Politikberatung 2
Fritz B. Simon
Es geht offenbar doch, dass Politologen die Politik beraten. Davon habe ich mich in den letzten zwei Tagen auf der Tagung “Academics, Think Tanks, and Consutaltants” in Hannover überzeugen lassen.
Allerdings muss man dabei sehr genau definieren, was unter “Politik” zu verstehen ist. Denn das politische System lässt sich natürlich genau sowenig beraten wie “die Wirtschaft” – das ist bei Abstraktionen nun mal so. Systeme lassen sich nicht küssen, und wer sich nicht küssen lässt, bei dem ist auch jeder Versuch zu beraten reine Verschwendung.
Beraten kann man einzelne Politiker, oder Organisationen des politischen Systems. Was sich auch beraten lässt – und das scheinen vor allem die Hannoverschen Politologen um Bernhard Blanke in den letzten Jahrzehnten sehr erfolgreich getan zu haben, ist die Verwaltung bzw. sind die Verantwortlichen in der Verwaltung.
Doch dazu bedarf es der Auftraggeber, die das Potential wissenschaftlicher Expertise zu schätzen wissen. Mein Eindruck ist, dass es davon in der Verwaltung mehr gibt als unter den Politikern im engeren Sinne.
Ob die in nicht-staatlichen Organisationen bewährten Methoden sich auf den Bereich der Verwaltung oder gar politische Institutionen übertragen lassen, daran besteht meines Erachtens großer Zweifel. Denn die Macht der Verantwortlichen in einem Unternehmen ist erheblich größer als die von Beamten in der Verwaltung oder den Regierenden, deren Zeit durch Wahlperioden und deren Handlungsfreiheit durch Gesetze und Verordnungen sehr begrenzt ist. Deswegen werden die wirklich irrationalen Entscheidungen auch viel leichter in Unternehmen getroffen als in den doch immer ganz gut kontrollierten Organen des Staates. Der Legitimationsdruck ist da einfach größer. Welcher Verwaltungschef einer Stadt könnte einfach eine “radikale Transformation” seiner bürokratischen städtischen Strukturen beschliessen und dazu Berater ins Haus holen. In Unternehmen geht so etwas (leichter).
Bei den politischen Stiftungen scheint mir oft, dass sie ihre eigenen Kunden sind. Sie wollen gern beraten, weil sie irgendeine Mission haben. Das ist an sich ja eigentlich ganz sympathisch, ist aus beratungstheoretischer Sicht aber problematisch, weil bei Missionaren nicht klar ist, wer eigentlich was von wem will… (deswegen laden die auch gern zu Tagungen ein, bei denen es gutes Essen gibt – und wie sonst im Leben, stellt man mit vollem Mund nicht solche Fragen).
3 Kommentare
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel.
Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.











Dass man innerhalb der Verwaltung offen für (wissenschaftliche) Beratung ist, deckt sich mit meinen Erfahrungen. Bei einem Experteninterview im Gesundheitsministerium – Gesprächspartner waren ein Abteilungsleiter und ein Referatsleiter – wurde allerdings moniert, dass die Vorschläge des inzwischen aufgelösten Sachverständigenrats untauglich für die Administration seien. Problem: Die Ungleichzeitigkeit – bis die Wissenschaftler ihre Ratschläge ausgearbeitet hatten, waren die entsprechenden Probleme für die Verwaltung gar nicht mehr aktuell. Zudem: Die Praktiker aus dem Gesundheitsministerium verstanden die “geschraubte” Sprache der Wissenschaftler nicht – die Tipps ließen sich nicht verwaltungsadäquat übersetzen. Und schließlich: Die Richtlinien, die im Gesundheitswesen der Gemeinsame Bundesausschuss – ein Gremium bestehend aus Krankenkassen-, Ärzte- und Patientenvertretern – beschließt, werden seitens der Politik im Zweifelsfall gekippt. Wird der Beschluss des GBA, eine bestimmte Behandlungsmethode nicht mehr als Kassenleistung zuzulassen, von der Öffentlichkeit kritisiert, gewinnt das politische Interesse am Machterhalt an Bedeutung. Der Expertenrat gilt in diesem Fall dann nichts mehr.
Kommentar by Reimar Winkler — 30. März, 2008 @ 18:08 Uhr
Kleine Korrektur: Aufgelöst wurde die sogenannte “Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen”, der Sachverständigenrat besteht bis heute, wenn auch ungeliebt durch die Politik.
Kommentar by Reimar Winkler — 30. März, 2008 @ 18:14 Uhr
Das sollte man als Wissenschaftler, der beraten will oder soll, natürlich wissen bzw. von denen lernen, die hauptberuflich beraten: Es gehört zu den grundlegenden Voraussetzungen jeder Beratung, dass der Berater die Sprache seines Klienten/Kunden (oder wie immer man diese komplementäre Rolle nennen mag) lernt. Er hat die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass er verstanden wird.
Wenn er das nicht tut, dann wird er eben nicht verstanden… – und die Beratung kommt zu einem Ende, bevor sie begonnen wurde.
Kommentar by Fritz B. Simon — 30. März, 2008 @ 18:19 Uhr