Simons Systemische Kehrwoche

Potlatch

Fritz B. Simon

Dass unangemessen kühle Raumtemperatur ein Statussymbol sein könnte, darauf wäre ich selbst nicht gekommen. Aber die entsprechenden Kommentare zu meiner Klage über den verschwenderischen Gebrauch amerikanischer Klimaanlagen, scheinen mir plausibel.

Dass Verschwendung und sozialer Status etwas miteinander zu tun haben, scheint mir auch offensichtlich. Ansonsten würde die Luxusgüter-Industrie nicht so gut florieren. Wer braucht schon ein Auto, das soviel kostet wie eine Villa – vor allem in Gegenden mit Geschwindigkeitsbegrenzung.

Das Ganze erinnert auch an den Potlatch, jenes von Marcel Mauss zum Mittelpunkt seiner Studie über “Die Gabe” gemachten Ritual nordwestamerikanischer Indianer. Dort mussten die Häuptlinge zu bestimmten Anlässen ein Fest veranstalten, bei dem sie ihre Gäste in einer Weise verwöhnten und beschenkten, dass sie dafür nahezu ihr ganzes Vermögen aufbrauchen mussten. Das sicherte ihren Status und ihr Ansehen, es sorgte aber auch – und das scheint mir ungemein elegant – für den Ausgleich von Vermögensunterschieden.

Eine genial paradoxe Regel: Das Zeigen des Reichtums sorgt für sein Verschwinden, das Demonstrieren der Ungleichheit als Mittel des Ausgleichs.

Diese Ausgleichskomponente ist es, glaube ich, die beim heutigen Luxuskonsum fehlt. Gerade bei den Klimaanlagen. Denn, wenn die einen es sich kühl machen, dann wird es bei den anderen wärmer…

Bookmarken bei
Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • TwitThis
  • Colivia
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Wikio DE

3 Kommentare

  1. Siehe dazu auch den Oekonomen und Soziologen Thorstein Veblen mit seiner “Theorie der feinen Leute” (The Theory of the Leisure Class), die er 1899 zum ersten Mal veröffentlichte und die bis heute ihre Gültigkeit bewahrt hat. Er kreierte den Begriff conspicuous consumption “to describe the lavish spending on goods and services acquired mainly for the purpose of displaying income or wealth”. Zu dem beschriebenen Potlatch dazu auch die deutsche Ausgabe S. 85.

    Kommentar by Angelica Marte — 31. Juli, 2008 @ 16:46 Uhr

  2. Auf die Gefahr hin, bei allen Seminaranbietern Gähnen oder genervtes Abwinken anzuregen weil die Geschichte schon so abgedroschen ist….
    … aber um das Prinzip sozialer Reziprozität ins Bewußtsein diverser mehr oder weniger wißbegieriger Volksgruppen zu heben, gibt es aber für mich bislang noch keine bessere Story zur Illustration dieser ehernen sozialen Regularität als die von den beiden (natürlich) afrikanischen Stämmen, bei denen der eine Häupting den vom anderen Stamm eingeladen hatte und ihn abschließend unvorsichtigerweise noch mit 3 SklavInnen beschenkte (eine schöne, ja wie meist bei Fatalem gutgemeinte Geste welche er später bitter bereuen sollte) worauf sich der andere nicht lumpen lassen wollte und 6 SklavInnen retour schenkte, was sich der erst Häuptling natürlich auch nicht bieten lassen wollte und deshalb seine Untertanen anhielt, seine Ehre bzw. die des Stammes zu retten dadurch sie weitere Sklaven beschafften, die dem anderen geschenkt werden konnten, was dieser sich natürlich auch wieder zu Herzen nahm bzw. nicht bieten lassen konnte als derart lumptig dazustehen, daß er nicht einmal 78 Sklaven bzw. Sklavinnen als Gegengeschenk aufbieten konnte und Satzzeichen: Punkt. Die Stämme rackerten sich in der kaum temperierten afrikanischen Hitze also ab in dem ehrwürdigen Bemühen, das Ansehen einer großzügigen Supermacht aufrechtzuerhalten, die es sich qua ihrer grandiosen sozioökonomischen Stärke leisten konnte die dollsten Geschenke zu machen (Vgl. auch Zahavi & Zahavi: “Das Handicap – Prinzip”) Die Geschenke wurden immer opulenter und fabelhafter und weil man sich das Ganze immer weniger leisten konnte, kamen die beiden Stämme vor lauter Sklavenjagen und Einfangen, Schmücken, Manieren beibringen u.s.w. kaum noch zum normalen Leben, der Jagd, dem Ackerbau, dem Frauen und Kinder in Acht und Bann halten e.t.c. und wohl infolgedessen also ziemlich auf den Hund. Herr Hellinger war leider auch gerade nicht in der Nähe, als daß er Ihnen das mit den Gesetzen der Liebe noch mal etwas genauer hätte erklären können. Wegen Ausbleiben der Bibellieferungen verfügten sie auch noch nicht über das zivilisationstechnische Know How der altestamentarischen Empfehlung von Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ohne daß also irgend ein Dritter dagewesen wäre, der diese uferlos erscheinende Situation der beiden um die Ehre ihrer Häuptlinge bemühten Stämme hätte ausnutzen und sich sprichwörtlich über das Dilemma hätte freuen können, eskalierte das Ganze bis zum völligen Bankrott dieder beiden afrikanischen Stämme, die sich vor lauter strammem Bemühen um wechselseitige Ehrerbitung nicht mal mehr um das Tagesgeschäft kümmern konnten. Man weiß ja wie eitel manche Mohren sind (Sogar der m.E. schon immer etwas unstet auftretende Dschäggsn Michael hat es vor lauter Geäffel nun in die Pleite geschafft – Wohl ä satter WohlstandsThriller das!) und daß Kants Enkeln dergleichen nicht hätte geschehen können, versteht sich von selbst. Zumal hier neulich irgendwo eine “Kritik der sozialpädagogischen Vernunft” irgendwo erschienen ist.

    Ich fordere die lieben Leut denn auf, sich eine Hand auf den Bauch und die andere auf´s Herze zu legen und auf die Stimme ihrer lebenserfahrenen Intuition (vgl. Gerd Gigerenzer 2007) zu warten, angesichts dieser berückenden Vorstellung, daß jemand Ihnen etwas sehr, wirklich sehr Schönes schenken würde, etwas, das sie sich schon immer sehnlichst gewünscht hätten, etwas das sie sich als derart arme Schw. die sie sind sowieso nie hätten leisten können nur eben davon sehnsuchtsvoll träumen na ja und daß das Geschenk eben von einer nicht unbedingt angenehmen Person kommen würde, vielleicht einer verschrumpelten Tante, einem schon immer etwas pädophil wirkenden Onkel mit Klumpfuß, eben eher etwas speziellere Mitmenschen nächster Nähe, die sich sicher über ein bißchen Besuch ab und an freuen könnten und klar, sie seien auf Jahre hin außer Stande ein derartiges Geschenk in der Form so zurückzugeben oder sonst irgendetwas Vergleichbares zu leisten als eine Art Ausgleich für die Inanspruchnahme dieser Gabe – wie sich das anfühlen würde, nun da sie gebunden seien sowie sie das ungemein wertvolle Geschenk annehmen würden, obwohl doch eigentlich gar nichts weiter greifbar sei an irgendwelcher Verpflichtung außer dieses ominöse bißchen Gehirnfasching von Ihnen selbst und ein paar Beobachtern.

    Wenn ich also jemandem was schenke, der die Möglichkeit gar nicht hat, mir das in irgendeiner Art und Weise zu vergelten, so kommt dies einer Beleidigung gleich insoweit sie ihn die Nase auf die Beschränktheit seiner Möglichkeiten stüppe bzw. sehr darauf an, ob es sich um eine modern dissoziale Persönlichkeit handelt, die mit offenen Verbindlichkeiten mangels frühkindlicher Sozialisationsdefizite (“Die kunst nicht zu lernen”) gar kein Problem hat oder eben einen narzistischen Geschäftsmann a lá O´Henry von irgendeiner neoliberal gebürsteten Eliteschool, der die immense Gabe als Tribut gegenüber seiner grandiosen Cleverness auffaßt und im schwarzen Loch seiner persönlichen Kostenaufstellung gegenüber der blöden Welt resonanzlos versinken läßt.

    By the way änd weil ich gerade den Terminplaner hier liegen habe -Mister Simon, wann geben Sie Ihre Potlatch – Party?

    Zwecks interner Klimatisierung hab ich heute vier doppelte Eis geholt, auch für meine kleinen Wänster und bin dann noch mal heimlich nachholen gegangen, weil mir die so unglücklich aufgestellte Eisfrau so leid tut fast direkt bei mir vor dem Haus. Ob da irgendwo anders im Universum dafür was gefehlt hat?

    Kommentar by Max Liebscht — 31. Juli, 2008 @ 18:17 Uhr

  3. Immer noch keine Potlatch- Einladung.
    Traurig, traurig.

    Kommentar by Max Liebscht — 3. August, 2008 @ 12:21 Uhr

RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel.

Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.

Mai 2012
M D M D F S S
« Apr    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
Systemische Kehrwoche

nach Stichwort
Carl-Auer LebensLustCarl-Auer CompactCarls Klassiker-BibliothekCoachingFamilientherapie und FamilienforschungHypnose und HypnotherapieKinder- und JugendlichentherapieManagement / OrganisationsberatungOrganisations- und StrukturaufstellungenPaartherapiePhilosophie / Systemtheorie / GesellschaftPsychiatriePsychologie/PsychotherapieSystemaufstellungenSystemische MedizinSystemische PädagogikSystemische Soziale ArbeitSystemische TherapieTherapie und HumorVerlag für Systemische Forschung
HörBarLesBarBuchBar
AnsprechpartnerCarl Auer – Geist or Ghost?Jobs & PraktikaVerlag für Systemische ForschungSo finden Sie uns
Für AutorenBuchhandelPartnerbuchhandlungVeranstaltungenLinksProspektanforderungNewsletterGeschenkgutscheinE-Cards
AktuellesRezensionsexemplareUnsere VorschauVerlagsgeschichte