Paradies/Graz
Fritz B. Simon
Graz ist eine schöne Stadt, sagt man mir. Ein eigenes Urteil kann ich mir leider nicht wirklich erlauben, obwohl ich schon mehrmals da war, aber leider nie viel von der Stadt gesehen habe. Auch jetzt war das so…
Seminar und Vortrag, zu denen ich eingeladen war, fanden in einem Hotel statt. Es hieß – unglaublich, aber wahr: Hotel Paradies. Wie ich mir eigentlich gleich hätte denken können: das Paradies kann heute nur in einem Industriegebiet liegen. Man fährt eine Viertel Stunde vom Bahnhof durch irgendwelche Schräbergärten (was ja irgendwie zu Paradieserwartungen passt), um sich dann überraschenderweise auf einem großen Parkplatz zu finden. Er ist begrenzt von Palmen (!) – künstlichen Palmen, die aus der Verlängerung der Stützpfeiler einer großen Halle gebildet sind. In der Halle kann man Tennis spielen. Es gibt einen Durchgang zu dem angrenzenden Hotel, dem Paradies. Von diesem Ambiente abgesehen gibt es nichts besonderes über das Hotel zu berichten, außer …., dass es Heimat des “Arnold-Schwarzenegger-Museums” ist. Bewundern kann man alte Foltermaschinen, an denen er trainiert hat, Gewichte, die heute noch glücklich wirken, weil er sie gestemmt hat, Fotos aus der Zeit, als er noch Muskeln hatte usw.
Was ich an Hotels in Industriegebieten schätze, ist, dass man ruhig schläft, weil nachts dort nicht gearbeitet wird und meist keine Autobahnen durch führen.
Warum ich das hier erzähle? Das alles sollte eigentlich nur den Rahmen abgeben, für das, was mich am meisten in Graz (um nicht zu sagen: bei diesem Österreich-Besuch) beeindruckt hat: das zwischen den künstlichen Palmen zu sehende Wahlplakat einer mir unbekannten Partei , auf dem zwei katholische Jungmänner (adrett, gewaschen, nett lächelnd, gerade vom Wochendbesuch der Oma im Heim nach Hause gekommen) verkünden “Wir säubern Graz!”
Ich weiss nicht: warum – aber mir ist Angst und bange geworden bei diesem Blick in die Zukunft Österreichs.
3 Kommentare
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel.
Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.











Wie sagte kürzlich mit dem unschuldigsten Lächeln eines Biedermannes beim Brötchenholen ein sehr bekannter Politiker, der heute in Hessen wiedergewählt werden möchte? “Man muss doch die Dinge ansprechen dürfen, die die Leute bewegen!” Nur das mit den Zwölfjährigen, die demnächst nach dem dritten Ladendiebstahl in den Knast wandern sollten, habe er nicht so gemeint, sagte er. Obgleich doch auch das angeblich dem “gesunden Volksempfinden” entsprechen soll. Aber vielleicht sieht die Zukunft Hessens ab heute Abend doch anders aus, so dass uns hierzulande nicht Angst und bange werden muss.
Gruß, H. Kasper
Kommentar by Horst Kasper — 27. Januar, 2008 @ 10:27 Uhr
ja, nach gestern bleibt es abzuwarten, ob dieser “Koch” jetzt hoffentlich weg ist!
Meine Schwester wohnt mit ihrer Familie in Hessen – sie und Ihre Familie kennen keine Leute die ihn gewählt haben und doch wurde er 2x gewählt – komisches Phänomen – oder!?
kollegiale Grüße
http://www.arbeitswelt-lebenzeit.de
Kommentar by Thomas Kirchen — 28. Januar, 2008 @ 09:23 Uhr
Die Crash- Kids, die ich so kenne, finden es i.d.R. gut, wenn bspw. die Jugendwerkhöfe der DDR reinstalliert werden und Untaten drakonisch aber unmittelbar faßlich sanktioniert werden. Endlich nimmt einen mal jemand ernst, so gottverdammt krass wie man hier drauf kommt.
Man muß es nicht mögen – aber wer es zu brauchen meint … ? Auf manchen groben Klotz nicht ein grober Keil? Des Volkes Wille zählt ja womöglich. All diese linksintellektuellen Weicheier sind da womöglich bloß ignorant, was die geheimen, zyklisch auftretenden Sehnsüchte der Völker angeht.
Hesse, Jung, Heidegger, Lorenz, Cioran, Hamsun, Celine, Benn e.t.c. haben sich auch auf ordentlichere Verhältnisse, die fällige Reinigung gefreut und erst die Erfahrung gebraucht, um soweit schlau zu werden, wie manche Geister es mit viel Glück vielleicht in ca 1000 Jahren werden können.
Kommentar by M.M.M.Liebscht — 29. Januar, 2008 @ 19:56 Uhr