Es gibt hier beinahe stündlich Sondersendungen, die einen überall hin verfolgen, um Aufregungs-, Neugier- und Sensationsbedürfnis professionell zu befriedigen.
Ich schaue zu, beim Zuschauen. Nichts regt mich auf, ich bin nur erstaunt, und staune zugleich, dass ich morgens in den (Wiener) Wald Laufen gehen kann und dem Frühling zuschauen darf. Was würde ich tun, wenn ich in einem solchen Verließ lebte? Keine Ahnung.
Kommentar by Sylvia Taraba — 29. April, 2008 @ 23:41 Uhr
Schon beim Fall Kampusch und, auch nicht lange her, bei einem ähnlichen Fall irgendwo in der ex-DDR, und jetzt erst recht, habe ich immer an Burgbesichtigungen und besonders an die Verliese und Kerker dort gedacht.
In der Vergangenheit gab es vermutlich viele Menschen, die vergleichbar “gehalten” wurden. Da muss es doch Fachliteratur in grosser Menge geben, die viele Aspekte des Falles erläutert.
Wenn schon mir in relativ kurzer Frist drei solche Fälle erinnerlich sind, wie hoch ist die Dunkelziffer? Gibt es evtl. immer mehr Menschen, die ihre Gewaltphantasien nicht nur Träumen, sondern real umsetzen.
In unserer Nachbarschaft wurde vor einigen Jahren ein Haus gebaut. Der Rohbau des Kellers war derart eigenartig, dass ich und mindestens noch ein anderer Dorfbewohner, unabhängig von einander damals spasshaft die Vermutung äusserten: “Das wird ein Folterkeller”. Ich assozierte das Bauwerk damals mit der “Topographie des Grauens” in Berlin.
Sollte man -ich – etwas tun?
Alte Leute im Dorf haben erzaehlt, heute sind diese Erzaehler alle schon tot, dass es früher üblich war (geistig) behinderte Familienmitglieder wie Gefangene zu halten und sogar zu verstecken.
Zuletzt habe ich Ende der 80er-Jahre bei einem Bekanntenbesuch in einem Moseldorf davon gehört, dass die Nachbarn einen Deppen im Stall hielten, man sähe ihn nie, aber der täglich Essenstransport sei auffällig. Ich habe es damals erstens nicht geglaubt und wurde zweitens damit beruhigt, dies sei besser als die Psychatrie. Letzteres habe ich damals schon geglaubt. Meine beruhigenden Bekannten waren studierte Sozialarbeiter, aus meiner damaligen Sicht also Profis.
Kommentar by duscholux — 30. April, 2008 @ 09:13 Uhr
Zuweilen argumentieren Sie für meinen Geschmack etwas sehr temperamentvoll, aber was die Haltung bspw. gegenüber allzeit möglichen Greueln anbetrifft, da finde ich mich wieder. Mir reicht schon, wie bigott ich oft im Alltag bin, um weiterkommen – irgendwo wohl wissend, daß mich das insgesamt dann doch nicht weiterbringen wird, nachhaltig ganzheitlich gesehen.
Bzgl. der persönlichen Verantwortung in praxi gebe ich Ihnen gern und einmal mehr Recht. Gleichwohl sollte Systemtheorie die Genesis von Glaubenssatzsystemen, Organisationskulturen e.t.c. rekonstruieren können. Ich fürchte, soweit ich sehe, daß sie das eben nicht kann. Kritisch wie schon gesagt m.E. auch, daß “systemisch” zudem oft genug in einer Billigvariante gehandelt wird, welche befördert, was Bateson seinerzeit als irre bis gefährlich erkannte. In diesem Sinne: Gott mit uns! Bzw. mit H.v.Förster: “Nur die unentscheidbaren Fragen können wir entscheiden.”
Fühling Fühling denn auch
Kommentar by Max Liebscht — 1. Mai, 2008 @ 17:24 Uhr
Das perfekte Verbrechen verübt man am besten am hellerlichten Tag mitten auf offener Straße mit Hilfe aller verfügbaren, im Nachhinein natürlich immer irgendwo Unschuldigen.
Vgl. Dürrenmatt: “Justiz”
Kommentar by Max Liebscht — 1. Mai, 2008 @ 17:27 Uhr
Inzwischen scheint es, dass das Oesterreichische Establishment sein Hauptaugenmerk darauf legt, an diesem Fall zu zeigen, dass es das perfekte Verbrechen gibt. Da kann man nichts machen.
Wenn man denkt, mit welchen geringen Ressourcen dieser Opa/Vater seinen Hochsicherheitstrakt betreiben konnte, was könnte, sofern sie will, erst die gut begüterte Klasse unbemerkt Strafbares tun. Dutroux überall?
Man denkt natürlich auchan Kaspar Hauser und Anne Frank. Frage:
warum haben die Deutschen nicht mehr Juden vor den Nazis verborgen. Offenbar ist so etwas nicht schwer und das Dritte Reich waehrte nur etwa halb so lang, wie die Familienhaft dieser Familie.
Kommentar by duscholux — 2. Mai, 2008 @ 15:07 Uhr